Nächster Wikipedia-Textklau, nächste Dissertationsdoublette – alles wie vor Jahren. Oder?

Der „Plagiatsjäger“ gehört ja zu den paradoxen Berufen: Sein Ziel ist es, dass es ihn nicht mehr geben muss. Aber irgendwie scheint es sich mit dem akademischen Plagiarismus wie mit kriminellen Delikten zu verhalten: Sie sind systemimmanent. Da plagiiert ein Ko-Autor seiten- und kapitelweise aus Wikipedia und zumindest einer weiteren Quelle, und der betroffene C. H. Beck-Verlag schreibt in seiner konstant zweischneidig verfassten Pressemitteilung folgendes:

„Diskutiert werden sollte aber auch der Stellenwert von Wikipedia in der Wissenschaft. Jeder benutzt sie, keiner zitiert sie – das scheint bisher die Devise zu sein.“

Quelle: http://www.spiegel.de/media/media-33664.pdf

Im Klartext: Nicht der Verlag ist schuld, der nach all den öffentlichen Plagiatsdebatten auch bei einem Buch, das Mitte 2013 erschienen ist, immer noch nicht auf die Idee gekommen war, einen routinemäßigen Plagiat-Check durchzuführen (was ist daran eigentlich so schwer?). Sondern wir, die Wissenschaftler sind schuld – die wir doch alle irgendwie aus der Wikipedia abschreiben. C. H. Beck rät, man solle in Wissenschaft und Verlagswesen den „Umgang mit der Online-Enzyklopädie klären“. Das ist eine Frechheit sondergleichen! Die Diskussion, die in der ‚Wikipedistik‘ schon vor Jahren, ca. zwischen 2005 und 2008 intensiv geführt wurde, hat zu folgendem Common Sense geführt:

„Da die Wikipedia ein Nachschlagewerk ist, sollte übrigens in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht aus ihr zitiert werden.“

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Allgemeine_FAQ#Wie_zitiere_ich_aus_der_Wikipedia.3F

Dass ein großer deutscher Verlag so etwas nicht weiß, zeigt, wie weit man hier schon weg von der (Netz-)Realität ist. – Haben wir eigentlich jemals eine Diskussion darüber geführt, ob man in wissenschaftlichen Qualifikationsschriften oder Sachbüchern aus „Meyers Taschenlexikon“ unzitiert abschreiben darf? Oder aus ihm zitieren darf? Konversationslexika dienen nur der Informationsrezeption, aus ihnen ‚darf‘ man selbstredend nicht abschreiben, und zitieren kann man aus ihnen sinnvoller Weise auch nur dann, wenn das Zitat selbst (dessen Wortlaut oder Inhalt) textanalytisch zum Gegenstand der Erörterung wird, also auf zweiter Ebene quasi. 1990 war das jedem zwanzigjährigen Studenten klar. Nun, im Jahr 2014, empfiehlt C. H. Beck ernstlich eine Diskussion darüber! Der Verlag sollte sich schämen.

***

Zum zweiten Schauplatz des heutigen Tages: Der Münsteraner Mediziner-Plagiatsschmiede. Hier geht es um eine einmalige Dissertationsdoublette als Spitze des Eisbergs. Ich möchte nicht daran erinnern, dass ich ähnliche Fälle auch aus Klagenfurt, Innsbruck und Regensburg kenne und dokumentiert habe. Was verwundert, ist die ‚harte Gangart‘, die dem offenbar blinden Betreuer (das Thema waren die Augen) nunmehr drohen könnte: Eine „mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von Doktorarbeiten“ sei eine mögliche Konsequenz, wird der Pressesprecher der medizinischen Fakultät der Universität Münster heute in einem Lokalmedium indirekt zitiert.

Auf gut Deutsch: Gleiche Bezahlung für weniger Arbeit. Obwohl: Viel ändern wird sich für den Betreuer wohl nicht, wenn er andere Doktorarbeiten auch so aufmerksam gelesen hat wie die inkriminierte.

