Mit ‘Autoplagiat’ getaggte Artikel

Uni Innsbruck: Außerordentliche Professur trotz Eigenplagiats und unethischer Autorschaften

Sonntag, 13. Mai 2012

Der Fall Obwexer/Hummer an der Universität Innsbruck ist nicht nur in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Nun ist er um eine Facette reicher: Zum Vorwurf des Eigenplagiats in der Habilitationsschrift (rund ein Drittel ebendieser stimmten in der Erstfassung wörtlich und ohne jeden Hinweis mit der Dissertation des Habilitanden Obwexer überein) kommt nun auch noch mehrfache unethische Autorschaft dazu, und zwar wieder mit dem Diplomarbeits-, Doktor- und Habil-’Vater’ Hummer. Im Publikationsverzeichnis des umstrittenen Europarechtlers Obwexer macht unter anderem folgendes stutzig:

Quelle: http://www.uibk.ac.at/europarecht/mitarbeiter/downloads/publikationsliste-09_2011.pdf, S. 5

Nun heißt es aber in den “Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis” der Universität Innsbruck unter III. Regeln, Punkt 5, “Autorenschaft”:

“Die Nennung als Autorin/Autor oder Co-Autor/in hat die tatsächliche Beteiligung am Zustandekommen einer Veröffentlichung widerzuspiegeln. Eine Autorenschaft wird dann begründet, wenn jemand wesentlich zum Forschungsplan, zur Durchführung der Forschungsarbeiten, zur Auswertung und/oder Interpretation der Ergebnisse oder zur Ausarbeitung des Manuskriptes beigetragen hat. Die Leitung der Einrichtung, in der das Forschungsvorhaben durchgeführt wurde, ein Vorgesetztenverhältnis, die Finanzierung der Untersuchungen oder das Lesen des Manuskriptes können eine Autorenschaft nicht begründen. Die Universität Innsbruck lehnt zudem jede Art der Ehren-Autorenschaft (honorary authorship) strikt ab.”

Diese Regel hinderte die Universität Innsbruck offenbar nicht daran, genau das in ihren eigenen Reihen, noch dazu unter Habilitierten, zu tolerieren. Oder bedeuten die mehrfachen Hinweise in der Publikationsliste, dass man dem Duo Obwexer/Hummer auch bezüglich dieser Praxis auf die Schliche gekommen ist? Dann mag man sich langsam fragen, was hier noch alles faul ist. So oder so: Nirgendwo spielen Ethik und Redlichkeit in der Wissenschaft eine geringere Rolle als an der Universität Innsbruck.

Über wissenschaftliche Standards “nicht aufgeklärt worden”

Montag, 25. Juli 2011


Quelle: Schriftenverzeichnis Siegfried Haller, S. 2

Er hat es tatsächlich gesagt. Siegfried Haller sei “nicht aufgeklärt worden, was wissenschaftliche Standards sind”. Indirekt will er damit wohl der Universität Mitschuld an seinem wissenschaftlichen Fehlverhalten geben. Bringschuld oder Holschuld – das ist hier fast einerlei. Was mich mehr bewegt, ist das Faktum, dass es sich nicht nur um einen ‘reinen’ Amtsleiter handelt (dem könnte man das vielleicht noch abkaufen), sondern um einen – siehe Schriftenverzeichnis mit mehr als 100 Publikationen – “Dipl.-Soziologe[n] und Sozialpsychologe[n]“. Da verschlägt es mir schon die Sprache. Dieser weiß nicht, was ein korrektes Zitat ist? Wie soll das gehen? Und was bedeutet das wiederum für ‘seine Zunft’?

Zitierregeln und Plagiat – wie war es früher?

Freitag, 10. Juni 2011

Die derzeitigen Debatten in Österreich um die Doktorarbeiten von Johannes Hahn, Peter Pilz und womöglich auch bald Christa Them werfen eine hochinteressante Frage auf: Herrschten früher, vielleicht vor 2000, vielleicht vor 1990, tendenziell Wildwuchs und Beliebigkeit in den textorientierten Wissenschaften? Wurden verbindliche Zitierregeln, ja am Ende die Grundregeln der Kennzeichnung fremden Textmaterials erst nach 1990 oder gar erst nach 2000 eingeführt?

Die von Ihrem werten Plagiatsgutachter aufgestöberten alten Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten, die etwa auch schon in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts glasklar darauf hinwiesen, dass wörtliche Zitate in Anführungszeichen zu setzen seien (vgl. etwa Helmut Seiffert: “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten”, 1972, S. 130), beeindrucken die ertappten Abschreiber oder Eben-Bloß-Freestyle-Zitierer nicht: Diese hätte man damals eben gar nicht konsultieren müssen. – Hmm… was wurde dereinst dann eigentlich gelehrt? Wie postmodern cool waren denn die Stadtphilosophen, Volkswissenschaftler und Pflegewissenschaftler, um die drei aktuell zur Debatte stehenden (Sub-)Disziplinen zu nennen? Man stelle sich ein Biologie-Institut vor, das sich hinstellt und behauptet: Bei uns wurden Regeln für Laborexperimente überhaupt erst im Jahr 2000 eingeführt. (Wenn die Naturwissenschaft so getickt hätte, müsste jeder dafür dankbar sein, das Millennium er- und überlebt zu haben.)

Ich habe nun ein Bild vor Augen von einer Post-Flower-Power-Universität, an der man irgendwas irgendwie beliebig lange studiert und dann irgendwas irgendwie beliebig zusammengestoppelt hat (Cut-Up vor Copy/Paste) – und schwupps war man Doktor. Wenn dem so war, na wunderbar! Aber diese Titelträger sind die “Würdenträger” und Entscheider von heute. Dann wäre über eine neue Verhaltensregel nachzudenken: Don’t trust any doctor – zumindest, wenn der Titel vor 2000 oder gar 1990 verliehen wurde.

