Mit ‘Transparenz’ getaggte Artikel

Plagiatsdetektion und Google-Intelligenz

Samstag, 22. März 2014

Inspiriert von der Titelgeschichte über Google im “Spiegel”, Heft 10/2014, denkt Ihr werter Plagiatsgutachter seit Tagen nach längerer Zeit mal wieder nur noch an das Tun und Lassen von “vielen der klügsten Menschen der Welt” in den sogenannten “geheimen Labors” in Mountain View. Was geschieht hier? Was kommt?

Klar, die kommende Suche wird fragenbasiert sein, auf Sprach- und/oder Stimmerkennung beruhen und wohl auch einen Blick in die Zukunft gestatten – oder zumindest wird die Google-Intelligenz Optionen, Varianten aufzeigen können. Heute in der Früh bemühte ich mich etwa vergeblich (mit den Mitteln des Eintippens von Schlüsselwörtern und des Durchforstens von Trefferlisten, die wohl schon in wenigen Jahren anachronistisch erscheinen werden), die folgenden Fragen im Suchschlitz zu beantworten: Welches Yogainstitut in Dresden bietet kompetentes Rücken- bzw. Wirbelsäulenyoga an? Und: Welche Restaurants in Dresden haben derzeit welche Bärlauchgerichte im Angebot? Beide Fragen kann ich mit den gegenwärtigen Suchtools nicht zufriedenstellend beantworten. Ich hätte nichts gegen eine Google-”Intelligenz”, die mir hier hilft, indem sie – so steht es im “Spiegel” geschrieben – die “unsichtbaren Verbindungslinien der Welt” aufzeigt. Ich hätte auch nichts gegen eine Google-Intelligenz (dann wohl zu Recht ohne Anführungszeichen) in Form eines Google-Orakels, dem ich Fragen zur Zukunft stellen kann: Wie wird diese oder jene juristische Auseinandersetzung ausgehen? Welche nächsten Schritte sind zu empfehlen? Und natürlich auch: Wie ist es um die Zukunft meiner Gesundheit, meiner Beziehung, meiner Kinder etc. bestellt? Das sind alles spannende Themen, wenn nicht sogar die spannendsten Themen, die die Menschheit im Moment beschäftigen. Demütig blicke ich vom Dresdner Weißen Hirsch nach Mountain View: An Googles künstlicher Intelligenz müsste man jetzt mitarbeiten! Da erscheint doch alles andere als Pipifax, oder?

Aber nun zum eigentlichen Thema: Die Google-Intelligenz wird, so meine Annahme, neun von zehn Schritten in der Plagiatsdetektion automatisiert erledigen können. Und das ist gut so! Ihr werter Plagiatsgutachter hat soeben mal wieder eine komplexere Überprüfung abgeschlossen. Auch in der Plagiatsdetektion geht es um nichts anderes als um die “unsichtbaren Verbindungslinien” im Diskursuniversum. Mit den derzeitigen Werkzeugen sehen wir etwas, das wir vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht gesehen haben. Der Weg zur Enthüllung ist aber ein mühsamer (und deshalb hat er auch seinen Preis ;-)).

Anhand der soeben abgeschlossenen Überprüfung möchte ich das Verfahren rekonstruieren (ohne zu viele Details zu verraten): Eine in Druckfassung ca. 400 Seiten umfassende Dissertation soll überprüft werden. Alleine ca. 60 Seiten umfasst das Literaturverzeichnis. Einen solchen Literaturkorpus kann niemand einscannen. Vorausgesetzt, Google hätte alle Druckwerke der Welt (wirklich alle) bereits eingescannt, wäre das alles kein Problem. So aber sehen die nächsten Schritte wie folgt aus: Eine Stichprobe aus den Literaturtiteln muss gezogen werden (dafür gibt es Erfahrungswerte; aber auch hier könnten Algorithmen schon mitmischen: Häufigkeit der Zitierungen, Länge der Zitate im Verhältnis zum umgebenden Fließtext etc.). Diese Literaturtitel müssen (meist per Fernleihe) bestellt werden, da es sich oft um spezielle Fachliteratur handelt – Wartezeit bis zu zwei Wochen. Dann muss eingescannt werden, in diesem Fall waren es knapp zwei Dutzend Druckwerke, darunter einige ca. 600 Seiten umfassende Wälzer. Der ‘Spaß’ am Scanner dauerte alleine mehr als drei Tage. Die eingescannten Druckwerke werden dann mit OCR-Software lesbar gemacht und die Titel mit der Dissertation abgeglichen, mittels Text-mit-Text-Vergleichssoftware. Alleine der Vergleich des Referenztextes von ca. 400 Seiten mit ca. 10.000 Seiten Vergleichsliteratur lässt die Augen müde und den Rücken krumm werden. Erst jetzt, nachdem die markierten Verdachtsstellen extrahiert wurden, beginnt die engere geistige Arbeit des Plagiatsdetektors: Handelt es sich um zulässiges, weil als indirektes Zitat ausgewiesenes ‘Umschreiben’ oder um unzulässiges Abschreiben?

