Mit ‘Titelbetrug’ getaggte Artikel

Wegweisendes Schavan-Urteil nun online nachzulesen

Dienstag, 15. April 2014

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf in der Causa Schavan ist nun im Volltext online nachzulesen. Es ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Klar ist: Viele Universitäten hielten und halten sich in keiner Weise an das, was hier geschrieben steht. Da das Verwaltungsgericht der Universität Recht gegeben hat, verstoßen zahlreiche andere Universitäten, die ganz anders agieren, mitunter wiederholt gegen herrschendes Recht. Schade, dass es bei Vertuschungsverdacht an Hochschulen keine wirkliche rechtliche Handhabe gibt.

Nur zwei wichtige Zitate aus dem Urteil (beide referieren im Konjunktiv Ausführungen der beklagten Universität, denen das Verwaltungsgericht durch das Urteil zugestimmt hat):

“Auf die Frage, ob sich die damaligen Gutachter (bzw. Referenten) der Arbeit getäuscht gefühlt hätten, komme es nicht an, da Adressat einer Promotionsleistung die Fakultät sei, die den Doktorgrad verleihe.”

“Ob die eingereichte Dissertation annahmefähig gewesen wäre, wenn sie die fehlenden Nachweise enthalten hätte, sei irrelevant. Eine ‘geltungserhaltende Reduktion’ finde nicht statt. Auf die Quantität der Plagiate im Verhältnis zur Länge der Arbeit komme es jenseits einer hier nicht ernstlich zu erwägenden Bagatellgrenze rechtlich nicht an.”

Die persönliche Erklärung Schavans (offenbar von ihrer Webseite schon wieder verschwunden) macht hingegen sprachlos.

Lammertplag: Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang bereits erbracht

Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Mühen des “Robert Schmidt” sind es wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Hier also meine Einschätzung: Der Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang ist mit den 42 beanstandeten Fließtext-Seiten (von insgesamt 116) bereits erbracht worden. Es ergibt sich ein eindeutiges Muster der suggerierten eigenständigen Auseinandersetzung mit Literaturquellen, Studien und Forschungsergebnissen – wobei aber durchweg andere, nicht genannte Literatur dieser Auseinandersetzung zugrunde lag. Zudem fand “Robert Schmidt” sogar isolierte, “rein” plagiierte Sätze wie etwa den folgenden:

Quelle: http://lammertplag.wordpress.com/2013/06/30/seite-100/

Was wird nun geschehen? Wird man die Verjährung von Dissertationsplagiaten nun doch einführen (bevor weitere Spitzenpolitiker fallen werden) und polizeiliche Verfolgungen von anonymen Online-Plagiats”jägern” ermöglichen? – Oder wird man endlich bekennen, dass in der Wissenschaft seit Jahren, seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten etwas systematisch schief läuft? Das Problem ist: Wissenschaftler und Politiker sitzen in einem Boot des Textbetrugs.

Politiker warnten gestern einhellig vor “Vorverurteilungen”. Nun, nach der Lektüre von Lammertplag sind wir längst bei der Nachverurteilung angekommen. Erschreckend, dass selbst gewisse Emeriti der Politologie die Plagiatsstellen nicht gesehen haben, sehen konnten oder wollten, bevor sie gegenüber den Massenmedien Kommentare abgegeben haben. Genau das ist Teil des Problems!

Konsequenzen aus dem Fall Schavan

Mittwoch, 06. Februar 2013

Annette Schavan wird offenbar nicht nur von weiten Teilen der Opposition geliebt, sondern auch von den bundesdeutschen Massenmedien. Jüngere und ältere Journalisten der führenden Blätter kommentieren heute einhellig, dass der Titelentzug “falsch” bzw. “nicht richtig” sei oder Schavan “bloß nicht zurücktreten” solle. Noch heute Nacht war zu lesen, es gelte nach wie vor “bis zur endgültigen Klärung die Unschuldsvermutung“.

Mag sein, dass einige Journalisten tatsächlich ein Naheverhältnis zur Politikerin haben. Mag sein, dass andere bereits selbst der jüngeren Copy & Paste-Generation angehören und einige ältere ihre Qualifikationsschriften selbst im Modus Schavan verfasst haben. Mag aber vor allem sein, dass Journalismus halt so funktioniert, dass die Massenmedien eben jetzt einen neuen ‘Dreh’ brauchen. Guttenberg war in der Bevölkerung sehr beliebt, aber Qualitätsmedien waren ihm gegenüber immer kritisch eingestellt. Bei Schavan scheint es eher umgekehrt zu sein: Sie wird vor allem von der Qualitätspresse geliebt, von der Süddeutschen bis zur FAZ. Nun erscheint sie als Opfer universitärer Willkür.

Viel entscheidender erscheint mir jedoch das Kommunikationsversagen der Wissenschaft: Es ist ihr, so auch gestern abend bei der ‘Urteilsverkündigung’, überhaupt nicht gelungen, zu vermitteln, was ein Plagiat ist und warum das simulatorische Vorgehen von Frau Schavan, wenn es geduldet werden würde, den Wissenschaftsbetrieb früher oder später kaputt machen würde (genauer: in den vergangenen Jahren zu Teilen bereits ruiniert hat!). Zudem erlangen so laufend Menschen den Doktorgrad, die grundlegende Kompetenzen wie genaues Lesen, Zitieren, Kommentieren und Bewerten nicht beherrschen. Hat Schavan ähnliche “Flüchtigkeitsfehler” bei der Entscheidung über und Vergabe von Forschungsmillionen begangen? Letztlich züchten wir uns eine intellektuelle Kultur des Als-Ob heran, in der der Schein dominiert und die Substanz sukzessive verschwindet. Die Universität Düsseldorf hat sich gestern für einen wissenschaftsgeschichtlich bedeutenden Befreiungsschlag in die richtige Richtung entschieden.

In den Massenmedien werden wir vielleicht eher über Schavans Mutter lesen oder womöglich krude Thesen hören wie jene, dass die Universität Düsseldorf den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland mit dieser Entscheidung weltweit beschädigt und Deutschland schweren ökonomischen Schaden zugefügt habe.

Eigentlich sollten wir uns jetzt um ganz andere Dinge kümmern: Wir brauchen einheitliche Verfahren im Umgang mit Plagiatsvorwürfen, zuerst deutschlandweit, dann EU-weit. Die USA ist hier in fast allen Belangen viel weiter. Es kann nicht sein, dass eine Universität ein Plagiat nach 33 Jahren (korrekt) ahndet, andere Universitäten aber (inkorrekt) akademische Grade bei quantitativ noch umfassenderen und noch deutlicheren Plagiaten nicht entziehen und sogar paradoxe Auflagen erteilen wie etwa jene, eine plagiierte “Dissertation unverändert, aber mit korrekter Zitierweise vorzulegen”. Das macht den Wissenschaftsstandort Deutschland lächerlich und ist im Übrigen – im Gegensatz zur Schavan-Entscheidung – tatsächlich juristisch unhaltbar.

Wir brauchen weiter dringend ein deutschlandweites Institut zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Qualifikationsschriften. Dieses sollte nicht nur als “Kontrollbehörde” oder “Letztinstanz” fungieren, sondern selbst Forschung betreiben. Internationale Beispiele dafür gibt es einige, wie etwa das International Center for Academic Integrity. Es geht nicht an, dass irgendwelche ergrauten Emeriti unwissenschaftliche Thesen über einen angeblich korrekten Umgang mit laxen Zitaten und Plagiaten verbreiten können, während die Lehrbuchliteratur aus dem fraglichen Zeitraum etwas ganz anderes sagt (siehe mittlerweile auch das “berühmte” Beweisstück). Auch das macht die Wissenschaft lächerlich.

