Mit ‘Zitat’ getaggte Artikel

Autorschafts-, Zitats- und Plagiatsforschung: Skizze eines neuen Forschungsfelds

Donnerstag, 25. April 2013

Es ist schon rätselhaft: Alle sagen, das muss nun erforscht werden, aber niemand geht es an. Ich habe deshalb nun selbst mit zwei am Thema interessierten Kollegen einen Forschungskatalog bzw. eine Aufgabenliste erstellt. Wir möchten in naher Zukunft zumindest einige dieser Punkte abarbeiten. Zunächst stehen ein Forschungsprojektantrag (Kooperation in Österreich) und ein Buchprojekt in Deutschland (“Handbuch des Zitierens”) auf der Tagesordnung.

Gibt es vielleicht doch eine aufgeschlossene Universität, die die erste sein möchte, die ein solches Institut gründet? Gibt es Partner aus der Wirtschaft – etwa von Produktplagiarismus betroffene internationale Unternehmen oder Buchverlage, denen Copy & Paste im Internet zu schaffen macht -, die ein solches Institut bzw. dessen Grundsteinlegung fördern würden? Diese Blogmeldung soll durchaus den Charakter eines “öffentlichen Aufrufs” haben: Die Idee ist da, nun bedarf es der Umsetzung!

Die Fälle Guttenberg, Schavan und Co. zeigten ja nicht nur, dass das Plagiatsproblem in der Wissenschaft übersehen und damit in der akademischen Welt viel Schein statt Sein hervorgebracht wurde. Sie zeigten darüber hinaus, dass die Wissenschaft sich viel zu wenig oder gar nicht mit ihren eigenen Grundlagen, mit ihrer eigenen “Referenzkultur” beschäftigt hat. Es gibt Forschungen zu allen möglichen ‘Objekten’ in der ‘realen Welt’, aber nicht zu den grundlegenden Techniken der sprachlichen Weitergabe des Wissens über diese Objekte. Wie kam es historisch zu dieser Lücke, zu dieser speziellen Form der “Methodenvergessenheit”? Fast wäre auch dies reflexiv ein weiteres Thema für die Forschungsagenda.

Es gibt mehr als eine Großbaustelle:

Warum ist die Situation auf dem Lehrbuchmarkt so unbefriedigend? Warum gibt es Lehrbücher und Online-Lehrbehelfe, die unter dem indirekten Zitat das Umschreiben existierender Literatur verstehen und solche, die dies explizit verbieten? Warum ringt man sich nicht zu einheitlichen Standards und Definitionen durch? Viele Studenten würden in der derzeitigen Situation dafür dankbar sein.

Und was hat Google mit den zehn bis 20 Millionen (?) eingescannten Büchern aus den Bibliotheken vor? Warum gibt es nicht schon längst einen “Google Plagiarism Check“, mit dessen Hilfe man ganze Dokumente und nicht nur Wortketten auf Plagiat überprüfen könnte? (Stünde dies der Kreation einer “künstlichen Intelligenz” im Wege? Wohl eher im Gegenteil, außer Google hat nur seine eigene Intelligenz im Auge und nicht die der Menschen.)

Also:

Was ist der wahre Grund, warum (bislang) keine deutschsprachige Universität hier etwas Neues institutionalisieren will (die erste Uni, die das Plagiatsthema wirklich offensiv und mit Forscherneugier angehen würde, würde medial ohne Zweifel viel Lob ernten)?

Und was ist der wahre Grund, warum Google (bislang) keinen Plagiatsdienst anbietet, der sich sogar – ähnlich wie die Google Buchsuche – als Geschäftsmodell etablieren ließe (die Suche wäre wie immer unbezahlt; bei Funden könnten Links zu Bestellmöglichkeiten der plagiierten Quellen in Print angeboten werden)?

Das sind die Fragen: an die Wissenschaft, an die (Internet-)Wirtschaft.

