Widerlich: Auch Guttenberg ist ein Plagiator

Plagiarismus und politische Karriere stehen möglicherweise in einem gewissen Zusammenhang. Was in Österreich der Fall des ehemaligen Wissenschaftsministers und heutigen EU-Kommissars Hahn ist (zur Erinnerung: siehe hier und hier), ist nun in Deutschland der Fall des Verteidigungsministers Guttenberg. Ein positiver Aspekt des Internets ist: Die Vorwürfe können anhand der Originalstellen rasch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von jedermann/frau überprüft werden, siehe die Dokumentation der „Süddeutschen Zeitung“.
Das Urteil ist eindeutig: Hier wurde nach allen Spielregeln der Kunst der Täuschung abgekupfert. Die SZ war mutig, denn der Preis für diese Veröffentlichung ist, dass sie selbst möglicherweise gegen das Urheberrecht verstößt, weil Faksimiles zum Teil ohne Hinweis auf die Rechteinhaber wiedergegeben wurden. In diesem Fall wiegt aber das öffentliche Interesse und der objektive Nachweis des Plagiierens wohl weit mehr. Ich erinnere an die Worte Alan Sokals: „Plagiarism is an objective thing“, vielleicht setzt sich dies durch solche Veröffentlichungen langsam durch.
Man darf gespannt sein, wie der nun prüfende Professor in Bayreuth, der selbst Mitherausgeber der „Zeitschrift für Geistiges Eigentum“ und Sprecher eines DFG-Graduiertenkollegs zum selben Thema ist, den Fall beurteilen wird. In Kenntnis von mehr als 80 solchen Fällen ist mir klar: Diese bereits entlarvenden Funde weisen auf noch mehr hin. Es stellt sich die Frage, ob man gewillt ist und auch die Kompetenzen hat, dies zu recherchieren.

16 Gedanken zu „Widerlich: Auch Guttenberg ist ein Plagiator

  1. Klemens

    Das ist ja peinlich. Wenn das wirklich stimmt, wird Guttenberg in meinen Augen viel verlieren. Wenn ich mich schon entscheiden würde eine Doktorarbeit zu schreiben, würde ich das alleine machen…

  2. Carsten Thumulla

    Sogar die Einleitung abgeschrieben? Die werden ja immer frecher! Wie war das nochmal mit dem Affen und der Schreibmaschine?

    Carsten

    „Da schau her, Jaussi! Die Hähnel sind doch rechte Sauviecher. Erst fressen’s Scheißdreck, und hernach fressen wir die Hähnel.“
    Wilhelm Busch

  3. Val

    Guttenbergs Diss ist mir schnuppe. Dass aber einige Kommentatoren bei SZ mit Hinweis auf die eigene wissenschaftliche Erfahrung tatsächlich der Meinung sind, dass sich Guttenbergs Diss noch im Rahmen des Vertretbaren befände, finde ich wirklich erschreckend.

  4. Pingback: Redlichkeit und so weiter | „Nächstens mehr.“

  5. Graf Zahl

    Noch erniedrigender wäre es ja, wenn herauskäme, dass er die Diss seinen Mitarbeiter hat schreiben lassen. Aber das hat er angeblich schon selbst dementiert ….

  6. SFlaris

    Ich finde es erschreckend, dass mehrzeilige Zitate überhaupt erlaubt sind. In Zeiten von Copy und Paste sowie digitalen Fotapparaten und Scannern ist diese Art und Weise von Verweisen auf andre Werke nicht mehr zeitgemäß. Wenn in einer wissenschaftlichen Arbeit auf ein andres Werk Bezug genommen werden soll, kann man ja die relevanten Stellen als Abbildung vom Bildschirm oder als Foto in sein Werk einfügen. Dieses Verfahren ist ein absolut sauberes Verfahren, wenn die Quelle ordentlich nachgewiesen wird.

  7. A.Domke

    Das dass alles um den Guttenberg ein Merkels Werk aus Angst vor einem Konkurrenten bei nächsten Wahlen ist, wird man auch daran erkennen, das keine Untersuchungen bezüglich den anderen unzähligen „Doktoren von und zu CDU, CSU“ geben wird.