***

Was ist da eigentlich los? Wir haben ein Qualitätsproblem, wir haben ein Rekrutierungsproblem, wir haben eine völlige Absenz von Kontrolle und Qualitätssicherung in der Wissenschaft. Wir haben einen Fall nach dem anderen, der dies aufzeigt. Die Fälle sind dieselben wie 2007 oder 2004. Immer wieder weisen Whistleblower wie Ihr werter Plagiatsgutachter, die VroniPlag-Rechercheure oder mutige Einzelaktivisten darauf hin. Nun droht mal wieder dem Aufdecker rechtliches Ungemach. Wer hier juristisch verfolgt werden müsste, sind jedoch die kontrollierenden Instanzen und die Plagiatoren. Wenn es denn einen Kläger gäbe.

mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von DoktorarbeitenNeue Plagiatsvorwürfe in Münster: Mediziner soll große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – Münstersche Zeitung – Lesen Sie mehr auf:
http://www.muensterschezeitung.de/staedte/muenster/Neue-Plagiatsvorwuerfe-in-Muenster-Mediziner-soll-grosse-Teile-seiner-Doktorarbeit-abgeschrieben-hab;art993,2346878#plx1666941858
Der Entzug des Doktortitels sowie eine mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von Doktorarbeiten seien aber mögliche Konsequenzen.Neue Plagiatsvorwürfe in Münster: Mediziner soll große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – Münstersche Zeitung – Lesen Sie mehr auf:
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Der Entzug des Doktortitels sowie eine mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von Doktorarbeiten seien aber mögliche Konsequenzen.Neue Plagiatsvorwürfe in Münster: Mediziner soll große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – Münstersche Zeitung – Lesen Sie mehr auf:
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Der Entzug des Doktortitels sowie eine mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von Doktorarbeiten seien aber mögliche Konsequenzen.Neue Plagiatsvorwürfe in Münster: Mediziner soll große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – Münstersche Zeitung – Lesen Sie mehr auf:
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Der Entzug des Doktortitels sowie eine mehrjährige Sperre des Gutachters für die Betreuung von Doktorarbeiten seien aber mögliche Konsequenzen.Neue Plagiatsvorwürfe in Münster: Mediziner soll große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben – Münstersche Zeitung – Lesen Sie mehr auf:
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6 Gedanken zu „Nächster Wikipedia-Textklau, nächste Dissertationsdoublette – alles wie vor Jahren. Oder?

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  2. Matthias_H

    Gibt es eigentlich Studien über die Prävalenz von Copy-and-Paste-Plagiaten nach Disziplin? Der Berichterstattung folgend, könnte man fast meinen, dass „Erzählfächer“ hierfür anfälliger sind als etwa die Naturwissenschaften. Geschummelt wird natürlich überall, aber ich bilde mir ein, dass man sich etwa in der Physik deutlich mehr Mühe machen muss, um damit durchzukommen, als in Jura… nicht zuletzt wegen des persönlicheren Betreuungsverhältnisses.

  3. Briegel

    Wenn man sich im VroniPlag Wiki die Fälle ansieht, bekommt man den Eindruck, daß es weniger um „schummeln“ oder „sich Mühe geben, damit man mit Plagiatsstellen durchzukommt“ geht, sondern eher darum, wie weitverbreitet die Akzeptanz von Plagiatsstellen bei den Gutachtern ist. Bei den Medizinern wird es offenbar besonders häufig akzeptiert. Das könnte aber genauso gut bei den Physikern so sein. Warum das bei denen nicht so ist, dürfte eher daran liegen, wie ernst sie das Einhalten wissenschaftlicher Standards nehmen, und nicht so sehr daran, daß die Physik ein naturwissenschaftliches und kein geisteswissenschaftliches Fach ist.

