Jahresrückblick 2018: Qualität von Sachverständigengutachten, automatisch generierte Texte ohne Autor, Abschreiben von EU-Prüfbehörden

Neben der üblichen Begutachtung von Doktorarbeiten, die ich mittlerweile im 11. Jahr durchführe, brachte das Jahr 2018 einige neue Schwerpunkte meiner Arbeit mit sich:

  • Ein erster Schwerpunkt lag auf der Qualität – inkl. der Prüfung auf Plagiat – von Gerichtsgutachten von Sachverständigen und auch auf deren Ehrlichkeit bei der Führung ihrer akademischen Grade. Die Fälle Karl Mahringer und Salvatore Giacomuzzi sind 2018 Gegenstand der Berichterstattung geworden, aber ich habe mittlerweile ein Dutzend solcher Fälle gesammelt. Es bleibt zu hoffen, dass interessierte politische Fraktionen im Jahr 2019 reagieren werden und fordern, das österreichische Sachverständigen- und Dolmetschergesetz einer dringenden Nachbesserung zu unterziehen. Auch der Sachverständigen-Eid muss deutlicher formuliert werden: Wer auf die Regeln der Wissenschaft vereidigt wird, muss sich auch an die gute wissenschaftliche Praxis halten.
  • Einen zweiten Schwerpunkt bildete mein neues Buch über automatisch generierte Texte. Das Buchprojekt nahm meine Zeit zwischen April und Juli fast vollständig in Anspruch, weswegen leider viele Gutachten verschoben werden mussten. Ich danke meinen sehr geduldigen KundInnen! – Der Berührungspunkt zum Plagiatsproblem liegt auf der Hand: Wenn es schon Software-Anbieter gibt, die automatisch erstellte Texte zu vorgegebenen Themen versprechen oder Unternehmen daran arbeiten, dass bald ganze Doktorarbeiten automatisch verfasst werden können, stellt sich die Frage nach Autorschaft und Redlichkeit auf eine ganz neue Art und Weise. Auch urheberrechtliche Aspekte und die Frage der Kennzeichnungspflicht werden auf die Agenda kommen. Ich freue mich, dass Medien wie Die Presse, die Tiroler Tageszeitung oder Ö1 das Thema bereits aufgegriffen haben. Lesen Sie hier auch meine dreiteilige Serie im Online-Magazin Telepolis zum Thema: Teil 1Teil 2Teil 3.
  • Der dritte Schwerpunkt von September bis heute war die Erforschung der Copy/Paste- und Plagiatspraxen von EU-Prüfbehörden und staatlichen Akteuren bei der Pestizid-(Wieder-)Zulassung. Parallel zu meinen Recherchen arbeitete ein Datenteam des Bayrischen Rundfunks an entsprechenden Enthüllungen. Meine Detailanalyse zur Glyphosat-Wiederzulassung in der EU, bei der Texte im Umfang von ca. zehn Dissertationen abzugleichen waren, ist mittlerweile fertig und wird am Dienstag, 15. Januar 2019 in Straßburg der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Hier stellen sich nicht nur interessante Fragen im Umgang mit guter wissenschaftlicher Praxis und Zitierregeln, es geht auch um Kernfragen des geistigen Eigentums vs. der Transparenz bei der Einsichtnahme in Industriestudien. Auch aufgrund dieses zweiten Großprojekts im Jahr 2018 sind seit September viele Anfragen unbeantwortet geblieben. Ich verspreche, dies mit erweitertem Personalstand und in eventuell veränderter Organisationsform im Jahr 2019 nachzuholen.

Was 2018 sonst noch zum Thema geschah:

  • Eingestellt wurden die Plagiatsprüfverfahren nach Plagiatsvorwürfen gegenüber dem Dirigenten und Lebemann Gustav Kuhn und dem ebenfalls nicht luxusfeindlichen SPÖ-Politiker Thomas Drozda. Die zunächst entdeckten Plagiate von Gustav Kuhn sind hier dokumentiert, jene von Thomas Drozda hier. In beiden Fällen konnte mit Turnitin jeweils eine gravierende Plagiatsquelle ermittelt werden, aber manuelle Recherchen brachten im Fall Drozda nur sehr wenige weitere Treffer und im Fall Kuhn beim derzeitigen Stand nicht ausreichend viele weitere Treffer, um das Kriterium der Wesentlichkeit zu erfüllen. Ob beide nicht mehr plagiiert haben oder ich nur nicht mehr gefunden habe? Wir werden es nur dann erfahren, wenn die Softwarelösungen noch besser werden. Manuelle Suchen sind, wie im Fall Roščić, immer Suchen nach Nadeln in Heuhäufen.
  • VroniPlag Wiki dokumentierte ab 17.01.2018 sieben Plagiatsfälle an drei Hochschulen in Bratislava. Den Auftakt machte der Fall Reiner Petersen (Comenius Universität Bratislava), der zunächst von mir in einem umfassenden Gutachten dokumentiert wurde. Dubios war die Verstrickung der „Sales Manager Akademie am Studienzentrum Hohe Warte“ in Wien als Vermittlungs- und Betreuungsinstanz in mehrere Fälle.
  • Im Wissenschaftsjournalismus beherrschte die Debatte um Fake Science (Fake Conferences und Predatory Journals) den Diskurs.
  • Eine Häufung von Plagiatsfällen gab es 2018 von der tschechischen Regierung zu vermelden.
  • Plagiatsvorwürfe gab es auch gegenüber dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez – ich habe bedauerlicherweise nicht die Zeit gehabt, diese zu überprüfen. Aber es war auch in Spanien eine bemerkenswerte Häufung von Plagiatsfällen bei Politikern zu verzeichnen.

  Visual: Hannes Fuß

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