Franziska Giffey und das Problem der „Fake Citations“

Mein Plagiatssoftware-Provider erster Wahl, Turnitin, verriet mir vor einigen Monaten, woran die Developer gerade arbeiten: An neuen Software-Lösungen zur Erkennung von Übersetzungsplagiarismus, Ghostwriting und – drittens – Fake Citations. Ich muss gestehen, dass der Turnitin-Manager der erste war, der mich auf die Manifestationen dieses (neuen?) Problems deutlich hingewiesen hat:

  • Erstens gibt es (immer mehr?) Referenzierungen zu Werken, in denen überhaupt nicht das steht, was inhaltlich oder gar wörtlich belegt werden soll.
  • Zweitens gibt es in der Tat sogar (immer mehr?) Referenzierungen zu Werken, die es gar nicht gibt.
  • Drittens gibt es die ja schon bekannte Spielart des „Zitatplagiats“: Quellenangaben werden aus dem plagiierten Kontext mit übernommen, ohne jemals die Originale aufgesucht zu haben (das findet Turnitin jetzt schon).

Bei Giffey kommt vor allem die erste und die dritte Spielart vor, aber es gibt auch einen Hinweis auf die zweite.

Seit Mai liegt der Bericht zu Franziska Giffeys Doktorarbeit von VroniPlag Wiki endlich vor. Und wieder ist es erschreckend, was man alles sieht, wenn man genau hinschaut (und was sonst wäre die Aufgabe der Wissenschaft?). – Entscheidend ist für mich hier gar nicht die Frage, ob der Doktortitel aberkannt werden wird oder nicht. Die Knackpunkte sind vielmehr:

  • Könnte ich als bundesdeutsche/r Bürger/in Frau Giffey als Politikerin noch vertrauen, dass sie mit Quellen korrekt umgehen kann, dass sie Informationen richtig bewerten und kontextualisieren kann, dass sie auf Basis dessen korrekte Entscheidungen treffen kann, wenn sie als Dissertantin so gearbeitet hat? Die Antwort ist ein klares Nein. Da hilft auch der Hinweis in Wikipedia wenig, dass Frau Giffey eine „Leseratte“ war. Das hat man auch schon von anderen Plagiatoren gehört. So oder so, Frau Giffey ist keine vertrauenswürdige Politikerin mehr und muss sofort zurücktreten, noch vor Beendigung des Titelverfahrens.
  • Was läuft an den Hochschulen generell schief, dass solche Dissertationen überhaupt durchgehen bzw. positiv bewertet werden? Der eigentliche Skandal ist also wieder einmal, dass sich Betreuer offenbar nicht um softwaregestützte Plagiatsprävention sowie um Zitier- und allgemeiner Content-Qualität scheren. Dass sie sich wieder und wieder blenden lassen und womöglich die fertigen Arbeiten gar nie lesen. Da muss es endlich rechtliche Konsequenzen für die Betreuer geben. Es müssen etwa ab sofort in die Dienstverträge Betreuungspflichten und klare Sanktionen bei nachgewiesenen Verstößen rein, die über Lapidarmaßnahmen wie kurzfristige Sperren für Forschungsgelder o.Ä. hinausgehen. Dass die „Freiheit von Forschung und Lehre“ als Willkür in der Beurteilung und in der Betreuungsqualität missbraucht und umgedeutet wird, damit muss endlich Schlusss ein.

Die Öffentlichkeit darf die Frage nicht daran aufhängen, ob Frau Giffey den Doktortitel verlieren wird oder nicht. Das ist wie immer eine Ermessensentscheidung der zuständigen Fakultät bzw. des Promotionsausschusses. Wird er eine erhebliche Täuschung sehen, wie es die bundesdeutschen Promotionsordnungen und einschlägige juristische Entscheidungen fordern, oder nicht? Wird er massive handwerkliche Fehler diagnostizieren (darum wird er nicht herumkommen) oder wird er Intentionalität, ein Täuschungsmuster erkennen können/wollen? Selbstverständlich legt der akribische Bericht Letzteres nahe, und ich schließe mich dem an. Aber es gab auch schon Entscheidungen, dass „wissenschaftliches Fehlverhalten in nicht unerheblichem Ausmaß“ nicht zur Aberkennung des Doktortitels führt. Ihr Kapital hätte Frau Giffey aber auch in diesem Fall verspielt.

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