Das Flottieren der Sätze oder: Wer hat’s von wem?

Samstag, 02. Februar 2013

Irgendwie ist das komisch…

Quelle: Universität für Angewandte Kunst Wien, Medientheorie, mutmaßlich nach 2005

Quelle: Christian Pohl, Grundlagen einer systemtheoretischen Medienbetrachtung, Januar 2005

Eine Dissertation als Textbrocken-Collage: Ist das Wissenschaft?

Mittwoch, 16. Januar 2013

Ein Bild vervollständigt sich: Nach dem Abgleich mit drei weiteren Büchern von Hermann Korte, Heinz-Günter Vester und Max Weber höchstselbst ergeben sich immer mehr Indizien für ein werkprägendes Muster. TU-Dresden-Professorin und Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Döveling hat ihre Dissertation nicht “vollständig selbstständig” geschrieben, wie es die deutschen Verwaltungsgerichte fordern*, sondern hat methodisch die Werke anderer ab- und umgeschrieben, ohne das Ausmaß der jeweiligen Übernahmen kenntlich zu machen. Für den Leser oder Begutachter der Dissertation ist es damit nicht möglich, zwischen eigenem Text Dövelings und Texten anderer, zwischen eigenen und fremden Ideen deutlich zu unterscheiden. Man muss genau hinsehen, siehe die Liste der bislang gefundenen Übereinstimmungen.

Hier nur ein Beispiel von vielen: Bei Heinz-Günter Vester (“Emotion, Gesellschaft und Kultur”, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1991) steht im Original auf S. 188:

Daraus wird bei Katrin Döveling auf S. 161:

Vester wird im markierten Segment in Fußnote 945 mit “Vgl.” einmal erwähnt, es werden aber auch Tarde und Durkheim analog referenziert. Wird dem Leser dadurch klar, dass das “Wording” in Wahrheit von Vester stammt, wie auch die Hinweise auf Tarde und Durkheim? Und das Wort “tautologisch” im Original dürfte Döveling nicht gefallen haben, sie machte aus „tautologisch und psychologistisch“ bei Vester ein „zu psychologisch”. Für mich ist diese Umschreiberitis keine Wissenschaft.

* Siehe die hochinteressante Zusammenfassung von Urteilen der vergangenen Jahrzehnte in: Daniela Schroeder, “Die Entziehung des Doktorgrades wegen Täuschung in der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung”, in: NWVBl., Heft 5/2010, hier S. 179.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 3, to be continued)

Mittwoch, 21. November 2012

Anbei die Liste mit den neuen Funden (Stand: 21. 11., 17:00). – Wie kam es etwa zu folgender Textübereinstimmung? Frau Döveling schreibt auf S. 57 der Buchfassung ihrer Dissertation:

“Die Frage ist also, in welchem Ausmaß Medien tatsächlich Themen setzen, um welche Themen es sich hierbei handelt und welche Medien in diesem Prozess stärkeren Einfluss haben. Zudem muss geklärt werden, wie lange der Einfluss anhält, welchen Verlauf er nimmt (z.B. über Dritte) und welche gegensteuernden Gewichte es gibt. Durch diese Fragen kommen viele Variablen in Erwägung, die bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes berücksichtigt werden müssen. Diese Faktoren werden nachfolgend dargelegt […].”

Da ist weit und breit keine Fußnote, keine Quellenangabe, keine Hervorhebung und kein Anführungszeichen, im Gegenteil: Der entsprechende Abschnitt widmet sich dem Thema “Kritik und Erweiterungen des Ansatzes”, und entwickelt wird Dövelings eigenes Konzept einer “Emotionalen Agenda“.

