Robert Menasse im Interview: „Ja, ich bin ein Blender!“ – Einige Bemerkungen zu Fake-Zitaten aus aktuellem Anlass

Das Zitat in der Überschrift ist ein Fake-Zitat. Ist es, etwa unter Berufung auf Paul Feyerabends postmodernistisches Credo vom „Anything goes“, „erlaubt“? Man muss da etwas genauer hinschauen.

Der Schriftsteller Robert Menasse hat also zumindest drei Zitate des 1982 verstorbenen CDU-Politikers Walter Hallstein frei erfunden. Bekannt sind die Vorwürfe bereits seit Oktober 2017, aber niemand hat damals die Fährte aufgenommen. Menasse sagt nun zu seiner Verteidigung, ein solches Vorgehen sei für ihn als Schriftsteller „zulässig“ und er wird (hoffentlich diesmal korrekt) zitiert mit den Worten: „Was kümmert mich das ‚Wörtliche'“. Tragisch ist, wie hier ein Intellektueller sein Fehlverhalten um irreführende Worte ringend verteidigen will. Menasse hat offenbar – als Intellektueller? – weder die systemtheoretische Betrachtung der Gesellschaft noch die Unterscheidung von Objekt- und Metasprache verstanden oder verstehen wollen. Vor allem Letzteres ist für einen Schriftsteller nur noch peinlich.

Erstens: Wenn sich Menasse aus dem künstlerischen Diskurs herausbegibt und mit einer Wissenschaftlerin als Ko-Autorin einen journalistischen Beitrag schreibt, dann wechselt er die Systemreferenz: Er tut dies zwar weiter in seiner Rolle des Schriftstellers und nicht in der Rolle des Journalisten oder Wissenschaftlers, aber sein Produkt ist kein künstlerisches mehr – außer, es wäre etwa als Vorabdruck aus einem neuen Roman o.Ä. gekennzeichnet –, sondern ein journalistisches: Und im Journalismus gibt es nun mal die Regel, dass direkte Zitate unter Anführungszeichen den Wortlaut wiedergeben müssen – gesprochen oder geschrieben. Die Kategorie „Das wird er/sie sich schon so gedacht haben.“ existiert nicht. Wer diese Regel missachtet, öffnet Tür und Tor für journalistische Fälscher wie Relotius. Ganz egal, ob er Schriftsteller, Arzt oder Politiker ist.

Zweitens: Es ging Menasse ja gerade um den Wortlaut des Satzes, wenn er schrieb:

„Der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, ein Deutscher, sagte: ‚Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!‘ – ein Satz, den weder der heutige Kommissionspräsident noch die gegenwärtige deutsche Kanzlerin wagen würde auszusprechen. Und doch: Dieser Satz ist die Wahrheit.“

Damit wechselte Menasse von der Objekt- in die Metasprache. Er schrieb nicht über die Abschaffung der Nationen, sondern darüber, ob sich heute noch ein Politiker diesen Satz auszusprechen traue. Und nun soll ihn plötzlich das Wörtliche nicht mehr kümmern.

Warum verwischt Menasse diese Unterscheidungen, die jeder Studierende im ersten Semester beigebracht bekommt (wenn auch mit wechselndem Erfolg)? Was ist eigentlich so schlimm am Bekenntnis: „Ja, ich habe getrickst, und ihr habt mich erwischt!“ – Vielleicht, weil es Menasse noch öfter so gemacht hat?

Auch Menasse ein Postfaktizist

Menasses Vorgehen des Konstruierens von Zitaten ist keinen Deut besser als die Konstruktion alternativer Fakten in der postfaktischen Politik von Trump & Co., die gerade von Menasse & Co. zurecht u.a. auch genau deshalb kritisiert wird.

Die Postmoderne, die Dekonstruktion, der Radikale Relativismus, Konstruktivismus und Lingualismus stehen vor einem Problem: Immer öfter werden diese Positionen zur Legitimation von Fehlverhalten und zur Rechtfertigung des Bruchs mit sinnvollen Regeln missbraucht. Ich glaube nicht, dass das eine gute Entwicklung der Gesellschaft ist. Vielleicht ist ja damit auch die Theorienbasis selbst gescheitert – so wie letztlich die kommunistische Literatur am realen Sozialismus gescheitert ist.

Und noch ein Gedanke am Schluss: Warum eigentlich immer wieder diese erwünschten Zutaten, die der Wirklichkeit beigemengt werden? Regelunkenntnis? Schlamperei? Faulheit? Geltungsdrang? Wenn man genau hinsieht, ist die Realität doch spannend genug.

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