Stirbt VroniPlag Wiki? Deutschlands wichtigste Wissenschafts-Watch-Community hat seit Monaten keinen neuen Fall veröffentlicht

Seit 14. August 2018 hat VroniPlag Wiki keinen neuen Fall mehr veröffentlicht, damals zählte man Plagiatsfall Nr. 203. In den vergangenen Wochen und Monaten fiel auf, dass nur noch weniger als eine Handvoll AktivistInnen unverändert aktiv war, die sich um neue Fälle gekümmert hat. Es durften aber bekannte Namen und interessante Fälle dabei gewesen sein. Auch für die Dissertation von Gustav Kuhn wurde etwa eine (unveröffentlichte) Dokumentation angelegt.

Die Verdienste von VroniPlag Wiki seit der Gründung im Jahr 2011 sind enorm:

  • VroniPlag Wiki hat als erste Plattform überhaupt öffentlich darauf aufmerksam gemacht, dass Plagiieren nicht nur ein Problem der Studierenden ist. Plagiierende Lehrende und ProfessorInnen, die es offenbar häufiger gibt als bisher angenommen, vergiften das Wissenschaftssystem – der Fisch stinkt dann eben vom Kopf her.
  • VroniPlag Wiki hat ebenso als erste Plattform gezeigt, dass nicht nur Fälschungen und Manipulationen, sondern vor allem auch Plagiate ein Problem medizinischer Dissertationen sind – wer hätte das gedacht? In Reaktion auf die einschlägigen Enthüllungen haben mittlerweile zahlreiche medizinische Fakultäten in Deutschland verpflichtende Einführungslehrveranstaltungen zu guter wissenschaftlicher Praxis eingeführt und ihre Promotionsordnungen verschärft.
  • VroniPlag Wiki hat „Brennpunktuniversitäten“ aufgedeckt, wie etwa die Universität Münster oder zuletzt die Comenius-Universität und die Paneuropäische Hochschule, beide in Bratislava. Anhand der Reaktionen der Universitäten konnte man erkennen, welche das Plagiatsproblem ernstnehmen und welche nur dem eigenen Machterhalt dienlich sind, aber nicht der Wahrheit.
  • VroniPlag Wiki hat im Bereich der Visualisierung von Plagiat enorm Innovatives geleistet – ohne GuttenPlag Wiki und VroniPlag Wiki gäbe es keinen „Barcode“ zur Visualisierung von Plagiatsanteilen, kein Tool zur Erkennung und automatischen farbigen Visualisierung von Textkonkordanzen und keine Darstellung von Plagiatsanteilen ganzer Arbeiten mit PDF-Einzelseiten-Thumbnails.
  • VroniPlag Wiki war Vorbild für ähnliche Initiativen in anderen Ländern und anderen Bereichen, man denke nur etwa an LobbyPlag oder die jüngsten Enthüllungen des Bayrischen Rundfunks zum Abschreiben der EU-Prüfbehörden, auch hier mitsamt „Barcodes“.
  • Und wahrscheinlich hätte es ohne VroniPlag Wiki und die Medienberichterstattung über die Fälle aus dem Wiki auch nicht die zahlreichen Enthüllungen von Plagiatsfällen bei ost- und südeuropäischen PolitikerInnen gegeben.

Quelle: VroniPlag Wiki

Die Reports waren immer akribisch aufbereitet und vielfach peer-reviewed, also niet- und nagelfest. Und jetzt kommt der springende Punkt: Bezahlt hat die AktivistInnen von VroniPlag Wiki, zum weit überwiegenden Teil ebenfalls WissenschaftlerInnen an deutschen und österreichischen Universitäten, niemand. Für die akribische Dokumentation von 203 Plagiatsfällen gab es letztlich keinen Cent. Es ist so gesehen ein Wunder, dass in Zeiten unserer täglichen, uns allen bekannten Arbeitsbe- und -überlastung VroniPlag Wiki überhaupt sieben Jahre lang gedeihen konnte.

VroniPlag Wiki darf keine Webleiche werden

Wie kann man nun neue Leute motivieren, bei VroniPlag Wiki mitzumachen? Wie wäre es mit einem Einführungstutorial (automatisierten Webinar) in das Dokumentieren neuer plagiatsinfizierter Arbeiten? Dieses würde helfen, die existierende Eingangshürde abzubauen. Wie wäre es mit einem Crowd-Funding-Projekt? Wie kann die Wikimedia-Foundation helfen? Und wie wäre es, wenn öffentliche Stellen –  allen voran das BMBF, aber auch die zuständigen Ministerien der Bundesländer – vielleicht einmal den unglaublichen Innovationscharakter der Initiative anerkennen würden und zumindest für Plagiatsforschung und -dokumentation Mittel bereit stellen würden? Es kann ja nicht sein, dass sich von der bundesdeutschen Politik nur die AfD für Plagiarismus interessiert, aus ersichtlichen Motiven freilich.