Man betrachte zum Vergleich folgenden Text, der sich auf hausarbeiten.de befindet und aus einer Hausarbeit für ein Einführungsproseminar in Publizistikwissenschaft stammt:

“Die Frage ist also, in welchem Maß Medien Themen setzen, welche Themen und welche Medien stärkeren Einfluß haben, wie lange der Einfluß vorhält, welchen Weg der Einfluß gegangen ist (über Dritte über das Thema informiert werden) und welche gegensteuernden Faktoren es gibt […]. Allein durch diese kleine Vorüberlegung kommen zahlreiche Variablen ins Spiel, die alle bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes mitbedacht sein wollen. […] ein Vorgang, der im folgenden nachgezeichnet werden soll.”

Frau Döveling wird ja wohl nicht aus einer Proseminar-Arbeit abgeschrieben haben. Gab es eine gemeinsame dritte Quelle? Es handelt sich bei Weitem nicht mehr nur um ein paar Übereinstimmungen. Interessant auch, dass beide, Döveling und der Hausarbeitenautor, von der “berühmt gewordene[n] These zum Agenda-Setting” sprechen, “die sich auf Cohen bezieht”…

Quelle: http://www.google.de

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 2, to be continued)

Samstag, 10. November 2012

Von “Recherchetiefe”, “Quellen-Check” und “Faktengenauigkeit” schrieb Wolfgang Donsbach vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden 2012 in einem Blog-Kommentar. Er sprach damit journalistische Kernkompetenzen an. Aber wie sieht es mit den wissenschaftlichen Kernkompetenzen aus, etwa bei den eigenen berufenen Kolleginnen? Anbei meine neue Liste (Stand: 10. 11., 15:00). Ich werde mich hüten, diese hier wertend zu kommentieren, denn die Anwälte lauern bereits auf jedes Wort, das ich hier schreibe. Ich denke aber, die Konkordanzen sprechen für sich.

Schade, wenn nicht furchtbar, dass die Auseinandersetzung um Qualitätssicherung in einem Fach so geführt werden muss. Alle, die sich an meiner Veröffentlichungsmethode stoßen, bitte ich zu bedenken, dass hier eine Begutachtung einer Dissertation vorgängig war – und eine Beurteilung mit “magna cum laude”. Ich betone weiter, dass die Fundstellen in beiden Kategorien erst der Anfang sind. Damit will ich niemanden unter Druck setzen, sondern nur dem Quantitätsargument etwas entgegenhalten. Die von der Software in Sachen Eigen-Copy-Paste ausgespuckte Liste ist etwa die längste, die ich überhaupt bislang zu bearbeiten hatte.

Ich habe Wolfgang Donsbach einen Tag nach der zweifelhaften Dresdner Podiumsdiskussion zu Plagiaten zur gemeinsamen Aufklärung eingeladen. Er hat Schweigen vorgezogen.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 1, to be continued)

Dienstag, 06. November 2012

Frau Vertretungsprofessor Dr. Katrin Döveling hat 2011 ihre Habilitationsschrift fertiggestellt und ist Promotionsbeauftragte des Instituts für Kommunikationswissenschaft. Rezensenten lobten ihre Dissertation Emotionen – Medien – Gemeinschaft durchweg, eine Fachzeitschrift urteilte im Jahr 2007 gar: “Die Arbeit von Döveling besticht in formaler Hinsicht durch akribisches Referieren und Diskutieren der relevanten Forschungsansätze.” Keine Frage – eine Erfolgsstory.

Oder? Ich habe vergangene Woche begonnen, mir die Dissertation nach Zitiertechnik und Quellenkritik genauer anzusehen. Leider musste ich feststellen, dass Frau Döveling an mehreren Stellen ihren Pflichten zur Kennzeichnung und zur Quellenangabe bei wörtlich oder fast wörtlich übernommenen Texten nicht nachgekommen ist. Die 340 Buchseiten starke Dissertation beherbergt 1.664 Fußnoten. Damit sieht auf den ersten Blick alles sehr wissenschaftlich aus. Auf den zweiten Blick verändert sich das Bild, siehe die Liste der bislang gefundenen Übereinstimmungen (mein Dank an Martin Klicken/VroniPlag für zwei weitere Funde; letzter Stand: 6. 11., 11:15). Und es ist erfahrungsgemäß nicht auszuschließen, dass sich das Bild weiter verändern wird.

