Forderung nach flächendeckender rückwirkender Überprüfung von Dissertationen

Ich finde, es ist an der Zeit, eine Forderung auszusprechen: Die Universitäten und Fachhochschulen Deutschlands sollten verpflichtet werden bzw. idealerweise sich verpflichten, alle Dissertationen zumindest der vergangenen fünf Jahre (etwa: 2006 bis 2010) auf Plagiat im Stile Guttenbergs & Co., aber auch auf sinnlose bzw. falsche Zitation im Stile Althusmanns (mit der Folge des „Subtilplagiarismus“) zu überprüfen. Und dieser Prozess sollte im Netz transparent dokumentiert werden, mit der Hilfe Freiwilliger und des Know-hows, das sich in den Wikis angesammelt hat (gesperrte Arbeiten ausgenommen). Wenn die Universitäten das nicht tun, werden das in den nächsten Monaten die Netzkollektive autonom erledigen, und irgendwann wird der Schaden für die Universitäten so groß werden, dass die Sache aus den Fugen geraten könnte. Schon jetzt scheint der deutsche Doktorgrad zu einem Karnevalstitel zu verkommen.
Immerhin hat ein GuttenPlag- und VroniPlag-Aktivist der ersten Stunde (und Programmierer) unlängst angekündigt, demnächst tausende Dissertationen digital überprüfen zu wollen. Auch im Gefolge von GuttenPlag könnte 2012 eine groß angelegte Plattform zur automatisierten Dissertationskontrolle entstehen.
In Österreich hatte ich 2006 an der Universität Klagenfurt eine wissenschaftliche Assistentin (Magistergrad) und zwei Doktorinnen entlarvt: Nach drei Plagiatsfällen und Aberkennungen entschied man dort, alle Arbeiten fünf Jahre rückwirkend zu überprüfen. Nun könnten einmal jene deutschen Universitäten mit dieser Maßnahme beginnen, die bislang von Aberkennungen betroffen waren: von Konstanz bis Bonn. Tun sie das nicht, besteht der Verdacht, dass sie noch (viel) mehr zu verbergen haben, und die PlagWikis werden das wohl bald enthüllen. Bei rund 125.000 Dissertationen im besagten Zeitraum rechne ich übrigens mit ca. 1.250 Aberkennungen.
Nachtrag: Vielleicht ist diese Forderung aber auch gar nicht mehr an die Universitäten zu richten, weil sich der Prozess der Dissertationsbegutachtung ohnedies ins Netz verlagern wird, derzeit also Wissenschaftsgeschichte geschrieben wird.

7 Gedanken zu „Forderung nach flächendeckender rückwirkender Überprüfung von Dissertationen

  1. Illusion-der-Exzellenz

    „Die Universitäten und Fachhochschulen Deutschlands sollten verpflichtet werden bzw. idealerweise sich verpflichten, alle Dissertationen […]“

    Nun, das dürfte bei Fachhochschulen eher schwierig sein …

  2. Joachim Losehand

    Die massenhafte Überprüfung von Dissertationen durch Gruppen namentlich unbekannter Menschen („Netzkollektive“), oder eine „groß angelegte Plattform zur automatisierten Dissertationskontrolle“ im Falle, daß die Universitäten Ihrer Forderung nach Prüfung aller Dissertationen der vergangenen X Jahre nicht nachkommmen, stellt einen massiven Eingriff in die Freiheit und Autonomie der Wissenschaften dar.

    Schon die von den „Gutten-“ oder „VroniPlaggern“ selbständig festgelegte Systematik und die „Kriterien“, was ein Plagiat ist, widerspricht der Freiheit der einzelnen Universitäten und Fakultäten, die je einen eigenen Zitationsstil pflegen und selbständig darüber entscheiden und wachen. Eingereichte Arbeiten werden anhand der gelehrten und praktizierten Formalia bewertet, ein nachträglich aufgerichtetetes Bewertungssystem widerspricht auch jeglichen Rechtsgrundsätzen – „nulla poena sine lege“, Kriterien, die zum Zeitpunkt der Abfassung nicht vermittelt und eingefordert wurden, können nicht im Nachhinein Grundlage einer Überprüfung werden.

