Von Münster nach Berlin: Das Mediziner-Doubletten-Syndrom erfasst nun auch die Charité

Es war ja fast zu erwarten: Der „Flächenbrand“ zu Münster kann auch anderswo entfacht werden. Nun widmet sich VroniPlag Wiki also der Charité. VroniPlag startete die Aufarbeitung mit einer komplett aus einer zwei Jahre älteren Doktorarbeit plagiierten Dissertation. Die absurde Übereinstimmung zeigt sich schon bei den Titeln in der DNB-Datenbank:

„Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie ohne Nerverhalt: Follow up von 700 Patienten, operiert in den Jahren 1999-2005 an der Klinik für Urologie der Charité Mitte“ von Anita Lisowski (2010)

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„Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie: Follow up von 1000 Patienten, operiert in den Jahren 1999 – 2004 an der Klinik für Urologie der Charité Mitte“ von Ramin Mansour (2008)

Das ist natürlich erneut große Wissenschaftssatire – und gleichzeitig ist es ungemein verstörend, dass solche Dinge auch (gerade?) im sensiblen Bereich der medizinischen Forschung und des Umgangs mit Patientenakten erfolgen. Vergleiche zum Innsbrucker Urologie-Skandal drängen sich auf.

Und wieder sieht man anhand der aktuellen Aktivitäten im VroniPlag Wiki, dass dieses schamlose Plagiat auch an der Charité kein Einzelfall sein dürfte.

Wir bräuchten nun eine Software, die zunächst mal nach medizinischen Dissertationstitel-Doubletten, -Tripletten etc. in der Datenbank der DNB sucht. Ich finde etwa 56.503 medizinische Dissertationen zwischen 2000 und 2014, die als Online-Ressourcen verfügbar sind (das Ergebnis scheint mir zu hoch zu sein, aber die DNB-Suche spuckt das aus). Ich denke, wir würden alleine nach einer Analyse von Titel-Konkordanzen staunen – von einem intrinsischen Vergleich aller Volltexte ganz zu schweigen. Auf jeden Fall wäre dies im Moment ein höchst sinnvolles Forschungsprojekt. Wer traut sich, dafür öffentliche Fördermittel zu verlangen?

Update: Die Arbeitsweise in der Medizin gibt Rätsel auf. Dank eines Hinweises von „Matthias_H“ links die Zusammenfassung einer Dissertation an der Charité aus dem Jahr 2008, rechts die Zusammenfassung einer Dissertation an der Charité aus dem Jahr 2007. Die jüngere Dissertation zitiert die ältere kein einziges Mal. Dennoch sind die Entlehnungen in der Zusammenfassung offensichtlich. Was soll das?

Textvergleich mit http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Quelle:Textvergleich. Bitte anklicken:

Zusammenfassungsdoublette_2_1

Zusammenfassungsdoublette_2_2

 

7 Gedanken zu „Von Münster nach Berlin: Das Mediziner-Doubletten-Syndrom erfasst nun auch die Charité

  1. Briegel

    Bevor einer der politischen Entscheidungsträger überhaupt auf die Idee kommt, dafür Steuergeld in die Hand zu nehmen, müßte diese Abschreiberitis erstmal als relevantes Problem von öffentlichem Interesse angesehen werden.
    Bisher wird das Ganze doch eher wie eine kleine private Streiterei behandelt, bei der sich der Professor mit einem Lehrstuhlmitarbeiter darüber kampelt, wer denn nun die Reinigung der durch Umschmeißen einer Kaffeetasse verschmutzten weißen Professorenweste zu bezahlen habe. Da muß nicht jeder Fall bekannt werden. Schlimmer noch, die ab und zu von der Presse aufgegriffenen Fälle nerven schon mehr als genug. Nicht weil es sie gibt, sondern weil sie trotz Belanglosigkeit aufgegriffen werden. So denken zumindest immer noch zu viele.
    Von daher arbeiten Sie, Herr Weber, besser erstmal weiterhin daran, daß überhaupt Handlungsbedarf gesehen wird, und motten Sie die Gedanken an öffentlich finanzierte Forschung explizit zu diesem Thema bis auf weiteres erstmal ein. Mehr als das, was z.B. Frau Weber-Wulff leistet, ist zur Zeit nicht drin.

  2. Matthias_H

    90 Minuten Programmieren und anschließende Sichtung der Trefferliste lieferte auf einem Datensatz von 5761 Berliner Dissertationen (2005-2014) folgende Dopplungen/Triplungen. Jeder Hiwi sollte das innerhalb kürzester Zeit besser hinbekommen.

