Mit ‘Initiative Transparente Wissenschaft’ getaggte Artikel

Willkürentscheidungen von Universitäten nehmen zu

Donnerstag, 26. April 2012

Nach höchst fragwürdigen Entscheidungen an der Universität Innsbruck hat nun auch die Universität Klagenfurt in einem quantitativ und qualitativ völlig eindeutigen Plagiatsfall einen akademischen Grad nicht aberkannt. Warum passiert so etwas zuletzt immer öfter? Offensichtlich hängt es nicht kausal vom Plagiat und von der nachweisbaren Täuschung/Erschleichung ab, ob ein akademischer Grad purzelt. Es spielt mutmaßlich die entscheidende Rolle, inwieweit der ertappte Plagiator mit der Universität “kooperiert”, was und wie seine Rechtsvertreter argumentieren, wie stark der Plagiator gesellschaftlich vernetzt ist, welche gesellschaftliche Rolle er spielt und vor allem: ob es öffentlichen Druck gibt oder nicht. So gesehen war der Fall Guttenberg tatsächlich ein Einzelfall: Der Druck der Öffentlichkeit war hier – und dann noch abgeschwächt in einigen anderen Folgefällen – so groß, dass die Universitäten nicht mehr anders konnten. Einen ähnlichen medialen Druck habe ich zwischen 2005 und 2007 in Österreich ausgeübt. Dann wurden auch neun Grade aberkannt, aber nun ist das vorbei.

Wie die Universitäten eigentlich ticken, offenbart sich anhand der neuen Fälle, die nun nicht mehr oder kaum Gegenstand der Medienberichterstattung sind. Das ist die eigentliche Tragödie einer öffentlichen Institution mit großteils verbeamteten Mitarbeitern, und das ist bitterböse für alle, die für Redlichkeit kämpfen. Wie kann es hier zu völligen Willkürentscheidungen, ja zu Rechtsbrüchen kommen? Auch in Deutschland wurde zuletzt ein Doktorgrad nicht aberkannt, obwohl auf VroniPlag glasklare Plagiate in enormer Anzahl dokumentiert wurden.

Selbstverständlich gilt: Sehr wenige Formfehler sind nicht immer gleich ein Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis. Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis sind nicht immer (aber häufig, und gerade dann fast immer, wenn es die “Grundsätze der guten wissenschaftlichen Praxis” betrifft!) wissenschaftliches Fehlverhalten. Wissenschaftliches Fehlverhalten wie etwa Plagiieren bedeutet nicht immer (aber eben sehr häufig!) Erschleichung. Das quantitative und qualitative Ausmaß eines Plagiats, das auf eine Erschleichungsabsicht schließen lässt, erlaubt immer einen gewissen Interpretationsspielraum. Deshalb trachten Universitäten oft danach, nur ja nicht mehr Plagiatsstellen zu finden, als schon öffentlich dokumentiert wurden (siehe Fälle an der Universität Salzburg und an der Universität Wien). Allerdings verzichteten die Universitäten in den jüngsten Fällen auf Aberkennungen, obwohl sogar jeweils rund die Hälfte oder mehr der gesamten Arbeit abgeschrieben war. Das geht zu weit. Was kann man an dieser Stelle noch tun? Sich gelassen zurücklehnen und resignieren, hoffen die Universitäten. Sie täuschen sich.

Dissertationsplagiatsverdacht erstmals in österreichischem Wiki gemeldet

Montag, 01. August 2011

Wer hätte damit noch gerechnet: Auch im Land der inner- und außerakademischen Wurschtigkeit gibt es einen ersten im Wiki gemeldeten Verdachtsfall. Ich habe mir freilich vor dieser Meldung erlaubt, die erste (und wohl eindeutigste) Stelle zu überprüfen, und siehe da: Sie stimmt. Nun stellt sich die Frage, ob das in Österreich irgend jemanden interessiert. Freilich würde ich mir eine Dynamik wie in Deutschland – mit GuttenPlag und VroniPlag – auch in Österreich wünschen. Aber bislang war dort alles eine Stefan-Weber-Solonummer. Mal sehen, wer/was über Twitter erreicht werden kann.
Übrigens: Wir reden freilich zunächst nur vom Autor XX.

