Mit ‘Transparenz’ getaggte Artikel

Die TU Dresden und das (oder ihr?) Plagiatsproblem

Donnerstag, 04. August 2011

“Plagiatsvorwürfe sind bei uns sehr selten”, sagt der ehemalige Rektor und heutige Ombudsmann für die saubere Wissenschaft an der TU Dresden in einem lesenswerten Artikel in der Sachsen-Ausgabe der heutigen “Zeit”. Und der ehemalige Dekan ergänzt, es habe überhaupt nur einen einzigen Fall gegeben, nämlich den “Fall” Wöller.
Ich habe unlängst drei Hauptprobleme bei der wissenschaftlichen Textqualitätssicherung benannt, deren Identifikation wir primär den Dokumentationen auf GuttenPlag und VroniPlag zu verdanken haben:

(1) Print- und Online-Plagiarismus/’Hardcore-’ bzw. ‘echter’ Plagiarismus im Stile Guttenbergs: Hier handelt es sich klar um Vorsatz, Täuschung, Betrug, Erschleichung etc.

(2) Eine Umschreib-Unkultur, meist auf dem falschen Einsatz von “Vgl.” basierend, im Stile Althusmanns: Hier handelt es sich womöglich nicht um bewusste Täuschung, sondern um (grobe) Fahrlässigkeit oder Unkenntnis; aber auch diese Technik führt zu Redundanz, bedeutet keinen wissenschaftlichen Fortschritt und steht im Widerspruch zu Promotionsordnungen.

(3) Das Problem der mangelnden Quellenseriosität durch die zunehmende Zitation nicht-wissenschaftlicher Quellen zur Faktenvermittlung in wissenschaftlichen Arbeiten (“Super Illu” lässt grüßen).

Analytisch und zum Zwecke der empirischen Erforschung kann man die drei ‘Baustellen’ trennen. Praktisch treten sie oft gemeinsam auf. Selbstverständlich finden sich etwa in der Doktorarbeit Guttenbergs alle drei Probleme (Schwerpunkt bei (1)), wie auch bei Chatzimarkakis (Schwerpunkt bei (2)). Bei Althusmann ist es hingegen etwa fraglich, ob (1) zu identifizieren ist, ebenso nach dem derzeitigen Stand der Dinge bei Wöller.
Warum diese kleine Systematik? Nun, weil mir zu allen drei Punkten sofort Vorwürfe gegenüber Wissenschaftlern der TU Dresden einfallen (die allerdings nicht ich erhoben habe). Insofern wundert es mich, dass in der heutigen “Zeit” alle Verantwortlichen so tun, als gäbe es das Problem an der TU Dresden so gut wie nicht bzw. habe es in der jüngeren Vergangenheit nur einen Vorwurf gegeben.

Ad 1: Ein schwerwiegender, da offenbar mehrere Werke betreffender Plagiatsvorwurf gegenüber einem (mittlerweile emeritierten) Dresdner Philosophiehistoriker findet sich in den Fußnoten 5 und 6 dieser 2002 erschienenen Rezension. Ich copypaste:

“Wollgast hat seine 1997 erschienene Reprintausgabe der gesammelten Werke Gabriel Wagners (1660-1717) mit einer Einleitung versehen, bei der es sich um eine ‘weitgehend wortwörtliche Abschrift’ einer über 50 Seiten langen Passage aus einem Buch von 1961 handelt, vgl. die Rezension von Detlev Döring, in: Theologische Literaturzeitung 123 (1998), Sp. 883-885.
[...] Die Passage S. 144 f. zur Absentia-Promotion von Karl Marx in Jena 1841 ist sprachlich abhängig von: Erhard Lange, Ernst-Günther Schmidt, Günter Steiger, Inge Taubert, Die Promotion von Karl Marx – Jena 1841. Eine Quellendedition, Berlin 1983, S. 29 ff. Eine Reihe von trefflichen Formulierungen aus dem Aufsatz von Hanspeter Marti, Der wissenschaftsgeschichtliche Dokumentationswert alter Dissertationen. Erschließung und Auswertung einer vernachlässigten Quellengattung der Philosophiegeschichte – Eine Zwischenbilanz, in: Nouvelles de la Republique des Lettres, 1981-1, S. 117-132, hier S. 126, hat Wollgast zweimal verwertet, ohne den Aufsatz zu zitieren: In seinem Buch S. 108 f. und in seinem Aufsatz, Zur Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 32 (1999), S. 5-41, hier S. 34 f., der weitestgehend mit den entsprechenden Teilen des Buches übereinstimmt.”

