Mit ‘Dissertation’ getaggte Artikel

Wegweisendes Schavan-Urteil nun online nachzulesen

Dienstag, 15. April 2014

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf in der Causa Schavan ist nun im Volltext online nachzulesen. Es ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Klar ist: Viele Universitäten hielten und halten sich in keiner Weise an das, was hier geschrieben steht. Da das Verwaltungsgericht der Universität Recht gegeben hat, verstoßen zahlreiche andere Universitäten, die ganz anders agieren, mitunter wiederholt gegen herrschendes Recht. Schade, dass es bei Vertuschungsverdacht an Hochschulen keine wirkliche rechtliche Handhabe gibt.

Nur zwei wichtige Zitate aus dem Urteil (beide referieren im Konjunktiv Ausführungen der beklagten Universität, denen das Verwaltungsgericht durch das Urteil zugestimmt hat):

“Auf die Frage, ob sich die damaligen Gutachter (bzw. Referenten) der Arbeit getäuscht gefühlt hätten, komme es nicht an, da Adressat einer Promotionsleistung die Fakultät sei, die den Doktorgrad verleihe.”

“Ob die eingereichte Dissertation annahmefähig gewesen wäre, wenn sie die fehlenden Nachweise enthalten hätte, sei irrelevant. Eine ‘geltungserhaltende Reduktion’ finde nicht statt. Auf die Quantität der Plagiate im Verhältnis zur Länge der Arbeit komme es jenseits einer hier nicht ernstlich zu erwägenden Bagatellgrenze rechtlich nicht an.”

Die persönliche Erklärung Schavans (offenbar von ihrer Webseite schon wieder verschwunden) macht hingegen sprachlos.

Des Ministers fehlende Anführungszeichen oder: Die Konstruktion eines Plagiatsvorwurfs

Mittwoch, 09. April 2014

So schnell kann es in der bundesdeutschen Medienlandschaft gehen: Schon heißt es, “[m]ehrere Internetportale” würden “berichten”, dass CSU-Minister Gerd Müller bei seiner “Doktorarbeit ‘weite Strecken abgeschrieben’” hat.

Quelle: http://www.all-in.de/nachrichten/rundschau/Minister-Dr-Gerd-Mueller-weist-Plagiatsvorwurf-zurueck;art2757,1590338

Wahr ist leider, dass dies bislang nur politplag.de, die spendenfinanzierte Plattform des Kollegen Martin Heidingsfelder, gestreut hat; und von “weite[n] Strecken” ist nicht einmal dort die Rede. Vielmehr hat Heidingsfelder in seiner Presseerklärung nur eine einzige Stelle moniert, bei der sich folgende Quellenangaben befinden:

DISSERTATION GERD MÜLLER                                     QUELLE WOLFGANG HACKEL

Quelle: http://politplag.de/images/9/9b/Presseerkl%C3%A4rung_PolitPlag.pdf, S. 3.

Die Passage verlangt eine Tiefenanalyse. Ich mailte Martin Heidingsfelder dazu vorgestern folgendes: “Hackel gibt in FN 95 an, hier einige Punkte von Kaack übernommen zu haben. Falls bei Kaack einige Punkte auch so wörtlich stehen, hätte auch Hackel Kaack plagiiert (wenn man denn diese Messlatte anlegen würde), denn auch Hackel verwendete offenbar keine Anführungszeichen. Richtig wäre also bei Müller etwas in die Richtung gewesen: ‘Der Verfasser der Dissertation übernimmt hier in weiten Teilen die Aufstellung von Hackel, der sich seinerseits zum Teil auf Kaack beruft.’ – Man will hier doch nicht nur zeigen, dass Müller Hackel abschreibt, sondern dass Müller die Quelle Kaack nie konsultiert hat, obwohl er sie gleichrangig mit Hackel in seiner FN angibt. Dazu müssten wir wissen, was bei Kaack steht! Und wir sollten beachten, dass Kaacks Werk in den Fußnoten bei Müller insgesamt noch vier Mal vorkommt. Das spricht auf den ersten Blick gegen die These! Also diese Suppe ist viel zu dünn für eine PM!”

Dennoch hat mein Kollege den Vorwurf gestreut. Es liegt bislang kein Plagiatsverdacht vor. Solche Aktionen schaden dem eigentlichen Anliegen enorm. Offenbar geht es hier tatsächlich erstmals nur darum, einen Politiker einer gewissen Richtung in Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen zu bringen. Kann sein, dass Müller tatsächlich (irgendwo anders) plagiiert hat und dass diese erste minimale Unregelmäßigkeit ein erster Indikator dafür ist. Aber es geht nicht an, mit einem explizit unhaltbaren Vorwurf an die Presse zu treten. Ich ging davon aus, dass die Journalisten so schlau sind, das komplett zu ignorieren. Falsch gedacht.