Offenbar hatte ich, der ich im Wintersemester 1989 zu studieren begann, die große Gnade (oder eben das große Pech), gerade in eine Zeitenwende reinzurutschen: Urplötzlich gab es (in einem Massenfach, das als eher triviales Studium galt!) ein verpflichtendes Lehrbuch über das korrekte wissenschaftliche Arbeiten, ein verpflichtendes Proseminar im ersten Semester, das vehement genau für Fragen des Zitats und des eigenen Texts sensibilisierte, und jede Menge Prüfungsliteratur zum Thema. Rückblickend wundert mich auch: Wie kommt es, dass in der ganzen älteren Primär- und Sekundärliteratur wenn nicht plagiiert, dann eben korrekt zitiert wurde, aber in Dissertationen das nicht der Brauch gewesen sein soll?

“Die Entwicklung der Zitierregeln”: Was für ein spannendes Thema für eine Dissertation (wie wäre es mit Ihrem werten Plagiatsdetektiv als Betreuer?) und für Forschungsprojekte (aber bitte keine Doppeleinreichung der Projektberichte als Dissertationen, das tut man nämlich nicht)!

Cut-Up-Technik als Vorläufer des Copy-Paste-Syndroms?

Samstag, 28. Mai 2011

Soeben lese ich die Dissertation eines bekannten österreichischen Politikers. Und siehe da, ich entdecke schon wieder eine neue Variante der rätselhaften Textverwertung. Die Arbeit ist von Seite 1 bis Seite 182 nicht nur wort-, sondern auch gleich satz- und seitenspiegelidentisch mit einer Ministeriumsstudie, die der damalige Dissertant gemeinsam mit einem anderen Wissenschaftler einige Monate zuvor veröffentlicht hatte. Auf Seite 1 findet sich aber lediglich der Hinweis, dass die Dissertation auf ebendieser Studie “fußt”. Der Leser erfährt nicht, dass die Dissertation und die Studie ab Seite 1 Mitte bis Seite 182 identitätstheoretisch schlichtweg zusammenfallen. Das nennt man unethische Autorenschaft, da in der zugrunde liegenden Originalstudie zwei Autoren gleichberechtigt genannt wurden – und dies ohne Angabe einer spezifischen Arbeitsaufteilung. Und das nennt man auch Selbstplagiat, weil eine bereits eingereichte und veröffentlichte Auftragsstudie als Dissertation zweitverwurstet wurde. In der Dissertation wurden übrigens nur ein paar Unterkapitelnummerierungen adaptiert, und zwar offensichtlich manuell. Also Schere und Kleber als Vorläufer von Strg, C und V; Cut-Up-Technik vor Copy and Paste. Man staunt selbst immer wieder… Freilich mag das hochschulrechtlich irrelevant sein, aber ist es wissenschaftlich voll und ganz redlich? – Doch wer ist eigentlich der Spitzenpolitiker, von dem Ihr werter Plagiatsgutachter da schreibt?

Neubewertung von Selbstplagiaten?

Montag, 11. April 2011

Auf eine hochinteressante Nachricht hat mich gerade der Wissenschaftsjournalist Hermann Horstkotte hingewiesen: Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität, die erst heute eine Stellungnahme zum Umgang mit Plagiaten publiziert hat und Österreichs Universitäten vor einer “falsch verstandenen Solidarität” mit Plagiatoren warnt, hat offenbar nun doch eine Verletzung der guten wissenschaftlichen Praxis in einem Fall erkannt, der schon vor einigen Jahren in den Medien aufgegriffen wurde. Der Europarechtler Walter Obwexer hat dutzende Seiten seiner Habilitationsschrift wörtlich aus seiner eigenen Dissertation entnommen, ohne darauf hinzuweisen. Horstkotte schreibt auf “Zeit online”:

“Eine geistige Etage höher, macht gegenwärtig die Uni Innsbruck eine ähnlich riskante Affäre durch. Ein Jurist stützte seine Habilitationsschrift für den Hochschullehrerberuf ohne jeglichen Hinweis zu fast einem Drittel auf seine frühere Doktorarbeit. Im laufenden Prüfverfahren wurde die vorliegende Qualifikationsschrift durch eine Neufassung mit den nötigen Nachweisen ersetzt. Die offizielle ‘Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität’ sieht mit Bescheid vergangener Woche darin ‘die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis verletzt’.”

Das ist eine durchaus erstaunliche Einschätzung. Bislang hat man bei solchen Formen des Selbst- oder ‘Autoplagiats’ immer ein Auge zugedrückt, hier waren offenbar der Umfang der Übernahme und das akademische Level einer Habilitationsschrift entscheidend. Die Universität Innsbruck ließ aus Anlass des Falls Obwexer ein Gutachten im eigenen Haus erstellen (erschienen als Paper 2009), das sich mit der Unhaltbarkeit des Begriffs des Selbstplagiats beschäftigt. Die Rüge der ÖAWI scheint dem zu widersprechen, und streng genommen hätte die Universität Innsbruck, auf der übrigens auch ein emeritierter Geologe gerne mal sehr ordentlich plagiiert (aber nicht von sich selbst, sondern schön von anderen), dann schon ihren nächsten Fall: Auch ORF-Starmoderator Armin Wolf hat in seiner in Innsbruck approbierten Dissertation mindestens 25 Seiten unzitiert und unbelegt aus seiner eigenen Diplomarbeit übernommen (das habe ich selber schon vor Jahren überprüft). Wo und wie ziehen wir die Grenze?