Eine Google-Intelligenz könnte alle mühsamen Arbeitsschritte für mich erledigen: Die Vergleichstitel wären bereits eingescannt und auch schon editierbar; ich müsste einfach das Referenzwerk auswählen und auf “Vergleiche!” klicken. Das wär’s! Oder noch besser: Die Google Buchsuche hat schon in jedem Werk bereits Gesagtes und/oder Plagiatsverdächtiges markiert (freilich exklusive direkter Zitate). Damit hätten wir eine Messlatte für Redundanz in der Wissenschaft, und wirklich Neues wäre sichtbar. Ich fordere also eine “Google Text Intelligence“. Oder noch besser: Ich bewerbe mich hiermit bei Google ;-)! Und wenn Google nichts von sich hören lässt, dann möchte ich zumindest mit meinen bescheidenen Mitteln und hier vor Ort im Team einen Beitrag zu dem leisten, was die Zukunft bringen wird.

***

Mit den Gefahren dieser Entwicklung habe ich mich mit Kollegen schon 2007 auseinandergesetzt. Auch das Thema Blick in die Zukunft mit Google ist in diesem Bericht schon enthalten. Immer wieder lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Buch “Die Google-Falle” (2008) des Journalisten Gerald Reischl. Die grundlegende Befürchtung war ja immer, dass wir unseren Verstand sukzessive abgeben, umso mehr Dinge die Google-Intelligenz für uns erledigen kann (der “Navi-Effekt”). Das “Internet der Dinge”, die “mitdenkenden” Kühlschränke und Fußbodenheizungen passten hier ins Bild.

Vor einigen Jahren war auch Ihr werter Plagiatsgutachter noch Techno-Pessimist, d. h. ein Vertreter der “Old-School-Printsuche” und er stand Softwarelösungen wie auch Open Access ablehnend gegenüber. Doch die Situation hat sich geändert, eigentlich seit Guttenbergs Plagiat. Mit der zunehmenden Komplexität der Textmengen und Fragestellungen (siehe obiges Beispiel) sind Softwarelösungen unumgänglich geworden. Ich frage wieder mal öffentlich nach: Warum bieten Google Books und Google Scholar keine Plagiatsdetektion an? Warum fordert das die Wissenschaft nicht? Warum geben die großen Bibliotheken der Welt, die die Scans von Google erhalten haben, nicht ihre digitalen Archive für die Plagiatssuche frei?

Der Fall Friedman/Grün: Wer schrieb von wem ab, oder gab es eine gemeinsame Festplatte?

Mittwoch, 04. September 2013

Ihr werter Plagiatsgutachter hat seine Dokumentation knapp eine Woche lang schön brav zurückgehalten. Denn der Fall ‘gehörte’ und ‘gehört’ meinem wertgeschätzten Kollegen Martin Heidingsfelder, der mich vor genau sieben Tagen von seinen ersten Funden informiert hat. Nun hat Heidingsfelder allerdings selbst gestern auf Twitter eine ominöse Nachricht hinterlassen, und “Erbloggtes”, der irgendwie immer alles auch schon zu wissen scheint, lieferte heute morgen den Weiterdreh. Damit ist die Katze aus dem Sack, und die Sache gilt im Netz als publiziert.

Aus Heidingsfelders Twitter-Account

Worum geht es? Dazu zunächst eine kurze Chronologie:

* Am 15. Oktober 2008 publiziert der deutsche Philosoph Klaus-Jürgen Grün den kurzen Text “‘Effekte an sich’ – Sein-können wie Gott” im “IF-Blog”.