Neue Geschäftsfelder für die Plagiatsprüfung: Jenseits der Dissertationsautopsie

Dienstag, 11. Februar 2014

Der Klassiker der Plagiatsprüfung ist ja immer noch die Dissertation, die zwischen ca. 1975 und heute verfasst wurde. In den vergangenen Monaten hat sich allerdings das Geschäftsfeld Ihres werten Plagiatsgutachters mehr oder weniger ‘von selbst’ erweitert:

* Zunehmend kamen die Anfragen und Aufträge auch aus der Wirtschaft: Von plagiierten Unternehmenswebsites über Imagefolder bis zu Projektexposés und Patentschriften. Interessant und neu war die Erfahrung, dass mitunter auch dort plagiiert wird, wo es gerade um den Schutz geistiger Eigentumsrechte gehen sollte. Ein Auftrag erforderte das Einbeziehen und Bewerten von Lizenzvereinbarungen – ein spannendes neues Betätigungsfeld jenseits des akademischen Plagiarismus. Ihr Plagiatsgutachter stellt somit klar: Er ist auch hiefür zuständig.

* Zunächst erschienen mir Anfragen zu plagiierten Handtaschen, Sportschuhen u. ä. Produkten kurios und ich war verwundert, dass man mich hier kontaktierte. Bei einer Anfrage wurde ich auf folgendes hingewiesen: Ebay mailt allen, die mutmaßliche Produktplagiate melden, diese Empfehlungen: “1. Bitte wenden Sie sich an einen Händler, Sachverständigen, Gutachter oder eine andere unabhängige Organisation. 2. Lassen Sie sich bitte schriftlich die erhebliche Abweichung von der Produktbeschreibung bestätigen. [...]” Offensichtlich gibt es noch keinen professionellen Gutachter oder Sachverständigen für Produktplagiate, weshalb ich kurzerhand beschlossen habe, auch dieses Geschäftsfeld ab sofort zu übernehmen, insoweit ich Abweichungen mit Bildersuchen verifizieren kann.

* Gutachten über Gutachten (‘Gutachten zweiter Ordnung’): In einem Fall hatte ich ein Gerichtsgutachten gerichtsfest auf Plagiate zu überprüfen. Der Fall zeigte mir: Auch Gerichtsgutachten müssen die grundlegenden Standards der Referenzkultur beachten und vor allem urheberrechtlich unangreifbar sein. Auch hier tut sich womöglich ein neues Geschäftsfeld auf: Gutachten von Sachverständigen (Wirtschaft, Medizin, Psychologie,…), die vom Textsachverständigen geprüft werden. – In Salzburg wurde einmal ein Fall aufgedeckt, bei dem ein Gutachter immer wieder sich selbst plagiiert hat.

* Neu waren und sind für mich weiter Fälle, bei denen stilometrische Beurteilungen bzw. authorship verifications vorzunehmen sind: Ihr Gutachter erhält Texte und Referenztexte und soll nun beurteilen, ob alle Texte aus einer Hand stammen. Hier kann Text-mit-Text-Vergleichssoftware wertvolle Unterstützung leisten. Das Spektrum der Überprüfungen reichte vom Ghostwriter-Verdacht (immer schwierig!) bis zum anonymen Schreiben, das einer Autorschaft zugeordnet werden soll.

* Am nachhaltigsten erscheint mir aber derzeit die Zusammenarbeit mit einem Dresdner Unternehmen, das eine neuartige Texterkennungs- und intelligente Plagiatserkennungssoftware (inkl. Synonymplagiatsdetektion) marktfähig machen will. Einen Prototypen dieser Software setze ich bereits probehalber seit einiger Zeit bei nahezu allen Plagiatsprüfungen ein.

Seine Mission sieht Ihr werter Plagiatsgutachter in Zukunft dann nicht mehr im öffentlichen Aufdecken von Fällen, sondern im professionellen Unterstützen in den Bereichen der Plagiatsprävention und -detektion. Das Problem wurde von mir, VroniPlag (dort übrigens gerade Fall Nr. 64!) und Co. nun mit aller Deutlichkeit aufgezeigt. Jetzt geht es darum, dass die öffentlichen Institutionen auch Farbe bekennen, wenn man den konstruktiven Dialog (wieder) sucht: für eine ehrliche Wissenschaft, lückenlose Plagiatsprävention und -detektion und eine Einhaltung der grundlegenden Arbeitstechniken.

Krasse Fehlentscheidung im Fall Steinmeier: Gehäufte Bauernopfer-Referenzen sind für die Uni Gießen kein Plagiat

Dienstag, 05. November 2013

Meine Notiz von heute morgen: Schon heute um 13:00 will die Universität Gießen die Prüfungsergebnisse im Fall Steinmeier bekannt geben, wird hier berichtet. Meines Erachtens verheißt die doch sehr rasche Verkündigung nichts Gutes (aber nicht für Steinmeier, sondern für die Plagiatssucher). Vielleicht irre ich mich. Alle Presseanfragen bitte heute mobil unter 0043 664 13 13 444.

Update um 14:00: Die Universität Gießen will keine Täuschungsabsicht im Vorgehen Steinmeiers erkennen und belässt ihm damit den Doktortitel:

“Angesichts dieser inhaltlichen Originalität führen allein Formulierungsübereinstimmungen mit anderen Veröffentlichungen in einem bestimmten quantitativen Umfang, verschiedene Verstöße gegen Zitierregeln sowie einzelne Stellen ohne Quellenangabe, bei denen ein Versehen nicht ausgeschlossen werden kann, nicht zu einem wissenschaftlichen Fehlverhalten.”