Mein bisheriger Lieblingssatz aus der Arbeit findet sich auf S. 191: “Hermann J. Pottmeyer […] unterstützt mit seinen Recherchen das hier aufgestellte Argument der Funktion des Papstes als Oberhaupt der Kirche.” (Als ob wir das nicht schon vorher gewusst hätten, dass der Papst kein Messdiener ist.)

Und in einer Präsentation von Frau Döveling fand ich dieses schöne Ratespiel: Wie viele Zitierfehler befinden sich in diesem Zitat?

Quelle: http://www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Veranstaltungen/Workshops/2007/Doeveling_Praesentation.pdf

Ach (Kommunikations-)Wissenschaft, was ist nur aus Dir geworden…

PS: Von Frau Dövelings Anwälten und ihren sechsstelligen Drohsummen lasse ich mich von nun an nicht mehr einschüchtern. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Dissertation von Frau Döveling könnte wohl nur in einer Diktatur verhindert werden, aber nicht in einer offenen Wissenschaft, zu der seit einiger Zeit auch Kritik in Blogs gehört.

Plagiatsprävention als Qualitätssicherung – nur: Wo findet sie statt?

Sonntag, 07. Oktober 2012

Für ein Gutachten begab ich mich heute auf die Suche nach einer von der Wissenschaftlergemeinschaft in Österreich anerkannten Definition von “guter wissenschaftlicher Praxis” und “Plagiat”. Meine erste Anlaufstelle: Die Webseite des Forschungsförderungsfonds FWF. Da staunt man nicht schlecht: Von “guter wissenschaftlicher Praxis” oder auch nur einer Erwähnung des Worts “Plagiat” keine Spur (sofern die interne Suche funktioniert hat). Schon auf der Startseite findet sich zwar der Menüpunkt “Gender”, aber nichts zu Ethik, guter wissenschaftlicher Praxis oder Qualitätssicherung – was doch eigentlich in der Wissenschaft das Wichtigste sein sollte, oder nicht?

(Quelle: http://www.fwf.ac.at)

Unter “Zur Diskussion” versuchte ich dann, irgend ein Dokument oder Positionspapier des FWF zu finden. Denkste! Das erste File widmet sich schon wieder der Gender-Thematik und heißt “Does Gender Matter in Grant Peer Review?“. Schließlich fand ich im gut versteckten Leitbild des FWF doch noch einen Satz zur guten wissenschaftlichen Praxis, allerdings als letzten Punkt, und wieder nach “Gender Mainstreaming”.

Sind das die Prioritäten des FWF? Irgendwie passt das zu den regelmäßig bei mir eintrudelnden FWF-Hochglanzmagazinen, in denen permanent weibliche Wissenschaftler, die auch Mütter sind, mitunter peinlich hervorgehoben werden. Möchte der FWF nicht mal einen Bericht über einen wickelnden und forschenden Mann machen? Da würde sich etwa Ihr werter Plagiatsgutachter anbieten. Er war selbst für seine beiden kleinen Kinder zweimal in Elternkarenz. “Wenn Babies und Plagiatoren volle Hosen haben”, was für eine FWF-Homestory!

***

Und dann suchte ich noch auf den Webseiten österreichischer Universitäten nach “meinem” Thema (überprüfen Sie mal, wie gut versteckt auch weiterhin die Themen gute wissenschaftliche Praxis oder Plagiat dort sind!). Die Universität Klagenfurt hat mit folgendem Satz aus der vorgeschriebenen ehrenwörtlichen Erklärung – kurioserweise verschärft in Folge meiner Plagiatsaufdeckungen – den Vogel abgeschossen:

“Alle aus gedruckten, ungedruckten oder dem Internet im Wortlaut oder im wesentlichen Inhalt übernommenen Formulierungen und Konzepte sind gemäß den Regeln für wissenschaftliche Arbeiten zitiert und durch Fußnoten bzw. durch andere genaue Quellenangaben gekennzeichnet.” (Quelle: http://www.uni-klu.ac.at/main/inhalt/3054.htm)

Nun gut. Ich lasse mal beiseite, was “ungedruckte” Quellen sein sollen. Handschriftliche? In Stein gemeisselte? Ich lasse weiter beiseite, dass die Formulierung “Alle aus gedruckten, ungedruckten oder dem Internet” nicht nur ganz schlechtes Deutsch ist, sondern schlichtweg gar kein Deutsch (da fehlt ein “Quellen” nach “gedruckten” und “ungedruckten”). Dies zeigt leider nur, wie irrelevant solche ehrenwörtlichen Erklärungen offenbar sind: Sie werden nicht mal von denen genau gelesen, die sie getextet haben.

Zum Kern: Es gibt die Kennzeichnung mit Anführungszeichen. Es gibt die Quellenangabe (auch Literaturbeleg genannt, auch in Form eines Kurzbelegs nach der Harvard-Methode). Das sind zwei paar Schuhe, und die Unterscheidung ist essentiell für das korrekte Verständnis des wissenschaftlichen Zitats. Es gibt aber keine Kennzeichnung durch Quellenangaben oder Fußnoten. (Die Formulierung “Kenntlichmachung der Quelle” kommt aus dem urheberrechtlichen Kontext, in dem nur die vollständige und klar platzierte Quellenangabe entscheidend ist, das sagt auch der Oberste Gerichtshof in Österreich. Von einer Kennzeichnung durch Fußnoten hat der VwGH zuletzt 1982 gesprochen.) Die Wissenschaft ergänzte diese Verpflichtung längst durch die Kennzeichnungspflicht – nicht nur bei direkten Zitaten in Form von Anführungszeichen oder eindeutigen optischen Hervorhebungen, sondern auch bei indirekten Zitaten durch einen klaren Bezug des “Vgl.” auf ein begrenztes Textfragment.

An der Universität Klagenfurt kapiert man diese Unterscheidung nicht und lässt mal schnell ein paar tausend Studenten eine widersinnige und noch dazu sprachlich peinliche ehrenwörtliche Erklärung unterschreiben. – “Ehrenwörtliche” Erklärung, nicht “eidestattliche”: Richtig, die Klagenfurter Erklärungen sind allesamt auch noch juristisch irrelevant, wenn es wirklich zu Aberkennungsverfahren kommen sollte. Insofern ist der letzte Satz der Erklärung “Ich bin mir bewusst, dass eine falsche Erklärung rechtliche Folgen haben wird” bezogen auf den Studenten falsch, aber bezogen auf die Universität Klagenfurt korrekt: So eine falsche Erklärung sollte für sie tatsächlich rechtliche Folgen haben.

Ein neuer universitärer Skandal in Klagenfurt. Ist man dort so blöd, oder will man den Plagiatoren auch weiterhin nicht weh tun? Gaukeln sich hier beide Seiten etwas vor?

Ein Erweiterungsvorschlag: Der “Plagiatsjäger” muss auch ein “Fake-Zitats-Jäger” sein

