Mit ‘Karl-Theodor zu Guttenberg’ getaggte Artikel

“Person und Gewissen” oder: Der Fall Guttenberg wird sich wiederholen

Donnerstag, 03. Mai 2012

Ich hätte es nie im Leben für möglich gehalten, dass es in Deutschland eine Steigerung des Falles Guttenberg geben wird. Doch es gibt sie: in Form einer plagiierenden Ministerin, die für Bildung, Forschung und Wissenschaft zuständig ist. (Was würde Merkel nun sagen? Dieser Widerspruch ist nicht mehr auflösbar.) Eine Ministerin und vierfache Ehrendoktorin, die über Sigmund Freud schreibt, aber nachweisbar Freud gar nicht gelesen hat, sondern plump aus der Sekundärliteratur abschreibt. Die wiederum Originalautoren wörtliche Zitate unterjubelt, die diese gar nie geschrieben haben, weil aus der Sekundärliteratur nicht einmal “richtig abgeschrieben” wurde. Die aus mindestens einem Buch plagiiert hat, das sie nicht einmal im Literaturverzeichnis anführt. – Was für eine Bankrotterklärung der akademischen Kultur und des politischen Systems! Das geht alles gar nicht.

Mein Stil in diesem Blog ist auch deshalb polemischer geworden, weil die massenmediale Wahrnehmung zumindest heute eine ganz andere war: Schavan wurde durch VroniPlag entlastet, und wenn nicht einmal VroniPlag den Fall veröffentlichen wollte, dann ist es auch keiner. Doch das ist falsch!* Ich kann nur hoffen, dass es in diesem Land investigative Journalisten gibt, die die Sache in den nächsten Tagen erhellen werden. Oder eine sich neu konstituierende Netzgemeinschaft. Ich habe jedenfalls heute alle relevanten Bücher gebraucht bestellt und werde meinen bescheidenen Teil dazu beitragen.

Mich erinnert indes immer mehr an den Fall Guttenberg: Schon alleine der aus heutiger Sicht grandios selbstsatirische Titel der Arbeit “Person und Gewissen”. Oder die erste Reaktion der Frau Minister: “Mit anonymen Vorwürfen kann man schwerlich umgehen.” Mit diesem Satz hat sie auch unglaublich viel über ihre krasse Unkenntnis des Internets, vor allem des Web 2.0 ausgesagt. Wenn mir jemand Plagiatsvorwürfe in einem Blog machen würde, wäre ich doch nur an den Textvergleichen, an den Beweisen selbst interessiert und nicht am Urheber der Anschuldigungen. Ich würde mir höchst neugierig ansehen wollen, mit welchen Argumenten mir ein Plagiat unterstellt wird. Schavan hat sich also bereits mit diesem Satz grandios verraten, so wie Guttenberg mit seinen Sagern. Wer ablenkt und personalisiert, der ist Täter.

Und nun schlägt sie noch weiter in dieselbe Kerbe wie Guttenberg: Sie schweigt. Und wieder, wie bei Guttenberg, gibt es kein Krisenmanagement. Gibt es keine offenen Worte. Gibt es kaum eine Diskussion zur inhaltlichen Substanz des Vorwurfs und zu seiner schleunigen Verifizierung oder Falsifizierung. Dass sich die Geschichte wiederholt, hätte ich wie gesagt nie im Leben geglaubt.

* Update: Wie es wirklich war, erklären zwei der führenden VroniPlag-Mitarbeiter, Martin Klicken und marcusb, hier: http://plagiatsgutachten.de/blog.php/entscheidender-fehler-von-vroniplag/#comments (dies nur als Hinweis für die heute etwas übereifrig interpretierenden Journalisten…).

Das große Scannen oder: Ehrendoktorat für Guttenberg!