Ist die TU Dresden diesen Vorwürfen zu “Amtszeiten” des Professors nachgegangen? Hat es ein Verfahren gegeben? Wie war dessen Ausgang?

Ad 2: Der Vorwurf des zumindest sehr unsauberen Zitierens gegenüber einem Dresdner Rechtswissenschaftler wurde von Volker Rieble in seinem – allerdings mittlerweile eingezogenen – Buch “Das Wissenschaftsplagiat”, S. 28 f. erhoben. Rieble spricht hier von einem “übersehen[en]“, “diskret gehandhabt[en]” Fall:

“[...] die teils wortwörtlichen Übernahmen werden aber nicht durch Anführungszeichen als Fremdtext gekennzeichnet und auch bei den Umformulierungen ist die Anlehnung abschnittsweise derart stark, daß die eigene Leistung des Abschreibers insoweit nicht erkennbar wird.” (Rieble 2010, S. 28 f.)

Der hier Beschuldigte ist immerhin Dekan an der TU Dresden. Zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt – das ist hier nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr, dass es im Falle einer Prüfung eben auch einen “Fall” gegeben haben müsste, was aber in Abrede gestellt wurde.

Ad 3: Mit Sicherheit nicht das einzige Beispiel: Man vergleiche einmal Seite 12 dieser Powerpoint-Präsentation – den Satz “Deutschland gilt als ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt (Bildung ‘made in Germany’)” – mit diesem Spiegel-Online-Artikel – nämlich mit dem Satz “Dabei könnte eigentlich alles gut sein, die Bundesrepublik ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt: Bildung made in Germany hat einen guten Ruf.” Auch das ist ein gutes Beispiel für eine Tendenz zur Textkultur ohne Hirn mit fragwürder Referenz(un)kultur (nichts gegen den “Spiegel”, aber Wissenschaft ist Wissenschaft und Massenmedien sind Massenmedien, nicht nur bei Luhmann).

Das Problem ist also wohl überall, und keine Universität sollte so tun, als sei sie nicht betroffen. Das ist schlichtweg verlogen gegenüber der Öffentlichkeit.

“Ars Electronica” als PR-Plattform für CERN

Samstag, 18. Juni 2011

Die “Ars Electronica” im österreichischen Linz war einmal ein Festival für spannende, teils subversive Kunst und für innovatives, teils gesellschaftskritisches Denken. Ihr werter Plagiatsgutachter wunderte sich schon vor Jahren über die höchst seltsamen Pfade, die dieses dereinst wegweisende Festival seit Ende der neunziger Jahre eingeschlagen hat – und über das große Schweigen dazu in Österreich, wie immer bis auf einige ganz wenige kritische Stimmen. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass alle wesentlichen Massenmedien des Landes Sponsoren des Festivals sind und so immer eine mächtige Pro-Ars-Electronica-PR-Walze losgetreten wird.