“Die zweite Gruppe von Vorwürfen betrifft Stellen, bei denen fremde Texte übernommen wurden. Zwar würden die zitierten Quellen in den Fußnoten praktisch durchgängig offen gelegt, allerdings sei die Setzung der Fußnoten bisweilen – zumindest nach heutigen Usancen – fehlerhaft. Zu einem wissenschaftlichen Fehlverhalten werde ein solcher handwerklicher Fehler allerdings nur dann, wenn durch eine verschleiernde oder mehrdeutige Zitierweise die Urheberschaft für fremde Ideen, Argumentationen oder Erkenntnisse vorgetäuscht werden soll. Dies sei bei dem Betroffenen nicht der Fall, hieß es im Bericht des Kommissionsvorsitzenden.”

Es handelt sich hierbei um kontingente Entscheidungen, was schon die Formulierungen klar erkennen lassen. Bauernopfer-Referenzen werden von Gießen wohlwollend als “fehlerhaft” gesetzte Fußnoten interpretiert. Steinmeier hat also möglicher Weise die Zitierregeln falsch gelernt oder ist einem damals weit verbreiteten Abschreibmuster gefolgt.

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Die Überschrift von VroniPlag Wiki lautet: “Kollaborative Plagiatsdokumentation“. VroniPlag Wiki dokumentiert also (im Übrigen immer noch) bei Steinmeier keine bloßen zu interpretierenden Textkonkordanzen, sondern Plagiate – und damit, wenn diese gehäuft nachweisbar sind, wissenschaftliches Fehlverhalten. Hat sich VroniPlag Wiki damit geirrt? Hat sich Ihr werter Plagiatsgutachter schon vorher geirrt? Natürlich nicht. Der Fall zeigt nur, dass die Entscheidung, ob ein Plagiat vorliegt oder nicht, dehnbar ist, dass sie von den Universitäten einfach nicht einheitlich gehandhabt wird.

Die Uni Gießen könnte den Standpunkt vertreten: Wenn nur Bauernopfer-Referenzen gefunden werden*, also die Quellen des Abschreibens immer irgendwo (anders) angegeben wurden, dann handelt es sich um kein Plagiat. So wurde auch bei Hahn und Schwintowski (ebenfalls fragwürdigerweise!) entschieden. Eine rechtliche Grundlage oder eine Grundlage in Lehrbüchern gibt es dafür aber nicht. Nirgendwo steht geschrieben: “Sie dürfen noch ein Stück weiter ohne Anführungszeichen und Quellenangabe von jener Quelle abschreiben, aus der sie weiter oben mit Anführungszeichen und Quellenangabe zitiert haben.” Oder: “Sie dürfen bei der wörtlichen Wiedergabe ohne Anführungszeichen eine einstellige Anzahl an Wörtern pro Absatz durch Synonyme ersetzen, wenn sie irgendwo im Umfeld auf die Quelle hingewiesen haben oder einen kleinen Teil unter Anführungszeichen gesetzt haben.

Es könnte also sein, dass der Einsatz von Bauernopfer-Referenzen so weit verbreitet war und ist, dass das – zumindest bei prominenten Fällen – nicht als Plagiat gesehen wird. Das gilt es anhand einer Stichprobe älterer Dissertationen, vor allem aber auch älterer wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die keine Qualifikationsschriften waren, zu untersuchen. Die Universität Gießen blieb diesen Beleg heute schuldig.

* Und auch das würde nicht ganz stimmen: VroniPlag Wiki hat bislang 102 Bauernopfer sowie 12 Verschleierungen und Komplettplagiate bei Steinmeier identifiziert, siehe hier.

Ein falscher Professor an der Uni Hamburg und ein falscher Doktortitel für die PR-Chefin der Deutschen Bahn

Freitag, 11. Oktober 2013

Und an dieser Stelle noch der Hinweis auf einen Kriminalfall, der hier, hier und hier nachzulesen ist (genauer: eine Groteske). Wenn das Drehbuchautoren nicht inspirieren wird!

Auch in dieser Causa wurde ich bislang um Stillschweigen gebeten, aber nun ist sie publiziert worden. Klar ist für mich: Frau “Dr.” Antje Lüssenhop hat erst Farbe bekannt, nachdem ich begonnen hatte, bei ihr nachzuforschen. Das war vor zwei Wochen. Sie wusste also mit Sicherheit schon vorher, dass etwas mit ihrem Doktortitel nicht stimmt. So naiv ist niemand, zumal es einen Präzedenzfall gab, der nach demselben Muster ablief. Das wäre dann keine Bagatelle mehr, sondern nichts Geringeres als eine Straftat nach § 132a StGB.

Frau Lüssenhop hat länger als zehn Jahre ihren Doktortitel getragen und sich damit berufliche Vorteile verschafft. Ich fordere sie hiermit öffentlich auf, ihre “Dissertation” zumindest jetzt zu publizieren.