„Wichtiger Meilenstein“ für Springer Nature entpuppt sich als Plagiat: Von einem Algorithmus „verfasstes“ Buch ist Textklau

Es passiert nicht alle Tage, dass meine beiden Interessen – Plagiat und Automated Content – in ein und derselben Story zusammentreffen: Am 15. April 2019 ging die Jubelmeldung durch alle Medien: Das erste vollständig von einem Algorithmus „verfasste“ wissenschaftliche Buch sei veröffentlicht worden. Der 278 Seiten starke Forschungsüberblick zu Lithium-Ionen-Batterien sei ein „wichtiger Meilenstein“, freute sich der Verlag.

WissenschaftsjournalistInnen haben offenbar keine Zeit oder keine Kompetenzen (mehr), um Jubelmeldungen von Verlagen oder aus der Wissenschaft kritisch zu überprüfen. Zur journalistischen Sorgfaltspflicht hatte dies einmal gehört. Zumindest irgend jemand hätte auf die Idee kommen können, das von Software generierte Buch, das im Internet mit nur einem Klick kostenlos heruntergeladen werden kann, mit geeigneter Software auf Plagiat zu überprüfen. Wenn schon eine Software Texte „schreibt“, sollte auch eine (andere) Software prüfen, ob diese Software taugt. Oder? Nun ja, das Ergebnis einer Prüfung mit Turnitin ist eindeutig: Das Buch stammt zu 19 Prozent aus dem Paper „Recent progress in cobalt-based compounds as high-performance anode materials for lithium ion batteries“, erschienen 2017 in der Fachzeitschrift „Rare Metals“, ebenfalls bei Springer. Ein Inhouse-Plagiat sozusagen. Aber deshalb wohl nicht minder problematisch.

Die Übereinstimmungen mit Texten aus dem Internet und der Turnitin-Datenbank machen insgesamt 41 Prozent aus.

Quelle: S. 15 von https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-030-16800-1.pdf

PS: Natürlich ist im (vom menschlichen Forscher geschriebenen) Vorwort zum Buch die Rede von einer „cross-corpora auto-summarization of current texts from Springer Nature’s content platform ‚SpringerLink'“ (S. v) und von „similarity-based clustering“ (ebenda). Anhand von zwei Beispielen wird auch das Paraphrasieren von Originalen gezeigt (S. xix). Dass aber ganze Absätze inklusive Literaturreferenzen einfach kopiert und nur leicht verändert wurden, kann wohl nicht Sinn der Sache gewesen sein. Der virtuelle Autor „Beta Writer“ ist also kein guter Schreiber. Er ist lediglich schlauer gewesen als die JournalistInnen, die auf ihn reingefallen sind.

PPS: Der Blog-Autor ist sich dessen bewusst, dass die naturwissenschaftliche Zitierweise anderen Regeln als die geisteswissenschaftliche gehorcht.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.