In einem gesunden und wirklich an Innovation und Transparenz interessierten Wissenschaftssystem müsste VroniPlag Wiki jetzt der Nobelpreis verliehen werden.

3 Gedanken zu „Stirbt VroniPlag Wiki? Deutschlands wichtigste Wissenschafts-Watch-Community hat seit Monaten keinen neuen Fall veröffentlicht

  1. Thomas A. Bauer

    Man kann den Akteuren von VroniPlag Wiki nicht dankbar genug sein. Wie man sieht, zeitigt ihre Arbeit Wirkung.

  2. Martin Heidingsfelder

    Besitzstandswahrung und Ängstlichkeit sind eben kein gutes Konzept. Es braucht Mut! Die Entscheidungen manche Politiker (wie z.B. Wöller, Schavan, Backhaus, Lammert, Steffels, Steinmeier, von der Leyen) nicht oder nur halbherzig anzugehen waren halt nicht die klügsten sondern die Fehler einer trägen Mehrheit. Was zeigt, dass die notwendige Radikalität in einer Konsensgesellschaft oft fehlt und Ausgrenzung die gängige Methode langfristig kaum Fortschritt bringt. Expansion braucht Begeisterung und Freundlichkeit. Rückmeldungen von Aussteigern bei VroniPlag Wiki zeigen klar, dass wohl zu selten eine helfende Hand angeboten wurde. So kann man keinen Nachwuchs begeistern und dauerhaft binden. Die peinliche Selbstdarstellung einzelner Akteure tut dann das Übrige. Der Erfolg wollte bekanntermaßen viele Väter und eine Mutter haben. Lächerlich!
    Zudem wurde sich abgeschottet und jeder, der sich zu mir als Gründer des Wikis bekannte wurde über kurz oder lang vergrault. Die Anzahl der Wikiaktivisten und -aktivitäten ist seit Ende 2011 trotz kleinerer Zwischenerfolge rückläufig. Plagiatsfälle gäbe es noch und nöcher. Es fehlt an der notwendigen Kooperationsbereitschaft.

  3. Stefan Weber Beitragsautor

    Lieber Martin!
    In einem Satz gebe ich Dir vollkommen Recht: „Plagiatsfälle gäbe es noch und nöcher.“ Ich staune selbst immer wieder, was ich alles an Sünden aus der Vergangenheit zu Tage fördern kann. Aber das Problem sehe ich etwas anders als Du: In Zeiten der Beschleunigung und des beschleunigten Wandels durch die Digitalisierung halte ich es überhaupt für ein Wunder, dass jemand freiwillig solche akribischen Dokumentationen macht. Ich frage mich ja sogar im Bezahlkontext mitunter: Warum muss ich nun all diese Vergehen nachweisen, nur, weil es ein professoraler Gutachter nicht für notwendig hielt, Plagiatssoftware einzusetzen oder genau hinzuschauen? Nur, damit ein externer professoraler Gutachter dann ein halbes Jahr später schreibt, die Plagiate seien nicht „wesentlich“ oder seien gar keine? Nur, damit eine Uni unter dem Deckmantel der Amtsverschwiegenheit wieder mal ein Prüfverfahren einschlafen lässt? Obwohl ja eh längst bekannt ist, dass keine Uni weiterrecherchiert (siehe zuletzt die Fälle Thomas Drozda/Universität Linz und Gustav Kuhn/Universität Salzburg)? Die Arbeit an einer Plagiatsdokumentation kann auch öde sein und schnell ermüden. Und man darf sich selbst keinen Fehler erlauben, wenn man die Täuschungen und Fehler der anderen dokumentiert. Das alles kann nicht schon gar nicht auf Dauer auf Null-Cent-Basis funktionieren. Ich glaube, die Schnittmenge zwischen WissenschaftlerInnen, die das Thema wirklich interessiert und die auch noch die Zeit dafür haben, ist auf Dauer zu klein. Aber wer weiß, vielleicht erleben wir ja eine Renaissance. Eben weil es genug Fälle gibt.
    LG
    sw

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