    Das postoperative Delirium
    http://d-nb.info/1012826341
    Das frühe postoperative Delirium
    http://d-nb.info/1027813674

    Die Prognose der Riesenzellarteriitis großer Gefäße
    http://d-nb.info/1023498324
    Die Riesenzellarteriitis großer Gefäße
    http://d-nb.info/1023621444

    Die Bedeutung des Transkriptionsfaktors STAT3 in der chronischen Myokarditis
    http://d-nb.info/1026265118
    Die Bedeutung des Transkriptionsfaktors STAT3 bei Myokarditis
    http://d-nb.info/1023623277

    Analyse des Sterbegeschehens am Universitätsklinikum Charité in Berlin im Zeitraum von 1900 bis 1910
    http://d-nb.info/1022910698
    Analyse des Sterbegeschehens am Universitätsklinikum Charité im Zeitraum von 1911 bis 1920
    http://d-nb.info/984360697
    Analyse des Sektionsgeschehens am Universitätsklinikum Charité im Zeitraum 1931 bis 1939
    http://d-nb.info/1022823183

    Regulation der E- und P-Selektin-Liganden-Expression auf CD4+-T-Zellen
    http://d-nb.info/1029467307
    Molekulare Regulation der P-Selektin-Liganden-Expression auf CD41_hn+ T-Zellen
    http://d-nb.info/1002183952

    Vergleichende klinische Prüfung drei verschiedener Bleichtherapien
    http://d-nb.info/1023710463
    Vergleichende klinische Prüfung der Wirksamkeit vier verschiedener Bleichtherapien
    http://d-nb.info/102291216X

    Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie ohne Nerverhalt
    http://d-nb.info/1025126084
    Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie
    http://d-nb.info/1023330830

    Der Einfluss von Tempol auf die funktionelle Kapillardichte und die Leukozyten-Endothel-Interaktion bei experimenteller Endotoxinämie
    http://d-nb.info/1030290873
    Einfluss von EUK-8 auf die funktionelle Kapillardichte und die Leukozyten-Endothel-Interaktion bei experimenteller Endotoxinämie
    http://d-nb.info/994860595

    Verhaltensbiologische Untersuchungen in einem experimentellen Kopfschmerzmodell
    http://d-nb.info/103038049X
    Verhaltensbiologische Aspekte in einem experimentellen Kopfschmerzmodell
    http://d-nb.info/100809062X

    Untersuchungen zur Resorption von Arbeits- und Umweltschadstoffen aus Bodenproben im Modell des isolierten, hämoperfundierten Schweinejejunums
    http://d-nb.info/1022825011
    Untersuchungen zur Resorption von Arbeits- und Umweltschadstoffen aus Bodenproben im Modell der isolierten, hämoperfundierten Schweineextremität
    http://d-nb.info/988373289

    Prävalenz und Risikofaktoren der Toxoplasmose in der Schwangerschaft in Fortaleza,/ Nordost-Brasilien
    http://d-nb.info/1023402858
    Prävalenz und Risikofaktoren der Toxoplasmose in Nordost-Brasilien
    http://d-nb.info/98411467X

    Klinische Nachuntersuchung und quantitative Randanalyse von im Studentenkurs gelegten Kompositfüllungen im Frontzahngebiet
    http://d-nb.info/1027813992
    Klinische Nachuntersuchung und quantitative Randanalyse von im Studentenkurs gelegten Kompositfüllungen im Seitenzahnbereich
    http://d-nb.info/1027498434

    Sensitivierung von Melanomzellen für die TRAIL-induzierte Apoptose mittels Kinaseinhibitoren
    http://d-nb.info/1043946373
    Sensitivierung von Melanomzellen für die TRAIL-induzierte Apoptose mittels Signalwegsinhibitoren
    http://d-nb.info/1049895193

    Kosten-Erlös-Situation bei der Versorgung von Mittelgesichtsfrakturen unter DRG-Bedingungen an einem Zentrum der Maximalversorgung
    http://d-nb.info/1030381216
    Kosten-Erlös-Situation bei der Versorgung von Unterkieferfrakturen unter DRG-Bedingungen an einem Zentrum der Maximalversorgung
    http://d-nb.info/102984593X

    Auswirkungen der tiefen Hirnstimulation des Nucleus Entopeduncularis auf zwanghaftes Verhalten im Quinpirol-Tiermodell für Zwangskrankheit
    http://d-nb.info/1026264227
    Auswirkungen der tiefen Hirnstimulation des Nucleus subthalamicus auf zwanghaftes Verhalten im Quinpirol-Tiermodell für Zwangskrankheit
    http://d-nb.info/101041061X

    Fertilität nach Chemo- und Strahlentherapie im Kindes- und Jugendalter
    http://d-nb.info/1027275974
    Fertilität nach Chemo- und Strahlentherapie im Kindes- und Jugendalter, FeCt-Hormon- und Spermienanalysen
    http://d-nb.info/102730687X

    Prognostische Relevanz von p53 und den Mismatch-Repair-Genen MLH1 und MSH2 beim kolorektalen Karzinom und deren Bedeutung für den Benefit einer adjuvanten Therapie
    http://d-nb.info/1010530836
    Prognostische Relevanz von p21 und p53 beim kolorektalen Karzinom und deren Bedeutung für den Benefit einer adjuvanten Therapie
    http://d-nb.info/1023697785

