Mit ‘Agentur für wissenschaftliche Integrität’ getaggte Artikel

Die ÖAWI als “Feigenblattaktion” und Unis als “rechtsfreie Räume”

Samstag, 31. Mai 2014

Ich habe heute Morgen folgende Mail von einem namhaften österreichischen Wissenschaftler erhalten, die ich anonym veröffentlichen möchte:

“Lieber Herr Weber,

 wahrscheinlich kennen Sie schon folgenden Bericht im “Standard”:

http://derstandard.at/2000001624212/Agentur-fuer-wissenschaftliche-Integritaet-Rueckgang-der-Faelle

Die Meldungen an die ÖAWI gehen zurück und man wundert sich, weshalb.

Dabei ist die Antwort klar: Die ÖAWI war eine Feigenblattaktion, gestartet zu einem Zeitpunkt, als die Wogen in der Plagiatsdiskussion hochgingen. Der Lösungsansatz war typisch österreichisch: Man gibt vor, sich um ein Problem zu kümmern, die zuständige Einrichtung hat aber überhaupt keine Sanktionsmöglichkeiten in der Hand. Und die Universitäten sitzen die Plagiatsfälle einfach aus. Das ist aus der Sicht der Universitätsleitungsorgane auch eine durchaus rationale Haltung: Würden die Plagiatsfälle wirksam verfolgt, dann wären damit Negativmeldungen verbunden, die auf die Leitungsorgane zurückfallen könnten. Externe Kontrollmöglichkeiten gibt es keine. Zwar hätte das Ministerium gemäß § 45 UG 2002 ein Aufsichtsrecht gegenüber den Universitäten. Dieses wird aber praktisch nicht wahrgenommen, da beide Seiten auf die Autonomie der Universitäten verweisen, wobei die Universitäten damit weitgehend zu rechtsfreien Räumen werden.

Mir scheint, in Österreich ist die Diskussion um wissenschaftliche Integrität und gute wissenschaftliche Praxis damit weitgehend beendet zu sein. Ab und zu wird man vielleicht noch einen armen Studenten oder einen missliebigen Wissenschaftler exemplarisch abstrafen, aber das war’s dann schon…”

Liest sich, als hätte ich es mir selbst gemailt. Aber so weit ist es doch noch nicht gekommen. Dennoch kann ich alles, was hier steht, unterschreiben. Und mit Ernst von Glasersfeld möchte ich ergänzen: “Als ich an die Universität kam, war ich schockiert. Da ging es überhaupt nicht um Forschung, sondern nur um Personen.” (Im persönlichen Gespräch, 2002)

Das kreative Denken, die Innovationen – das passiert fast alles außerhalb. Und eigentlich ist das auch gut so.

Integritätsagentur erkennt Plagiat – Universität erkennt nichts (ab)

Donnerstag, 05. April 2012

Ihr werter Plagiatsgutachter hat eine Zeitlang geschwiegen, ist er doch derzeit in der Privatindustrie tätig und müssen im Moment auch noch so spannende Fälle liegen bleiben. Von Hinweisen, dass ein parfümierter Autor doch abgeschrieben haben soll, über seltsam paraphrasierende hohe kirchliche Würdenträger bis zu (wieder mal) österreichischen Spitzenpolitikerinnen und -politikern reicht im Moment die Überprüfungspipeline. Vor Sommer ist allerdings mit keinen konkreten Ergebnissen zu rechnen, da mich eine andere Tätigkeit voll bindet.

Ich beobachte aber ungebrochen die Aktivitäten von VroniPlag, VroniPlagNeu, Frau Weber-Wulff und vielen Bloggern, die immer wieder Spannendes beitragen. Ganz im Gegensatz zu den Universitäten, wo das Watzlawicksche “More of the same” zu gelten scheint. Und so komme ich, den journalistischen Handwerksregeln widersprechend, endlich zur Überschrift dieses Blogbeitrags. Eine Agentur für wissenschaftliche Integrität erkennt ein Plagiat, die Uni indes im Plagiat keine Täuschung (gibt es das denn?) und sie lässt dem Plagiator den Doktorgrad.  Wo so etwas passiert? Nein, nicht in Deutschland. Nicht einmal in Ungarn. Halt wieder einmal in Österreich, und alle Wege führen dort einmal mehr ins schöne Tirolerland. Dort hat man ganz eigene Auffassungen, und die müssen sich auch nicht mit den Erkenntnissen des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs decken. Aber alles kurz der Reihe nach erzählt:

Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) hat vor wenigen Tagen ihren kurzen Jahresbericht für 2011 vorgelegt. Auf Seite 6 schildert sie folgenden Fall:

“Fall 2011/01: Bei dieser Anfrage ging es um eine Dissertation, die vom Hinweisgeber als Plagiat bezeichnet wurde. Die Kommission überprüfte alle zur Verfügung stehenden Unterlagen und beauftragte zusätzlich einen unabhängigen Fachgutachter. Die Untersuchungen führten zu folgendem Ergebnis: Der Fachgutachter bestätigte, dass es sich um ein Plagiat handelt. In der Dissertation wurden fremde Texte in einem solchen Umfang ohne Angabe von Zitaten übernommen, dass die Grundsätze der guten wissenschaftlichen Praxis eindeutig verletzt wurden. Dies wurde dem Beschuldigten und der Universität, an der die Arbeit approbiert wurde, in einer abschließenden Stellungnahme mitgeteilt. Die Universität leitete kein Aberkennungsverfahren ein, da sie keine Täuschungsabsicht erkennen konnte.”

Quelle: Jahresbericht der ÖAWI 2011

Auch andere Fälle wie Hahn sind anonymisiert dargestellt. Was sich die Agentur beim Herrn von “Fall 2011/01″ noch getraut hat, wagte sie offenbar kein zweites Mal. Und so wird einem beim Lesen der weiteren Fälle schnell klar, ÖAWI steht auch für “Österreichische Anti-Wahrheits-Initiative”.

Man muss sich “Fall 2011/01″ auf der Zunge zergehen lassen: “in einem solchen Umfang”…”eindeutig verletzt”. Aber das ist in Innsbruck alles egal, und so wird es wohl auch bei Dominic Stoiber ausgehen. Gut, dass der “Fall 2011/01″ zumindest im Netz dokumentiert ist. Mehr kann man, wenn Universitäten durch und durch verlogen sind, eigentlich nicht erreichen.

Nur sehr wenige Plagiatsfälle beim DFG-Ombudsman

Sonntag, 11. Juli 2010

Der Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat seinen Jahresbericht 2009 hier online veröffentlicht. Darin verwundert die doch sehr geringe Anzahl an gemeldeten und aufgegriffenen Plagiatsfällen. Im Bericht ist auf Seite 5 zu lesen:
“Im Jahr 2009 lagen uns 4 Hinweise auf Plagiate vor, von denen wir bisher 3 als Fälle aufgegriffen haben.”
Da fragt man sich schon: Haben die Universitäten, hat die akademische Szene das Plagiatsproblem schon so gut im Griff, ist es weitgehend eingedämmt? Oder wenden sich nur wenige (und von Jahr zu Jahr immer weniger) Personen an die Vertrauensgremien der Forschungsgemeinschaften und Förderungsfonds? Meine eigenen Zahlen legen jedenfalls letztere Interpretation nahe: Vier Hinweise auf Plagiate erhalte ich im Schnitt alle zwei Monate, und daraus entwickeln sich durchschnittlich alle drei Monate drei neue Fälle.
Nicht nur der Ombudsman der DFG, auch das österreichische Pendant beim FWF, die Agentur für wissenschaftliche Integrität, hat einen neuen Webauftritt. Unter dem Menüpunkt “Downloads” warte ich gespannt auf deren ersten Jahresbericht, denke aber, dass auch hier nicht dem Rat Volker Riebles (Buch “Das Wissenschaftsplagiat”) gefolgt werden wird, Ross und Reiter beim Namen zu nennen.