    Der zweifelsohne positive Effekt der vergangenen Plagiats-Offenlegungen wird durch die massenhafte Ausweitung eines ungreifbaren und nicht namhaft zu machendes Kontrollsystems, wie es „Plattformen zur automatisierten Dissertationskontrolle“ sind, einem immensen Schaden weichen: Vermehrte Kontrolle und detailliertere Überprüfung sind sicherlich angebracht, jedoch durch namentlich bekannte und wissenschaftlich ausgewiesene Gutachter. Nicht aber durch anonyme Gruppierungen von außerhalb der Universitäten bzw. des nationalen Wissenschaftsbetriebs. Wissenschagt braucht keine Inquisition und keinen Generalverdacht, sondern ein Klima des Vertrauens und der Kollegialität. Und das werden anonyme „Wahrheitskommissionen“ nicht herstellen, sondern das Gegenteil erreichen. Was haben die Ikonoklasten, was die Kulturrevolutionäre in China angerichtet im Namen der „Reinheit“ und der „Wahrheit“? Die Wissenschaft ist keine Heilige und keine Hure, die der Katharer bedarf.

    Paul Watzlawick hat eine der Ursachen für die fehlende Problembewältigung der Menschen als Spezie das menschliche Prinzip des „Mehr Desselben“ formuliert (die Griechen nannten es Hybris): Wenn Knoblauch die Atemwege reinigt, reinigt noch mehr Knoblauch die Atemwege noch mehr. „Mehr“ heißt nicht „besser“. „Mehr desselben“ heißt: schlechter.

  3. Armin

    Joachim Losehand, lassen Sie mich Ihnen meinen großen Respekt für diesen erstklassigen Kommentar aussprechen.
    Wäre der Herr Dr. Weber nämlich tatsächlich an der Wissenschaft interessiert, würde er sie zu pflegen und zu fördern verstehen, nicht aber sie in ihren Grundsätzen der Freiheit beschneiden wollen.

    Tatsächlich sind nämlich auch Zitierweisen gewachsen. An Universitäten, an Fakultäten, an Instituten. Gemein ist den Zitierweisen allerdings überall, dass bei wissenschaftlicher Arbeit ein Ausweis der verwendeten Quellen und Mittel erfolgt. Es geht um die Überprüfbarkeit und um die Redlichkeit. Unredlich ist es, Quellen zu verschweigen – redlich ist es, alle Quellen zu nennen. Das sollte der Grundsatz sein. Ob und inwiefern gerade noch wörtlich oder eben nicht mehr wörtlich übernommen – ob direkt oder indirekt zitiert werden soll…..das ist grundsätzlich weit weniger wichtig, als das Begreifen, dass überhaupt zitiert werden muss, wenn denn fremde Gedanken übernommen werden. Darum geht es in der Wissenschaft, hierfür sind alle zu sensibilisieren.

    Und das geht nicht mit der „Gutachter-Keule“, die man für ein paar tausend Euro in eine bestimmte Richtung schwingt – gefragt wäre bemühte Arbeit an der Basis.

    Danke, Joachim Losehand, für Ihre gute Arbeit!

    Viele Grüße, Armin

  4. admin

    Lieber Armin,

    nach Ihrer Argumentation (Quellen müssen genannt werden; die Frage nach dem „Abschreibanteil“ ist dann „weit weniger wichtig“) wurde Chatzimarkakis der Doktortitel zu Unrecht entzogen, richtig?

    Eine andere Schlussfolgerung kann es aus Ihren Ausführungen nicht geben.

    Wenn aber Chatzimarkakis (O-Ton: „Keine Stelle ohne Quelle“, also ganz das, was Sie als ausreichend erachten) der Doktortitel zu Recht aberkannt wurde, ist Ihre Argumentation falsch.

    Kann es sein, dass Sie ignorieren oder nicht wissen, dass ein wissenschaftliches Zitat immer aus (a) einer Kennzeichnung und (b) einem Quellenbeleg bestehen muss? Die Kennzeichnung (a) muss auch beim „Vgl.“ erfolgen – etwa indem klargestellt wird, dass sich dieses auf den Absatz bezieht, an dessen Ende es steht. Dafür gibt es zahllose Belege in der Fachliteratur.

    LG
    sw

  5. Erbloggtes

    Amüsant, dass das Lesen von Büchern, deren Vergleich untereinander, und die Feststellung, dass einer vom anderen abgeschrieben hat, nun gelten soll als das Werk kulturrevolutionärer Kommunisten oder katharischer Häretiker. Früher hieß das noch Philologie, oder Textkritik.

