Tausende Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln auf Amazon?

Die "Bücher Gruppe" hat amazon.de in der Hand.

Amazon ist das verlässlichste und professionellste Kaufhaus im Netz – keine Frage. Doch heute entdeckte ich Rätselhaftes: Wer auf amazon.de mit dem Stichwort „Hochschullehrer“ sucht, der erhält mehr als 27.000 Ergebnisse. Ein temporärer Datenbankfehler auf amazon? Offenbar nicht, und schon die erste Trefferseite macht stutzig: Bücher wie „Hochschullehrer (Bremerhaven)“, „Hochschullehrer (Coventry)“ und „Hochschullehrer (Des Moines)“ mit immergleichem Coverdesign und Preisen zwischen 12 und 25 Euro werden von einer ominösen „Bucher Gruppe“ (steht so auf den Covern) angeboten. Dahinter steckt ein Book-on-Demand-Hersteller, der offenbar primär Texte aus kopierten Wikipedia-Artikeln zu Büchern bindet – wenn es denn Menschen gibt, die so etwas bestellen wollen. Er macht, wie er selbst schreibt, „Wiki Books“ für „people who prefer to read a paperback than a computer screen“. Was der „Verlag“ von Textqualität hält, bekennt er freimütig auf seiner Homepage, wenn man einen Suchbegriff eintippt: „Paperbacks marked ‚OCR‘ may have numerous typos or missing text. Other paperbacks contain Wikipedia content.“
Nun ist es fast müßig, über sinnvolle oder sinnlose, faire oder unmoralische Web-2.0-Geschäftsmodelle zu diskutieren. Auch geht es hier m. E. gar nicht nur darum, ob die Wikipedia-Lizenzen in all diesen Büchern eingehalten werden (ich habe das noch nicht überprüft). Was mich eher bewegt, ist die Frage: Wie kommen diese Angebote mit offenbar bloß digital kopierten und nicht weiter redigierten Inhalten auf amazon.de, und was haben sie neben Büchern von Suhrkamp und anderen verloren (dieses Problem gibt es freilich auch mit mehreren anderen Book-on-Demand-Publishern, deren Qualität niemand sichert – unter anderem auch mit einem Anbieter von E-Book-Hausarbeiten)? Und wieso macht sich Amazon (unfreiwillig?) zum Komplizen in Sachen Copy & Paste? Über John Innes Mackintosh Stewart lesen wir nun auf amazon.de: „He is equally well-known for the works of literary criticism and contemporary novels published under his real name and for the crime fiction published under the pseudonym of Michael Innes.“ Auf der englischsprachigen Wikipedia steht: „He is equally well-known for the works of literary criticism and contemporary novels published under his real name and for the crime fiction published under the pseudonym of Michael Innes.“

Ein Gedanke zu „Tausende Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln auf Amazon?

  1. Der Basti

    Ich erkläre das mal ganz simpel: Für jedes Druckwerk mit mehr als soundso viel Seiten bekommt man von der VG-Wort eine Pauschale. Ich habe vor Jahren mal was mit etwas über 100 Seiten veröffentlicht und da kamen ca. 1000€ bei rum. Schreibt man nun einfach Wikiartikel ab und „publiziert“ diese kann man einen ordentlichen Reibbach machen. Ich weiss nicht genau welche Kosten entstehen – ich tippe mal, dass ein paar Euro für die ISBN-Nr fällig sind und ausserdem müssen eine handvoll Exemplare bei der Deutschen Bibliothek abgegeben werden – die Druckkosten liegen dann so bei kleiner 50€. Insgesamt macht das satte 900€ Gewinn. In schlechteren Jahren sind das vielleicht aber auch nur 400€ – bei 100 Titeln pro Jahr lohnt sich. Das geht natürlich zu lasten aller Autoren die redlich versuchen wirklich „neue“ Sachen zu publizieren.

    Meiner Meinung nach sollte man die Auszahlung bei VG-Wort dahingehend ändern, dass bei Artikeln die z.B. dank Wikilizenz frei „abschreibbar“ sind, die Verlage oder der Autor verpflichtet werden, die VG-Wort Honorare anteilsmässig auf alle Autoren aufzuteilen. Damit wäre der VG-Wort Missbrauch endlich eingedämmt.

    Steuerbehörden würde ich mal raten, die Pseudoautoren hinter diesen Veröffentlichungen mal unter die Lupe zu nehmen – VG-Wort einnahmen muss man nämlich ganz normal versteuern.

    Amazon würde ich raten die sogenannten „Copy-Paste-Verlage“ mal komplett aus dem Sortiment zu nehmen.

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