Und wir brauchen an jeder Universität einen “Plagiatsbeauftragten“. Erfolgreiche Pilotversuche wie die “Freiwillige Plagiatskontrolle” an der PH Freiburg können als Referenzprojekte dienen. Es ist auch ein unhaltbarer Zustand, dass ein aus Lehrenden bestehender Promotionsausschuss die mühsame Plagiatsdetektion und Quellenrekonstruktion neben der eigentlichen Arbeit, oft als eine Art abendliches Hobby mit Suchtpotenzial, erledigen muss. Wenn es Stellen für Gender-Mainstreaming gibt, sollten sich Universitäten auch Plagiatsbeauftragte leisten können.

Auf VroniPlag taucht eine plagiierte Doktorarbeit nach der anderen auf: von Anwälten, Ärzten, Wissenschaftlern, Politikern. Das wird nicht aufhören. Irgendwann werden wir bei der Zahl 100 angekommen sein. Der neue Bildungsminister wird handeln müssen. In oben skizziertem Sinne.

Unglaubliche Enthüllungen auf VroniPlag: Des Politikers Textkultur ohne Hirn

Sonntag, 29. Mai 2011


Quelle: VroniPlag

Ich bin immer wieder fassungslos, was das Team von VroniPlag alles zu Tage fördert. Man sehe sich nur die abgebildete Seite 23 in der Dissertation des FDP-Politikers Chatzimarkakis an. Warum erstellte er wie so eine Textschnipsel-Collage mit den Anschein eigener Durchdringung? Zum “Warum”: So etwas entsteht aus Überforderung oder Unterforderung. Entweder, er hätte es gar nicht anders können, oder er hätte, aber wollte nicht. In beiden Fällen ist es eine System-Perversion, dafür einen Doktortitel zu tragen. Und das “Wie” hängt immer davon ab, ob der Referenztext online, irgendwie digitalisiert oder bloß in Print vorlag: Wenn online, dann ist natürlich Copy & Paste die schnelle Methode erster Wahl (ich schlage vor, Tastaturen an Politiker ab sofort ohne Strg, C und V auszuliefern). Wenn offline, dann brauchte Chatzimarkakis wohl selbst Textmarker in vielen Farben. Und auch wieder: So oder so, mit Wissenschaft hat das alles ungefähr so viel zu tun wie irgend ein esoterischer Schabernack mit Schulmedizin.
Unfassbar, dass – wenn schon nicht der Aufschrei, dann zumindest – die Reaktionen der etablierten Wissenschaftsinstitutionen zu diesem Problem völlig ausbleiben. Damit meine ich öffentliche Stellungnahmen von den zuständigen Ministerien (Bundesministerium für Bildung und Forschung, Länderministerien für Wissenschaft), der Hochschulrektorenkonferenz, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aber selbstverständlich auch von den Parteien, die bislang betroffen sind. Dass sie alle schweigen, wirft ein weiteres Licht auf das Problem: In jeder Führungsspitze dieser Institutionen sitzt womöglich mehr als einer, der auch ein Vertreter der Textkultur ohne Hirn ist. Ist VroniPlag somit allen ein Dorn im Auge? Nur so erklärt sich die kollektive Ignoranz im Moment. Es sind nicht nur die spanischen Salatgurken, die das Plagiatsproblem im Moment aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verdrängt haben. Dahinter steckt womöglich auch Absicht.