Donnerstag, 20. September 2012

Ich verdanke den Hinweis auf dieses Problem Hadmut Danisch, der in seinem immer lesenswerten Blog “Forschungsmafia” gleich eine Kategorisierung vorschlägt. Auch ich stelle in meiner Gutachtertätigkeit vermehrt fest (da eben auch die Methoden immer ausdifferenzierter werden): Wir haben nicht nur das Problem des “echten”, intentionalen Plagiierens (von Guttenberg bis Haferkamp – und wer hier anderes behauptet, kassiert seine fette Beamtengage fürs blanke Lügen), wir haben nicht nur das Problem des schlampig-schludrigen Zitierens (diffuser Einsatz des “Vgl.” wie bei Althusmann, unvollständige Literaturangaben usw.). Diese beiden Dinge habe ich in meiner Gutachtertätigkeit immer zu trennen versucht: Intentionales Plagiieren hier und Umschreib-Unkultur (beim “Vgl.”) bis zur Zitierschludrigkeit dort. Und wir haben nicht nur drittens das Phänomen der mangelnden Quellenseriosität, das oft vergessen wird (das Zitieren von zum Teil nicht-wissenschaftlichen [vorzugsweise Web-]Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten). Auch mit Webquellen-Sampling wurde und wird man Professor.

Nochmal die (bisherige) Systematik:

(1) Intentionales Plagiat: Fälle wie Guttenberg, Haferkamp et al. Hier wird ganz bewusst der Originaltext so umgeschrieben, dass er dem Leser als eigene geistige Leistung des “Autors” erscheint und hier werden die Quellen entweder gar nicht oder aber bewusst verschleiernd angegeben (etwa als “weiterführende Literaturempfehlung” o. Ä.). Die Täuschung ist in der Regel am Text nachweisbar.

(2) Umschreib-Unkultur beim sinngemäßen Zitat und Zitier-Schludrigkeit: Eventuell könnte man auch diese beiden Phänomene noch einmal analytisch trennen; ersteres betrifft ja den Text bzw. die Textbausteine und letzteres die Form, den Inhalt oder die Platzierung der Quellenangabe(n).

(3) Mangelnde (Web-)Quellenseriosität: Siehe den unübertroffenen Klassiker der “SuperIllu” als Referenz für statistische Daten in einer Doktorarbeit.

Ein weiteres, auch für mich analytisch relativ neues Problem sind

(4) Fake-Zitate: Zitate, deren Zweck es nur ist, dem Zitierten zu schmeicheln, deren Zweck es nur ist, Belesenheit zu demonstrieren, Zitate zu Werken, die man selbst gar nicht kennt oder womöglich sogar Zitate mit Quellen, die es gar nicht gibt, weil das Zitat samt Quelle bei jemandem abgeschrieben wurde, der schon senselben Fehler gemacht hat. Ich erinnere an die Studie “Read Before You Cite!“. Wenn ich das Ergebnis richtig verstanden habe, heißt es: Wenn meine Dissertation fünf Mal anderswo später zitiert wird, hat sie statistisch gesehen nur einer/eine auch gelesen (oder in Händen gehalten, durchgeblättert, überflogen – was heißt schon “Lesen”?). Die anderen vier haben die Literaturangabe einfach irgendwo abgeschrieben (vom Online-Katalog bis eben zu der Quelle, die mich korrekt zitiert hat). Vielleicht ließe sich hier mit Google Scholar einmal etwas checken (ein jeder für seine Veröffentlichungen).

Immer deutlicher wird, dass sich die gängigen Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten mit diesen Phänomenen kaum beschäftigt haben und beschäftigen. Meine Lehrbuchprojekt “Wissenschaftliches Arbeiten und Texten” nimmt langsam Gestalt an…

PS: Nach weiteren Journalistenanfragen bezüglich meines “Haferkamp-Abschlussberichts”, der wohl erst zu Jahresende fertig sein wird, hier noch ein weiteres Beispiel zu Haferkamps Arbeitsweise:

HAFERKAMP, Buchfassung Diss, S. 79

3.2.1 Selbstdarstellungstheorien

Als Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und ihrer verwandten Ansätze kann der Symbolische Interaktionismus nach George Herbert Mead (1934) bezeichnet werden. Seine von ihm selbst als „Selbstbehaviorismus“ beschriebene Lehre, auch als Theorie des Symbolischen Interaktionismus tituliert, geht davon aus, dass die erlernte Bedeutung, mit der ein Reiz versehen wird, bestimmend für die Art der Reaktion auf diesen Reiz ist. Diese Bedeutung wird auch als Symbol beschrieben. Symbole können über Sprache, Gesten, das Umgehen mit Gegenständen usw. vermittelt werden – sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn zu tippen, gilt z. B. als Symbol für die Geringschätzung des Interaktionspartners (Mead, 1934).