* Im Jahr 2010 promoviert der allseits bekannte Michel Friedman bei Klaus-Jürgen Grün mit der Schrift “Schuldlose Verantwortung“. Grün hat schon vorher mit Friedman wissenschaftlich zusammen gearbeitet und etwa 2008 den Sammelband “Entmoralisierung des Rechts” mit Friedman herausgegeben, zusammen mit dem ebenfalls allseits bekannten ehedem konstruktivistisch denkenden Hirnforscher Gerhard Roth (wir erinnern uns: “reales Gehirn” vs. “wirkliches Gehirn”). Der Text aus dem Blog findet sich in diesem Sammelband nicht.

* Im August 2013 entdeckt Martin Heidingsfelder nach dem Hinweis eines Professors, dass sich Grüns Blogbeitrag aus dem Jahr 2008 wortidentisch und ohne Zitat in der Dissertation Michel Friedmans aus dem Jahr 2010 befindet. Heidingsfelder spricht mit Grün, laut Heidingsfelder wird der Blogbeitrag in der Folge vom Netz genommen (Google Cache vergisst aufs Erste nichts!). Heidingsfelder zögert zunächst, was eine Veröffentlichung anbelangt.

* In den vergangenen sieben Tagen entdecken Heidingsfelder und ich zahlreiche weitere Textkonkordanzen zwischen Grün und Friedman (von zumindest zwei weiteren Quellen Grüns) und weitere Ungereimtheiten in der Dissertation Friedmans.

Der Fall verlangt also eine differenzierte Betrachtung. Die Schlagzeile lautet nämlich diesmal zunächst nicht: “Plagiatsvorwürfe gegenüber Michel Friedman: Hat er von seinem eigenen Doktorvater abgeschrieben?” Sie lautet schon eher: “Geheimnisvolle Textkonkordanzen zwischen Klaus-Jürgen Grün und Michel Friedman entdeckt“. – Gibt es so etwas in den Geisteswissenschaften, insbesondere in der Philosophie, dass nahezu identische Textsegmente als Versatzstücke sowohl in wissenschaftlichen Arbeiten (gedruckt und online publiziert) eines Doktorvaters als auch in einer Dissertationsschrift eines Betreuten auftauchen? Aus meiner Sicht ist dies, vorsichtig gesagt, äußerst ungewöhnlich. Jeder kann sich selbst ein Bild machen, ich habe für Martin Heidingsfelder die bisherigen Funde dokumentiert (noch kein Anspruch auf Vollständigkeit) und sie der Universität Frankfurt übermittelt. Dort scheint das allen herzlich egal zu sein, es kam bislang nicht einmal eine Eingangsbestätigung bei mir an.

Hingegen hat sich Doktorvater Klaus-Jürgen Grün bei mir gemeldet – mit einem beachtenswerten performativen Widerspruch: Er mailte mir, “die Konkordanzen” seien “aus dem bloßen Umstand zu erklären, dass ich in der Tat Texte von Herrn Friedman verwendet habe. Da aber für Blogs keine wissenschaftlichen Anforderungen gelten, gibt es für einen Plagiatsvorwurf gegen Herrn Friedman keinen Raum.” Der erste und der zweite Satz passen erkennbar nicht zusammen: Für einen Plagiatsvorwurf gegenüber Herrn Friedman gäbe es Grün zu Folge ja dann nicht deshalb “keinen Raum“, weil Grün einen der Texte 2008 auch als Blogbeitrag publiziert hat (und übrigens später auch in einem wissenschaftlichen Sammelband!), sondern weil Grün mit dieser Mail angibt, “Texte von Herrn Friedman verwendet” zu haben. Will hier ein Doktorvater mögliches wissenschaftlichen Fehlverhalten seines Ex-Dissertanten auf seine Kappe nehmen? Ist ihm klar, dass er damit selbst wissenschaftliches Fehlverhalten anzeigt? – Wie sind diese Texte tatsächlich entstanden, und warum wurden sie in der Folge so und nicht anders verwendet? Das ist es, was mich am Fall Friedman/Grün interessiert, nicht die mögliche Schlagzeile, sondern simpel und gut wissenschaftlich: die Wahrheitssuche.