In diesem Jahr lautet das Festivalthema “origin. wie alles beginnt” (wohlgemerkt nicht: “begann”). Im “Curatorial Statement” verwundert ganz unverhohlene PR für das CERN, wo man schon den Kopf schütteln mag, dass sich so viele Computerkünstler und -aktivisten offenbar dafür einspannen lassen. Ich zitiere:

“Wenn man einmal die Anlagen von CERN aus nächster Nähe betrachten konnte, ja vielleicht sogar die hundert Meter unter der Erde liegenden riesigen Detektoren gesehen hat, dann kann man nicht umhin, dies alles als das technisch [Fehler im Orig.] und wissenschaftliche Weltwunder unserer Zeit anzusehen. [...] Noch viel mitreißender als die technischen Anlagen aber sind die Begeisterung und Hingabe der ForscherInnen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Denn zum wahren Weltwunder wird CERN erst durch die mehr als 8000 Menschen, die hier arbeiten, und die vielen Länder, die all dies finanzieren.”
(Quelle: “Was ist Origin?”)

Das könnte eine mittelmäßige PR-Agentur für die deutschsprachige Webseite des CERN getextet haben – aber was hat diese Lobhudelei im “Curatorial Statement” eines Festivals für Computerkunst zu suchen, das noch dazu mit wissenschaftlichen Symposien aufwartet? Mich hat interessiert, ob CERN, sprich indirekt auch “die vielen Länder, die all dies finanzieren”, auch die diesjährige “Ars Electronica” finanziell unterstützt und sich damit womöglich affirmative Kunst und Pro-Redner einkauft. Leider hat mir der “Ars”-Pressesprecher nicht geantwortet, weshalb ich ihm die Frage gerne noch einmal hier öffentlich stellen möchte: Wird die diesjährige “Ars Electronica” durch CERN finanziell unterstützt, und wenn ja: in welcher Höhe und zu welchen Auflagen? Interessant auch, dass dies offenbar bislang keine politische Partei in (Ober-)Österreich interessiert hat…

Wollte die Medizinische Universität Wien einen Plagiatsfall vertuschen?

Dienstag, 07. Juni 2011

Eine “Forschungsinstitution mit Weltruf” sei man, heißt es in der Webseiten-Beschreibung der Med-Uni Wien, die Google listet. Da stören offenbar Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Aber genau dieser Umgang ist der falsche Weg: Solche Fälle passieren, gerade bei großen Institutionen, und sie sollten transparent behandelt, das heißt publik gemacht werden. Nur das dient der Qualitätssicherung und der Glaubwürdigkeit. Zu einer solchen Veröffentlichungspraxis hat sich die Medizinische Universität Wien auch bereits 2008 verpflichtet, siehe die Erklärung “Wissenschaft und Wahrheit” auf ihrer Webseite. Ich zitiere daraus:

“Im Falle des dringenden Verdachts oder bewiesenen Vorliegens eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens sind die wesentlichen Maßnahmen des Rektorats (i) Öffentlichmachen des Fehlverhaltens zur Wahrung der Reputation unserer Institution, (ii) die Herausgeber der Zeitschrift, in der die inkriminierten Daten publiziert sind, zu informieren, auf eine Retraktion der Publikation zu drängen oder die Autoren selbst zu dieser Vorgangsweise zu veranlassen, sowie (iii) disziplinäre Maßnahmen gegen die Autoren zu ergreifen [...].” (Quelle: Webseite der Medizinischen Universität Wien, “Wissenschaft und Wahrheit”)

Nun stieß ich heute auf diesen Widerruf eines Papers wegen Plagiats. Bei dem Autor, der in dem 2008 erschienenen Paper offenbar recht üppig aus einem Kapitel eines Buches aus dem Jahr 2003 abgekupfert hat, handelt es sich um einen Universitätsprofessor im Bereich Kinder- und Jugendheilkunde. Die Zeitschrift reagierte schnell: Das Paper erschien in der September-Ausgabe des “Journal of Nutrition” und wurde bereits im Dezember 2008 zurückgezogen.


Schwer zu finden oder verschwiegen? Google findet keinen Hinweis auf das Plagiat auf der Med-Uni-Webseite.

