Mit ‘VroniPlag’ getaggte Artikel

Bald 100 wissenschaftliche Werke mit Plagiatsfragmenten im VroniPlag Wiki?

Freitag, 04. April 2014

Die neuesten Fälle auf VroniPlag zeigen einmal mehr: Das Plagiat im “Theorie”teil medizinischer Dissertationen erfreut sich bester Gesundheit. So wie die Juristen häufig Gesetzestexte ab- und leicht umschreiben (was die Zunft bekanntermaßen nicht als Plagiat wertet), werden die Mediziner bald darauf pochen, dass der Stand der Forschung in ihrer Disziplin gar nicht anders darzustellen sei als durch Plagiat. Besonders befremdlich sind hier plagiatsinfizierte Dissertationen, die nach der Guttenberg-Affäre angenommen wurden, wie etwa diese. Und immer wieder fragt man sich: Haben die doppelten Anführungszeichen, diese glorreiche Erfindung der Menschheit aus spätestens dem 15. Jahrhundert, diese Ignoranz wirklich verdient?

Was gibt es sonst noch Neues?

* Die Weimarer Plagiatserkennungs- und Stilometrie-Forschungsgruppe bietet ein kostenloses Tool (“Picapedia”) an, mit dem Texte mit der Wikipedia abgeglichen werden können. (In eigener Sache: Als zusätzlichen Service bietet Ihr werter Plagiatsgutachter an, diesen Abgleich auch mit älteren Wikipedia-Versionen durchzuführen.)

* Kollegin Debora Weber-Wulff hat ein wichtiges Buch geschrieben, in dem erstmals das Vorgehen von VroniPlag und gegenwärtige Methoden der Plagiatserkennung, aber auch etwa historische Plagiatsfälle aus der Wissenschaft kompakt dargestellt werden. Besonders beim Fall Elisabeth Ströker stockt einem der Atem, wie sich gewisse Reflexe in der Wissenschaft wiederholen. Anstelle einer Rezension zwei Sätze aus dem Buch (von vielen wichtigen) als Zitate:

“Rescinding a doctorate is, of course, an entirely different question that just deciding if a dissertation is a plagiarism or not.” (S. 53)

“There is no method for proving the absence of plagiarism.” (S. 113)

(Debora Weber-Wulff: False Feathers. A Perspective on Academic Plagiarism. Berlin/Heidelberg: Springer, 2014)

Konsequenzen aus dem Fall Schavan

Mittwoch, 06. Februar 2013

Annette Schavan wird offenbar nicht nur von weiten Teilen der Opposition geliebt, sondern auch von den bundesdeutschen Massenmedien. Jüngere und ältere Journalisten der führenden Blätter kommentieren heute einhellig, dass der Titelentzug “falsch” bzw. “nicht richtig” sei oder Schavan “bloß nicht zurücktreten” solle. Noch heute Nacht war zu lesen, es gelte nach wie vor “bis zur endgültigen Klärung die Unschuldsvermutung“.

Mag sein, dass einige Journalisten tatsächlich ein Naheverhältnis zur Politikerin haben. Mag sein, dass andere bereits selbst der jüngeren Copy & Paste-Generation angehören und einige ältere ihre Qualifikationsschriften selbst im Modus Schavan verfasst haben. Mag aber vor allem sein, dass Journalismus halt so funktioniert, dass die Massenmedien eben jetzt einen neuen ‘Dreh’ brauchen. Guttenberg war in der Bevölkerung sehr beliebt, aber Qualitätsmedien waren ihm gegenüber immer kritisch eingestellt. Bei Schavan scheint es eher umgekehrt zu sein: Sie wird vor allem von der Qualitätspresse geliebt, von der Süddeutschen bis zur FAZ. Nun erscheint sie als Opfer universitärer Willkür.

Viel entscheidender erscheint mir jedoch das Kommunikationsversagen der Wissenschaft: Es ist ihr, so auch gestern abend bei der ‘Urteilsverkündigung’, überhaupt nicht gelungen, zu vermitteln, was ein Plagiat ist und warum das simulatorische Vorgehen von Frau Schavan, wenn es geduldet werden würde, den Wissenschaftsbetrieb früher oder später kaputt machen würde (genauer: in den vergangenen Jahren zu Teilen bereits ruiniert hat!). Zudem erlangen so laufend Menschen den Doktorgrad, die grundlegende Kompetenzen wie genaues Lesen, Zitieren, Kommentieren und Bewerten nicht beherrschen. Hat Schavan ähnliche “Flüchtigkeitsfehler” bei der Entscheidung über und Vergabe von Forschungsmillionen begangen? Letztlich züchten wir uns eine intellektuelle Kultur des Als-Ob heran, in der der Schein dominiert und die Substanz sukzessive verschwindet. Die Universität Düsseldorf hat sich gestern für einen wissenschaftsgeschichtlich bedeutenden Befreiungsschlag in die richtige Richtung entschieden.

In den Massenmedien werden wir vielleicht eher über Schavans Mutter lesen oder womöglich krude Thesen hören wie jene, dass die Universität Düsseldorf den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland mit dieser Entscheidung weltweit beschädigt und Deutschland schweren ökonomischen Schaden zugefügt habe.

Eigentlich sollten wir uns jetzt um ganz andere Dinge kümmern: Wir brauchen einheitliche Verfahren im Umgang mit Plagiatsvorwürfen, zuerst deutschlandweit, dann EU-weit. Die USA ist hier in fast allen Belangen viel weiter. Es kann nicht sein, dass eine Universität ein Plagiat nach 33 Jahren (korrekt) ahndet, andere Universitäten aber (inkorrekt) akademische Grade bei quantitativ noch umfassenderen und noch deutlicheren Plagiaten nicht entziehen und sogar paradoxe Auflagen erteilen wie etwa jene, eine plagiierte “Dissertation unverändert, aber mit korrekter Zitierweise vorzulegen”. Das macht den Wissenschaftsstandort Deutschland lächerlich und ist im Übrigen – im Gegensatz zur Schavan-Entscheidung – tatsächlich juristisch unhaltbar.

Wir brauchen weiter dringend ein deutschlandweites Institut zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Qualifikationsschriften. Dieses sollte nicht nur als “Kontrollbehörde” oder “Letztinstanz” fungieren, sondern selbst Forschung betreiben. Internationale Beispiele dafür gibt es einige, wie etwa das International Center for Academic Integrity. Es geht nicht an, dass irgendwelche ergrauten Emeriti unwissenschaftliche Thesen über einen angeblich korrekten Umgang mit laxen Zitaten und Plagiaten verbreiten können, während die Lehrbuchliteratur aus dem fraglichen Zeitraum etwas ganz anderes sagt (siehe mittlerweile auch das “berühmte” Beweisstück). Auch das macht die Wissenschaft lächerlich.

Und wir brauchen an jeder Universität einen “Plagiatsbeauftragten“. Erfolgreiche Pilotversuche wie die “Freiwillige Plagiatskontrolle” an der PH Freiburg können als Referenzprojekte dienen. Es ist auch ein unhaltbarer Zustand, dass ein aus Lehrenden bestehender Promotionsausschuss die mühsame Plagiatsdetektion und Quellenrekonstruktion neben der eigentlichen Arbeit, oft als eine Art abendliches Hobby mit Suchtpotenzial, erledigen muss. Wenn es Stellen für Gender-Mainstreaming gibt, sollten sich Universitäten auch Plagiatsbeauftragte leisten können.

Auf VroniPlag taucht eine plagiierte Doktorarbeit nach der anderen auf: von Anwälten, Ärzten, Wissenschaftlern, Politikern. Das wird nicht aufhören. Irgendwann werden wir bei der Zahl 100 angekommen sein. Der neue Bildungsminister wird handeln müssen. In oben skizziertem Sinne.

Entscheidender Fehler von VroniPlag

Donnerstag, 03. Mai 2012

Viele Universitäten haben wohl darauf gewartet, dass die VroniPlag-Aktivisten genau in diese Falle tappen: Sie bezeichnen eine noch nicht fertig recherchierte Arbeit als “Grenzfall“, machen damit einen bedeutenden ontologischen Fehler und wischen einen völlig zu Recht erhobenen Plagiatsvorwurf vom Tisch. Die Dissertation von Schavan ist aber, wenn man sich nur die Unterlagen auf schavanplag genau ansieht, längst kein “Grenzfall” mehr. Vielleicht war sie einmal auf VroniPlag als “Grenzfall” präsent, zu einem gewissen Stand der Recherche, aber das spielt doch keine Rolle mehr. Es wurde genau so abgeschrieben und es wurden genau so die Spuren verwischt wie bei Mathiopoulos. Wer das nicht sieht, ist betriebsblind und versperrt sich vor der Wahrheit.

Bislang wurden die VroniPlag-Aktivisten, allen voran Debora Weber-Wulff, zu Recht nicht müde, uns zu erklären, dass es irrelevant ist, wer die Anschuldigungen erhoben hat, solange diese anhand der Literatur objektiv überprüfbar sind. Nun stimmen sie aber, allen voran Debora Weber-Wulff, ein in den Kanon rund um die ominöse Urheberschaft von schavanplag. Ist es nicht auch völllig irrelevant, wer dieses Blog ins Leben gerufen und die ungemein mühsame Recherchearbeit erledigt hat?

Es wird nun leider mit zweierlei Maß gemessen. Und die bundesdeutschen Journalisten machen mit: Fest steht die Vorverurteilung, die Stellen seien keine ‘echten’ Plagiate. Fest zu stehen scheint auch, dass es sich um irgend eine Anschwärz-Aktion handelt. In einem Blog wird sogar ein Plagiatsvorwurf gegen schavanplag erhoben, weil dort Rechercherergebnisse von VroniPlag verwendet wurden. Es sind dies Absurditäten und historische Irrtümer.

Und es kann nicht sein, dass in Deutschland Plagiatsfälle nur dann noch als solche wahrgenommen werden, wenn sie auf VroniPlag erscheinen, so ungemein verdienstvoll und wichtig diese Plattform auch ist und hoffentlich weiter sein wird. Im Fall Schavan aber hat sie bzw. hat ihr Mehrheitsprinzip komplett versagt. Das sollten sich die Aktivisten nun eindeutig eingestehen und nicht selbst beginnen, glasklare Plagiate zu verharmlosen.

Integritätsagentur erkennt Plagiat – Universität erkennt nichts (ab)

Donnerstag, 05. April 2012

Ihr werter Plagiatsgutachter hat eine Zeitlang geschwiegen, ist er doch derzeit in der Privatindustrie tätig und müssen im Moment auch noch so spannende Fälle liegen bleiben. Von Hinweisen, dass ein parfümierter Autor doch abgeschrieben haben soll, über seltsam paraphrasierende hohe kirchliche Würdenträger bis zu (wieder mal) österreichischen Spitzenpolitikerinnen und -politikern reicht im Moment die Überprüfungspipeline. Vor Sommer ist allerdings mit keinen konkreten Ergebnissen zu rechnen, da mich eine andere Tätigkeit voll bindet.

Ich beobachte aber ungebrochen die Aktivitäten von VroniPlag, VroniPlagNeu, Frau Weber-Wulff und vielen Bloggern, die immer wieder Spannendes beitragen. Ganz im Gegensatz zu den Universitäten, wo das Watzlawicksche “More of the same” zu gelten scheint. Und so komme ich, den journalistischen Handwerksregeln widersprechend, endlich zur Überschrift dieses Blogbeitrags. Eine Agentur für wissenschaftliche Integrität erkennt ein Plagiat, die Uni indes im Plagiat keine Täuschung (gibt es das denn?) und sie lässt dem Plagiator den Doktorgrad.  Wo so etwas passiert? Nein, nicht in Deutschland. Nicht einmal in Ungarn. Halt wieder einmal in Österreich, und alle Wege führen dort einmal mehr ins schöne Tirolerland. Dort hat man ganz eigene Auffassungen, und die müssen sich auch nicht mit den Erkenntnissen des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs decken. Aber alles kurz der Reihe nach erzählt:

Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) hat vor wenigen Tagen ihren kurzen Jahresbericht für 2011 vorgelegt. Auf Seite 6 schildert sie folgenden Fall:

“Fall 2011/01: Bei dieser Anfrage ging es um eine Dissertation, die vom Hinweisgeber als Plagiat bezeichnet wurde. Die Kommission überprüfte alle zur Verfügung stehenden Unterlagen und beauftragte zusätzlich einen unabhängigen Fachgutachter. Die Untersuchungen führten zu folgendem Ergebnis: Der Fachgutachter bestätigte, dass es sich um ein Plagiat handelt. In der Dissertation wurden fremde Texte in einem solchen Umfang ohne Angabe von Zitaten übernommen, dass die Grundsätze der guten wissenschaftlichen Praxis eindeutig verletzt wurden. Dies wurde dem Beschuldigten und der Universität, an der die Arbeit approbiert wurde, in einer abschließenden Stellungnahme mitgeteilt. Die Universität leitete kein Aberkennungsverfahren ein, da sie keine Täuschungsabsicht erkennen konnte.”

Quelle: Jahresbericht der ÖAWI 2011

Auch andere Fälle wie Hahn sind anonymisiert dargestellt. Was sich die Agentur beim Herrn von “Fall 2011/01″ noch getraut hat, wagte sie offenbar kein zweites Mal. Und so wird einem beim Lesen der weiteren Fälle schnell klar, ÖAWI steht auch für “Österreichische Anti-Wahrheits-Initiative”.

Man muss sich “Fall 2011/01″ auf der Zunge zergehen lassen: “in einem solchen Umfang”…”eindeutig verletzt”. Aber das ist in Innsbruck alles egal, und so wird es wohl auch bei Dominic Stoiber ausgehen. Gut, dass der “Fall 2011/01″ zumindest im Netz dokumentiert ist. Mehr kann man, wenn Universitäten durch und durch verlogen sind, eigentlich nicht erreichen.

Mainzer Herzchirurgin unter Plagiatsverdacht

Samstag, 23. Juli 2011

Nach einer Führungskraft im öffentlichen Dienst (siehe Leipziger Amtsleiter) nun also auch noch die Medizin: Eine Mainzer Herzchirurgin steht massiv unter Plagiatsverdacht, siehe hier und hier. Unter anderem soll sie aus der Habilitationsschrift ihres eigenen Doktorvaters großflächig unzitiert abgeschrieben haben, der das “durchgehen” ließ (oder wieder mal: nie gelesen hat). Die heutige Oberärztin hat auch eine Funktion im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Ihr Doktorvater (und Klinikdirektor) lobte sie erst jüngst in einer Presseaussendung für ihre Verdienste um die “grundlagenwissenschaftliche Forschung”. Es ist ein Wahnsinn. Der Fall wurde diesmal auf PlagiPedi ins Rollen gebracht und wird derzeit auf VroniPlag diskutiert, wo man auch erschreckend eindeutige Vergleichsscreenshots ansehen kann. Dass Leute, die offensichtlich keine Skrupel hatten, zu plagiieren, tagtäglich Menschen operieren und somit über Leben und Tod entscheiden, gibt dem ganzen Skandal noch einmal eine neue Dimension.