Fall von der Leyen: Plagiat ja, Rücktritt möglich, aber Aberkennung nein?

VroniPlag Wiki hat also wieder einmal in bemerkenswerter philologischer Akribie ganze Arbeit geleistet: Die Plagiate in den einleitenden beiden „Theorie“-Kapiteln 1 und 3 sowie im Kapitel 6 („Diskussion“) der Dissertation von Ursula von der Leyen sind nicht mehr wegzudiskutieren. Auffällig viele falsch eingestreute Literaturreferenzen, schlampige Arbeitsweise und Referenzfehler durch Übernahmen aus der Sekundärliteratur, die so auch zu inhaltlichen Fehlern führten, kommen dazu. Ja, so etwas kann gerade in der Medizin richtig gefährlich werden. Hier ist aber auch schon eine erste Differenzierung angebracht: Zitiermängel und Fehler müssen, isoliert betrachtet, nicht auf Täuschung hinweisen. Falsch eingestreute Literaturreferenzen können, aber müssen nicht auf Täuschung hinweisen. Die ebenfalls vorhandenen, zum Teil gar nicht so kurzen Plagiatsfragmente indes schon.

VroniPlag Wiki zitiert § 4 Abs. 2 der damals an der Medizinischen Hochschule Hannover gültigen Promotionsordnung (man verzeihe mir hier dieses Sekundärzitat):

„Feststellungen, Theorien und Zitate werden mit Nennung der Autoren im Text oder durch Hinweise auf das Schriftenverzeichnis gekennzeichnet.“

Damit ist die medizinische (und auch naturwissenschaftliche) Zitierweise gemeint: Referenzen auf Literatur werden entweder namentlich mit Nennung der Autoren im Fließtext (dies hat von der Leyen mit Autorennachnamen in Großbuchstaben und in runden Klammern getan) oder numerisch durch in eckige Klammern gesetzte Zahlen mit Verweis auf das dann ebenfalls numerisch geordnete Literaturverzeichnis gesetzt (diese Variante hat von der Leyen nicht gewählt).

Die Promotionsordnung enthält offenbar keinen Hinweis auf die Verpflichtung zur Kennzeichnung wörtlich übernommener Textbausteine mit Anführungszeichen. Hier wird man, wie im Fall Schavan, medizinische Methodenliteratur aus der damaligen Zeit ausfindig machen müssen, die auch in Hannover Gültigkeit hatte. Wenn der Nachweis gelingt, dass die damalige Methodenliteratur für medizinische Dissertationen in Hannover die Verpflichtung zur Setzung von Anführungszeichen enthält und andernfalls ein Plagiat vorliegt, ist erhebliches Plagiieren wohl nicht mehr wegzudiskutieren.

Eine Ermessensentscheidung wird dann sein, ob die Plagiatsfragmente werkprägenden Charakter haben, obwohl in zwei Kapiteln (Kapitel 4: „Material und Methoden“ und Kapitel 5: „Ergebnisse“) keine Plagiate gefunden worden sind (was wiederum noch nicht heißt, dass diese Kapitel komplett plagiatsfrei sind). Durchaus knifflig ist die Frage: Ist der wissenschaftliche Kern der Dissertation von Frau von der Leyen der theoretische Teil oder der empirische Teil, oder enthält die Arbeit ‚zwei Kerne‘? Rein quantitativ überwiegt der theoretische Teil gegenüber dem empirischen, wenn man Kapitel 6 („Diskussion“) nicht zum empirischen Teil zählt. In diesem wurden jedoch drei Übersetzungsplagiate gefunden, die auch beachtlich sind, sowie ein Bauernopfer.

Frau von der Leyen hat also plagiiert. Eine Erschütterung und ein Vertrauensverlust in die bundesdeutschen Politiker mehr. Und ihrer Doktorarbeit ist auf Grund zahlreicher zusätzlicher Fehler inhaltlich nicht mehr zu trauen. Sollte sie eine solche Arbeitsweise auch noch heute pflegen, wird mir unwohl bei dem Gedanken, dass so jemand Verteidigungsministerin ist.

Fazit: Plagiat ja, der Rücktritt sollte alleine schon auf Grund des Vertrauensverlustes in von der Leyens Arbeit(sweise) erfolgen, aber es könnte sehr wohl sein, dass der Doktorgrad nicht aberkannt werden wird. Außer, jemand liefert schnell den nötigen Beweis in Form von Methodenliteratur, die die Setzung von Anführungszeichen im damaligen Kontext klar regelt.

Zum Vergrößern anklicken. Zwei plagiatsfreie Kapitel - sind sie der Kern der Arbeit, halten sich diese Kapitel und die Kapitel mit Plagiaten die Waage oder überwiegen sogar letzere?

Zum Vergrößern anklicken. Zwei plagiatsfreie Kapitel – sind sie der Kern der Arbeit, halten sich diese Kapitel und die Kapitel mit Plagiaten die Waage oder überwiegen sogar letzere?

Zum Vergrößern anklicken. Aus S. 7 der Dissertation: von der Leyen setzte auch direkte Zitate unter Anführungszeichen ein. Sie kannte also auch diese Technik. Warum an zahlreichen anderen Stellen nicht?

Zum Vergrößern anklicken. Aus S. 7 der Dissertation: von der Leyen setzte auch direkte Zitate unter Anführungszeichen ein. Sie kannte also auch diese Technik. Warum an zahlreichen anderen Stellen nicht?

Ein Gedanke zu „Fall von der Leyen: Plagiat ja, Rücktritt möglich, aber Aberkennung nein?

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