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Zitierregeln und Plagiat – wie war es früher?

Freitag, 10. Juni 2011

Die derzeitigen Debatten in Österreich um die Doktorarbeiten von Johannes Hahn, Peter Pilz und womöglich auch bald Christa Them werfen eine hochinteressante Frage auf: Herrschten früher, vielleicht vor 2000, vielleicht vor 1990, tendenziell Wildwuchs und Beliebigkeit in den textorientierten Wissenschaften? Wurden verbindliche Zitierregeln, ja am Ende die Grundregeln der Kennzeichnung fremden Textmaterials erst nach 1990 oder gar erst nach 2000 eingeführt?

Die von Ihrem werten Plagiatsgutachter aufgestöberten alten Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten, die etwa auch schon in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts glasklar darauf hinwiesen, dass wörtliche Zitate in Anführungszeichen zu setzen seien (vgl. etwa Helmut Seiffert: “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten”, 1972, S. 130), beeindrucken die ertappten Abschreiber oder Eben-Bloß-Freestyle-Zitierer nicht: Diese hätte man damals eben gar nicht konsultieren müssen. – Hmm… was wurde dereinst dann eigentlich gelehrt? Wie postmodern cool waren denn die Stadtphilosophen, Volkswissenschaftler und Pflegewissenschaftler, um die drei aktuell zur Debatte stehenden (Sub-)Disziplinen zu nennen? Man stelle sich ein Biologie-Institut vor, das sich hinstellt und behauptet: Bei uns wurden Regeln für Laborexperimente überhaupt erst im Jahr 2000 eingeführt. (Wenn die Naturwissenschaft so getickt hätte, müsste jeder dafür dankbar sein, das Millennium er- und überlebt zu haben.)

Ich habe nun ein Bild vor Augen von einer Post-Flower-Power-Universität, an der man irgendwas irgendwie beliebig lange studiert und dann irgendwas irgendwie beliebig zusammengestoppelt hat (Cut-Up vor Copy/Paste) – und schwupps war man Doktor. Wenn dem so war, na wunderbar! Aber diese Titelträger sind die “Würdenträger” und Entscheider von heute. Dann wäre über eine neue Verhaltensregel nachzudenken: Don’t trust any doctor – zumindest, wenn der Titel vor 2000 oder gar 1990 verliehen wurde.

Offenbar hatte ich, der ich im Wintersemester 1989 zu studieren begann, die große Gnade (oder eben das große Pech), gerade in eine Zeitenwende reinzurutschen: Urplötzlich gab es (in einem Massenfach, das als eher triviales Studium galt!) ein verpflichtendes Lehrbuch über das korrekte wissenschaftliche Arbeiten, ein verpflichtendes Proseminar im ersten Semester, das vehement genau für Fragen des Zitats und des eigenen Texts sensibilisierte, und jede Menge Prüfungsliteratur zum Thema. Rückblickend wundert mich auch: Wie kommt es, dass in der ganzen älteren Primär- und Sekundärliteratur wenn nicht plagiiert, dann eben korrekt zitiert wurde, aber in Dissertationen das nicht der Brauch gewesen sein soll?

“Die Entwicklung der Zitierregeln”: Was für ein spannendes Thema für eine Dissertation (wie wäre es mit Ihrem werten Plagiatsdetektiv als Betreuer?) und für Forschungsprojekte (aber bitte keine Doppeleinreichung der Projektberichte als Dissertationen, das tut man nämlich nicht)!