  8. Georg Hummel

    Man kann ja verstehen, dass Opposition und Presse gern auf den smarten Freiherrn eindreschen, aber hier wird die Verhältnismäßigkeit längst verlassen. Was wollen die Journalisten beweisen? Dass sie einen Politiker mit ihrer Meinungsmacht grundsätzlich aus dem Amt jagen können? Das sollte den kritischen Bürger sehr nachdenklich stimmen. Der Journalismus ist „die nicht demokratisch legitimierte vierte Macht im Staate“, und wenn sie in der Vergangenheit mit ihrer Vorverurteilung einmal falsch lag, dann gab es auch nie eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung. Der riskierte Flurschaden wird gewissenlos eingeräumt.
    Wer sich hier abfällig zu Wort meldet, entstammt überwiegend einem Klientel, das wahrscheinlich noch nie eine Doktorarbeit gelesen, geschweige denn, eine geschrieben hat. Die Frage, ob den hier ohne Quellenangabe zitierten fast hundert Textpassagen von jeweils wenigen Sätzen im Verhältnis zum Gesamtumfang von über 400 Seiten ein wesentlicher Anteil der Dissertation und deren Originalität zuzuordnen sind, wird sich die Universität Bayreuth sicher sehr genau widmen. Wollen Sie doch bitte deren kompetentes Urteil erst abwarten, oder wollen Sie Herrn zu Guttenberg noch vorher hinrichten? Und verstecken sich dann die, die heute am schärfsten drein gedroschen haben, nachher hinter der Masse, denn „das Volk wollte es ja so“? Ich dachte immer, der Faschismus und seine Methoden haben in unserem Land keine Chance mehr.
    Das Amt des Verteidigungsministers ist wahrhaft eine Nagelprobe in der Regierung und es gab in der Vergangenheit durchaus weniger erfolgreiche Amtsinhaber. In der CSU gab es allerdings Vorbilder, die schlimmere Vorwürfe weg gelächelt haben. Ich bin weiß Gott kein Strauß- oder Kohl-Anhänger, aber für diese Qualität gebührt der politischen Klasse doch Bewunderung. „Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter“.

  9. Werner

    Hier wird sicher wieder nach dem alten Grundsatz verfahren: Quod licet Jovi non licet Bovi!
    Herr von Guttenberg wird unbeschadet aus dieser Affäre hervorgehen, denn was er darf, ist dem kleinen Mann noch lange nicht erlaubt!

  10. Caroline Kaiser

    Ist Guttenberg wirklich ein Plagiator ?
    Oder sind es andere gewesen, die eventuell an seiner Arbeit mitgeschrieben haben ?

    Auch wenn ich erst rund 50 Seiten gelesen habe, die Doktorarbeit wirkt auf mich wie ein zusammengeschustertes Sammelsurium.

    Selbst wenn man nicht wüßte, daß hier ständig „copy und paste“ verwendet wurde, fallen doch die vielen Stilbrüche auf.

    Ich schließe mich meinem Vorposter aber in Teilen an, die Diskussion wird zu hochgekocht, wenn man sieht, welche eigentlichen Probleme es in der Verteidigungspolitik gibt.

    Seltsam finde ich allerdings auch, daß Uni und Doktorvater nicht so in der Kritik stehen wie er selbst.

    Leider geht bei der schrillen Diskussion auch einiges unter. Müssen Doktorarbeiten mittlerweile einen Umfang von 400-500 Seiten haben ?
    Welcher Prof. hat bei vielen Doktoranden wirklich noch die Zeit dies alles zu lesen und dann auch noch zu überprüfen ?

    Brauchen wir im akademischen Bereich nicht endlich auch eine kritische Diskussion über die Papierflut, Dissertationswälzer und die Zitierwut ?

  11. Markus

    Entscheidend wird jetzt sein, ob ihm – was sich wohl einige wünschen – Absicht vorgeworfen werden kann. Dabei sind die Vergleiche von Promotionsteilen mit den Originalen allenfalls Indizien. Bin mal gespannt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *