Neue Auswüchse einer “Textkultur ohne Hirn” in Wirtschaft und Politik

Wozu noch selbst texten? Die “McDonaldisierung” der Gesellschaft hat längst auch unsere Textkultur erfasst. Kritiker wie ich und einige andere Blogger sehen einen Trend zur zunehmenden Verlogenheit der Gesellschaft, zur zunehmenden Austauschbarkeit, wenn nicht gar Überflüssigkeit des Gesagten. Sprachphilosophisch gesprochen: Es werden eben nicht nur die Satzinhalte (“Kommunikationsbotschaften”), sondern die Aussagesätze selbst recycelt. Welcher Rede können wir noch trauen?

Zwei Enthüllungen aus der Blogosphäre aus den vergangenen Tagen:

1. Eine bundesdeutsche Grün-Politikerin hält eine Rede, die sich zumindest stark paraphrasierend (bei wohlwollender Auslegung), wenn nicht plagiierend an eine andere Rede anlehnt. Das hatten wir übrigens schon vor einiger Zeit bei einem österreichischen Bischof. Mich interessiert die Frage, warum so etwas geschieht. Folgende Gründe wären möglich:

* Die Plagiatoren sind intellektuell nicht imstande, einen eigenen Text zu verfassen.

* Die Plagiatoren haben nicht den Mumm, einen eigenen Text zu verfassen. Sie wollen auf Nummer sicher gehen und sich an Bestehendem orientieren, aus Angst, das Neue könne abgelehnt werden bzw. nicht funktionieren.

* Die Plagiatoren glauben, dass es heutzutage Usus ist, so zu verfahren.

* Die Plagiatoren scheren sich weniger um das Was (den Inhalt) und mehr um das Wie (die Präsentation).

* Die Plagiatoren wussten gar nichts vom Plagiat, weil sie Ghostwriter beschäftigen.

Angst macht mir immer die Möglichkeit, These 1 könne zutreffen.

2. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch diese Entdeckung: Man google den Satz “Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition”. Dieser wird, im Verein mit ganzen identischen Absätzen, wenn nicht sogar kompletten Darlegungen von Unternehmensphilosophien bzw. -leitbildern, auf deutschsprachigen Webseiten von hunderten Unternehmen, vorwiegend aus der Unternehmensberatungsbranche verwendet. Allerdings tun alle so, als wäre damit ihr Alleinstellungsmerkmal beschrieben worden. Warum haben sich all diese Unternehmensberater für eine derartige Textkultur ohne Hirn entschieden? Teilweise haben Start-Up-Unternehmen, die es erst seit einigen Monaten gibt, die also alles andere als eine Tradition aufweisen können, den Satz im Verein mit einem weiteren Standard-Wording übernommen. Wie beraten diese Unternehmen andere? Inwiefern sind all diese Unternehmensberater kompetent, wenn es etwa um Fragen des Textens für das Web geht? Ist irgend jemandem der Widerspruch zwischen Satzinhalt und kopierender Praxis aufgefallen?

***

Man kann die Sache auch anders sehen: Nur einige verschrobene Blogger wie Ihr werter Plagiatsgutachter bemerken solche Dinge. Plagiate in akademischen Qualifikationsschriften würden dann perfekt auf eine Wirtschafts- und Arbeitswelt vorbereiten, in der Textbrocken zunehmend homogenisiert werden und Abkupfern Norm geworden ist. Nun ja: Dann sollten wir dringend alles überdenken, beginnend mit dem Deutschunterricht an Schulen. Und Lehrveranstaltungen wie “Einführung in die Heuchelei” oder “Seminar: Wie man perfekt Kompetenz vortäuscht” müssten Altbackenes wie “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten” ersetzen. Ich erwarte die erste Stellenausschreibung in Betriebswirtschaft: “W3-Professur für professionelle Simulation von Expertise”. Wenn es zutrifft, dass Wirtschaft und Politik (und womöglich auch Religion, Kunst und andere Sozialsysteme) zunehmend so funktionieren, wozu dann noch das ganze Bemühen um Redlichkeit, Zitiergenauigkeit, Quellenkritik, kreatives Schreiben? Vielleicht hat Ihr werter Plagiatsgutachter die Grundregeln der Wirtschaft bislang nicht verstanden.

4 Kommentare zu „Neue Auswüchse einer “Textkultur ohne Hirn” in Wirtschaft und Politik

  1. Erbloggtes

    Plagiate in akademischen Qualifikationsschriften bereiten perfekt auf diese Wirtschafts- und Arbeitswelt vor. Insbesondere ist man nach Abgabe einer solchen Arbeit jung und unverbraucht, hat die Haare schön und hatte nebenbei Zeit für Vitamin B. Das ist auch das, was in den meisten Berufen gefordert wird. Kompetenzsimulation.
    Taschenbuch-Ratgeber dazu gibt es seit Jahrzehnten. “Uni-Angst und Uni-Bluff”, ein Klassiker von 1977 (siehe hier), ist aber nicht einfach die Anleitung zum Schummeln, sondern baut auf eine Funktionsanalyse des Universitätsbetriebs auf. Ausgehend von den Plagiatsmengen müsste man eigentlich eine Analyse machen:
    Plagiate <– Kompetenzsimulation <– Zeitdruck <– Zunahme oberflächlicher Konkurrenz <– kritische Gesellschaftsanalyse
    Angst wird als verantwortlich für Bluff angesehen. Wenn die Angst wächst, werden die heruntergebeteten Normen zu Lippenbekenntnissen. Angstfrei studieren – wie soll das heute gehen?

  2. admin

    Lieber Erbloggtes Bloggender,

    na mit diesem Posting outen Sie sich doch als älteres Semester, oder ;-)?

    Aber wovor haben die Leute Angst? Angst vor der wie auch immer “besseren” Konkurrenz? Angst, keinen Job zu bekommen oder ihn zu verlieren? Hat man nicht als Plagiator hausgemachte Angst, nämlich die Angst, eines Tages entdeckt und am Ende gar von Menschen wie mir öffentlich vorgeführt zu werden?

    Ich bin mir nicht sicher. Gerade habe ich einen interessanten Artikel zu psychologischen Aspekten des Plagiierens gelesen (noch unveröffentlicht). Mich interessiert immer mehr die Frage: Warum wird plagiiert? Was war etwa bei diesen mutmaßlich hunderten großteils One-Man- (Woman-)Beratungs”unternehmen” die Motivation für das Textplagiat? Woher nahm man die Textbausteine, warum galten die überhaupt als “best practice”? Wer garantierte wo wann deren “Funktionieren”?

    Und wenn wir die These aufstellen, dass die Wirtschafts- und (Kopf)arbeitswelt immer hirnloser wird (und dafür sammle ich ja derzeit Indikatoren), gäbe es einen Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen, Korruption etc.?

  3. Briegel

    Daß hier der Übernahmefall der “geklauten” Rede übernommen wurde, verwundert mich.

    Daß hochrangige Politiker einen großen Teil ihrer Reden nicht selbst schreiben, ist doch bekannt. Wenn aber bekannt ist, daß das so ist, dann ist selbst der Begriff Ghostwriter übertrieben.

    Ist es aber dennoch angebracht, im vorliegendem Fall von einer “Textkultur ohne Hirn” zu sprechen?

    Von einer Rede zur Begründung eines Parlamentsantrages erwarte zumindest ich nichts Neues, sondern vor allem eine schlüssige Argumentation und inhaltliche Korrektheit. Besondere Formulierungen, inhaltliche und sprachliche Individualität und so weiter erwarte ich nicht.

    Das ist etwas anderes bei Reden wie z.B. den Berliner Reden, Reden zur Übernahme der US-Präsidentschaft, aber auch Weihnachts- oder Neujahrsansprachen von Bundespräsidenten und Bundeskanzlern, da erwarte ich eine gewisse Originalität und nicht nur einen nahezu vollständigen Abklatsch vom Vorjahr.

    Auch sollte man beachten, welche Ressourcen für ein Amt vorhanden sind. Eine Bundeskanzlerin oder ein Bundesaußenminister sollte sich jemanden leisten können, der gute Reden schreiben kann. Aber ist zu erwarten, daß sich eine Landtagsfraktionsvorsitzende
    einer Fünfzehn-Prozent-Partei einen guten Redenschreiber leisten kann? Oder sollte sie es evtl. selbst sogar können? Erst recht, wenn sie Politikwissenschaften studiert hat?

    Was spricht dagegen, sich z.B. für Geschäftsbriefe, Behördenbriefe, Widersprüche usw. Formulierungen aus Vorlagen zu übernehmen oder gleich Mustertexte zu verwenden?

    Ich versuche gerade den Unterschied zur Rede im Gemeinderat oder eben auch Landtag zu finden, kann ihn aber nicht erkennen.

    Oder anders gesagt: Ich kann bei der vorliegenden Übernahme das Problem nicht erkennen, denn der Redetext erfüllt seine Funktion und mangelnde Kreativität oder Eigenständigkeit kann ich in einem solchen Fall nicht als Problem erkennen.

    Und genau das ist der Unterschied zum zweiten Fall, der Übernahme von Texten auf Websites, denn diese Texte erfüllen ihre Funktion nicht, die Individualität der Firma zu verdeutlichen bzw. Individualität suggerieren zu wollen, wo gar keine vorhanden ist, oder sind sogar inhaltlich falsch (Behauptung einer Firmentradition, wo gar keine vorhanden ist).

    Nicht jede Übernahme ist problematisch und auch nicht überall ist es pflicht oder zumindest üblich, eine Übernahme auszuweisen.

  4. Erbloggtes

    Die Angst des Plagiators vor der Entdeckung ist vermutlich vorhanden, aber gering, und erscheint ihm beherrschbar. Dazu gehört der Glaube “wird schon keiner merken”, “liest bestimmt keiner so genau” usw. Das unterscheidet sie von der unbeherrschbaren Angst vor sozialem Abstieg, vor eigenem Versagen, und davor, imaginierten Ansprüchen nicht entsprechen zu können. T.-U. L. von Eichenbach schildert das ja in seinen Dissertations-Dokumenten plastisch.
    Ein psychologischer Trick des Plagiators dürfte sein, dass er durch das Einreichen eines Textes, der gar nicht wirklich sein eigener ist, auch nicht persönlich scheitern kann. (Das eigene Scheitern liegt dann nur in der Nichterfüllung von Lippenbekenntnissen.)

    Wegen des erwähnten Artikels zur Psychologie des Plagiierens erlaube ich mir auf Zusammenfassungen und Diskussionen psychologischer Artikel zu verweisen, die ich im Herbst 2011 gebloggt habe: Versuche, den Fall Guttenberg zu verstehen und Neue Versuche, den Fall Guttenberg zu verstehen.

    Den “Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen” sehe ich übrigens andersherum: Die Wirtschaftskrise befeuert Abstiegsängste, starken Konkurrenzdruck, um den eigenen gesellschaftlichen Status auch nur erhalten zu können. Das befördert Plagiate.

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