Die taz widmet sich einem neuen/alten Thema, auf das unter anderem auch in diesem Blog erstmals hingewiesen wurde: den dubiosen Verlagspraxen von VDM. Geschäftsidee des Verlegers ist es, möglichst viele Books-on-Demand anzubieten, wobei in einigen VDM-Subverlagen ausnahmslos Wikipedia-Artikel auf mitunter beliebig anmutende und unredigierte Weise kompiliert werden – und das für teures Geld. Als Herausgeber fungieren fiktive Autoren. Mir steht es nicht zu, die Sache rechtlich zu beurteilen, wiewohl mich wundert, dass Wikipedia und Amazon das so dulden.
Was mich allerdings erstaunt, sind zwei Dinge:
1) VDM publiziert auch Dissertationen. Man darf hoffen/erwarten, dass einige von ihnen plagiatsfrei sind
. Warum dulden es die redlichen VDM-Autoren, dass “ihr” Verlag mit zahllosen dubiosen bis sinnlosen Buchtiteln Geld machen will? Wo bleibt da der Protest der ehrlichen Promovierten gegen eine solche Verwässerung?
2) Wie ist es möglich, dass immer noch Bibliothekare auf Titeln von Alphascript, Betascript und Fastbook (so die Subverlage) hereinfallen? Im November 2010, als ich die Geschichte hier im Blog aufbrachte, zählte ich im Karlsruher Virtuellen Katalog ca. 360 Titel der genannten VDM-Subverlage. Heute zähle ich 530. Wie sollen Studierende aus diesen Werken “zitieren”? Auch das macht die Wissenskultur kaputt: Man stelle sich ein Wikipedia-Buch in einer Literaturliste vor, wobei unreflektiert der fiktive Autorenname übernommen wurde.
Und das alles, obwohl jeder, der wirklich unbedingt ein Buch aus Wikipedia-Artikeln haben möchte (sowieso eine bescheuerte Idee), dies auch mit dem Buchgenerator auf Wikipedia erledigen kann… Die Welt möchte betrogen werden, offenbar nicht nur zahlreiche Dissertationsbetreuer, sondern auch gar nicht wenige Bibliothekare.
Mit ‘Wikipedia’ getaggte Artikel
Der Wikinepp in Uni-Bibliotheken geht munter weiter
Dienstag, 19. Juli 2011Schon mehr als 500 Wikinepp-Bücher in Bibliotheken
Montag, 15. November 2010Der Karlsruher Virtuelle Katalog verrät, dass sich schon mehr als 500 Bücher mit plump aus der Wikipedia kopierten Inhalten in deutschsprachigen Bibliotheken befinden – vorwiegend in Universitätsbibliotheken. 360 davon sind derzeit alleine in Deutschland erfasst. Dieses Ergebnis erhält man, wenn man nach Verlagen wie “Alphascript”, “Betascript”, “Fastbook” und “Books LLC” sucht. Mindestens 15.000 Euro Steuergeld wurden von Bibliothekaren also bereits völlig sinnlos ausgegeben, ja mehr noch: Das Geld wurde in die Qualitätsminderung neuer wissenschaftlicher Arbeiten investiert.
Noch nicht online erfasst sind zahllose kommunale und privat geführte Bibliotheken, viele Bibliotheken von Vereinen und anderen Institutionen sowie Schulbibliotheken. Wie hoch wird wohl die ‘Dunkelziffer’ sein? Das Magazin WISO des ZDF plant für heute, 15. November 2010, ab 19:25 einen Beitrag zum Thema Wikinepp-Bücher. Wird Amazon wohl dann endlich reagieren und die Bücher von ihrem Marktplatz verschwinden lassen?