Davon abgesehen teilt die Dissertation von Herrn Friedman ihr Schicksal mit zahlreichen anderen Arbeiten der vergangenen Jahre: Mitunter wurde Primärliteratur offensichtlich nicht konsultiert, sondern Bewertungen, zum Teil wörtlich, wurden in einem Fall von der FAZ abgeschrieben, in einem anderen Fall aus einer Buchrezension. Zitate wurden mitunter falschen Autoren zugeordnet, einmal befinden sich in der Arbeit seitenlange Wiedergaben eines anderen Autors mit zum Teil indirekter Rede, aber immer wieder auch ohne. Ein Wittgenstein-Zitat taucht, mit identischen Einschüben, so auch bei Grün auf, eine Referenz auf eine Habermas-Rede findet sich ebenso wörtlich, mit identischen Einschüben, bei Grün (für beides Dank an Martin Heidingsfelder). Eine Referenz auf eine frühere Arbeit Friedmans stimmt nicht: Friedman verweist auf S. 208 auf “Thesen dieses Kapitels”, die er schon früher publiziert habe, die seitenweisen wortidentischen Übernahmen beginnen aber schon mehrere Seiten zuvor. Aber hier gilt es wieder, zwischen Täuschungsvorwurf (etwa dem Vortäuschen einer Autorschaft) und schlechter oder schlampig verfahrender Wissenschaft zu unterscheiden.

Was haben die deutschen Universitäten eigentlich aus den Plagiatsfällen gelernt? Offenbar nichts!

Mittwoch, 24. Juli 2013

Ihrem werten Plagiatsgutachter erscheint seine Sache immer wieder wie ein Kampf gegen die Windmühlen. So auch heute, nach einer meines Erachtens verstörenden Mail des für die Selbstkontrolle der Wissenschaft zuständigen Professors der Universität München. Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf eine hoffentlich einigermaßen präzise Recherche und den Versuch einer Interpretation einfach keine klare Antwort bekomme, dass Dinge irgendwie entschieden (das heißt in neun von zehn Fällen: abgeschmettert) werden, ohne diese Entscheidungen zu begründen. Vor allem das Fehlen von Begründungen scheint ein beliebtes Stilmittel zu sein, und es führt Wissenschaft einmal mehr ad absurdum.

Und genau aus diesem Grund publiziere ich den folgenden Mailverkehr – und werde das auch weiterhin tun, solange Ombudspersonen nicht einmal klare Mails schreiben können oder wollen.

Meine Mail von heute:

Von: Stefan Weber [mailto:weber@plagiatsgutachten.de]
Gesendet: Mittwoch, 24. Juli 2013 07:48
An: ‘matthias.krueger@jura.uni-muenchen.de’
Betreff: Bitte um Klärung eines Sachverhalts

Sehr geehrter Prof. Krüger,

ich bitte Sie in Ihrer Funktion als für die Selbstkontrolle der Wissenschaft an der Universität München Zuständiger um Klärung des folgenden Sachverhalts:

Herr Dr. Klaus Metzl hat 2000/2001 seinen Doktorgrad an der Katholisch-Theologischen Fakultät erworben, aber seine Promotionsschrift erst 2007 veröffentlicht, siehe den Datensatz https://portal.dnb.de/opac.htm?method=showFullRecord&currentResultId=Klaus+Metzl%26any&currentPosition=0. Das Buch mit den entsprechenden Jahreszahlen liegt mir vor.

Wenn ich § 24 der Promotionsordnung (http://www.kaththeol.uni-muenchen.de/studium/nichtmodul/promotion/fassungen/deutsche.pdf) richtig interpretiere, hätte er den Doktorgrad seit spätestens 2005 nicht mehr führen dürfen, da er seine Doktorarbeit nicht binnen der von der Promotionsordnung maximal vorgeschriebenen Frist von vier Jahren veröffentlicht hat:

“§ 24 Veröffentlichung

(1) Nach Bestehen der Doktorprüfung ist binnen zwei Jahren, gerechnet von dem Tag der Aushändigung des Prüfungszeugnisses an, die veröffentlichte Doktorarbeit der Katholisch-Theologischen Fakultät vorzulegen. Die Veröffentlichung erfolgt in dem Umfang und mit den Änderungen, die vom Promotionsausschuß festgesetzt worden sind. Ausnahmen bedürfen der Zustimmung des Promotionsausschusses.

(2) Der Vorsitzende des Promotionsausschusses kann die Frist zur Ablieferung der veröffentlichten Doktorarbeit auf Antrag des Bewerbers um höchstens zwei Jahre verlängern.