Montag, 08. August 2011

Blicken wir mal zurück: Noch 2010, im Jahre vor Guttenberg, waren Kollegin Debora Weber-Wulff – schon länger präsent mit eigenem Webportal und Blog – und Ihr werter Plagiatsgutachter alleine auf weiter Flur. Dann kam Guttenberg, und neue Spieler wie “PlagDoc” oder “Dr. Martin Klicken” traten auf den Plan und förderten ziemlich Unschönes zutage.
Mittlerweile ist eine Entwicklung zu beobachten, dass der “Plagiatsjäger” (schöner wäre freilich immer: “Plagiatsdetektor” oder “Plagiatsgutachter”) tatsächlich ein neues Berufsfeld werden könnte, und ich freue mich, als einer der ersten dabei gewesen zu sein ;-) . (Übrigens predige ich schon länger, dass die Welt etwa genug “Event Manager” hat und wir mal mehr “Content Quality Checker” bräuchten…)
Ein kleiner Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

- Der mittlerweile als Martin Heidingsfelder geoutete, illustre “Goalgetter” bietet in seinem Xing-Profil bereits die “Begutachtung wissenschaftlicher Texte” und die “Plagiatsprüfung” an.

- Uwe Kamenz, Autor des vielbeachteten Buchs “Professor Untat”, will sich nun auch an der Plagiatsjagd beteiligen. Den Medien gegenüber kündigt er Großes an, was zu begrüßen ist. Auf der entsprechenden Webseite “PolDiss” ist es hingegen noch äußerst ruhig, aber vielleicht wissen wir im Herbst dann mehr – etwa, ob nicht doch auch Helmut Kohl zumindest paraphrasiert hat?

- Initiativen wie “Doktorarbeiten-Domino” oder das ebenfalls von Kollegin Weber-Wulff ins Leben gerufene GottiPlag Wiki sind weiter erwähnenswert.

- Und auch in der Bloggerszene tut sich Einiges: “De Plagio” oder “Guttengate” sind 2011 neu entstandene und immer lesenswerte Blogs zum Thema.

Wenn Ihr werter Plagiatsgutachter im Moment die Zeit hätte, würde er sofort ein großes DFG-Projekt zu “Einsatz und Effizienz kollaborativer Web-2.0-Plattformen zur Plagiatsdetektion in den textorientierten Wissenschaften” beantragen (Bewilligung dann bitte ASAP!). Oder ein nächstes Wiki zum Plagiatsfall Putin gründen (man lese und staune über deutliche Parallelen zum Fall Guttenberg). Oder endlich Dissertation und Habilitationsschrift von Papst Kardinal Ratzinger durchackern. Außerdem braucht VroniPlag dringend eine Basisfinanzierung, am besten über eine Stiftung, denn die nächtliche Selbstausbeutung ist mittlerweile eine Absurdität. Und einige fordern bereits einen bundesweiten “Anti-Plagiats-TÜV”. Und und und… Es ist so vieles in Bewegung im Moment. Der Mann, dem wir das alles zu verdanken haben, sollte nicht leer ausgehen: Ich optiere für ein Ehrendoktorat für Guttenberg wegen seiner besonderen Verdienste um die Qualitätssicherung der deutschen Wissenschaft! Und ich hoffe, ich habe nun nicht das Thema seines angekündigten Buches vorweggenommen…
PS: Ihr werter Gutachter und Blogger ist mit Gutachteraufträgen bis Jahresende eingedeckt. Ideenplagiate aus diesem Blogeintrag sind nicht nur deshalb herzlich willkommen!

Die “besten” Ausreden der abschreibenden Zunft

Mittwoch, 18. Mai 2011

Aus aktuellem Anlass eine kleine Sammlung:
1. Er habe die Dissertation selbst verfasst, was durch ein handgeschriebenes Konvolut bewiesen werden könne (Johannes Hahn, EU-Kommissar).
2. Er habe ein “Diskettenproblem” gehabt, es handle sich somit um ein “elektronisches Versehen” (Hubert Biedermann, Montanuniversität Leoben).
3. Er habe bei “80 Disketten” den “Überblick verloren”, habe eine “chaotische Arbeitsweise” gehabt (Karl-Theodor zu Guttenberg).
4. Sein Word habe einen Hinweis im Vorwort getilgt, dass die folgenden rund 90 Seiten sich an N. N. anlehnen würden (Joachim Fels, Lehrer und Tübinger Pionierplagiator).
5. Er habe nicht geklaut, er habe ja mit Fußnoten belegt (Jorgo Chatzimarkakis).
6. Oft tragen eine (Mit-)Schuld: (Klein-)Kinder (sehr beliebt!), also Mehrfachbelastung durch Familie und Beruf, neuerdings wird auch Schwangerschaft eingebracht.
7. Mitunter auch zu hören: Die Zitierregeln waren damals anders. Oder: Der Begutachter habe die Zitierweise ausdrücklich erlaubt oder zumindest nicht verboten.
Beeindruckend jedenfalls, wie in den Fällen 1, 2 und 5 auch vor laufender Kamera die Versionen aufgetischt wurden. So zuletzt gestern bei “Markus Lanz”, bei dem ein ernstes Problem wie gehabt im Boulevard aufging und in unsympathisch altbackene Geschlechter-”Witze” mündete…

Ein denkwürdiger Tag

Mittwoch, 11. Mai 2011

Sollten wir am 11. Mai fortan den “Tag der wissenschaftlichen Redlichkeit” feiern? Heute morgen kam die Nachricht, dass die Universität Konstanz Veronica Saß den Doktortitel aberkannt hat. Am Vormittag folgte der Endbericht zu Guttenberg: Er findet klare Worte zu Guttenbergs unermesslichem Fake, aber leider keine klaren Worte zu Häberle und Streinz und deren Netzkompetenz anno 2006. Derweilen lese ich leicht amüsiert bis verwundert das im Anhang publizierte Gutachten von Häberle… Stammen denn einige der Wortkreationen, die er so sehr bewundert, auch aus Plagiatsstellen? Immerhin lobt Häberle, der “Unterzeichnete” (liest man immer wieder, aber müsste es nicht der “Unterzeichnende” heißen?), ja sogar die überaus korrekte Zitierweise seines Schülers.
Dann die Nachricht, dass Matthias Pröfrock seinen Doktortitel vorübergehend nicht mehr führen wird. Wie wir wissen, werden aus solchen Vorläufigkeiten sehr schnell Endgültigkeiten. Und am Abend dann auch noch die Meldung, dass Silvana Koch-Mehrin, die bislang kein Wort zum Plagiatsvorwurf verloren hat, von allen politischen Ämtern zurücktreten wird.
Während es für die Polit-Plagiatoren immer enger wird bzw. sich einige schon verabschiedet haben, darf sich das GuttenPlag Wiki über eine Nominierung in der Kategorie “Spezial” des Grimme Online Awards freuen (Preisverleihung ist am 22. Juni). (Im Wiki macht sich derzeit übrigens ein Aktivist lesenswerte Gedanken über die Zukunft des Projekts, eventuell unter dem Markennamen “PlagiPedia”.) Und zu guter Letzt hatte auch die “Initiative Transparente Wissenschaft” in Österreich heute einen Erfolg zu verbuchen: Ohne Einwilligung des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser hat die Universität Klagenfurt ein Gutachten und eine Stellungnahme zu dessen Diplomarbeit online gestellt – die Initiative hatte genau das vor vier Wochen gefordert. Wow, was für ein Tag!

In Deutschland purzeln die Doktorgrade

Mittwoch, 11. Mai 2011

Willkommen beim neuen Spiel (dank Massenmedien und vor allem Internet): “Ex-Doktor, ärgere Dich nicht”. Nach Guttenberg, zu dem der Prüfbericht der Kommission “Selbstkontrolle in der Wissenschaft” seit heute im Internet nachzulesen ist, nun also auch Veronica Saß. Zumindest drei oder vier weitere heiße Kandidaten für das Spiel, das zuletzt von VroniPlag maßgeblich gesteuert wurde, könnten folgen. Und erst vor zwei Wochen wurde auch einer Fachhochschulprofessorin der Doktortitel wegen einer plagiierten Dissertation aberkannt. Das ist erfreulich, aber womöglich sind das immer noch bloß ein paar Tropfen auf dem heißen Stein…
Auf jeden Fall gibt es jetzt eine Art “Durchgreifen”, zum Wohle der Wissenschaft. Der Befreiungsschlag gegen Blendwerke, also gegen die, die nur so tun, als ob, muss weitergehen.

Einmal kein Plagiat, einmal Plagiat mit Vorsatz – und zweimal die Frage nach der Transparenz

Freitag, 08. April 2011

Die Diplomarbeit des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser stellt kein Plagiat dar, meldete heute die Universität Klagenfurt, auch unter Berufung auf eine “summarische Prüfung” (?) der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI). Verdächtige Passagen der Arbeit waren unter anderem in einer österreichischen Tageszeitung als Faksimiles veröffentlicht worden (siehe die “Bilderstrecke” hier). Solche Funde sind entweder, wenn bloß ebendiese Einzelfälle, eher harmlos – oder aber sie weisen auf mehr hin. Die Uni Klagenfurt und die ÖAWI haben jedenfalls sehr zügig geprüft und den Plagiatsverdacht nicht nachweisen können. Nun ja.
Und heute abend dann die Nachricht, dass die Bayreuther Kommission Guttenbergs Mega-Plagiat offenbar als bewusste Täuschung einschätzt und Guttenbergs Anwälte die für Mai geplante Veröffentlichung des Endberichts vereiteln wollen.
In beiden Fällen geht es wieder mal um die zentrale Frage nach der Tansparenz in der Wissenschaft: Warum veröffentlichen die Universität Klagenfurt und/oder die ÖAWI nicht auf ihren Webseiten die Gutachten zu Grasser (da könnte er doch nichts dagegen haben, oder?)? Bei Guttenberg indes könnte die Frage zu einem Rechtsstreit zwischen ihm und der Universität Bayreuth ausarten (Persönlichkeitsrechte versus öffentliches Interesse) – na dann, GuttenPlag wird’s schon richten…

In bester Gesellschaft

Samstag, 02. April 2011


Quelle: Telepolis

Das Buch “Das Google-Copy-Paste-Syndrom” Ihres werten Plagiatsgutachters findet sich im Amazon-Partnerprogramm von “Telepolis” in bester Gesellschaft – gleich neben postmodernen Gesamtkunstwerken wie “Verfassung und Verfassungsvertrag” oder “Regulierung im Mobilfunk”. Das freut mich!
Nur: Was bitte hat denn die Dissertation des CDU-Abgeordneten Günter Krings hier zu suchen? Ääääh… hab ich was versäumt? Oder sind es nach Menschen wie mir und Netzkollektiven wie GuttenPlag oder VroniPlag nun schon die Algorithmen selbst, die…? Kann nicht sein.

Neuer Begriff macht die Runde: “Gutteln”

Freitag, 01. April 2011

“gutteln” im “Wörterbuch der deutschen Sprache”, 1838, damals in etwa gleichbedeutend mit “gluck gluck gluck machen”

Die Guttenberg-Affäre hat nicht nur der Frage nach dem Sinn wissenschaftlicher Abschlussarbeiten und der Qualitätssicherung bei ebendiesen eine völlig neue Dimension gegeben, sie hat nicht nur die Kultur der Aufdeckung radikal verändert, sie hat nun auch bereits erste Auswirkungen auf die deutsche Sprache: Der Begriff “gutteln” macht die Runde. “Ich hab’s geguttelt” heißt so viel wie: Ich hab’s mir aus irgendwelchen, nicht angegebenen Quellen zusammengeschustert. Es ist eben mehr als bloß googeln oder copypasten. So gesehen, war der Begriff des Guttelns längst überfällig. Er gefällt mir und sollte auch in der empirischen Medienwissenschaft Einzug halten: Wie viel Prozent der Studierenden sind Guttler? Etc. Auch im Englischen wäre “to guttle” noch frei, die Nähe zu “gutter” (Gosse) käme da gar nicht ungelegen… Den Begriff gab es übrigens schon einmal in diesem Zusammenhang auch im Deutschen, im “Wörterbuch der deutschen Sprache” aus 1838 ist er zu finden (siehe oben). Und selbst ich war für diesen Fund nicht in der Bibliothek, sondern hab’s mir plump ergoogelt. Etymologisch wäre das nicht uninteressant: “Gutteln” stammt also ursprünglich von “in die Gosse kippen”.
Nun braucht es nur noch einen griffigen Term für Plag-Wikis. Hat jemand Vorschläge? Bitte hier posten!

Unwahrheit oder Unwissenheit? Was in der Plagiatsdebatte im Moment so alles behauptet wird

Dienstag, 08. März 2011

Die Plagiatsdiskussion wird in den deutschen und österreichischen Medien weiter intensiv geführt. Der österreichische Ex-Wissenschaftsminister und jetzige EU-Kommissar Johannes Hahn erscheint im Wiener ORF-Fernsehzentrum mit der handgeschriebenen Originalfassung seiner Dissertation. Offenbar soll das handschriftliche Konvolut Plagiatsfreiheit beweisen. – Ob Hahn weiß, dass die in perfekter Handschrift geübten mittelalterlichen Mönche fast nur abgeschrieben haben?

Die Gutachter der “Dissertation” von Herrn Guttenberg, Häberle und Streinz, behaupten in einer Presseerklärung, es sei technisch 2006 noch “kaum möglich” gewesen, Plagiate der Guttenbergschen Art zu entdecken. – Ich stelle fest, dass meine von Anfang an geäußerte Vermutung wohl zutrifft, dass es ein wenig an der Netz- und insbesondere der Google-Kompetenz der beiden Herrn hapert. Zur Erinnerung: Der Einsatz von Suchmaschinen zur Prüfung von Texten ist an Universitäten seit ca. 2002 üblich, ca. 2005 begann die breite Verwendung von Software. Unverständlich, dass die beiden Herren nicht einmal in dieser Situation vorher Berater fragen, bevor sie in der Öffentlichkeit so etwas behaupten.

Brigitte Kopp, Studienpräses der Universität Wien, behauptet in der Zeitung “Österreich”, die Uni sei “in der Causa Hahn selbstständig tätig geworden” und: “Fakt ist, dass bisher keine Anzeige wegen Plagiatsvorwurf vorliegt.” – Kopps Aussage bezieht sich, was so aber nicht klar geworden ist, hoffentlich nur auf die neu entflammte Diskussion. Denn folgendes Mail von mir ist, wie eine Lesebestätigung beweist, auch bei ihr und dem damals zuständigen Universitätsjuristen ordnungsmäß angekommen:

—– Original Message —–
From: Stefan Weber
To: Brigitte Kopp
Cc: Markus Gerhold
Sent: Tuesday, June 12, 2007 1:39 PM
Subject: Auch Plagiatsstellen in der Dissertation von Johannes Hahn

Sehr geehrte Prof. Kopp,
sehr geehrter DDr. Gerhold!

[...]
Eine [...] systematische Überprüfung weiterer Unterkapitel hat ergeben, dass an zahlreichen Stellen eine beweisbare Vermengung von mit Fußnoten belegten Textsegmenten und Fließtext des Autors stattgefunden hat – dergestalt, dass auch der für den Leser nur als Fließtext des Autors zu identifizierende Textkorpus wortwörtlich aus anderen Büchern abgeschrieben wurde.

Ähnliche Nachweise wie im Attachment lassen sich für Passagen in Büchern von Dieter Eisfeld und Lewis Mumford erbringen – von einem Absatz bis zu zehn Seiten hintereinander.

Damit liegt entweder ein intentionales oder aber ein non-intentionales Plagiat vor.

Ich ersuche daher die Universität Wien, die gesamte Arbeit von Johannes Hahn auf die Einhaltung der 1987 gültigen wissenschaftlichen Handwerksregeln zu überprüfen [...].

Mit freundlichen Grüßen

<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
Priv. Doz. Dr. Stefan Weber <> Publizistik & Medienforschung

Meinem Ersuchen ist man nachweislich bis heute nicht nachgekommen, obwohl ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs aus 1982 eine solche Prüfung bei “auftauchendem Plagiatsverdacht” verpflichtend vorschreibt.