    Die Frage ist doch, welche Funktionen der Wissenschaftsbetrieb gesellschaftlich eigentlich erfüllen soll. Für die Versorgung von Eliten mit Pfründen ist eine allgemeine Plagiatssuche tatsächlich dysfunktional. Wenn der Wissenschaftsbetrieb aber neue Erkenntnisse produzieren soll, dann ist das Wegschauen in einem „Klima des Vertrauens und der Kollegialität“ dysfunktional.

  6. Joachim Losehand

    Wenn es stimmt – wie Stefan Weber jüngst in der ZEIT schrieb -, daß „Text-Collagen Althusmannscher Art […] fast jeder [kann]“, dann ist es im Umkehrschluß richtig, daß die Identifizierung und Entschlüsselung von „Text-Collagen Althusmannscher Art “ auch „fast jeder [kann]“. Noch besser: Im Grunde braucht es zur Programmierung eines (ggf. selbstlernenden) Algorithmus nur eines einzigen Menschens – und dann eines weiteren, der die Routine füttert und in Gang bringt.

    Das – und damit meine ich „VroniPlag“ – hat aber mit einer ganzheitlichen Begutachtung von Dissertationen durch eine Gruppe von Fachleuten, die teils auch die Genese der Arbeit begleitet haben, nichts zu tun. Das hat auch nichts mit dem „Lesen von Büchern, deren Vergleich untereinander“ zu tun, denn die „VroniPlagger“ lesen ja keine Bücher, sondern sie durchforsten sie unabhängig von Inhalt, Gehalt und Forschungskontext auf identische Zeichenfolgen und Kategorisieren ihre isolierten Fundstücke. Die Ergebnisse von „VroniPlag“ beinhalten ja auch keinen „Ideenklau“, sondern einen „Textklau“. Wohl/Vielleicht/Sicher fehlt es den Plagiatssuchern an fachlicher Kompetenz (die jedenfalls aufgrund ihrer Anonymität nicht nachprüfbar ist), um zu unterscheiden, ob die Idee, daß sich die Erde um die Sonne bewegt geklaut ist, oder ob der Satz „Die Erde bewegt sich um die Sonne“ abgeschrieben ist. (Das ist ja nicht dasselbe. Und ob „Textkritik“ eine Methode zur Bewertung von wissenschaftlicher Leistung darstellt, ist wohl mehr als umstritten, wenn nicht ein Hoax.)

    Die Methode sukzessiver öffentlicher anonymer Plagiatssuche (nach einem postulierten „Bestandsfund“ von 10%) auf „VroniPlag“ widerspricht im Procedere ganz grundsätzlich der „Regelung des Verfahrens bei wissenschaftlichem Fehlverhalten auf der Basis der Empfehlungen der HRK und der DFG“; die fehlende Verantwortung, Regulierung und Kontrolle der anonymen „Wolke“ von selbsternannten ‚Plagiatssuchern“, die pseudo-moralische Selbstlegitimation einer Gruppe (hier: vollkommen Unbekannter) „zur Reinigung der Wissenschaften“ ist es, die an die chinesischen „Kulturrevolutionäre“ erinnert.

    Derartiges widerspricht meiner Auffassung nach den Grundprinzipien der Selbstverwaltung der Wissenschaften und ihrer wissenschaftlichen Autonomie. Eine „peer review“ im Sinne der wissenschaftlichen Selbstkontrolle ist das schon gar nicht. Und eine „flächendeckende Überprüfung“ wird nichts anderes bewirken, als eine fortschreitende Normierung und Formalisierung wissenschaftlicher Texte und die Reduktion des Begriffs „wissenschaftliches Arbeiten“ auf die Frage: „Wie zitiere ich form- und normgerecht?“. Und das kann jeder lernen, dazu braucht’s keine Matura (kein Abitur), nicht einmal ein Studium. Und nebenbei: Erkenntnisse „gewinnt“ man, man „produziert“ sie nicht.

  7. Johann Richter

    Die Fachhochschulen Deutschlands haben n.m.W. grundsätzlich keine Promotionsrecht (sie sind nicht für die Rekrutierung „höheren“ wissenschaftlichen Nachwuchses vorgesehen bzw. damit beauftragt), sodaß sich diese Hochschulen nicht mit der nachträglichen Begutachtung / Überprüfung der bzw. Plagiatsjagd bezüglich der Dissertationen beschäftigen müssen.

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