Ghostwriting-Fall bei WU Wien angezeigt: Hans-Peter Haselsteiner war offenbar Mitwisser von Titelerschleichung seiner späteren Ehefrau

Ghostwriting ist neben Plagiarismus eines der großen Probleme an den Universitäten, und Softwareanbieter wie Turnitin oder PlagScan arbeiten hier an Lösungen. Der diese Zeilen schreibende Plagiatsgutachter hat über die Jahre einen eigenen stilometrischen Kriterienkatalog entwickelt, mit dem er Texte auf Autorschaft vergleichen kann, basierend auf einer Liste von 21 formalen und stilistischen Merkmalsgruppen mit Untermerkmalen.

Im vorliegenden Fall ist dieses Verfahren nicht mehr nötig: Es ist der offensichtlich älteste nachgewiesene Fall von akademischem Ghostwriting in Österreich, und es trifft keine Unbekannte, nämlich die Ehefrau von Hans-Peter Haselsteiner.

Sie erwarb ihren Magistergrad 1974 an der damaligen Hochschule für Welthandel (d.h. an der heutigen WU Wien) mit einer Diplomarbeit zum Thema „Die Expansion eines Bauunternehmens zwischen 1945 und 1970″:

Exkurs: Vier Jahre zuvor promovierte – ebenfalls an der Hochschule für Welthandel – Hans-Peter Haselsteiner zum Thema „Wissenschaftliche Wirtschaftsprognose als Grundlage der Wirtschaftspolitik“. Ich habe mir diese Arbeit schon vor einiger Zeit angesehen. Soweit ich es beurteilen kann, handelt es sich um eine Promotionsleistung mit fundiertem wissenschaftstheoretischen und philosophischen Hintergrund, in der sehr sauber zitiert wurde.

Ghostwriting-Verdacht ist immer ein Generalverdacht. Er ist fast immer nur zu beweisen, indem man andere Sprachwerke aus derselben Zeit, aus der das zu prüfende Werk stammt, mit diesem abgleicht. Unzweifelhaft muss sein, dass diese anderen Sprachwerke tatsächlich aus der Feder des angenommenen Verfassers stammen. Wenn dieser etwa in den Vergleichstexten immer das österreichische „Weiters“ verwendet, in seiner Dissertation aber immer nur „Des Weiteren“ oder „Weiter“ vorkommt, so kann man nachweisen, dass die Dissertation zumindest von einer Person aus Deutschland Korrektur gelesen wurde – wenn nicht mehr, wofür es dann eben weitere Indikatoren gibt.

Neue Softwarelösungen wie Author Metrics von PlagScan arbeiten ebenfalls mit einem Kriterienkatalog, allerdings versuchen sie, Abweichungen vom zu erwartenden Mainstream eines Textes zu identifizieren. Die (nicht immer plausible) Annahme dabei ist, dass formal sehr saubere und auffallend elaborierte und fehlerfreie Texte von Ghostwritern stammen könnten.

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Das alles ist im Fall von Ulli Haselsteiner nicht notwendig: Es liegt das sehr seltene Outing des Ghostwriters selbst vor. Das Skurrile an dem Fall ist, dass dieser das erst 46 Jahre nach der Tat macht (der Ghostwriter ist offenbar auch heute nicht aus freien Stücken an die Öffentlichkeit gegangen, sondern die Recherchen des Bloggers haben ihn letztlich dazu veranlasst). Das Bedenkliche an dem Fall ist, dass Hans-Peter Haselsteiner laut Aussagen des Ghostwriters von dem Vorgang wusste, und viele andere damalige Mitarbeiter auch. Haselsteiner wäre also nun vorzuhalten, dass er mutmaßlich eine akademische Erschleichungshandlung seiner späteren Ehefrau über Jahrzehnte gedeckt hat, er also mutmaßlich Mitwisser eines Wissenschaftsbetrugs war.

Ich habe den Fall heute an der WU Wien angezeigt. Die studienrechtliche Konsequenz, nämlich die Aberkennung des Magistergrades, wäre ja unausweichlich.

Es wäre gut, wenn das Ehepaar Haselsteiner Stellung nehmen würde. Laut Markus Wilhelm wurde die Causa bislang von den Beschuldigten beschwiegen.

Immer wieder interessant ist, warum solche Fälle überhaupt so lange totgeschwiegen werden – ähnlich wie Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch oder Doping. Warum und wie funktionieren hier die Mechanismen der Macht und Einschüchterung? Welche Antworten gibt uns darauf, wenn überhaupt, die Soziologie?

3 Gedanken zu „Ghostwriting-Fall bei WU Wien angezeigt: Hans-Peter Haselsteiner war offenbar Mitwisser von Titelerschleichung seiner späteren Ehefrau

  1. B.S.

    Hier muss man wirklich mal großen Dank an Markus Wilhelm (www.dietiwag.org) sagen. Er traut sich Sachen zu recherchieren und zu veröffentlichen, die von den meisten Zeitungen gedeckt und nicht mal angesprochen werden.

    Viele Journalisten sollten sich schämen, weil sie in dem klassischen System mitspielen und ihrer eigentlichen Aufgabe nicht nachkommen.

  2. Louis Menton

    Wenn nur ein Teil der Vorwürfe gegen Frau Haselsteiner stimmen sollte, dann hat sie vielen jungen Menschen und wohl auch deren Eltern, welche ihr Studium unter Opfern und Entbehrungen mit Anstand und auf ehrliche Art und Weise absolvieren und mit einer eigenen Diplomarbeit krönen, gezeigt, wie dumm sie doch sind sich abzumühen, während sich eine Berufstochter per Fingerschnippen ihres Papas zu einem graduierten Leistungsträger emporschummelte.

  3. G.R.

    Herzlichen Dank, dass Sie sich dieser Sache annehmen. Auch Markus Wilhelm (www.dietiwag.at) erhält dadurch die wirklich dringend notwendige Unterstützung. Herr Haselsteiner und seine Frau (und deren Schützling Kuhn) werden es bereits bereuen, sich dermaßen in die Waden des Hr. Wilhelm verbissen zu haben. Was dieser Mann seit Jahrzehnten der Gemeinschaft beiträgt, kann man gar nicht hoch genug schätzen. Ihm gebührt schon längst eine Whistleblower-Auszeichnung.
    Nochmals Danke für Ihre Mithilfe, das ist Ihnen abenso hoch anzurechnen!

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