Ein denkwürdiger Tag

Mittwoch, 11. Mai 2011

Sollten wir am 11. Mai fortan den “Tag der wissenschaftlichen Redlichkeit” feiern? Heute morgen kam die Nachricht, dass die Universität Konstanz Veronica Saß den Doktortitel aberkannt hat. Am Vormittag folgte der Endbericht zu Guttenberg: Er findet klare Worte zu Guttenbergs unermesslichem Fake, aber leider keine klaren Worte zu Häberle und Streinz und deren Netzkompetenz anno 2006. Derweilen lese ich leicht amüsiert bis verwundert das im Anhang publizierte Gutachten von Häberle… Stammen denn einige der Wortkreationen, die er so sehr bewundert, auch aus Plagiatsstellen? Immerhin lobt Häberle, der “Unterzeichnete” (liest man immer wieder, aber müsste es nicht der “Unterzeichnende” heißen?), ja sogar die überaus korrekte Zitierweise seines Schülers.
Dann die Nachricht, dass Matthias Pröfrock seinen Doktortitel vorübergehend nicht mehr führen wird. Wie wir wissen, werden aus solchen Vorläufigkeiten sehr schnell Endgültigkeiten. Und am Abend dann auch noch die Meldung, dass Silvana Koch-Mehrin, die bislang kein Wort zum Plagiatsvorwurf verloren hat, von allen politischen Ämtern zurücktreten wird.
Während es für die Polit-Plagiatoren immer enger wird bzw. sich einige schon verabschiedet haben, darf sich das GuttenPlag Wiki über eine Nominierung in der Kategorie “Spezial” des Grimme Online Awards freuen (Preisverleihung ist am 22. Juni). (Im Wiki macht sich derzeit übrigens ein Aktivist lesenswerte Gedanken über die Zukunft des Projekts, eventuell unter dem Markennamen “PlagiPedia”.) Und zu guter Letzt hatte auch die “Initiative Transparente Wissenschaft” in Österreich heute einen Erfolg zu verbuchen: Ohne Einwilligung des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser hat die Universität Klagenfurt ein Gutachten und eine Stellungnahme zu dessen Diplomarbeit online gestellt – die Initiative hatte genau das vor vier Wochen gefordert. Wow, was für ein Tag!

VroniPlag Wiki funktioniert – Eine erste kleine Plag-Wiki-Bilanz

Dienstag, 29. März 2011

Respekt! Über Nacht hat die Netzgemeinde auf 47 Seiten der Dissertation “Regulierung im Mobilfunk” von Veronica Saß Plagiatsstellen gefunden. Dies ist ein geeigneter Zeitpunkt, einmal eine erste vorläufige Plag-Wiki-Bilanz zu ziehen.

* Begonnen hat alles mit dem fulminanten Erfolg von GuttenPlag Wiki, das am 17. Februar 2011 gegründet wurde, maßgeblich am raschen Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg beteiligt war und mit heutigem Datum 2.277 Seiten umfasst – Aktivität ungebrochen.

* Auf PlagiPedi Wiki wurden in der Folge mehr als 100 Arbeiten von Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Interesses vermerkt und verlinkt, die auf Plagiate überprüft werden sollen, darunter etwa auch meine eigene Doktorarbeit. (Anm.: Das hat mich sehr gefreut, weil aus ihr ja bereits drei Mal abgeschrieben wurde und zwei Plagiatoren in der Folge ihren akademischen Grad rechtskräftig verloren haben. Ich habe mir freilich nie die Mühe gemacht, sie komplett durchzugoogeln, deshalb wäre es toll, wenn vielleicht ein weiteres Plagiat meiner Dissertation entdeckt werden würde.) PlagiPedi Wiki (der Name resultiert aus einem ursprünglichen Tippfehler, es hätte PlagiPedia heißen sollen) hat derzeit 162 Seiten. Das Projekt hat sich wahrscheinlich zu viel vorgenommen – Zukunft ungewiss.

* Kurz darauf wurde vermutlich von englischen Studierenden das Saif Al-Islam Gaddafi Thesis Wiki gegründet. Das Wiki umfasst derzeit zehn Seiten und dokumentiert bislang 18 Plagiatsstellen von unterschiedlichem Schweregrad in der Dissertation des Gaddafi-Sohnes. Das mediale Echo war außerhalb Großbritanniens eher gering.

* Am 6. März 2011 wurde in Österreich – unter anderem von Ihrem werten Plagiatsgutachter – die “Initiative Transparente Wissenschaft” gegründet (auch “AntiPlag Austria”), die sich zum Ziel gesetzt hat, zu einem “Wikileaks für die Wissenschaft” zu werden, eventuell einmal auch über Österreich hinaus. Das Wiki befasst sich auch, aber nicht exklusiv mit der umstrittenen Dissertation des EU-Kommissars Johannes Hahn, in der auf bislang zwölf Seiten plagiatsverdächtige Stellen gefunden wurden. Das Wiki selbst umfasst derzeit 23 Seiten.

* Am 28. März 2011 wurde schließlich VroniPlag Wiki gegründet. Das Wiki umfasst bislang sechs Seiten, aber schon nach einer Nacht wurden auf 47 Seiten der hier diskutierten Dissertation Plagiatsstellen gefunden.

Wie wird es weitergehen? Viele Einzelinitiativen und -Wikis pro fraglicher akademischer Arbeit, oder eine Art ‘kollektive Task Force Plagiate’?

Und noch ein Hinweis: Wer in Zeiten allgegenwärtiger Plag(i)-Wikis immer noch schwindeln möchte, der findet hier einen Anbieter eines Komplettpakets: akademisches Ghostwriting, Formatierung und sogar Plagiatsprüfung (schon ab 25 Euro) aus einer Hand. Na, wer sagt’s denn: Konkurrenz belebt!