Mit ‘Alan Sokal’ getaggte Artikel

Terrorismus im Web 2.0 oder historisches Verdienst für die Wissenschaft?

Freitag, 15. April 2011

Während die Berliner Medieninformatikerin und “Plagiatsjägerin” Debora Weber-Wulff in einem Interview mit Deutschlandradio die Aktivitäten der Plag-Wiki-Aktivisten lobt (wie dies auch Ihr werter Plagiatsgutachter bislang getan hat), äußert sich nun erstmals ein ebenso engagierter Kämpfer gegen Plagiate sehr kritisch gegenüber der aktuellen Entwicklung. Volker Rieble sagt in einem Interview mit “Focus online” folgendes:

“Aber ich verstehe auch die derzeitige Aufregung der Internetgemeinde nicht. Es herrscht ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung, wenn in unserem Land der geistige Diebstahl derart angeprangert wird, Steuerhinterziehung aber nicht. Viele der Plagiatsjäger sitzen nur zuhause in ihrem Sessel, kopieren Textstellen und geben sie bei Google ein. Auf der anderen Seite verlangen sie offenen Zugang zu allen Daten und Quellen im Internet. Da muss man sich schon fragen, ob Herz und Hirn noch zusammenpassen.”

Rieble ortet weiter politische Motive hinter der Hatz:
“Nur haben im Moment politisch Linksstehende in der Internetgemeinde die Konservativen als Zielgruppe ausgemacht.”

Schließlich relativiert er den Plagiator als (Übel-)’Täter’:
“Aber die meisten Plagiatoren sind keine Übeltäter, sondern arme Würstchen.”

Bald könnte jemand argumentieren, die Plag-Wiki-Aktivisten seien die Terroristen des Web 2.0: Um einen Politiker ‘abzuschießen’ (man verzeihe mir diese Metapher), müsse man nicht mehr, wie noch in den Siebzigern und Achtzigern, grausame irrationale Dinge tun. Es genüge heute die virtuelle Kriegsführung: der Barcode.

Wer das so denkt, darf aber nicht vergessen, dass hier (Spitzen-)Politiker als Plagiatoren enttarnt werden: als jene, die genau das getan haben, wogegen jeder seriöse Wissenschaftler seit Jahren ankämpft. Politiker als Beitragende zu einer Textkultur ohne Hirn sind jedenfalls ein riesiges Problem, und man muss ja auch die Frage nach ihren eigenen kognitiven Kapazitäten stellen dürfen, wenn man solche Arbeiten liest. Ich möchte jedenfalls nicht, dass ein Plagiator über die Zukunft meiner Kinder in diesem Land mit entscheidet und sehe deshalb den Barcode als reinigendes Symbol.

Klar ist auch (mit den Worten von Petkovic und Sokal, in diesem Blog schon öfter zitiert, siehe S. 66 hier), dass Plagiate objektivierbare Tatsachen, ‘intersubjektiv überprüfbare’ Phänomene, neue (mehr oder weniger) konsensuelle Interpretationen bzw. Beschreibungen sind (je nach Wissenschaftstheorie: Realismus, kritischer Realismus, Konstruktivismus, Nondualismus…). Dabei spielt es wohl keine Rolle, ob der Aufdecker politisch aktiv ist, sich an jemandem rächen möchte, nach einem neuen Geschäftsmodell sucht oder nur wegen chronischer Schlafstörungen zum besessenen Nachgoogler geworden ist. Oder?

Das ist im Moment die Frage. Einer der Hauptaktivisten auf GuttenPlag und VroniPlag, “Dr. Martin Klicken”, schreibt in seinem Benutzerprofil (müsste mittlerweile um Koch-Mehrin ergänzt werden):

“Da wir jetzt 3x Süddeutschland, 3x Schwarz, 3x Rechtswissenschaften hatten, würde ich mich riesig über einen Hinweis auf eine Dissertation z.B. aus der Gegend um Kiel, Informatik, Autor Sozialdemokrat freuen. Das ist kein Witz.
Durch die Bearbeitung eines solchen aussagekräftigen Hinweises könnten wir einigen den Wind aus den Segeln nehmen. “

Dass das öffentliche Aufdecken von Plagiaten in Netz-Kollaborationen so oder so weitergehen wird, zeigt sich auch daran, dass VroniPlag mittlerweile schon auf der Startseite klarmacht, längst über den Tellerrand von Veronica und Co. hinaus schauen zu wollen: “Dieses Wiki dokumentiert Plagiate in Dissertationen.”

