Fischer-Lescano und die Bauernopfer-Referenz

Plagiieren und Paraphrasieren sind objektive Tatbestände. Plagiate widersprechen den wissenschaftlichen Grundregeln, Paraphrasen sind mehr als unschön, insbesondere dann, wenn vom Original noch kurz vorher korrekt zitiert wurde. Dieses Spiel heißt, wie schon oft hier im Blog erwähnt, die „Bauernopfer-Referenz“ (ein Begriff von Benjamin Lahusen): Jemand zitiert aus einer Quelle korrekt mit Anführungszeichen, schreibt dann seinen eigenen Fließtext weiter – so sollte man zumindest denken. Allerdings ist dann auch dieser Fließtext mehr oder weniger stark am Original angelehnt. Das geht nicht in der Wissenschaft.

Funde dieser Art müssen objektiv und vorurteilsfrei diskutiert werden. Dabei ist es völlig egal, ob es Guttenberg-Gegner oder -Befürworter, Guttenberg-Enthüller oder -Abwiegler trifft. Bereits am 6. März hat auf PlagiPedi-Wiki jemand einen meines Erachtens sehr interessanten Hinweis bezüglich der Dissertation von Andreas Fischer-Lescano gepostet, dem offenbar bislang noch niemand nachgegangen ist:

Autopoiese-Verdacht tritt also etwa dann auf, wenn die Selbstbeschreibungen des Rechts eine Rechtsquellenlehre entwickeln und praktizieren (…). Dann werden Rechtsnormen durch Verweis auf Rechtshandlungen definiert, also Systemkomponenten durch Systemkomponenten ‚produziert‘.
(Teubner 1987, S. 111 f.)

Von einem autopoietischen Recht kann also erst dann gesprochen werden, wenn die Selbstbeschreibungen des Rechts sekundäre Normen entwickeln, Rechtsnormen auf Rechtshandlungen verweisen und damit Systemkomponenten durch Systemkomponenten produziert werden.
(Fischer-Lescano 2005, S. 119 f.)

Ich habe mir die Passage bei Fischer-Lescano auf Libreka angesehen. Vor dem inkriminierten Text Fischer-Lescanos wird Teubner mit Anführungszeichen zitiert. Dann folgt Fließtext Fischer-Lescanos. Das Original Teubners wird etwa hier auf S. 84 zitiert. Der Vergleich ist eindeutig. Ein Urteil traue ich mir sogar inhaltlich zu, weil ich selbst zur Autopoiesis-Theorie Maturanas und Luhmanns genug publiziert habe – Teubner vertritt hier im Gegensatz zur orthodoxen Systemtheorie einen gradualisierten Autopoiesis-Begriff, den Fischer-Lescano durch das Abschreiben unhinterfragt übernimmt.

Offenbar hat auch Fischer-Lescano eine „Bauernopfer-Referenz“ eingesetzt, er hat also stark paraphrasiert oder – wenn wir streng sein wollen – plagiiert. Das ist nicht schön, das sollte er nicht – niemand. So oder so.

Empirisch interessiert mich langsam: Wie viele Wissenschaftler texten eigentlich nach diesem Prinzip, das, wenn massiv eingesetzt, auch schon Titelaberkennungen zur Folge hatte? Wo und wie ziehen wir nun, nach diesem neuerlichen Fund, die Grenze?

6 Gedanken zu „Fischer-Lescano und die Bauernopfer-Referenz

  1. Peter

    Hallo Herr Dr. Weber!

    Wir sprechen hier ja vom „Aufdecker“ der Guttenberg-Dissertation, richtig?
    Ist es Ihrer Meinung nach nicht zu wenig, Fischer-Lescano nur diese eine Stelle vorwerfen zu können? Für den echten Plagiatsvorwurf scheint mir das schon sehr „dünn“. Aber es ist ein spannender Hinweis.
    Für das Verständnis der interessierten Leserschaft: hat Fischer-Lescano bei seinem Paraphrasieren hintenan (etwa ans Ende vom Absatz) nicht etwa mit einem „Vergleiche Teubner 1987, S 111f.“ indirekt zitiert? Steht dieser eine Satz ganz ohne Verweis da? Danke Ihnen.

    Gruß,
    Peter

  2. sw

    Lieber Peter,

    das können Sie auf Libreka selbst überprüfen: Der Satz und der ganze Absatz stehen ohne jeden Verweis da. Natürlich wäre ein Plagiatsvorwurf gegenüber Fischer-Lescano nach diesem einen (ersten?) Fund an den Haaren herbeigezogen.

    Doch worum geht es? Der Fund weist auf eine Arbeitsweise hin, die in der Wissenschaft eigentlich vermieden werden soll bzw. (je nach Strenge) vermieden werden muss. Schon im Jahr 1990 hieß es in einem Lehrbuch „Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten“: „Paraphrasen sollten vermieden werden.“ Daran hat sich bis heute sicher nichts geändert, eher im Gegenteil: Die Regeln wurden in den vergangenen Jahren eben wegen sich häufender Plagiatsfälle eher verschärft.

