Mit ‘Ideenplagiat’ getaggte Artikel

Lammertplag: Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang bereits erbracht

Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Mühen des “Robert Schmidt” sind es wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Hier also meine Einschätzung: Der Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang ist mit den 42 beanstandeten Fließtext-Seiten (von insgesamt 116) bereits erbracht worden. Es ergibt sich ein eindeutiges Muster der suggerierten eigenständigen Auseinandersetzung mit Literaturquellen, Studien und Forschungsergebnissen – wobei aber durchweg andere, nicht genannte Literatur dieser Auseinandersetzung zugrunde lag. Zudem fand “Robert Schmidt” sogar isolierte, “rein” plagiierte Sätze wie etwa den folgenden:

Quelle: http://lammertplag.wordpress.com/2013/06/30/seite-100/

Was wird nun geschehen? Wird man die Verjährung von Dissertationsplagiaten nun doch einführen (bevor weitere Spitzenpolitiker fallen werden) und polizeiliche Verfolgungen von anonymen Online-Plagiats”jägern” ermöglichen? – Oder wird man endlich bekennen, dass in der Wissenschaft seit Jahren, seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten etwas systematisch schief läuft? Das Problem ist: Wissenschaftler und Politiker sitzen in einem Boot des Textbetrugs.

Politiker warnten gestern einhellig vor “Vorverurteilungen”. Nun, nach der Lektüre von Lammertplag sind wir längst bei der Nachverurteilung angekommen. Erschreckend, dass selbst gewisse Emeriti der Politologie die Plagiatsstellen nicht gesehen haben, sehen konnten oder wollten, bevor sie gegenüber den Massenmedien Kommentare abgegeben haben. Genau das ist Teil des Problems!

Von Guttenberg zurück zu Lammert: Das Wissenschaftsplagiat hat also eine (lange!) Tradition

Dienstag, 30. Juli 2013

“Reichen Beanstandungen in Hinweisen zu weiterführender Literatur überhaupt aus, um einen Plagiatsvorwurf zu konstruieren und diesen öffentlich zu machen?”, fragt “Der Tagesspiegel” heute. Journalisten darf man kaum vorwerfen, dass sie in der tagesaktuellen Hektik die eine oder andere Reduktion von Komplexität begehen und eben schnell mal uns, die Plagiatsexperten fragen (Ihr werter Plagiatsgutachter, ansonsten immer brav online, war heute wegen seines Urlaubs tagsüber nicht erreichbar). Bedauerlich sind dann aber vorschnelle Wortspenden, wie etwa jene meiner ansonsten wertgeschätzten Kollegin Debora Weber-Wulff: “Für die Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulff (HTW Berlin) ist fraglich, ob man bei den beanstandeten Stellen wirklich von Plagiat sprechen kann”, ist heute ebenfalls im “Tagesspiegel” online nachzulesen. Nun ja, wenn hier korrekt zitiert wurde, muss ich ganz klar sagen: Hier handelt es sich um ein glattes Fehlurteil. Ebenfalls irrt in der Causa Lammert der ansonsten gestrenge Volker Rieble.

Wahr ist vielmehr: Herr Bundestagspräsident Norbert Lammert hat ebenfalls plagiiert. (Ob er in wesentlichem Umfang plagiiert, also getäuscht hat, dazu maße ich mir heute noch kein Urteil an. “Robert Schmidt” möge schleunigst ein Gesamt-PDF der Fundstellen online stellen.) – An der Beweisführung gibt es schon jetzt kaum etwas zu rütteln: Auf S. 2 der Buchfassung seiner Dissertation belegt Lammert ein kurzes direktes Literaturzitat (ca. einen Halbsatz) mit Fußnote 12 und einem Aufsatz von Hans-Otto Mühleisen. Auf S. 3 der Buchfassung der Dissertation taucht Mühleisen nicht mehr auf. Es beginnt auch, für den Leser klar erkennbar, eine neue Sinneinheit, nämlich ein historischer Exkurs zur Parteienforschung, für den sich Lammert zunächst auf Austin Ranney beruft. Lammert hat aber auch diese Ausführungen - sprachlich zum Teil stark paraphrasiert, aber doch ebenso deutlich als Ideenplagiat erkennbar – von dem nicht weiter referenzierten Mühleisen abgeschrieben. Ranney wird ‘gleichrangig’ wie Mühleisen zitiert – obwohl Lammert nur Mühleisen rezipiert hat, aber höchstwahrscheinlich nie Ranney. Das ist ein No-Go. Das war es auch schon 1974. Dazu ein passendes Literaturzitat:

„Wer aus zweiter Hand zitiert, setzt sich der Gefahr aus, Fehler zu übernehmen […]. [Uns] ist ein Plagiatprozeß bekannt, in dem die Übernahme eines Zitats aus zweiter Hand mit einem Zitatfehler den Nachweis für den Tatbestand des Plagiats darstellte. […] Das Zitieren aus zweiter Hand gilt vielfach als unwissenschaftlich […]. In Dissertationen, Diplomarbeiten, Staatsexamensarbeiten und Habilitationen ist diese Zitierweise strikt zu vermeiden.“ (Böttcher, Winfried/Zielinski, Johannes, 1973: Wissenschaftliches Arbeiten. Theoretische Grundlagen und praktische Einübung. Düsseldorf: Droste, S. 81.)

Ein weiterer Blick in die Lammertplag-Dokumentation zeigt: Es geht bei Lammert nicht bloß um das Vortäuschen von “weiterführender” Literaturrezeption in Fußnoten, sondern sehr wohl auch fast immer um das Umschreiben ungenannter Quellen im Fließtextbereich.

Der Entdecker des Schavan- und nunmehr des Lammert-Plagiats hat erneut mit wohl einzigartiger Akribie, Zähigkeit und Ausdauer beim Quellenvergleich gearbeitet. Der Mann (oder die Frau? oder das Team?) scheint über ein erstaunliches Zeitvolumen zu verfügen und ändert damit (leider) die Besetzungsliste der bundesdeutschen Spitzenpolitik im Moment mehr als die bundesdeutschen Universitäten.

Er hat nunmehr endgültig darauf hingewiesen, dass das Plagiat im Wissenschaftsbetrieb eine irritierende und bislang nicht freigelegte Historie hat (das ist die wahre ‘Wissenschaftsarchäologie’!). Von Guttenberg zurück zu Lammert ist es ein erstaunlicher Weg, und man könnte wohl auch ins 19. Jahrhundert oder klarerweise noch weiter zurückgehen. Das “Systemische” des Problems, gegen das ich hier seit 2010 anschreibe, wird uns einmal mehr radikal vor Augen geführt – und gleichzeitig auch das system(at)ische Schweigen der Universitäten.

Ich habe in den vergangenen Monaten zahlreiche Begutachtungen von Dissertationen durchgeführt – die älteste aus dem Jahr 1983, die jüngste aus dem Jahr 2009. Ich war Gutachter für ganz unterschiedliche Fachdisziplinen. Wenn man ganz genau hinsieht, macht man bei vielen Arbeiten eine wahrlich verstörende Entdeckung: Es wurde viel mehr ab- und umgeschrieben, als wir denken. Das in den Lehrbüchern, Promotionsordnungen und Hochschulgesetzen Untersagte ist möglicherweise nicht der Ausnahmefall der Wissenschaft, sondern die Regel.

Bildplagiat? Ideenplagiat?

Mittwoch, 26. September 2012

… Oder ok? Wahrscheinlich ok. Ich bin jedenfalls sehr neugierig auf das Buch.

Schon wieder neue Spielart entdeckt: Die “Dissertationsdoublette”

Dienstag, 21. Juni 2011

Wie oft ist es eigentlich passiert, dass sich eine neue Dissertation an einer älteren auffällig intensiv “orientiert”? Man vergleiche einmal die beiden Dissertationen hier (2000) und hier (2004). Partiell überschneiden sich in beiden Arbeiten zumindest:

- Der Titel
- Etwas “frei nach Wilhelm Busch” als Motto ;-)
- Die Kapitelüberschriften
- Die Kapitelabfolge
- Das Abkürzungsverzeichnis
- Die Einleitung, S. 1, 1. Absatz
- Die Graphik, S. 1
- Die Zusammenfassung, 1. Absatz
- Das Literaturverzeichnis

Einige paraphrasierte Sätze befinden sich auch in der Arbeit. Die spätere Verfasserin war nicht frei von Selbstironie, denn als Motto stellte sie ihrer Arbeit voran:

“Drum ist hier, was ich getrieben
Abgemalt und aufgeschrieben.
Frei nach Wilhelm Busch”

Vielleicht war es ja der Doktorvater selbst, der sie zu diesen Anlehnungen gedrängt hat? Das ist kein (Wortlauts-)Plagiat im herkömmlichen Sinne, allenfalls eine neue Spielart im Graubereich von Redundanz und Wiederholung (einer Versuchsanordnung): Die Dissertationsdoublette. Sie zeigt etwas an, was vielleicht auch in den Naturwissenschaften eine Diskussion wert wäre.