(3) Versäumt der Bewerber die Frist, so erlöschen alle durch die Doktorprüfung erworbenen Rechte.”

Der Satz aus § 24 Abs. 1 „Ausnahmen bedürfen der Zustimmung des Promotionsausschusses“ kann sich m. E. nur auf den diesem Satz vorhergehenden Satz beziehen, weil sonst Abs. 2 sinnlos wäre (wenn eine Fristverlängerung auch um 5 oder 6 Jahre möglich wäre und diese auch unter die „Ausnahme“ fallen würde, bräuchte es § 24 Abs. 2 nicht).

Soweit meine Interpretation mit der Bitte um Ihre Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

PD Dr. Stefan Weber Sachverständiger für wissenschaftliche Texte

http://plagiatsgutachten.de http://plagiarismreports.com

Institut für Autorschafts- und Zitatsforschung http://iazf.de

Ich habe hier niemandem etwas unterstellt – ich habe nur darum gebeten, meine Interpretation zu kommentieren. Und hier die Antwort (übrigens signaturfrei):

Sehr geehrter Herr PD Dr. Weber,

ich kann in Ihrem Vorwurf kein wissenschaftliches Fehlverhalten im Sinne der einschlägigen LMU-Richtlinien ausmachen.

Mit freundlichen Grüßen.

Matthias Krüger

—-

Wenn ich jemandem maile “Ich kann kein Plagiat ausmachen”, dann begründe ich das seit Jahren – auch bei unbezahlten Reaktionen auf Anfragen. Das ist sozusagen ein “kommunikatives Minimum”, das verlangt der Anstand. Herr Professor Krüger, sicherlich ein bestbezahlter juristischer Wissenschaftler, macht sich nicht einmal diese Mühe. So kommuniziert man nicht.

Das führt mich zu einer längst überfälligen generellen Kritik am bundesdeutschen Ombudswesen.

- Versuchen Sie einmal, auf den Webseiten führender deutscher Universitäten den Ombudsman bzw. das Ombudsgremium für gute wissenschaftliche Praxis zu finden. Einen Menüpunkt “Gleichstellung” finden Sie fast immer weit oben im Organigramm; das so wichtige, wenn nicht überhaupt zentrale Thema der Qualitätssicherung wissenschaftlichen Arbeitens wird indes gut versteckt. Schon alleine das spricht Bände. Meistens muss man interne Suchmaschinen bemühen und “Gute wissenschaftliche Praxis”, “Selbstkontrolle” oder “Ombud” eintippen – manchmal kommt man nicht einmal dann zum Ziel.

- Die millionenschwere DFG ist bis heute nicht einmal in der Lage, ein benutzerfreundlich durchsuchbares Verzeichnis der Ombudspersonen deutscher Universitäten ins Netz zu stellen, siehe den Link zum Excel-Dokument unten auf der Webseite des Ombudsmans für die Wissenschaft.

Es tut mir leid, wenn ich nach diversen abgeschmetterten oder gänzlich unbeantworteten Anfragen an Ombudspersonen (es gibt zumindest zwei nie weiter verfolgte Plagiatsverdachtsfälle) das Gefühl bekomme, die Wissenschaft will auch weiterhin mit Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens nichts zu tun haben. Dann darf sie sich aber nicht wundern, wenn das andere, etwa im Netz, übernehmen. Ein Armutszeugnis für die Wissenschaft.

Vielleicht unterstelle ich auch zu viel Intentionalität. Womöglich geht es einfach nur darum, die Kritiker zu verarschen, sie auszubremsen, Zynismus walten zu lassen.

Die TU Dresden und das (oder ihr?) Plagiatsproblem

Donnerstag, 04. August 2011

“Plagiatsvorwürfe sind bei uns sehr selten”, sagt der ehemalige Rektor und heutige Ombudsmann für die saubere Wissenschaft an der TU Dresden in einem lesenswerten Artikel in der Sachsen-Ausgabe der heutigen “Zeit”. Und der ehemalige Dekan ergänzt, es habe überhaupt nur einen einzigen Fall gegeben, nämlich den “Fall” Wöller.
Ich habe unlängst drei Hauptprobleme bei der wissenschaftlichen Textqualitätssicherung benannt, deren Identifikation wir primär den Dokumentationen auf GuttenPlag und VroniPlag zu verdanken haben:

(1) Print- und Online-Plagiarismus/’Hardcore-’ bzw. ‘echter’ Plagiarismus im Stile Guttenbergs: Hier handelt es sich klar um Vorsatz, Täuschung, Betrug, Erschleichung etc.