Eine Warnung: Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln nun auch in Uni-Bibliotheken
Dienstag, 28. September 2010Welches Signal geben Bibliotheken Studierenden und Schülern, wenn sich Bücher mit unredigierten kopierten Wikipedia-Inhalten nun auch schon in deren Regalen befinden? VDM Publishing ist (neben Books LLC, der bereits wiederholt Thema in diesem Blog war) so ein Verlag, der unter den Namen Alphascript, Betascript oder Fastbook Publishing ausnahmslos Textkopien aus der Wikipedia als E-Books herstellt. Man staunt nicht schlecht, wenn man diese Verlagsnamen in den österreichischen Bibliothekenverbundkatalog eintippt, denn man findet alleine in Österreich schon fast 60 Titel (auch Books LLC ist schon sieben Mal vertreten). Bücher von Alphascript liegen unter anderem in der Theologischen und in der Naturwissenschaftlichen Fachbibliothek der Universität Salzburg, in den Bibliotheken der TU Wien, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Universität Graz, der FH St. Pölten und vielen anderen. Sie tragen Titel wie etwa “Frontal Lobe: Brain, Mammal, Cerebral hemisphere, Parietal lobe, Temporal lobe, Primary motor cortex, Myelin, Cerebral cortex, Dopamine, Thalamus, Prefrontal cortex, Schizophrenia, Broca’s area” und ihre Anschaffung kostete die Bibliothek, also die öffentliche Hand, pro Stück zwischen 30 und 60 Euro. Bücher von Betascript haben die Bibliotheken der Universität Klagenfurt, der TU Graz und sogar der Medizinischen Universität Wien angekauft. 60 Euro pro Buch für bloß kopierte Wikipedia-Inhalte? Wie heißt es so schön auf den Büchern: “High Quality Content by Wikipedia articles!” Na wenn das kein Aufruf zu Copy & Paste bei Studierenden ist! Die leidige akademische Debatte, ob man aus der Wikipedia zitieren ‘darf’ oder nicht, hat sich nunmehr erledigt: “Ich hab’s ja aus einem Buch zitiert!” – Und wieder mal stellt sich die Frage nach Instanzen der Qualitätssicherung und der Entwicklung hin zu einer Textkultur ohne Hirn.
Und: Kassieren die fast immer gleichen Herausgeber all dieser Titel (angeblich bis zu 22.000 im Sortiment!) auch noch Bibliothekstantiemen bei den Verwertungsgesellschaften? Wenn ja, dann müssten auch diese – neben den Bibliothekaren – auf der Hut sein, denn dann wäre es auch noch Betrug im großen Stil.
Update 2: Aus dem Innenleben eines Copy & Paste-Buchs
Montag, 20. September 2010Zeitgleich mit mir hat auch der österreichische Literaturwissenschaftler Andreas Weigel die indiskutablen Publikationspraktiken des Book-on-Demand-Herstellers entdeckt und Scans ins Netz gestellt. Bei derartigen Vergewaltigungen von Texten hört der Spaß wirklich auf. In der Einführung finden sich Sätze wie “Es ist hyperverbunden und kann aktualisert wird.” oder “Denken Sis, dass Sie das Buch verbessern kann?” Diese Einleitung, hier für ein “Buch über” James Joyce, scheint ein Standardtext zu sein, der offenbar allen Büchern dieser Machart vorangestellt wird – umso schlimmer.
Nochmals zur Erinnerung: Wir sprechen hier von Büchern, die auf amazon.de für Geld angeboten werden, von Büchern mit ISBN-Nummern, auf Trefferlisten gemeinsam mit Qualitätsprodukten. Das kann nicht sein! James Joyce kann sich nicht mehr wehren, wir sollten es tun. Einige Medien – Telepolis, APA, Standard Online – haben heute bereits berichtet. Der Protest von Menschen, denen an Textqualität gelegen ist, müsste folgen (ich denke alleine schon von Berufs wegen z. B. an Deutschlehrer und Buchhändler).
Update 1: Wie ein E-Book-Publisher auf Amazon mit plumpem Copy & Paste verdienen will
Freitag, 17. September 2010Der gestern in diesem Blog aufgedeckte Skandal reicht offenbar weit über die Reihe “Hochschullehrer” hinaus. Offensichtlich ist es dem Verlag gelungen, Texte zu vielen, wenn nicht gar zu allen Wikipedia-Schlagwortgruppen als “Bücher” auf Amazon anzubieten – und Amazon listet das alles gleichwertig mit professionell lektorierter Literatur. Man kann nun der Meinung sein, auch auf Tonträgermärkten im Internet werden Bootlegs problemlos verkauft; und gedruckte Wikipedia-Artikel seien unter Beachtung der Lizenz-Bedingungen sogar rechtens.