FREY/IRLE, „Theorien der Sozialpsychologie“, Band III, S. 214

2          Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und verwandte Ansätze

Meads Symbolischer Interaktionismus. […] durch George Herbert Mead (1934) an. Seine von ihm selbst als „Sozialbehaviorismus“ titulierte Lehre, auch als Theorie des Symbolischen Interaktionismus bekannt, postuliert, dass die erlernte Bedeutung, mit der ein Reiz versehen wird, bestimmend für die Art der Reaktion auf diesen Reiz ist. Diese Bedeutung wird als Symbol bezeichnet. Symbole können über Sprache, Gesten, das Umgehen mit Gegenständen usw. vermittelt werden – sich mit dem Zeigefinger an die Stirn zu tippen, gilt z. B. als Symbol für die Geringschätzung des Gegenübers.

Ich habe Frau Haferkamps Umschreibarbeit diesmal fett hervorgehoben. Zu beachten ist die Änderung von „Sozialbehaviorismus“ in (unsinnigerweise) „Selbstbehaviorismus“. Das Wort gibt es gar nicht. Zu beachten ist weiter, dass sogar die Überschrift aus dem Original in den Beginn von Haferkamps Fließtext Eingang gefunden hat (“Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und ihrer verwandten Ansätze”, das stammt aus der Überschrift des plagiierten Lehrbuchs). Am Schluss der Passage wird auch noch einmal simuliert, Mead im Original rezipiert zu haben. Das ist somit auch “Umschreib-Unkultur” und “Fake-Zitat”, aber in der Summe eben mehr als bloß diese Teile: nämlich intentionales Plagiat.

Flucht nach vorne an der Uni Wien – Fragen zu einem gutachterlichen Schnellschuss

Sonntag, 13. März 2011

Auf Druck der vor einer Woche neu gegründeten “Initiative Transparente Wissenschaft” und einiger Printmedien hat die Universität Wien nunmehr selbst die Dissertation von Johannes Hahn im Volltext sowie auch das umstrittene Entlastungsgutachten des Züricher Philosophen Peter Schulthess online gestellt. Dies darf einerseits als erster Etappensieg der “Initiative Transparente Wissenschaft” gewertet werden, andererseits sollte nun aber auch ein offener Dialog über die auf den Tisch gelegten Fakten stattfinden.
Ich habe der Universität Wien am 12. Juni 2007 dieses und dieses Dokument übermittelt. Den Plagiatsvorwurf erhob ich erstmals nach dem Fund der halben von Mitscherlich übernommenen Seite, die weder mit Anführungszeichen gekennzeichnet noch mit einer Fußnote belegt ist. Der Gutachter wertet diese Passage auf Seite 4 seiner Stellungnahme so:

“(…) so dass dann zusammen mit der Tatsache, dass sehr oft auch mit Anführungszeichen zitiert wird, aus dieser Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text der Eindruck eines Plagiates entstehen kann (z.B. S. 201f, 203f). Dazu ist entschieden zu bemerken, dass die Nicht-Kennzeichnung des Zitats nicht lege artis ist (…).” (Aus dem Gutachten von Peter Schulthess, S. 4)