Nun begab ich mich auf die Suche nach der Veröffentlichung dieses Vorfalls durch die Med-Uni – allerdings vergeblich. In einem anderen Fall wurde ein Verdacht auf Fehlverhalten öffentlich gemacht, und zwar schon am 23. Mai 2008, also Monate vor dem Plagiatsfall. Das verwundert. Hatte die Medizinische Universität Wien hier etwas zu vertuschen? Wurde oder wird mit zweierlei Maß gemessen? Oder gilt Plagiat weiterhin als minder schweres Vorkommnis?

Warum keine kollaborative Wiki-Lösung gegen die EHEC-Krise?

Dienstag, 07. Juni 2011

GuttenPlag und VroniPlag haben sich bei der raschen kollektiven Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens bewährt. Im Moment hat Deutschland noch viel handfestere Probleme als abschreibende Führungskräfte: EHEC ist (hoffentlich nicht) in aller Munde.
Und ich frage mich gerade, warum es noch kein Wiki für die Bewältigung der EHEC-Krise gibt. Oder habe ich etwas übersehen? Nachdem das Robert-Koch-Institut offenbar in mehrerer Hinsicht zu träge agiert und im Moment zu viele Köche den Brei zu verderben scheinen, stellt sich für mich die Frage, warum die Daten, wer von den Erkrankten (klarerweise anonymisiert) wo wann was gegessen hat, nicht in einer Wiki-Matrix kompiliert werden, um Händler- und Lieferantenwege ergänzt werden und anschließend von Experten Data Mining betrieben wird.
Der eine einzige Seite kurze Fragebogen des Robert-Koch-Instituts scheint erneut eine ziemliche Blamage für die Wissenschaft zu sein, diesmal für die empirische Sozialforschung. Man sieht schön, wozu Standardisierung führen kann und was eines der Grundprobleme empirischer Befragungen ist: Was nicht gefragt wird, ‘existiert’ nicht, und schnell entstehen möglicherweise falsche Korrelationen.
Nachtrag: Gerade finde ich diese Webseite. Offenbar ist das Interesse gering. Das ist wohl leider nachvollziehbar, da die (Ex-)Erkrankten wahrscheinlich ganz andere Sorgen haben, als ein Wiki zu füttern. Dennoch schade um den Versuch!

Einmal kein Plagiat, einmal Plagiat mit Vorsatz – und zweimal die Frage nach der Transparenz

Freitag, 08. April 2011

Die Diplomarbeit des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser stellt kein Plagiat dar, meldete heute die Universität Klagenfurt, auch unter Berufung auf eine “summarische Prüfung” (?) der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI). Verdächtige Passagen der Arbeit waren unter anderem in einer österreichischen Tageszeitung als Faksimiles veröffentlicht worden (siehe die “Bilderstrecke” hier). Solche Funde sind entweder, wenn bloß ebendiese Einzelfälle, eher harmlos – oder aber sie weisen auf mehr hin. Die Uni Klagenfurt und die ÖAWI haben jedenfalls sehr zügig geprüft und den Plagiatsverdacht nicht nachweisen können. Nun ja.
Und heute abend dann die Nachricht, dass die Bayreuther Kommission Guttenbergs Mega-Plagiat offenbar als bewusste Täuschung einschätzt und Guttenbergs Anwälte die für Mai geplante Veröffentlichung des Endberichts vereiteln wollen.
In beiden Fällen geht es wieder mal um die zentrale Frage nach der Tansparenz in der Wissenschaft: Warum veröffentlichen die Universität Klagenfurt und/oder die ÖAWI nicht auf ihren Webseiten die Gutachten zu Grasser (da könnte er doch nichts dagegen haben, oder?)? Bei Guttenberg indes könnte die Frage zu einem Rechtsstreit zwischen ihm und der Universität Bayreuth ausarten (Persönlichkeitsrechte versus öffentliches Interesse) – na dann, GuttenPlag wird’s schon richten…