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Plagiatsfälle Stoiber, Fiala und Moeder: Wie die Uni Innsbruck und die ETH Zürich ehrliche Absolventen verhöhnen

Samstag, 11. Mai 2013

Langsam fragt man sich: Wie verlogen und korrupt ist das Wissenschaftssystem in Deutschland, Österreich und der Schweiz eigentlich, wenn eine Handvoll mehrheitlich anonymer Wissenschaftler in einem Wiki einen glasklaren Plagiatsfall nach dem anderen dokumentiert, die betroffenen Universitäten und Hochschulen mit zunehmender quantitativer Brisanz der Untaten aber auf noble Zurückhaltung, Ignoranz oder sogar bewusstes Lügen machen? Worum geht es in der Wissenschaft hauptsächlich? Um Wissen und Erkenntnis (dazu gehört eben immer auch die alles andere als unbedeutende Erkenntnis, dass eine Arbeit unredlich zustande gekommen ist, das heißt abgeschrieben wurde)? Oder primär oder gar ausschließlich um den Schutz der bereits Angestellten und der von diesen bereits “Durchgewunkenen”?

Fallbeispiel 1, die Dissertation von Dominic Stoiber. Der Vorsitzende des Senats der Universität Innsbruck beruft sich gegenüber “Spiegel Online” auf einen zum Rechtssatz erhobenen Passus aus einer einschlägigen Entscheidung des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs. Dort heißt es:

“Vor dem Hintergrund des Beschwerdefalles ist der Begriff des ‘Erschleichens’ im Sinne der Ausführungen im hg. Erkenntnis vom 9. März 1982, 81/07/0230, 0231, VwSlg. 10670 A/1982, zu verstehen, also ein ‘Erschleichen’ dann anzunehmen, wenn in Täuschungsabsicht wesentliche Teile der Dissertation ohne entsprechende Hinweise abgeschrieben wurden, mit der Maßgabe, dass die Wesentlichkeit dann anzunehmen ist, wenn bei objektiver Betrachtung die Beschwerdeführerin davon ausgehen musste, dass bei entsprechenden Hinweisen die Dissertation nicht positiv oder zumindest weniger günstig beurteilt worden wäre (§ 45 Abs. 1 UniStG 1997 normiert ja vier positive Noten für wissenschaftliche Arbeiten) und die Unterlassung dieser Hinweise zu einem günstigeren Ergebnis geführt hat, entsprechende Hinweise daher zu einem ungünstigeren Ergebnis geführt hätten (vgl. dazu Bast-Langeder, UniStG, Anm. 15 zu § 46).”

Quelle: VwGH, Erkenntnis 99/12/0324, Rechtssatz.

Der Senatsvorsitzende folgert gegenüber “Spiegel Online” (sofern korrekt zitiert):

“Im Fall Stoiber hätte jedoch, so Hajnal, ‘eine klarere Kenntlichmachung der betreffenden Textstellen die ursprüngliche Benotung nicht verändert’.”

Was heißt das? Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine – offenbar bewusste – Fehlinterpretation des betreffenden VwGH-Rechtssatzes. Nehmen wir – getreu der Innsbrucker Logik – den Fall Guttenberg: Hätte ein Gutachter nun argumentiert, dass ihn ein Mehr an direkten, korrekt kenntlich gemachten Zitaten von knapp 64 Prozent der Gesamtzeilenanzahl nicht gestört hätte, dass diese vielen Zitate also die Note nicht verschlechtert hätten, dass womöglich sogar ganz im Gegenteil so viele Zitate doch für akribische Literaturarbeit stehen würden, dann wäre Guttenbergs Plagiat getreu der Innsbrucker Logik schlicht keines gewesen. – Schon bemerkt? Nur eine Arbeit, in der fast alles plagiiert wäre, wäre dann ein solches “wesentliches” Plagiat.

Was war der Trick? Die Innsbrucker Lesart ignoriert drei Wörter des Rechtssatzes: “bei objektiver Betrachtung”. Das bedeutet nun nämlich sicher nicht, dass der subjektiven Plagiats- bzw. Zitatstoleranz des Gutachters kaum Grenzen nach oben gesetzt wären, sondern das heißt: Was ist der State of the Art im jeweiligen Fach, was erlauben die Lehrbücher, wie sehen die wissenschaftlich redlichen Arbeiten im Vergleich aus? Nur das ist objektive Betrachtung! Und damit verschiebt sich die Messlatte komplett. Die Universität Innsbruck betreibt damit – wie schon zuvor die Universität Salzburg – grobe Rechtsverdrehung. Ich wiederhole es gerne: Wie schon zuvor an der Universität Salzburg ist dies ein Fall für die Korruptionsstaatsanwaltschaft.

Der VwGH-Rechtssatz bezieht sich auf das Erkenntnis 81/07/0230 aus dem Jahr 1982, das mir vorliegt. In diesem geht es um eine Diplomarbeit, die zu fünf Sechstel von einer Dissertation plagiiert war. Im Erkenntnis ist dem VwGH ein grober Schnitzer unterlaufen: Er gestattete die Ausweisung von direkten Zitaten nur mit Fußnoten, aber nicht mit Anführungszeichen (oder sonstiger Hervorhebung). Eine solche Zitierweise hat es allerdings nie gegeben, zumindest nicht nach der Erfindung der Anführungszeichen vor einigen Jahrhunderten.

Quelle: VwGH, Erkenntnis 81/07/0230, S. 8.

In keiner späteren Entscheidung zu akademischen Plagiatsfällen wurde dieser Passus wiederholt. Man muss hier also klar sagen, dass sich die Universitäten offenbar bewusst unscharfer oder sogar falscher Formulierungen des Verwaltungsgerichtshofs bedienen, um Plagiatoren zu entlasten. Da alle späteren Entscheidungen strenger und begrifflich klarer ausfielen, hätten auch alle jüngeren möglichen Entziehungen von Titeln im Instanzenweg Bestand gehabt.

Fallbeispiel 2, die Thesis von Doris Fiala. Erfreulicherweise hat nun VroniPlag begonnen, das Gesamtausmaß dieser Plagiatsfundgrube offenzulegen. Erstaunliches war ja in den Schweizer Medien zu lesen: etwa, dass es sich nur um eine Thesis und nicht um eine Doktorarbeit handle (der glasklare Einwand: Plagiieren ist schon bei Hausarbeiten verboten, und dies hoffentlich auch an der ETH Zürich) oder dass nur kleinere Schlampereien gefunden wurden (“da und dort schludrig zitiert”), wie ein Kommentator der ansonsten so genau argumentierenden “Neuen Zürcher Zeitung” fälschlicherweise schrieb. Viel schlimmer als falsche Plagiatsanschuldigungen (wenn sie denn überhaupt jemals vorkamen) sind inzwischen vorschnelle falsche Entlastungen, vor allem von einer sich rasch solidarisch erklärenden Provinzpresse, nach dem Motto: “Einen Fall Guttenberg, so etwas gibt es bei uns nicht.” Dieselben Argumentationsmuster waren auch wiederholt in der österreichischen Lokalpresse tonangebend. Die Realität sieht leider anders aus, und damit komme ich zum ähnlich gelagerten Fall 3.

Fallbeispiel 3, die Dissertation von “Prof. Dr.” Ronald Moeder. Es handelt sich um eine haarsträubend plagiierte Doktorarbeit mit noch dazu sehr fragwürdiger Vorgeschichte. Den Vogel schoss hier jüngst die Pressestelle der Hochschule Heilbronn ab, an der Herr Moeder lehrt. Sie steht – in der Kommunikation nach außen – auf dem Standpunkt, dass ein Plagiat nicht dann eines ist, wenn es intersubjektiv mit Belegstellen nachgeprüft werden kann, sondern wenn eine andere Universität entsprechend reagiert hat, noch dazu eine “renommierte[n] Universität in Österreich”. Zumindest haben die Heilbronner schwarzen Humor, denn diese Universität, namentlich schon wieder die Universität Innsbruck, hat bislang bereits mehr als sechs Plagiatoren geschützt und tritt wissenschaftliche Redlichkeit im Moment wie keine andere mit Füßen. Was ist das für eine Wissenschaftsauffassung? Wenn in Heilbronn so geforscht und gelehrt wird wie hier argumentiert wird, dann kann man die Studierenden nur warnen: Hier geht es wohl auch nicht um Erkenntnis und Wissen, sondern um die niedere Kunst des Wegschauens und der falschen Solidarität.

Die fatalen Folgen für die Qualität und weitere Glaubwürdigkeit der Wissenschaft – interessieren die eigentlich auch jemanden? Und was sagen zu all diesen Vorgängen eigentlich jene Absolventen, die an den betroffenen Universitäten ehrlich gearbeitet und korrekt zitiert  haben?

Plagiatsfall in der Schweiz weitet sich aus: Noch viel mehr abgeschrieben

Dienstag, 30. April 2013

Nun hat also auch die Schweiz ihren ersten “richtigen” Politiker-Plagiatsfall. Interessant ist, dass die Vorwürfe diesmal zunächst nicht in einem Blog, einem Wiki oder von den Massenmedien schwarz auf weiß publiziert wurden. Da muss man erst einmal vorsichtig sein. Umso größer war mein Erstaunen, als ich nach nur zwei Minuten Beschäftigung mit der inkriminierten Arbeit die nächste schwere Plagiatsstelle fand. Frau Fiala hat ganz offensichtlich von einem Buchrücken eines Sammelbandes abgeschrieben, der ein Jahr vor Abgabe ihres Textes veröffentlicht wurde. Das ist schon mehr als dreist. Die Arbeit wurde für einige Tage vom Netz genommen und ist nun wieder hier erreichbar.

Die Masterarbeit läuft bei mir gegenwärtig durch die Software. Das riecht nach (viel?) mehr. Von harmlosen Stellen oder gar einer Vorverurteilung kann hier jedenfalls schon jetzt keine Rede mehr sein. Und wieder mal stellen sich die Fragen: Wenn schon Gutachter nicht genau gelesen haben und Arbeiten auch an der ETH Zürich (!) im Jahr 2010 (!!) immer noch nicht flächendeckend auf Plagiat überprüft wurden, warum nimmt man dann auch noch erstmal die Plagiatorin in Schutz und sucht nicht systemimmanent nach den Gründen für das Debakel? Wann wird die Wissenschaft endlich aufwachen?

Mutmaßliches Original: http://www.nomos-shop.de/Breitenmoser-Gle%C3%9F-Lagodny-Schengen-Praxis/productview.aspx?product=11869

Offensichtliches Plagiat, Fließtext Fiala, S. 143. Nur das Wort “allerdings” wurde eingefügt, damit deutlicher Hinweis auf intentionales Plagiieren.

Autorschafts-, Zitats- und Plagiatsforschung: Skizze eines neuen Forschungsfelds

Donnerstag, 25. April 2013

Es ist schon rätselhaft: Alle sagen, das muss nun erforscht werden, aber niemand geht es an. Ich habe deshalb nun selbst mit zwei am Thema interessierten Kollegen einen Forschungskatalog bzw. eine Aufgabenliste erstellt. Wir möchten in naher Zukunft zumindest einige dieser Punkte abarbeiten. Zunächst stehen ein Forschungsprojektantrag (Kooperation in Österreich) und ein Buchprojekt in Deutschland (“Handbuch des Zitierens”) auf der Tagesordnung.

Gibt es vielleicht doch eine aufgeschlossene Universität, die die erste sein möchte, die ein solches Institut gründet? Gibt es Partner aus der Wirtschaft – etwa von Produktplagiarismus betroffene internationale Unternehmen oder Buchverlage, denen Copy & Paste im Internet zu schaffen macht -, die ein solches Institut bzw. dessen Grundsteinlegung fördern würden? Diese Blogmeldung soll durchaus den Charakter eines “öffentlichen Aufrufs” haben: Die Idee ist da, nun bedarf es der Umsetzung!

Die Fälle Guttenberg, Schavan und Co. zeigten ja nicht nur, dass das Plagiatsproblem in der Wissenschaft übersehen und damit in der akademischen Welt viel Schein statt Sein hervorgebracht wurde. Sie zeigten darüber hinaus, dass die Wissenschaft sich viel zu wenig oder gar nicht mit ihren eigenen Grundlagen, mit ihrer eigenen “Referenzkultur” beschäftigt hat. Es gibt Forschungen zu allen möglichen ‘Objekten’ in der ‘realen Welt’, aber nicht zu den grundlegenden Techniken der sprachlichen Weitergabe des Wissens über diese Objekte. Wie kam es historisch zu dieser Lücke, zu dieser speziellen Form der “Methodenvergessenheit”? Fast wäre auch dies reflexiv ein weiteres Thema für die Forschungsagenda.

Es gibt mehr als eine Großbaustelle:

Warum ist die Situation auf dem Lehrbuchmarkt so unbefriedigend? Warum gibt es Lehrbücher und Online-Lehrbehelfe, die unter dem indirekten Zitat das Umschreiben existierender Literatur verstehen und solche, die dies explizit verbieten? Warum ringt man sich nicht zu einheitlichen Standards und Definitionen durch? Viele Studenten würden in der derzeitigen Situation dafür dankbar sein.

Und was hat Google mit den zehn bis 20 Millionen (?) eingescannten Büchern aus den Bibliotheken vor? Warum gibt es nicht schon längst einen “Google Plagiarism Check“, mit dessen Hilfe man ganze Dokumente und nicht nur Wortketten auf Plagiat überprüfen könnte? (Stünde dies der Kreation einer “künstlichen Intelligenz” im Wege? Wohl eher im Gegenteil, außer Google hat nur seine eigene Intelligenz im Auge und nicht die der Menschen.)

Also:

Was ist der wahre Grund, warum (bislang) keine deutschsprachige Universität hier etwas Neues institutionalisieren will (die erste Uni, die das Plagiatsthema wirklich offensiv und mit Forscherneugier angehen würde, würde medial ohne Zweifel viel Lob ernten)?

Und was ist der wahre Grund, warum Google (bislang) keinen Plagiatsdienst anbietet, der sich sogar – ähnlich wie die Google Buchsuche – als Geschäftsmodell etablieren ließe (die Suche wäre wie immer unbezahlt; bei Funden könnten Links zu Bestellmöglichkeiten der plagiierten Quellen in Print angeboten werden)?

Das sind die Fragen: an die Wissenschaft, an die (Internet-)Wirtschaft.

Universität Duisburg-Essen bestätigt Plagiat von Nina Haferkamp

Dienstag, 12. März 2013

Ich zitiere aus der Entscheidung des Rektors:

“1. Das Rektorat schließt sich der Feststellung der Untersuchungskommission an, dass im ersten Drittel der Arbeit ein wissenschaftliches Fehlverhalten (Plagiat) durch Frau Dr. Haferkamp vorliegt.

2. Das Rektorat fordert den zuständigen Promotionsausschuss der Fakultät für Ingenieurwissenschaften auf, den zweiten und dritten Teil der Promotionsschrift inhaltlich auf Originalität zu prüfen. Das Rektorat schließt sich dabei der Empfehlung der Untersuchungskommission an, einen externen Fachgutachter hinzuzuziehen. Abhängig von der Einschätzung des zweiten und dritten Teils der Arbeit ist sodann zu prüfen, ob der originäre Teil der Promotionsschrift ausreicht, um weiterhin als Promotionsschrift anerkannt zu werden.”

Mit anderen Worten: Das wird noch lange dauern, da ist noch nichts entschieden. Der Plagiatsvorwurf ist damit aber offiziell bestätigt.

Beweis erbracht: TU-Dresden-Professorin hat tatsächlich eine Erstsemestrigen-Hausarbeit plagiiert

Mittwoch, 16. Januar 2013

Nachdem ich mich selbst in die Materie sehr gut eingelesen habe und bereits in meinen PDF-Dokumenten zehn “rätselhafte” Übereinstimmungen zwischen einer Hausarbeit auf hausarbeiten.de und der Dissertation von Katrin Döveling dokumentiert habe, ist nunmehr der empirische Beweis mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit erbracht worden: Döveling hat tatsächlich unter anderem auch von einer Erstsemestrigen-Hausarbeit plagiiert und im Zuge dieses Plagiats eine nicht stattgefundene Literaturarbeit vorgetäuscht. Es ist eine Schande erster Ordnung für das Fach.

Hier das Original von hausarbeiten.de:

Und hier das Plagiat auf S. 59 bei Döveling:

Ich werde die gesamten Funde somit heute dem Ombudsmann der Universität Erfurt melden. An mehreren Stellen das Wording einer Hausarbeit zu übernehmen, das geht einfach zu weit. Mit im Boot sitzt nun auch das Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden, das nach meinen ersten Funden von Anfang November viel Zeit für eigene Recherchen gehabt hätte. Stattdessen hatte Wolfgang Donsbach bzw. genauer: sein empirischer Mitarbeiter nichts Besseres zu tun, als meine eigene Dissertation auf Plagiat zu überprüfen; und Katrin Döveling “wehrte” sich mit seitenlangen Drohschreiben ihrer Anwälte. Aber die mittels Textvergleich dokumentierbare Wahrheit wird sich durchsetzen.

Neue Auswüchse einer “Textkultur ohne Hirn” in Wirtschaft und Politik

Dienstag, 15. Januar 2013

Wozu noch selbst texten? Die “McDonaldisierung” der Gesellschaft hat längst auch unsere Textkultur erfasst. Kritiker wie ich und einige andere Blogger sehen einen Trend zur zunehmenden Verlogenheit der Gesellschaft, zur zunehmenden Austauschbarkeit, wenn nicht gar Überflüssigkeit des Gesagten. Sprachphilosophisch gesprochen: Es werden eben nicht nur die Satzinhalte (“Kommunikationsbotschaften”), sondern die Aussagesätze selbst recycelt. Welcher Rede können wir noch trauen?

Zwei Enthüllungen aus der Blogosphäre aus den vergangenen Tagen:

1. Eine bundesdeutsche Grün-Politikerin hält eine Rede, die sich zumindest stark paraphrasierend (bei wohlwollender Auslegung), wenn nicht plagiierend an eine andere Rede anlehnt. Das hatten wir übrigens schon vor einiger Zeit bei einem österreichischen Bischof. Mich interessiert die Frage, warum so etwas geschieht. Folgende Gründe wären möglich:

* Die Plagiatoren sind intellektuell nicht imstande, einen eigenen Text zu verfassen.

* Die Plagiatoren haben nicht den Mumm, einen eigenen Text zu verfassen. Sie wollen auf Nummer sicher gehen und sich an Bestehendem orientieren, aus Angst, das Neue könne abgelehnt werden bzw. nicht funktionieren.

* Die Plagiatoren glauben, dass es heutzutage Usus ist, so zu verfahren.

* Die Plagiatoren scheren sich weniger um das Was (den Inhalt) und mehr um das Wie (die Präsentation).

* Die Plagiatoren wussten gar nichts vom Plagiat, weil sie Ghostwriter beschäftigen.

Angst macht mir immer die Möglichkeit, These 1 könne zutreffen.

2. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch diese Entdeckung: Man google den Satz “Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition”. Dieser wird, im Verein mit ganzen identischen Absätzen, wenn nicht sogar kompletten Darlegungen von Unternehmensphilosophien bzw. -leitbildern, auf deutschsprachigen Webseiten von hunderten Unternehmen, vorwiegend aus der Unternehmensberatungsbranche verwendet. Allerdings tun alle so, als wäre damit ihr Alleinstellungsmerkmal beschrieben worden. Warum haben sich all diese Unternehmensberater für eine derartige Textkultur ohne Hirn entschieden? Teilweise haben Start-Up-Unternehmen, die es erst seit einigen Monaten gibt, die also alles andere als eine Tradition aufweisen können, den Satz im Verein mit einem weiteren Standard-Wording übernommen. Wie beraten diese Unternehmen andere? Inwiefern sind all diese Unternehmensberater kompetent, wenn es etwa um Fragen des Textens für das Web geht? Ist irgend jemandem der Widerspruch zwischen Satzinhalt und kopierender Praxis aufgefallen?

***

Man kann die Sache auch anders sehen: Nur einige verschrobene Blogger wie Ihr werter Plagiatsgutachter bemerken solche Dinge. Plagiate in akademischen Qualifikationsschriften würden dann perfekt auf eine Wirtschafts- und Arbeitswelt vorbereiten, in der Textbrocken zunehmend homogenisiert werden und Abkupfern Norm geworden ist. Nun ja: Dann sollten wir dringend alles überdenken, beginnend mit dem Deutschunterricht an Schulen. Und Lehrveranstaltungen wie “Einführung in die Heuchelei” oder “Seminar: Wie man perfekt Kompetenz vortäuscht” müssten Altbackenes wie “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten” ersetzen. Ich erwarte die erste Stellenausschreibung in Betriebswirtschaft: “W3-Professur für professionelle Simulation von Expertise”. Wenn es zutrifft, dass Wirtschaft und Politik (und womöglich auch Religion, Kunst und andere Sozialsysteme) zunehmend so funktionieren, wozu dann noch das ganze Bemühen um Redlichkeit, Zitiergenauigkeit, Quellenkritik, kreatives Schreiben? Vielleicht hat Ihr werter Plagiatsgutachter die Grundregeln der Wirtschaft bislang nicht verstanden.

Können Unternehmen noch selber texten? Problemfeld “Selbstdarstellungs-Plagiarismus”

Dienstag, 25. Dezember 2012

Eine Salzburger Forschungsgesellschaft schreibt auf ihrer Webseite:

“Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwächst daraus eine große Verantwortung. Die Research Studios Austria Forschungsgesellschaft nimmt diese Verantwortung wahr, auch und gerade im Dialog mit der Öffentlichkeit.”

Quelle: http://www.researchstudio.at/innovationspipeline

Das steht so auch bei der Max-Planck-Gesellschaft, allerdings im bundesdeutschen Kontext um einen Halbsatz angereichert:

“Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut – in der Bundesrepublik Deutschland ist die Forschungsfreiheit daher im Grundgesetz verankert. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwächst daraus eine große Verantwortung. Die Max-Planck-Gesellschaft nimmt diese Verantwortung wahr, auch und gerade im Dialog mit der Öffentlichkeit.”

Quelle: http://www.mpg.de/4898/standpunkte

Da stellt sich doch die Frage: Wer hat es warum von wem? Hätte man das nicht auch selbst schreiben können? Warum bedarf es offenbar selbst bei so einfachen Sachverhalten schon der “Inspiration”?

***

Eine neue Wiener Medienproduktionsfirma beschreibt sich auf ihrer Webseite:

“POPUP MEDIA greift mit seinen Mitarbeitern auf ein Netzwerk von Profis aus den Bereichen Video, Audio, Print und Internet. Mit dieser Stärke wollen wir unsere Kunden ganzheitlich und für alle Medien betreuen. Damit schätzen Partner und Kunden unsere Flexibiltät. Dieser integrative Zugang und die Freude an der Umsetzung machen uns zu einem zuverlässigen Partner. Eine langfristige und loyale Zusammenarbeit ist unser Ziel.”

Quelle: http://www.popupmedia.at/unternehmen

Und auch das findet sich so auch bei einer anderen Firma:

“Mediahaus Salzburg ist ein Netzwerk von Profis aus den Bereichen Video, Audio, Print und Internet. Somit ist es uns wie kaum einem anderen möglich, Kunden ganzheitlich und in allen Medien zu betreuen. Vor allem internationale TV- und Eventpartner schätzen unsere Flexibiltät. [...] Unsere unkonventionelle Herangehensweise und die permanente Freude an der Arbeit machen uns zu einem zuverlässigen Partner. [...] Eine langfristige und loyale Zusammenarbeit ist unser Ziel.”

Man beachte hier insbesondere die Falschschreibung “Flexibiltät” bei beiden Unternehmen, die schon sehr deutlich auf Copy & Paste hinweist.

Quelle: http://www.mediahaus.tv/index.php/das-unternehmen

Ich habe nur zwei Erklärungsmodelle:

1) Texte werden zunehmend egal, man kopiert und übernimmt sie einfach aus “Wurschtigkeit”. Dann sollten wir darüber diskutieren, was das für unsere intellektuelle Kultur bedeutet und wie ehrlich und glaubwürdig dann Informationen aus dem Web überhaupt noch sind.

2) Diese Texte wurden von Leuten bewusst gecopypastet, die keinen anderen Zugang zum Texten mehr haben als Text zu klauen. Dann sollten wir über das (Aus-)Bildungsniveau diskutieren.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 3, to be continued)

Mittwoch, 21. November 2012

Anbei die Liste mit den neuen Funden (Stand: 21. 11., 17:00). – Wie kam es etwa zu folgender Textübereinstimmung? Frau Döveling schreibt auf S. 57 der Buchfassung ihrer Dissertation:

“Die Frage ist also, in welchem Ausmaß Medien tatsächlich Themen setzen, um welche Themen es sich hierbei handelt und welche Medien in diesem Prozess stärkeren Einfluss haben. Zudem muss geklärt werden, wie lange der Einfluss anhält, welchen Verlauf er nimmt (z.B. über Dritte) und welche gegensteuernden Gewichte es gibt. Durch diese Fragen kommen viele Variablen in Erwägung, die bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes berücksichtigt werden müssen. Diese Faktoren werden nachfolgend dargelegt […].”

Da ist weit und breit keine Fußnote, keine Quellenangabe, keine Hervorhebung und kein Anführungszeichen, im Gegenteil: Der entsprechende Abschnitt widmet sich dem Thema “Kritik und Erweiterungen des Ansatzes”, und entwickelt wird Dövelings eigenes Konzept einer “Emotionalen Agenda“.

Man betrachte zum Vergleich folgenden Text, der sich auf hausarbeiten.de befindet und aus einer Hausarbeit für ein Einführungsproseminar in Publizistikwissenschaft stammt:

“Die Frage ist also, in welchem Maß Medien Themen setzen, welche Themen und welche Medien stärkeren Einfluß haben, wie lange der Einfluß vorhält, welchen Weg der Einfluß gegangen ist (über Dritte über das Thema informiert werden) und welche gegensteuernden Faktoren es gibt […]. Allein durch diese kleine Vorüberlegung kommen zahlreiche Variablen ins Spiel, die alle bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes mitbedacht sein wollen. […] ein Vorgang, der im folgenden nachgezeichnet werden soll.”

Frau Döveling wird ja wohl nicht aus einer Proseminar-Arbeit abgeschrieben haben. Gab es eine gemeinsame dritte Quelle? Es handelt sich bei Weitem nicht mehr nur um ein paar Übereinstimmungen. Interessant auch, dass beide, Döveling und der Hausarbeitenautor, von der “berühmt gewordene[n] These zum Agenda-Setting” sprechen, “die sich auf Cohen bezieht”…

Quelle: http://www.google.de

Kindle-Copy-Paste

Freitag, 16. November 2012

Deborah L. Salivar-Keene (vielleicht ist das ein Anagramm? Dann bitte um Hilfe!) ist eine fleißige Autorin. 53 Bücher von ihr über Gott und die Welt und von Piaget bis zur Marketingtheorie gibt es auf amazon.de derzeit für den Kindle. Für rund acht Euro pro “Buch” gibt es abendfüllende zwei bis acht Seiten zu erscrollen. So kurz sollten Dissertationen mal werden! Auf amazon.com gibt es sogar knapp hundert Titel, offenbar mit einem gewissen Faible für konstruktivistische Ansätze. Mein Lieblingstitel: “Are We Really, Self-Directed?” Wie die Rankings zeigen, werden die Bücher tatsächlich gekauft. Nennt man das heutzutage “Microlearning”?

Für das herausragende Humorpotenzial der “Autorin” spricht auch dieser Hinweis:

“The copyright does not include any of my personal opinions. All information obtained is a composite of other authors knowledge and research. I have over 2.000 references and all authors are given complete credit for their work and you should also give these authors the credit for their work. Take my word for it YOUR INSTRUCTOR WILL KNOW!!! All documents are to be used strictly as, ‘reference material’. I have already caught students trying to pass this reference material as their own when buying then returning the paper to Kindle and not putting in a bib.”

Da Ihr werter Plagiatsgutachter derzeit mit Dissertationen, in denen zwischen eigenem und fremdem Text nicht korrekt unterschieden wird, voll ausgelastet ist, wird er bis auf Weiteres auf die Überprüfung dieses Fußnotenapparats verzichten…

Update: Eine kursorische Prüfung (ich kann es doch nicht lassen) hat ergeben, dass offenbar jeweils der gesamte Content absatzweise 1: 1 aus dem Internet zusammenkopiert wurde, mit Quellenangaben an den Absatzenden.

Ideal für Copy-Paste: Heiße-Luft-Neusprech

Freitag, 09. September 2011

Ihr werter Plagiatsgutachter hatte unlängst nichts Besseres zu tun, als sich für die Headhunter-Branche zu interessieren. Er fand ein Unternehmen, und er las auf dessen Website den folgenden schönen Satz (ohne Anführungszeichen):

Der Mehrwert aus unserer Beratungsarbeit sind, neben messbaren und gewinnwirksamen Ergebnissen, qualitative Verbesserungen durch effiziente Organisationsstrukturen und Prozesse und ein Controlling über die Projektarbeit hinaus.”

Wie allgemein bekannt, hat Ihr werter Plagiatsgutachter einen in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten höchstens unter “Zwangsstörung” erfassten Tick: Er muss immer alles nachgoogeln. So auch hier. Und siehe da:

Der Mehrwert der umsetzungsorientierten Arbeit der Unternehmensberater sind messbare und gewinnwirksame Einsparungen im Einkauf und in der Beschaffung. Qualitative Verbesserungen entstehen durch effiziente Organisationsstrukturen, gezielte Mitarbeiterschulungen und ein Controlling über die Projektarbeit hinaus.” (Überschneidungen fett)

Der Dresdner verspricht: “Ein attraktives Einsparungspotenzial, das kurzfristig erschlossen werden kann und den Klienten nachhaltige Wettbewerbsvorteile verschafft.” Die international tätige Gruppe verspricht: “Ein attraktives Einsparungspotenzial, das kurzfristig erschlossen werden kann und nachhaltige Wettbewerbsvorteile schafft.”

Und noch schöner: Variante Dresden:
“Managing Partners’ Zielsetzung ist es, die Beschaffungsaufwendungen ihrer Klienten für die speziellen Bedarfe und die Allgemeinkosten – ohne Abstriche in punkto Qualität und Zuverlässigkeit – signifikant zu senken. Der Unternehmensbedarf wird analysiert, Ausschreibungen und Verhandlungen werden in Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern durchgeführt und liefern beachtliche Ergebnisse.”

Variante anderes Unternehmen:
“Zielsetzung ist es, die Beschaffungsaufwendungen für die speziellen Bedarfe und die Allgemeinkosten – ohne Abstriche in punkto Qualität und Zuverlässigkeit – signifikant zu senken. [...] Parallel wird der Unternehmensbedarf analysiert, Ausschreibungen und Verhandlungen werden in Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern durchgeführt und liefern beachtliche Projektergebnisse.”

So werden also die Textbrocken von Headhunter zu Headhunter, von Consulter zu Consulter ein wenig verschoben. Aber was sagen uns eigentlich diese Texte inhaltlich?