    Untersuchung der Effekte von Natriumbikarbonat auf die pulmonale Hämodynamik von ARDS-Patienten während kurzfristig induzierter Hyperkapnie
    http://d-nb.info/986181293
    Untersuchung der Effekte von Natriumbikarbonat auf die systemische Hämodynamik von ARDS-Patienten während kurzfristig induzierter permissiver Hyperkapnie
    http://d-nb.info/985938676

    Untersuchungen zur physiologischen Leitfähigkeit des Schweißes bei reifen Neugeborenen in der ersten Lebenswoche
    http://d-nb.info/1030487847
    Untersuchungen zur physiologischen Leitfähigkeit des Schweißes bei Frühgeborenen in der ersten Lebenswoche
    http://d-nb.info/1025510135

    Funktionelle Analyse des Zinkfinger-Transkriptionsfaktors Bcl11a während der Entwicklung des Rückenmarks in der Maus
    http://d-nb.info/102349793X
    Funktionelle Analyse des Zinkfinger-Transkriptionsfaktors Bcl11b während der Entwicklung des Hippocampus
    http://d-nb.info/1023400324

    Auswirkungen von Qigong und Nackenübungen auf die Lebensqualität von älteren Menschen mit chronischen HWS-Beschwerden
    http://d-nb.info/1023816903
    Effektivität von Qigong und Nackenübungen bei älteren Menschen mit chronischen Beschwerden der Halswirbelsäule
    http://d-nb.info/102349731X

  3. Hindemith

    Ich hab mir mal das letzte Dissertationspaar angeschaut (Qigong etc.). Es handelt sich dabei um eine durchaus aufwändige Studie, die beiden Autoren haben die Ergebnisse in zwei Publikationen zusammen publiziert, sie erwähnen jeweils den anderen in ihrer Dissertation (auch wenn sie den Charakter der Zusammenarbeit präziser hätten herausstellen sollen) und es gibt keine nennenswerten Textparallelen. Die beiden Dissertationen beschreiben die gleiche Studie, aber konzentrieren sich auf unterschiedliche Aspekte der Ergebnisse.

    Mit anderen Worten: ähnliche Titel allein sind kein guter Hinweis auf wissenschaftliches Fehlverhalten.

  4. admin

    Habe gestern Abend auch eine Stichprobe von dreien gemacht. Keine großflächigen Textplagiate entdeckt, aber sehr wohl z. T. sehr ähnliche, leicht umgeschriebene Sätze, wenn (englischsprachige) Literatur referiert wird, auch mehrfach am Stück. Aber zunächst keine „VroniPlag-würdigen“ Doubletten.
    Interessante Praxis in der Medizin: Mehrere AutorInnen publizieren einen Aufsatz in einem Journal und machen dann daraus jeweils eine Diss zum fast selben Thema, auch mitunter mit demselben Datensatz, aber etwas anderen Fragestellungen, anderer Einleitung etc. Klar: DAS ist kein wissenschaftliches Fehlverhalten. Dennoch glaube ich, dass die Titeldoublettensuche gewinnbringend sein kann, immerhin ist der letzte VroniPlag-Fall auch dabei!

  5. Matthias_H

    Schauen Sie sich mal die „Untersuchungen zur Resorption…“ an. Wenigstens die Zusammenfassungen sind jedenfalls über weite Strecken identisch.

  6. admin

    Tatsächlich. Ich verstehe diese Arbeitsweise wirklich nicht. Screenshot des Vergleichs der Zusammenfassungen im Update der Blogmeldung. Die jüngere Dissertation zitiert die ältere kein einziges Mal. Dennoch sind bereits bei der Zusammenfassung die Übereinstimmungen frappierend.

  7. Dr. med. Wurst

    Wenn man sich mal den derzeitigen Arbeitsplatz von Frau (ihren akademischen Grad lasse ich vorläufig mal weg) N. N. anschaut, dann stolpere ich über eine weitere Merkwürdigkeit: Einer ihrer Praxiskollegen wird an verschiedenen Stellen mit dem akademischen Grad „Dipl. med.“ angegeben, auf seiner persönlichen Seite jedoch wird er mit dem Grad „Dr. med.“ geführt.
    http://www.urologie-pankow-buch.de/dr-lewerenz.php
    Wenn er nun tatsächlich promoviert ist, warum wird er nicht durchgängig mit dem wohl höheren Grad auf der Homepage genannt? Und wenn nicht… naja, wir wissen zwar, dass es keinen nennenswerten Unterschied zwischen einem promovierten und einem nichtpromovierten Mediziner gibt, aber es gibt da doch tatsächlich rechtliche Aspekte, die sowas etwas enger sehen…

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