    Das Problem ist: Diese Arbeitsweise, das paraphrasierende bis teilplagiierende (wie gesagt, je nach Strenge) Kleben-Bleiben am Original ist offenbar in gewissen Wissenschaftsdisziplinen (Geisteswissenschaften sicher, Jus, BWL (?)) weiter verbreitet als angenommen. Vielleicht finden sich in 30 bis 60 Prozent der Arbeiten, wenn wir so genau hinsehen wie hier, Bauernopfer-Referenzen und deutliche Paraphrasen. Doch wenn dies methodisch geschieht, sind die Arbeiten wissenschaftlich eher wertlos. Denn wenn ich nun Fischer-Lescano mit diesem Textsegment korrekt zitiere, zitiere ich ja eigentlich 80 Prozent Teubner mit, ohne es zu wissen. Das kann bei der n-ten Übernahme dazu führen, dass sich Fehler einschleichen. Genau aus diesem Grund gibt es ja strenge Zitierregeln, an die sich Fischer-Lescano in diesem einen Beispiel sicher nicht gehalten hat.

    Überdies stellt sich immer die Frage: Einzelfund (die berühmte ‚vergessene Fußnote‘) oder Hinweis auf methodisches Vorgehen gemäß Induktionsprinzip? Es wäre sicher interessant, sich die Arbeit in Bezug auf diese Fragestellung digital wie analog ganz genau anzusehen, wozu mir leider im Moment die Zeit fehlt. Vielleicht (hoffentlich) erledigen das andere.

    LG
    sw

  3. Peter

    Sehr geehrter Herr Dr. Weber!

    Gut, wenn der Satz ganz ohne Verweis da steht, kann man das sehr wohl ein „Plagiat“ nennen – wenngleich man hier immer sehr vorsichtig sein sollte.
    Was ich nicht ganz verstehe, ist Ihre Einstellung zum Paraphrasieren. Guttenberg hat viel paraphrasiert (war nicht seine gesamte Arbeit ein Paraphrasieren von Literatur?) und dabei wenig zitiert – das wissen wir jetzt alle.
    Andererseits hatte Guttenberg ein Thema gewählt, das auch nur einen Literaturvergleich zulässt – sprich: etwas eigenes zu forschen war dabei wohl nicht möglich. Da hätte wohl die Forschungsfrage anders lauten müssen. Bei einem Literaturvergleich bleibt doch nur die Paraphrase – mit Verweis auf die Quelle natürlich. Wenn also eine komplette Dissertation mit einem literaturvergleichenden Thema mehr oder weniger nur aus Paraphrasen besteht, diese aber sauber ausgewiesen sind, dann ist das „Kleben-Bleiben“ (wie Sie es nennen) am Text doch gute und bewährte Praxis. Denn an deutschen Universitäten wird viel mehr gelehrt, dass wörtliche (!) Zitate nach Möglichkeit vermieden werden sollen und nur dann gemacht werden sollen, wenn eine Formulierung im Original so exzellent und wichtig ist, sodass sie nicht abgeändert werden kann, ohne dass sie den Sinn verliert.
    Wenn Sie – um auch auf Ihr Beispiel einzugehen – Fischer-Lescano korrekt zitieren und damit (unbewusst) 80% Teubner mitzitieren, so haben Sie sich wissenschaftlich korrekt verhalten – weil Ihre Quelle Fischer-Lescano von Ihnen korrekt zitiert wurde. Da hat Sie Teubner – sofern Sie nicht auch diese Literatur verarbeiten – nicht zu interessieren. Sie müssen um wissenschaftlich korrekt zu arbeiten ja Ihre (!) Quelle angeben, nicht die Quelle Ihrer Quelle.
    Damit ist nämlich Ihr Zitat leicht nachforschbar und das eventuell „schwammige“ von Fischer-Lescano wird dann als „schwammig“ erkannt, wenn jemand dann weiter geht und bei Teubner nachliest. Vielleicht finden Sie etwas Zeit, sich mit meinen Erläuterungen auseinander zu setzen. Mich würde Ihre Sichtweise dazu auch interessieren.
    Es ist jedenfalls interessant, dass Fischer-Lescano selbst nicht zu 100% sauber gearbeitet haben soll. Vielleicht können wir ja Guttenberg den Hinweis zukommen lassen. Es ist anzunehmen, dass er jetzt mehr Zeit hat als noch vor zwei Monaten.

    Gruß,
    Peter

  4. Peter

    Sehr geehrter Herr Dr. Weber!

    Es würde mich freuen, wenn Sie auf meine Ausführungen antworten würden.

    Gruß,
    Peter

  5. admin

    Ich bemühe mich – das ist eine Zeitfrage. Ich begrüße es SEHR, wenn wir ins Detail gehen. Sie hören von mir!
    LG
    sw

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