„Fake Science“: „Organisierte Kriminalität“ oder „gefährliche Kampfparole“?

Kaum jemand aus dem Wissenschaftssystem hat bislang zum Thema „Fake Science“ reagiert. Eine Ausnahme machte heute in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ folgende Autorin:

Martina Mara ist Professorin für Roboterpsychologie an der JKU. Twitter: @MartinaMara E-Mail: mara@nachrichten.at

Bei der Autorenzeile dachte ich zunächst an einen Scherz des Redakteurs oder der Redakteurin, eben in Anspielung auf „Fake Science“, ähnlich der erfundenen „Universität Himmelpforten“ in der NDR-Dokumentation. Aber siehe da, eine Martina Mara, Professorin für „Roboterpsychologie“, gibt es an der Johannes Kepler-Universität (JKU) Linz tatsächlich. – Was macht „Roboterpsychologie“? Ich dachte an Chatbots, die psychologische Dienste übernehmen, so wie Roboterjournalismus oder Roboteranwälte. Aber wieder habe ich mich geirrt. „Roboterpsychologie“ untersucht psychologische Aspekte der Interaktion von Mensch und Roboter. Ist es dafür nicht ein wenig zu früh?

Maria Mara macht sich also auf, um das Phänomen „Fake Science“ zu relativieren:

„Die Debatte in diese Richtung und unter dieser Kampfparole zu führen, ist falsch und gefährlich. Der Fokus wird damit weg von geschäftstüchtigen Betrügern hin zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelenkt. […] So oder so sind ihre Studien aber nicht automatisch ‚Fakes‘. Zur Einordnung: Nur rund ein Prozent der deutschsprachigen Forscher hat überhaupt je in solchen ‚Predatory Journals‘ veröffentlicht.“

Und ganz genau darauf soll der Fokus ja auch gelegt werden, „hin zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“. Die Recherchen der JournalistInnen haben klar gemacht, dass jeder vernünftig denkende Mensch sofort merken müsste, dass er an einer Fake-Konferenz teilnimmt. Das sollte nun auch für AkademikerInnen gelten. Wer hier schweigend mitspielt – womöglich über Jahre –, ist auch dann ein/e Fake-WissenschaftlerIn, wenn sie/er einen formal korrekten Vortrag gehalten hat (den sie/er wahrscheinlich auch schon auf fünf anderen Konferenzen vom Blatt gelesen hat). Niemand sollte in der Wissenschaft so dumm sein, dass er hier „Inszenierungen aus Naivität“ aufsitzt (so Mara).

Wissenschaft bedeutet Kritik, sagt JKU-Kollege Gerhard Fröhlich. Wenn diese verstummt und betrügerische Praxen stillschweigend hingenommen werden, machen sich WissenschaftlerInnen zu Komplizen dieses Betrugs. Damit widersprechen sie ihrem eigenen Ethos, der guten wissenschaftlichen Praxis und dem Erkenntnisziel der Wahrheit.

„‚Fake Science‘ ist organisierte Kriminalität“, hieß es gestern in einer bundesdeutschen Presseaussendung. Ohne die parteipolitische Quelle bewerten zu wollen, ist dem Inhalt dieser Aussendung rechtzugeben. Ich wiederhole: Es handelt sich um strafrechtlich relevanten gewerbsmäßigen Betrug. Und die teilnehmenden WissenschaftlerInnen sind nicht naive ahnunglose Opfer, sondern höchst aktive MitttäterInnen, die ihre Institute und die Ministerien finanziell geschädigt haben. In mutmaßlich dreistelligen Millionenbeträgen.

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