Textueller Missbrauch an deutschen Unis und in der Europapolitik

Montag, 16. Mai 2011

Seit gestern wissen wir, wieder einmal dank VroniPlag, dass ein weiterer deutscher Politiker aus dem konservativ-liberalen Lager bereits die ersten Sätze der Einleitung seiner Dissertation aus der FAZ abgeschrieben hat. Der gute Mann muss schon ins Schwitzen gekommen sein, denn auf seiner Website erklärt er – auch seit gestern – seine Neuerfindung der wissenschaftlichen Zitiertechniken: vom Harvard-Style zum Jorgo-Style sozusagen. Und dieser Freestyle sieht dann so aus: Zitate im Fließtext, nicht eingerückt und ohne Anführungszeichen, ausgewiesen durch Fußnote. Doch wenn ein Zitat im Fließtext aufgeht, Anfang und Ende nicht durch An- und Abführungszeichen deutlich gekennzeichnet sind und nur eine diffuse Fußnote irgendwo zur Originalstelle führt, handelt es sich um ein Plagiat (das hat etwa der österreichische Verwaltungsgerichtshof wiederholt klargestellt; ähnliche Entscheide müsste es auch für Deutschland geben). Es mutet fast ein wenig absurd an, hier wieder mal daran erinnern zu müssen, dass jede Einführung in wissenschaftliche Arbeitstechniken genau solche Formen des Missbrauchs verbietet. Dazu nur drei Zitate aus dem Buch “Wissenschaftliches Arbeiten: Technik – Methodik – Form” von Manuel R. Theisen, Erstauflage 1984:

- “Ein direktes Zitat muß im Text in Anführungszeichen gesetzt werden [...]“. (S. 127 – Hervorhebungen im Original)

- “Die einmal gewählte Zitattechnik muß in einer Arbeit konsequent und ausnahmslos durchgehalten werden.” (Ebenda – Hervorhebungen im Original)

Und auch für das ‘inhaltliche’ oder ‘indirekte’ oder ‘sinngemäße’ Zitat, das oft als Freibrief zum Paraphrasieren missverstanden wird, gibt es eine ganz klare Regel:

- “In jedem Fall muß für den Leser Anfang und Ende auch eines längeren indirekten Zitates klar erkennbar sein [...]“. (S. 131 – Hervorhebungen im Original)

Schon auf der ersten Seite der fraglichen Dissertation (“Einleitung”, S. 6) wurde gegen diese drei Regeln glasklar verstoßen. Das Interessante an diesem Fall ist, dass sich die Begutachter, Detlev Karsten und Uwe Holtz, nun nicht mehr darauf berufen können, sie hätten eine ach so geschickte Täuschung nicht bemerkt (wie noch Häberle und Streinz). Denn die “Zitierweise” in Fußnote 1 der Doktorarbeit, “Beck / Prinz (1998)”, ist schlichtweg ein No-go in der Wissenschaft: Keiner weiß hier, was von wo nach wohin übernommen wurde. Jeder Betreuer einer Erstsemestrigenarbeit muss so etwas sofort sehen! Doch hier handelt es sich um eine Dissertation, darin liegt der eigentliche Skandal dieses neuerlichen Plagiatsfalls, bei dem es diesmal auch Konsequenzen für die Betreuer geben müsste, wenn sie nicht schon emeritiert wären.

Was mir aber auch langsam Kopfzerbrechen bereitet: Bislang ging es – auf GuttenPlag wie auf VroniPlag und verwandten Initiativen – “nur” um die Qualitätssicherung in der textorientierten Wissenschaft, um das Hinweisen auf ein grobes Problem in der Referenzkultur. Mit dem neuen Fall wird die Sache aber endgültig politisch, und langsam muss man sich fragen: Wer sind diese konservativen oder liberalen EU-affinen Politiker, die Dissertationen fast immer über EU-nahe Themen “schreiben”, das heißt ab- und umschreiben statt selber schreiben? Muss man textuellen Missbrauch betreiben, ja blenden können, damit man EU-Politiker werden kann? Als Gipfel der Heuchelei findet sich auf der Webseite des Promovierten unter “Meine Themen” auch noch der Hinweis darauf, dass er “Wissensklau verhindern” will – in diesem Zusammenhang erwähnt er die “Bekämpfung von Verletzungen der Rechte des geistigen Eigentums”. Du meine Güte, hat das eine Schieflage! Von welchen Menschen werden wir hier regiert, wer fällt hier ‘für uns’ mit welchem Bildungsniveau Entscheidungen für die Zukunft? Und der nächste Fall steht schon ante portas: Raten Sie mal – ein konservativer EU-Kommissar!