Aber was wird der Textkultur hier angetan? Welchen Sinn haben zu Büchern eingefrorene Wikipedia-Artikel zum Tag und zur Stunde X? Freilich nicht den geringsten. – Und welches Signal geben diese “Bücher” Schülern und Studenten? Wieder einmal jenes, dass die Textmengen aus dem Internet beliebig frei benutzt (und missbraucht) werden dürfen. Dass old-fashioned Printprodukte ohnedies nur aus dem Internet reinkopierte Texte enthalten. Dass ein Sammelband zu Konstruktivismus beim Fachverlag gleichwertig mit einem unredigierten Wikipedia-Sampling ist. (Wie der Screenshot zeigt, nimmt dieser textuelle Missbrauch schnell Formen des Absurden an.)
Der “Verlag” bietet auch jede Menge älterer eingesannter Buchtitel an, bei denen das Urheberrecht bereits erloschen ist. Das Geschäftsmodell ist klar: Wenn bei tausenden Büchern nur jedes Dritte ein paar Mal bestellt wird, ist der Gewinn enorm. Das ist hoffentlich nicht das Web-2.0-Business, und Amazon ist zu raten, hier dringend Stellung zu beziehen. (Ich freue mich, dass einige Journalisten bereits an dem Thema arbeiten, dank meines Hinweises.) Die Forderung ist klar: Amazon muss solche “Verlage” sperren und diese Angebote dringend aus dem Katalog nehmen. In jeder Buchhandlung im Real Life wäre es genauso.
Tausende Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln auf Amazon?
Donnerstag, 16. September 2010Amazon ist das verlässlichste und professionellste Kaufhaus im Netz – keine Frage. Doch heute entdeckte ich Rätselhaftes: Wer auf amazon.de mit dem Stichwort “Hochschullehrer” sucht, der erhält mehr als 27.000 Ergebnisse. Ein temporärer Datenbankfehler auf amazon? Offenbar nicht, und schon die erste Trefferseite macht stutzig: Bücher wie “Hochschullehrer (Bremerhaven)”, “Hochschullehrer (Coventry)” und “Hochschullehrer (Des Moines)” mit immergleichem Coverdesign und Preisen zwischen 12 und 25 Euro werden von einer ominösen “Bucher Gruppe” (steht so auf den Covern) angeboten. Dahinter steckt ein Book-on-Demand-Hersteller, der offenbar primär Texte aus kopierten Wikipedia-Artikeln zu Büchern bindet – wenn es denn Menschen gibt, die so etwas bestellen wollen. Er macht, wie er selbst schreibt, “Wiki Books” für “people who prefer to read a paperback than a computer screen”. Was der “Verlag” von Textqualität hält, bekennt er freimütig auf seiner Homepage, wenn man einen Suchbegriff eintippt: “Paperbacks marked ‘OCR’ may have numerous typos or missing text. Other paperbacks contain Wikipedia content.”
Nun ist es fast müßig, über sinnvolle oder sinnlose, faire oder unmoralische Web-2.0-Geschäftsmodelle zu diskutieren. Auch geht es hier m. E. gar nicht nur darum, ob die Wikipedia-Lizenzen in all diesen Büchern eingehalten werden (ich habe das noch nicht überprüft). Was mich eher bewegt, ist die Frage: Wie kommen diese Angebote mit offenbar bloß digital kopierten und nicht weiter redigierten Inhalten auf amazon.de, und was haben sie neben Büchern von Suhrkamp und anderen verloren (dieses Problem gibt es freilich auch mit mehreren anderen Book-on-Demand-Publishern, deren Qualität niemand sichert – unter anderem auch mit einem Anbieter von E-Book-Hausarbeiten)? Und wieso macht sich Amazon (unfreiwillig?) zum Komplizen in Sachen Copy & Paste? Über John Innes Mackintosh Stewart lesen wir nun auf amazon.de: “He is equally well-known for the works of literary criticism and contemporary novels published under his real name and for the crime fiction published under the pseudonym of Michael Innes.” Auf der englischsprachigen Wikipedia steht: “He is equally well-known for the works of literary criticism and contemporary novels published under his real name and for the crime fiction published under the pseudonym of Michael Innes.”