(2) Eine Umschreib-Unkultur, meist auf dem falschen Einsatz von “Vgl.” basierend, im Stile Althusmanns: Hier handelt es sich womöglich nicht um bewusste Täuschung, sondern um (grobe) Fahrlässigkeit oder Unkenntnis; aber auch diese Technik führt zu Redundanz, bedeutet keinen wissenschaftlichen Fortschritt und steht im Widerspruch zu Promotionsordnungen.

(3) Das Problem der mangelnden Quellenseriosität durch die zunehmende Zitation nicht-wissenschaftlicher Quellen zur Faktenvermittlung in wissenschaftlichen Arbeiten (“Super Illu” lässt grüßen).

Analytisch und zum Zwecke der empirischen Erforschung kann man die drei ‘Baustellen’ trennen. Praktisch treten sie oft gemeinsam auf. Selbstverständlich finden sich etwa in der Doktorarbeit Guttenbergs alle drei Probleme (Schwerpunkt bei (1)), wie auch bei Chatzimarkakis (Schwerpunkt bei (2)). Bei Althusmann ist es hingegen etwa fraglich, ob (1) zu identifizieren ist, ebenso nach dem derzeitigen Stand der Dinge bei Wöller.
Warum diese kleine Systematik? Nun, weil mir zu allen drei Punkten sofort Vorwürfe gegenüber Wissenschaftlern der TU Dresden einfallen (die allerdings nicht ich erhoben habe). Insofern wundert es mich, dass in der heutigen “Zeit” alle Verantwortlichen so tun, als gäbe es das Problem an der TU Dresden so gut wie nicht bzw. habe es in der jüngeren Vergangenheit nur einen Vorwurf gegeben.

Ad 1: Ein schwerwiegender, da offenbar mehrere Werke betreffender Plagiatsvorwurf gegenüber einem (mittlerweile emeritierten) Dresdner Philosophiehistoriker findet sich in den Fußnoten 5 und 6 dieser 2002 erschienenen Rezension. Ich copypaste:

“Wollgast hat seine 1997 erschienene Reprintausgabe der gesammelten Werke Gabriel Wagners (1660-1717) mit einer Einleitung versehen, bei der es sich um eine ‘weitgehend wortwörtliche Abschrift’ einer über 50 Seiten langen Passage aus einem Buch von 1961 handelt, vgl. die Rezension von Detlev Döring, in: Theologische Literaturzeitung 123 (1998), Sp. 883-885.
[...] Die Passage S. 144 f. zur Absentia-Promotion von Karl Marx in Jena 1841 ist sprachlich abhängig von: Erhard Lange, Ernst-Günther Schmidt, Günter Steiger, Inge Taubert, Die Promotion von Karl Marx – Jena 1841. Eine Quellendedition, Berlin 1983, S. 29 ff. Eine Reihe von trefflichen Formulierungen aus dem Aufsatz von Hanspeter Marti, Der wissenschaftsgeschichtliche Dokumentationswert alter Dissertationen. Erschließung und Auswertung einer vernachlässigten Quellengattung der Philosophiegeschichte – Eine Zwischenbilanz, in: Nouvelles de la Republique des Lettres, 1981-1, S. 117-132, hier S. 126, hat Wollgast zweimal verwertet, ohne den Aufsatz zu zitieren: In seinem Buch S. 108 f. und in seinem Aufsatz, Zur Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 32 (1999), S. 5-41, hier S. 34 f., der weitestgehend mit den entsprechenden Teilen des Buches übereinstimmt.”

Ist die TU Dresden diesen Vorwürfen zu “Amtszeiten” des Professors nachgegangen? Hat es ein Verfahren gegeben? Wie war dessen Ausgang?