  4. admin

    M.E. zeigen die Münsteraner Fälle auch, dass die medizinische Doktorarbeit sowohl für die „Verfasser“ als auch für die „Gutachter“ offenbar häufig eine höchst ungeliebte Pflichtübung ist: Arbeiten, die nicht geschrieben und nicht gelesen wurden. Ich glaube fast, dass hier keine stillschweigende Akzeptanz von Plagiarismus vorliegt, sondern dass die „Gutachter“ das schlichtweg nie zu Gesicht bekommen haben bzw. bekommen wollten. Oft „lesen“ diese Doktorarbeiten nur Assistenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter, die häufig wechseln. VroniPlag Wiki ist hier einem schon länger vermuteteten Skandal in der Medizin exemplarisch auf die Schliche gekommen, den es so sicher nicht nur in Münster gibt. Wie immer gilt: Dokumentiert werden jene Fälle, die man (zufällig) entdeckt, und ein Fall bringt immer weitere ans Tageslicht. Ich wünsche mir sehr, dass hier auch gegen die „Gutachter“ (Dienstpflicht- und Sorgfaltspflichtverletzung) mit aller möglichen Härte vorgegangen wird.

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  6. Ator Plagi

    1. Ich habe während meiner Universitätszeit über Hundert medizinische Dissertationen begutachtet. Worauf man achtet, ist zunächst, ob die Formalien (Einteilung der Arbeit, korrektes Zitieren etc.) erfüllt sind. Dann kommt man zum Inhalt in dem man darauf achtet, ob der Autor „auf den Punkt kommt“ oder nur „wichtig“ herumlabert und hunderte Seiten von Lehrbuchwissen recycelt, ohne den Eindruck zu erwecken, zu verstehen, worum es geht. Wenn man dann noch 50+ Bildunterschriften wie: „das obige Bild enthält den Blutzucker“ in „In Abb.3 wird die Serumglukosekonzentration (mg/DL) im zeitlichen Verlauf (24 h-Tagesprofil) dargestellt“ geändert hat,  kümmert man sich darum, ob die zitierte Literatur sinngemäß korrekt wiedergegeben wird. Ob aus irgendwelchen Büchern, von denen es Tausende gibt, wörtlich plagiiert wurde, kann man garnicht feststellen , dazu müßte man sie alle erstmal kennen. Grundsätzlich habe ich immer angeregt, daß die Doktoranden, anstatt Lehrbücher zu rekapitulieren, in eigenen Worten kurz schildern, um was es geht, das heißt: „Was ist bekannt und was nicht, das zweitere als Grund für die Existenz der vorliegenden Arbeit“.  Damit wurde Plagiaten vielleicht etwas vorgebeugt, verhindern konnte man sie dadurch sicher nicht. Auch noch Textvergleiche durchzuführen ist aber für Gutachter (Gutachten macht man aus Gefälligkeit in seiner Freizeit) m.E. unzumutbar und auch unmöglich. SIE machen das ja auch erst, seit Sie eine Software dazu entwickelt haben.

    2. Seit es Email und Datenhighways gibt, haben wir es uns in der von mir geleiteten Forschungsgruppe zueigen gemacht, eigene Textentwürfe relativ frühzeitig den Anderen zu schicken, mit der Bitte, zu beurteilen, ob man den Text versteht, ob Fehler enthalten sind und ob der Stil gut ist. Es kommen dann überarbeitete Textvorschläge zurück, die man entweder einbaut oder nicht, und dann geht das ganze wieder von vorne los. Am Ende entstehen Texte, die von vielen  verschiedenen Autoren mitverfasst wurden. Wenn dann Doktoranden auf Kongresse gefahren sind, haben sie gefragt, ob sie den Text als Poster präsentieren könnten (um die Kongressgebühr zu sparen, die oft über 1000.- Euro beträgt). Die haben sich dann als Autoren vorne dran geschrieben und alle anderen als Ko-Autoren. Wenn man seinen Text dann als Publikation eingereicht hat, hat man es anders herum gemacht. Teile dieser Texte sind dann mit Sicherheit in Doktorarbeiten eingeflossen und Teile der Doktorarbeiten in Habilitationsschriften. Da hatte niemand etwas dagegen, im Gegenteil, jeder hat von der Arbeit, die er da reingesteckt hatte, auch einen Profit gehabt. Diese Gemeinschaftsarbeiten werden von Ihrer Software unter Garantie als „Plagiate“ erkannt, obwohl sie keine sind. Das finde ich schade, denn darunter leidet das Teamwork, auf das ich in meiner Forschungsgruppe immer besonders stolz war.

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