In einer sehr wohlwollenden Interpretation, nämlich der von Schulthess, entsteht an den inkriminierten Stellen nur der “Eindruck eines Plagiates”, aber es ist ‘in Wirklichkeit’ keines. In einer etwas strengeren Auslegung (wir sprechen hier, zur Erinnerung, von der Doktorarbeit eines zum Zeitpunkt der Diskussion im Amt befindlichen Wissenschaftsministers) könnte es sich aber auch um Plagiate handeln, wobei der Eindruck entstehen soll, dass sie keine sind, da ja an anderer Stelle wieder korrekt oder auch unzureichend zitiert wird. In der Plagiatsforschung heißt dieses Spiel die “Bauernopfer-Referenz“. Dies wird zu klären sein, und das wird wohl der Knackpunkt der Debatte werden: Findet man weitere solche Passagen, und wie werden diese im Kontext der gesamten Arbeit zu interpretieren sein?
Weitere offene Fragen sind:
- Wie war es möglich, dass ich die neuen Funde am 12. Juni 2007 der Universität Wien übermittelt habe und das Gutachten mit 21. Juni 2007 datiert ist? Herr Schulthess hatte also maximal neun Tage für das Gutachten Zeit, ein erstaunlich kurzer Zeitraum.
- Hat Herr Schulthess das Gutachten ehrenamtlich oder gegen Honorar verfasst? Wenn Letzteres: Wie hoch war das Honorar?
- Hätte die Universität Wien nach dem Hinweis auf die “Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text” und den “Eindruck eines Plagiates” nicht eine Komplettprüfung der Arbeit veranlassen müssen (in einem ähnlichen Fall, Diplomarbeit von Herrn S., wurde nach meiner Anzeige der akademische Grad recht rigoros aberkannt, ich wertete meine Funde damals als weniger umfassend als bei Hahn)? Oder zumindest ein Zweitgutachten einholen?
- Ist es überhaupt üblich und sinnvoll, dass sich ein Gutachter nur mit inkriminierten Passagen beschäftigt, aber nicht die Arbeit insgesamt beurteilt?
Überdies müsste die Universität Wien die damals gültige Promotionsordnung sowie die Zitierregeln, die für Hahn gegolten haben, offenlegen. Und da sind wir wieder beim Anliegen: Wir brauchen ein Wikileaks für die Wissenschaft, sollte die Uni Wien nunmehr nicht auch weiter für Transparenz sorgen.

Des Hahns fremde Federn (wieder mal…)

Dienstag, 22. Juni 2010

Nach der heutigen Medienberichterstattung zur “Eröffnung” des Blogs haben mich mehrere Anfragen zur Dissertation des österreichischen Ex-Wissenschaftsministers Johannes Hahn erreicht. Hier nur kurz die Info, dass die von mir entdeckten Übereinstimmungen immer noch online hier abzurufen sind: http://phaidon.philo.at/qu/?p=348 (Es handelt sich um die Dokumente “Hahn gegen Zitate” und “Hahn mag keine Anführungszeichen” 1 und 2.) Im Update darunter (“Unter dieser Adresse”) befindet sich ein HTML-Dokument des Wiener Philosophen Herbert Hrachovec, in dem die ersten hundert Seiten von Hahns Diss analysiert werden (ca. ein Jahr nach meiner Arbeit) und das ähnliche bzw. weitere Übereinstimmungen zutage förderte. Eine systematische Online- und Offline-Überprüfung der gesamten Arbeit steht noch aus, diese Dokumente betreffen nur Teile der Arbeit. Damit können auch die potenziell hochschulrechtlich relevanten Fragen der “Wesentlichkeit” und der “Erschleichung” noch nicht abschließend beantwortet werden. Die Entlastungsgutachten für Hahn, die die Universität Wien in Auftrag gegeben hatte, verfolgten auf alle Fälle nicht das Ziel, der Sache insgesamt auf den Grund zu gehen. “profil” hat unlängst berichtet, dass Gerhard Fröhlich von der Universität Linz an einer Gesamtanalyse der Diss arbeitet.

Hier die Links zur Berichterstattung von heute:
http://derstandard.at/1276413702156/Weber-kritisiert-neue-Agentur-fuer-Ueberpruefung-von-Plagiaten
http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/575707/index.do?_vl_backlink=/home/bildung/universitaet/index.do
http://studi.kurier.at/?story=769
http://science.orf.at/stories/1651480/