Krasse Fehlentscheidung im Fall Steinmeier: Gehäufte Bauernopfer-Referenzen sind für die Uni Gießen kein Plagiat

Meine Notiz von heute morgen: Schon heute um 13:00 will die Universität Gießen die Prüfungsergebnisse im Fall Steinmeier bekannt geben, wird hier berichtet. Meines Erachtens verheißt die doch sehr rasche Verkündigung nichts Gutes (aber nicht für Steinmeier, sondern für die Plagiatssucher). Vielleicht irre ich mich. Alle Presseanfragen bitte heute mobil unter 0043 664 13 13 444.

Update um 14:00: Die Universität Gießen will keine Täuschungsabsicht im Vorgehen Steinmeiers erkennen und belässt ihm damit den Doktortitel:

„Angesichts dieser inhaltlichen Originalität führen allein Formulierungsübereinstimmungen mit anderen Veröffentlichungen in einem bestimmten quantitativen Umfang, verschiedene Verstöße gegen Zitierregeln sowie einzelne Stellen ohne Quellenangabe, bei denen ein Versehen nicht ausgeschlossen werden kann, nicht zu einem wissenschaftlichen Fehlverhalten.“

„Die zweite Gruppe von Vorwürfen betrifft Stellen, bei denen fremde Texte übernommen wurden. Zwar würden die zitierten Quellen in den Fußnoten praktisch durchgängig offen gelegt, allerdings sei die Setzung der Fußnoten bisweilen – zumindest nach heutigen Usancen – fehlerhaft. Zu einem wissenschaftlichen Fehlverhalten werde ein solcher handwerklicher Fehler allerdings nur dann, wenn durch eine verschleiernde oder mehrdeutige Zitierweise die Urheberschaft für fremde Ideen, Argumentationen oder Erkenntnisse vorgetäuscht werden soll. Dies sei bei dem Betroffenen nicht der Fall, hieß es im Bericht des Kommissionsvorsitzenden.“

Es handelt sich hierbei um kontingente Entscheidungen, was schon die Formulierungen klar erkennen lassen. Bauernopfer-Referenzen werden von Gießen wohlwollend als „fehlerhaft“ gesetzte Fußnoten interpretiert. Steinmeier hat also möglicher Weise die Zitierregeln falsch gelernt oder ist einem damals weit verbreiteten Abschreibmuster gefolgt.

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Die Überschrift von VroniPlag Wiki lautet: „Kollaborative Plagiatsdokumentation„. VroniPlag Wiki dokumentiert also (im Übrigen immer noch) bei Steinmeier keine bloßen zu interpretierenden Textkonkordanzen, sondern Plagiate – und damit, wenn diese gehäuft nachweisbar sind, wissenschaftliches Fehlverhalten. Hat sich VroniPlag Wiki damit geirrt? Hat sich Ihr werter Plagiatsgutachter schon vorher geirrt? Natürlich nicht. Der Fall zeigt nur, dass die Entscheidung, ob ein Plagiat vorliegt oder nicht, dehnbar ist, dass sie von den Universitäten einfach nicht einheitlich gehandhabt wird.

Die Uni Gießen könnte den Standpunkt vertreten: Wenn nur Bauernopfer-Referenzen gefunden werden*, also die Quellen des Abschreibens immer irgendwo (anders) angegeben wurden, dann handelt es sich um kein Plagiat. So wurde auch bei Hahn und Schwintowski (ebenfalls fragwürdigerweise!) entschieden. Eine rechtliche Grundlage oder eine Grundlage in Lehrbüchern gibt es dafür aber nicht. Nirgendwo steht geschrieben: „Sie dürfen noch ein Stück weiter ohne Anführungszeichen und Quellenangabe von jener Quelle abschreiben, aus der sie weiter oben mit Anführungszeichen und Quellenangabe zitiert haben.“ Oder: „Sie dürfen bei der wörtlichen Wiedergabe ohne Anführungszeichen eine einstellige Anzahl an Wörtern pro Absatz durch Synonyme ersetzen, wenn sie irgendwo im Umfeld auf die Quelle hingewiesen haben oder einen kleinen Teil unter Anführungszeichen gesetzt haben.

Es könnte also sein, dass der Einsatz von Bauernopfer-Referenzen so weit verbreitet war und ist, dass das – zumindest bei prominenten Fällen – nicht als Plagiat gesehen wird. Das gilt es anhand einer Stichprobe älterer Dissertationen, vor allem aber auch älterer wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die keine Qualifikationsschriften waren, zu untersuchen. Die Universität Gießen blieb diesen Beleg heute schuldig.

* Und auch das würde nicht ganz stimmen: VroniPlag Wiki hat bislang 102 Bauernopfer sowie 12 Verschleierungen und Komplettplagiate bei Steinmeier identifiziert, siehe hier.

2 Gedanken zu „Krasse Fehlentscheidung im Fall Steinmeier: Gehäufte Bauernopfer-Referenzen sind für die Uni Gießen kein Plagiat

  1. ahmet

    Witzig, hier von einer krassen Fehlentscheidung zu sprechen. Wegen einigen laecherlichen Zitierfehlern den Titel fuer eine wissenschaftlich wertvolle Leitung zu entziehen – DAS waere eine krasse Fehlentscheidung!

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