Mit ‘GuttenPlag Wiki’ getaggte Artikel

Forderung nach flächendeckender rückwirkender Überprüfung von Dissertationen

Freitag, 15. Juli 2011

Ich finde, es ist an der Zeit, eine Forderung auszusprechen: Die Universitäten und Fachhochschulen Deutschlands sollten verpflichtet werden bzw. idealerweise sich verpflichten, alle Dissertationen zumindest der vergangenen fünf Jahre (etwa: 2006 bis 2010) auf Plagiat im Stile Guttenbergs & Co., aber auch auf sinnlose bzw. falsche Zitation im Stile Althusmanns (mit der Folge des “Subtilplagiarismus”) zu überprüfen. Und dieser Prozess sollte im Netz transparent dokumentiert werden, mit der Hilfe Freiwilliger und des Know-hows, das sich in den Wikis angesammelt hat (gesperrte Arbeiten ausgenommen). Wenn die Universitäten das nicht tun, werden das in den nächsten Monaten die Netzkollektive autonom erledigen, und irgendwann wird der Schaden für die Universitäten so groß werden, dass die Sache aus den Fugen geraten könnte. Schon jetzt scheint der deutsche Doktorgrad zu einem Karnevalstitel zu verkommen.
Immerhin hat ein GuttenPlag- und VroniPlag-Aktivist der ersten Stunde (und Programmierer) unlängst angekündigt, demnächst tausende Dissertationen digital überprüfen zu wollen. Auch im Gefolge von GuttenPlag könnte 2012 eine groß angelegte Plattform zur automatisierten Dissertationskontrolle entstehen.
In Österreich hatte ich 2006 an der Universität Klagenfurt eine wissenschaftliche Assistentin (Magistergrad) und zwei Doktorinnen entlarvt: Nach drei Plagiatsfällen und Aberkennungen entschied man dort, alle Arbeiten fünf Jahre rückwirkend zu überprüfen. Nun könnten einmal jene deutschen Universitäten mit dieser Maßnahme beginnen, die bislang von Aberkennungen betroffen waren: von Konstanz bis Bonn. Tun sie das nicht, besteht der Verdacht, dass sie noch (viel) mehr zu verbergen haben, und die PlagWikis werden das wohl bald enthüllen. Bei rund 125.000 Dissertationen im besagten Zeitraum rechne ich übrigens mit ca. 1.250 Aberkennungen.
Nachtrag: Vielleicht ist diese Forderung aber auch gar nicht mehr an die Universitäten zu richten, weil sich der Prozess der Dissertationsbegutachtung ohnedies ins Netz verlagern wird, derzeit also Wissenschaftsgeschichte geschrieben wird.

Ein denkwürdiger Tag

Mittwoch, 11. Mai 2011

Sollten wir am 11. Mai fortan den “Tag der wissenschaftlichen Redlichkeit” feiern? Heute morgen kam die Nachricht, dass die Universität Konstanz Veronica Saß den Doktortitel aberkannt hat. Am Vormittag folgte der Endbericht zu Guttenberg: Er findet klare Worte zu Guttenbergs unermesslichem Fake, aber leider keine klaren Worte zu Häberle und Streinz und deren Netzkompetenz anno 2006. Derweilen lese ich leicht amüsiert bis verwundert das im Anhang publizierte Gutachten von Häberle… Stammen denn einige der Wortkreationen, die er so sehr bewundert, auch aus Plagiatsstellen? Immerhin lobt Häberle, der “Unterzeichnete” (liest man immer wieder, aber müsste es nicht der “Unterzeichnende” heißen?), ja sogar die überaus korrekte Zitierweise seines Schülers.
Dann die Nachricht, dass Matthias Pröfrock seinen Doktortitel vorübergehend nicht mehr führen wird. Wie wir wissen, werden aus solchen Vorläufigkeiten sehr schnell Endgültigkeiten. Und am Abend dann auch noch die Meldung, dass Silvana Koch-Mehrin, die bislang kein Wort zum Plagiatsvorwurf verloren hat, von allen politischen Ämtern zurücktreten wird.
Während es für die Polit-Plagiatoren immer enger wird bzw. sich einige schon verabschiedet haben, darf sich das GuttenPlag Wiki über eine Nominierung in der Kategorie “Spezial” des Grimme Online Awards freuen (Preisverleihung ist am 22. Juni). (Im Wiki macht sich derzeit übrigens ein Aktivist lesenswerte Gedanken über die Zukunft des Projekts, eventuell unter dem Markennamen “PlagiPedia”.) Und zu guter Letzt hatte auch die “Initiative Transparente Wissenschaft” in Österreich heute einen Erfolg zu verbuchen: Ohne Einwilligung des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser hat die Universität Klagenfurt ein Gutachten und eine Stellungnahme zu dessen Diplomarbeit online gestellt – die Initiative hatte genau das vor vier Wochen gefordert. Wow, was für ein Tag!

Terrorismus im Web 2.0 oder historisches Verdienst für die Wissenschaft?

Freitag, 15. April 2011

Während die Berliner Medieninformatikerin und “Plagiatsjägerin” Debora Weber-Wulff in einem Interview mit Deutschlandradio die Aktivitäten der Plag-Wiki-Aktivisten lobt (wie dies auch Ihr werter Plagiatsgutachter bislang getan hat), äußert sich nun erstmals ein ebenso engagierter Kämpfer gegen Plagiate sehr kritisch gegenüber der aktuellen Entwicklung. Volker Rieble sagt in einem Interview mit “Focus online” folgendes:

“Aber ich verstehe auch die derzeitige Aufregung der Internetgemeinde nicht. Es herrscht ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung, wenn in unserem Land der geistige Diebstahl derart angeprangert wird, Steuerhinterziehung aber nicht. Viele der Plagiatsjäger sitzen nur zuhause in ihrem Sessel, kopieren Textstellen und geben sie bei Google ein. Auf der anderen Seite verlangen sie offenen Zugang zu allen Daten und Quellen im Internet. Da muss man sich schon fragen, ob Herz und Hirn noch zusammenpassen.”

Rieble ortet weiter politische Motive hinter der Hatz:
“Nur haben im Moment politisch Linksstehende in der Internetgemeinde die Konservativen als Zielgruppe ausgemacht.”

Schließlich relativiert er den Plagiator als (Übel-)’Täter’:
“Aber die meisten Plagiatoren sind keine Übeltäter, sondern arme Würstchen.”

Bald könnte jemand argumentieren, die Plag-Wiki-Aktivisten seien die Terroristen des Web 2.0: Um einen Politiker ‘abzuschießen’ (man verzeihe mir diese Metapher), müsse man nicht mehr, wie noch in den Siebzigern und Achtzigern, grausame irrationale Dinge tun. Es genüge heute die virtuelle Kriegsführung: der Barcode.

Wer das so denkt, darf aber nicht vergessen, dass hier (Spitzen-)Politiker als Plagiatoren enttarnt werden: als jene, die genau das getan haben, wogegen jeder seriöse Wissenschaftler seit Jahren ankämpft. Politiker als Beitragende zu einer Textkultur ohne Hirn sind jedenfalls ein riesiges Problem, und man muss ja auch die Frage nach ihren eigenen kognitiven Kapazitäten stellen dürfen, wenn man solche Arbeiten liest. Ich möchte jedenfalls nicht, dass ein Plagiator über die Zukunft meiner Kinder in diesem Land mit entscheidet und sehe deshalb den Barcode als reinigendes Symbol.

Klar ist auch (mit den Worten von Petkovic und Sokal, in diesem Blog schon öfter zitiert, siehe S. 66 hier), dass Plagiate objektivierbare Tatsachen, ‘intersubjektiv überprüfbare’ Phänomene, neue (mehr oder weniger) konsensuelle Interpretationen bzw. Beschreibungen sind (je nach Wissenschaftstheorie: Realismus, kritischer Realismus, Konstruktivismus, Nondualismus…). Dabei spielt es wohl keine Rolle, ob der Aufdecker politisch aktiv ist, sich an jemandem rächen möchte, nach einem neuen Geschäftsmodell sucht oder nur wegen chronischer Schlafstörungen zum besessenen Nachgoogler geworden ist. Oder?

Das ist im Moment die Frage. Einer der Hauptaktivisten auf GuttenPlag und VroniPlag, “Dr. Martin Klicken”, schreibt in seinem Benutzerprofil (müsste mittlerweile um Koch-Mehrin ergänzt werden):

“Da wir jetzt 3x Süddeutschland, 3x Schwarz, 3x Rechtswissenschaften hatten, würde ich mich riesig über einen Hinweis auf eine Dissertation z.B. aus der Gegend um Kiel, Informatik, Autor Sozialdemokrat freuen. Das ist kein Witz.
Durch die Bearbeitung eines solchen aussagekräftigen Hinweises könnten wir einigen den Wind aus den Segeln nehmen. “

Dass das öffentliche Aufdecken von Plagiaten in Netz-Kollaborationen so oder so weitergehen wird, zeigt sich auch daran, dass VroniPlag mittlerweile schon auf der Startseite klarmacht, längst über den Tellerrand von Veronica und Co. hinaus schauen zu wollen: “Dieses Wiki dokumentiert Plagiate in Dissertationen.”

Wo bleiben eigentlich die Statements von DFG, Wissenschaftsministerium und anderen zu dieser Entwicklung? Und wacht die Politik erst dann auf, wenn die PlagWikis zu Neuwahlen geführt haben? Themen ohne Ende für neue Bücher, Symposien, Vorträge, Streitschriften hat zumindest die Wissenschaft für die nächste Zeit… Nur: Wer hat vor lauter Nachgoogeln, Presseanfragen beantworten usw. noch Zeit für Tiefgang und Reflexion? Ihr werter Plagiatsgutachter war gestern in der architektonisch fulminanten SLUB und borgte sich 22 Bücher aus. Ein tolles Kontrasterlebnis, das jedem Tag-und-Nacht-Googler einmal verordnet werden sollte… ;-)

In bester Gesellschaft

Samstag, 02. April 2011


Quelle: Telepolis

Das Buch “Das Google-Copy-Paste-Syndrom” Ihres werten Plagiatsgutachters findet sich im Amazon-Partnerprogramm von “Telepolis” in bester Gesellschaft – gleich neben postmodernen Gesamtkunstwerken wie “Verfassung und Verfassungsvertrag” oder “Regulierung im Mobilfunk”. Das freut mich!
Nur: Was bitte hat denn die Dissertation des CDU-Abgeordneten Günter Krings hier zu suchen? Ääääh… hab ich was versäumt? Oder sind es nach Menschen wie mir und Netzkollektiven wie GuttenPlag oder VroniPlag nun schon die Algorithmen selbst, die…? Kann nicht sein.

VroniPlag Wiki funktioniert – Eine erste kleine Plag-Wiki-Bilanz

Dienstag, 29. März 2011

Respekt! Über Nacht hat die Netzgemeinde auf 47 Seiten der Dissertation “Regulierung im Mobilfunk” von Veronica Saß Plagiatsstellen gefunden. Dies ist ein geeigneter Zeitpunkt, einmal eine erste vorläufige Plag-Wiki-Bilanz zu ziehen.

* Begonnen hat alles mit dem fulminanten Erfolg von GuttenPlag Wiki, das am 17. Februar 2011 gegründet wurde, maßgeblich am raschen Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg beteiligt war und mit heutigem Datum 2.277 Seiten umfasst – Aktivität ungebrochen.

* Auf PlagiPedi Wiki wurden in der Folge mehr als 100 Arbeiten von Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Interesses vermerkt und verlinkt, die auf Plagiate überprüft werden sollen, darunter etwa auch meine eigene Doktorarbeit. (Anm.: Das hat mich sehr gefreut, weil aus ihr ja bereits drei Mal abgeschrieben wurde und zwei Plagiatoren in der Folge ihren akademischen Grad rechtskräftig verloren haben. Ich habe mir freilich nie die Mühe gemacht, sie komplett durchzugoogeln, deshalb wäre es toll, wenn vielleicht ein weiteres Plagiat meiner Dissertation entdeckt werden würde.) PlagiPedi Wiki (der Name resultiert aus einem ursprünglichen Tippfehler, es hätte PlagiPedia heißen sollen) hat derzeit 162 Seiten. Das Projekt hat sich wahrscheinlich zu viel vorgenommen – Zukunft ungewiss.

* Kurz darauf wurde vermutlich von englischen Studierenden das Saif Al-Islam Gaddafi Thesis Wiki gegründet. Das Wiki umfasst derzeit zehn Seiten und dokumentiert bislang 18 Plagiatsstellen von unterschiedlichem Schweregrad in der Dissertation des Gaddafi-Sohnes. Das mediale Echo war außerhalb Großbritanniens eher gering.

* Am 6. März 2011 wurde in Österreich – unter anderem von Ihrem werten Plagiatsgutachter – die “Initiative Transparente Wissenschaft” gegründet (auch “AntiPlag Austria”), die sich zum Ziel gesetzt hat, zu einem “Wikileaks für die Wissenschaft” zu werden, eventuell einmal auch über Österreich hinaus. Das Wiki befasst sich auch, aber nicht exklusiv mit der umstrittenen Dissertation des EU-Kommissars Johannes Hahn, in der auf bislang zwölf Seiten plagiatsverdächtige Stellen gefunden wurden. Das Wiki selbst umfasst derzeit 23 Seiten.

* Am 28. März 2011 wurde schließlich VroniPlag Wiki gegründet. Das Wiki umfasst bislang sechs Seiten, aber schon nach einer Nacht wurden auf 47 Seiten der hier diskutierten Dissertation Plagiatsstellen gefunden.

Wie wird es weitergehen? Viele Einzelinitiativen und -Wikis pro fraglicher akademischer Arbeit, oder eine Art ‘kollektive Task Force Plagiate’?

Und noch ein Hinweis: Wer in Zeiten allgegenwärtiger Plag(i)-Wikis immer noch schwindeln möchte, der findet hier einen Anbieter eines Komplettpakets: akademisches Ghostwriting, Formatierung und sogar Plagiatsprüfung (schon ab 25 Euro) aus einer Hand. Na, wer sagt’s denn: Konkurrenz belebt!