Wo bleiben eigentlich die Statements von DFG, Wissenschaftsministerium und anderen zu dieser Entwicklung? Und wacht die Politik erst dann auf, wenn die PlagWikis zu Neuwahlen geführt haben? Themen ohne Ende für neue Bücher, Symposien, Vorträge, Streitschriften hat zumindest die Wissenschaft für die nächste Zeit… Nur: Wer hat vor lauter Nachgoogeln, Presseanfragen beantworten usw. noch Zeit für Tiefgang und Reflexion? Ihr werter Plagiatsgutachter war gestern in der architektonisch fulminanten SLUB und borgte sich 22 Bücher aus. Ein tolles Kontrasterlebnis, das jedem Tag-und-Nacht-Googler einmal verordnet werden sollte… ;-)

Namhafte deutschsprachige Wissenschaftler unterstützen “Serien-Plagiator”

Montag, 15. November 2010

“He is a serial plagiarizer.” Alan Sokals Worte über den Politologen Frank Fischer sind eindeutig. Ebenso glasklar sind seine dokumentierten Funde. Dennoch solidarisieren sich namhafte Politikwissenschaftler auch von deutschen und österreichischen Universitäten mit dem Plagiator: Herbert Gottweis (ehemals Universität Salzburg und in Führungsfunktion beim FWF – er hat sich ebendort schon einmal schützend vor eine Plagiatorin gestellt), Helga Pülzl (Universität Salzburg), Ulrich Brand (Universität Wien), Hubertus Buchstein (Universität Greifswald), Alex Demirovic (TU Berlin) und Christian Möllmann (Universität Kassel), um nur einige zu nennen. Man darf wohl keinem der Unterzeichner unterstellen, dass sie die Vorwürfe nicht im Detail kennen. Das macht die Sache nur noch schlimmer: Alle geben mit ihrem Namen und der Nennung ihrer Universität eigentlich zu, dass nachgewiesenes intentionales wie methodisches Plagiieren für sie (und für ihre Universität?) nur ein “minderes Delikt” ist. Ein Armutszeugnis und Begräbnis erster Klasse für die Wissenschaftskultur, das wieder einmal zeigt, dass eine der ganz großen Stärken der scientific community in der Solidarität mit jenen liegt, die wissenschaftliches Fehlverhalten begangen haben.

Auch Alan Sokal betreibt Plagiatsdetektion mit Google

Montag, 15. November 2010

Der Physiker und Mathematiker Alan Sokal, weltweit bekannt geworden durch seine brillante Kritik am Missbrauch der Naturwissenschaften durch postmoderne Fasel-Wissenschaft, ist nun auch – wie Ihr werter Plagiatsgutachter – unter die Text-Googler gegangen. Er hat in mehreren Büchern eines renommierten amerikanischen Politikwissenschaftlers mit Hilfe der Suchmaschine viele Plagiatsstellen entdeckt, wobei höchst systematisch Halbsätze und Wortgruppen oft über mehrere Absätze hinweg nacheinander unzitiert übernommen wurden. Der äußerst aufschlussreiche Report findet sich hier, und wenn man die Beispiele genau rekonstruiert, ist diese Form des “Old-School-Print-Plagiarismus” auch immer wieder höchst bizarr.
Der Politikwissenschaftler blieb dabei durchweg erstaunlich nah am Original kleben, maßte sich jedoch durch die Art und Weise, wie er Literaturbelege einstreute, immer eine Eigenautorschaft am abgeschriebenen Text an. Im “Chronicle of Higher Education” findet sich mittlerweile schon ein Schlagabtausch zwischen Alan Sokal und dem Beschuldigten, in dem Sokal seine Arbeit beschreibt, wobei sie mich frappierend an meine eigene erinnert. Ich freue mich also, einen für seine Aufdeckungsarbeit weltweit bekannt gewordenen Wissenschaftler als “Kollegen” begrüßen zu dürfen und hoffe auf eine breite (auch mediale) Diskussion dieser Entdeckungen, die bislang noch aussteht.
In Österreich und Deutschland gab es ja bereits ganz ähnliche Fälle, etwa Hahn und Schwintowski. Bei Letzterem wurde diese besondere ‘Arbeitsweise’ als “Bauernopfer-Referenz” beschrieben: Ein Satz wird zitiert, der Rest aus derselben Quelle wird unzitiert mit abgeschrieben. Die Plagiatoren liefern damit die Quelle ihres Plagiats gleich mit. Wie viele Wissenschaftler gehen wohl so vor?