Ad 2: Der Vorwurf des zumindest sehr unsauberen Zitierens gegenüber einem Dresdner Rechtswissenschaftler wurde von Volker Rieble in seinem – allerdings mittlerweile eingezogenen – Buch “Das Wissenschaftsplagiat”, S. 28 f. erhoben. Rieble spricht hier von einem “übersehen[en]“, “diskret gehandhabt[en]” Fall:

“[...] die teils wortwörtlichen Übernahmen werden aber nicht durch Anführungszeichen als Fremdtext gekennzeichnet und auch bei den Umformulierungen ist die Anlehnung abschnittsweise derart stark, daß die eigene Leistung des Abschreibers insoweit nicht erkennbar wird.” (Rieble 2010, S. 28 f.)

Der hier Beschuldigte ist immerhin Dekan an der TU Dresden. Zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt – das ist hier nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr, dass es im Falle einer Prüfung eben auch einen “Fall” gegeben haben müsste, was aber in Abrede gestellt wurde.

Ad 3: Mit Sicherheit nicht das einzige Beispiel: Man vergleiche einmal Seite 12 dieser Powerpoint-Präsentation – den Satz “Deutschland gilt als ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt (Bildung ‘made in Germany’)” – mit diesem Spiegel-Online-Artikel – nämlich mit dem Satz “Dabei könnte eigentlich alles gut sein, die Bundesrepublik ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt: Bildung made in Germany hat einen guten Ruf.” Auch das ist ein gutes Beispiel für eine Tendenz zur Textkultur ohne Hirn mit fragwürder Referenz(un)kultur (nichts gegen den “Spiegel”, aber Wissenschaft ist Wissenschaft und Massenmedien sind Massenmedien, nicht nur bei Luhmann).

Das Problem ist also wohl überall, und keine Universität sollte so tun, als sei sie nicht betroffen. Das ist schlichtweg verlogen gegenüber der Öffentlichkeit.

“Ars Electronica” als PR-Plattform für CERN

Samstag, 18. Juni 2011

Die “Ars Electronica” im österreichischen Linz war einmal ein Festival für spannende, teils subversive Kunst und für innovatives, teils gesellschaftskritisches Denken. Ihr werter Plagiatsgutachter wunderte sich schon vor Jahren über die höchst seltsamen Pfade, die dieses dereinst wegweisende Festival seit Ende der neunziger Jahre eingeschlagen hat – und über das große Schweigen dazu in Österreich, wie immer bis auf einige ganz wenige kritische Stimmen. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass alle wesentlichen Massenmedien des Landes Sponsoren des Festivals sind und so immer eine mächtige Pro-Ars-Electronica-PR-Walze losgetreten wird.

In diesem Jahr lautet das Festivalthema “origin. wie alles beginnt” (wohlgemerkt nicht: “begann”). Im “Curatorial Statement” verwundert ganz unverhohlene PR für das CERN, wo man schon den Kopf schütteln mag, dass sich so viele Computerkünstler und -aktivisten offenbar dafür einspannen lassen. Ich zitiere:

“Wenn man einmal die Anlagen von CERN aus nächster Nähe betrachten konnte, ja vielleicht sogar die hundert Meter unter der Erde liegenden riesigen Detektoren gesehen hat, dann kann man nicht umhin, dies alles als das technisch [Fehler im Orig.] und wissenschaftliche Weltwunder unserer Zeit anzusehen. [...] Noch viel mitreißender als die technischen Anlagen aber sind die Begeisterung und Hingabe der ForscherInnen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Denn zum wahren Weltwunder wird CERN erst durch die mehr als 8000 Menschen, die hier arbeiten, und die vielen Länder, die all dies finanzieren.”
(Quelle: “Was ist Origin?”)

Das könnte eine mittelmäßige PR-Agentur für die deutschsprachige Webseite des CERN getextet haben – aber was hat diese Lobhudelei im “Curatorial Statement” eines Festivals für Computerkunst zu suchen, das noch dazu mit wissenschaftlichen Symposien aufwartet? Mich hat interessiert, ob CERN, sprich indirekt auch “die vielen Länder, die all dies finanzieren”, auch die diesjährige “Ars Electronica” finanziell unterstützt und sich damit womöglich affirmative Kunst und Pro-Redner einkauft. Leider hat mir der “Ars”-Pressesprecher nicht geantwortet, weshalb ich ihm die Frage gerne noch einmal hier öffentlich stellen möchte: Wird die diesjährige “Ars Electronica” durch CERN finanziell unterstützt, und wenn ja: in welcher Höhe und zu welchen Auflagen? Interessant auch, dass dies offenbar bislang keine politische Partei in (Ober-)Österreich interessiert hat…