Die Nationalbibliothek sagt, Hahns Arbeit wurde auf Antrag der Universität Wien wegen einer dortigen Prüfung gesperrt. Die Universität Wien sagt, sie prüfe gar nicht neu. – Da haben sich zwei Institutionen wohl nicht so gut abgesprochen…?

Und noch ein Fund in den Medien: In einem Lokalblatt rühmt sich die Universität Wien, fünf akademische Grade in den vergangenen fünf Jahren aberkannt zu haben. Es seien 10.000 Arbeiten durch die Antiplagiatssoftware gelaufen. – Verschwiegen wird, dass vier dieser fünf Aberkennungen auf meinen Anzeigen und Funden fußen… Das sagt einiges über das Eigeninteresse an Aufklärung und die Effizienz der Software, oder aber es arbeiten wirklich alle ganz sauber und ich habe fast alles entdeckt, was es zu entdecken gab.

Frau Bundesminister Karl möchte eine Arbeitsgruppe einrichten, um einmal zu sehen, wo man überhaupt steht. Das ist doch toll! Ich möchte morgen den Papst treffen. Ich will wissen, wer im Moment warum die Unwahrheit spricht oder warum aus jemandem so offensichtlich die Unwissenheit spricht. Da helfen mir nur noch höhere Mächte.

Fall Guttenberg: Data Mining als nächster Schritt nach dem kollektiven Ergoogeln?

Mittwoch, 02. März 2011

Der Stellungnahme auf GuttenPlag-Wiki ist völlig rechtzugeben: Guttenberg hat “bei der Ankündigung seines Rücktritts [erneut] keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft der Dissertation gefunden”. Wir wissen immer noch nicht die ganze Wahrheit.
Das brachte mich heute auf die Idee, dass das kollektive Ergoogeln der Arbeit (und eventuell der darauf folgende Abgleich mit nur offline verfügbarer Literatur) vielleicht nur der erste Schritt sein könnte, um die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. – Was liegt vor? Ein in schwulstig-literarischem Stil verfasstes zweiseitiges Vorwort, ein mittels Copy & Paste-Technik zusammengestoppeltes Internet-Sampling über viele dutzende Seiten, und drittens Stellen von noch unklarer Herkunft.
Mich interessiert: Wie hat jemand gearbeitet bzw. was haben Akteure getan, damit dieses Werk entstehen konnte? Sie haben mutmaßlich Begriffe aus dem Themenfeld der Dissertation gegoogelt (sofern im Zeitraum des Produzierens der Arbeit für sie Google die Suchmaschine erster Wahl war), sie haben all die Webseiten besucht, von denen kopiert wurde. Sie haben also digitale Spuren hinterlassen, die ohne Zweifel zum weit überwiegenden Teil bereits verloren gegangen sind. Es ist unwahrscheinlich, dass Herr Guttenberg seinen Laptop zur Verfügung stellen wird, um zu beweisen, dass er für all die “Fehler” und “Mängel” selbst verantwortlich zeichnete. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass avancierte Methoden des Data Minings hier mehr enthüllen könnten. Aber einen experimentellen Versuch wäre es dennoch wert.
Schließlich gibt es auch stilometrische Methoden der authorship verification, siehe etwa die Forschungsarbeiten hier und hier. Diese würden sich insbesondere zur Analyse des Vorworts eignen, aber vielleicht wäre es auch sinnvoll, die ganze Arbeit wortfrequenzanalytisch zu erfassen. Das sind, wie gesagt, nur einige Tipps, in welche Richtung es nach dem Durchgoogeln und dem möglichen Offline-Literaturabgleich weiter gehen könnte. “Vincit veritas”, um das Wappen des Dissertationsverlags zu zitieren… Das Netz hat einen bedeutenden, wenn nicht entscheidenden Teil zur Enthüllung des Skandals beigetragen, und ich finde, es sollte dran bleiben.