Mit ‘Aberkennung’ getaggte Artikel

“Team Wallraff” sollte sich die Münsteraner Plagiatsschmiede ansehen

Dienstag, 06. Mai 2014

Schon elf partiell bis nahezu komplett plagiierte Dissertationen an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster – und es werden wohl noch mehr werden. Dass unterschiedliche Betreuer in den neuen Plagiatsskandal involviert sind, weist meiner Erfahrung nach nicht auf eine Verschwörung einer Gruppe von Münsteraner Professoren hin, sondern eher auf die Tatsache, dass das Plagiat in der Medizin offenbar noch weiter verbreitet ist als in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ich gehe davon aus, dass das in ganz Deutschland so oder ähnlich der Fall ist. Wenn wir das hochrechnen, kommen wir auf tausende falsche Doktoren, insbesondere Zahnmediziner, in Deutschland. Wenn wir aus plagiatorischem Vorgehen auf Bildungslücken oder sonstige betrügerische Energie schließen können, wird einem angst und bange.

Wäre der Plagiatsskandal undercover zu ermitteln, hätte das “Team Wallraff” seine Freude. Man könnte ja mal einen promotionswilligen angehenden “Arzt”, idealer Weise mit Migrationshintergrund und auf alle Fälle mit gefälschten Studienzeugnissen, zu einem Professor in Münster schicken und schauen, was passiert…

Interessant an der Pressemitteilung der Universität Münster ist vor allem das implizite Eingeständnis, dass erst durch die Causa Guttenberg – ab Mitte 2011 – die Spielregeln für Promotionen verschärft wurden. Es bedurfte also eines großen Falls, damit überhaupt erst gehandelt wurde. Das zeigt, wie sehr die Universitäten heuchlerisch sind und letztlich auch nur symbolische Politik betreiben: Kritiker wiesen schon in den Jahren vor Guttenberg, zum Teil auch in den Massenmedien, auf das grassierende Plagiatsproblem hin, aber da wurden kaum einmal Promotionsregeln verschärft. Und nicht wenige an den Universitäten, vor allem der jüngere kritische Mittelbau, wussten, was hier passiert: Die Blender sind von den redlich arbeitenden Wissenschaftlern nicht unterschieden worden. Mein Doktorvater Peter A. Bruck schrieb 2007 (!) über mich: “Er hat die Rolle des Spürhundes übernommen und Dinge gefunden, die viele in der Öffentlichkeit überraschten, in den Universitäten aber auch vielen bekannt waren.” Von bedauerlichen Einzelfällen wird bald niemand mehr sprechen. Die Frage wird sein, wie die Wissenschaft mit dem systemischen Charakter des Plagiierens umgehen wird.

Plagiatssoftware kann in Anbetracht der zunehmenden Textkomplexität zumindest zum Teil Abhilfe schaffen. Nicht nur, dass mit Systemen wie etwa PlagScan mehr oder weniger effizient ein Abgleich mit Web-Fundstellen ermöglicht wird. Man muss auch jedem Professor, der seine Sache ernst meint, heute dringend empfehlen, alle bei ihm eingereichten Arbeiten digital zu speichern und neu eingereichte Arbeiten mit den alten abzugleichen. Auch dafür gibt es Softwarelösungen, zum Teil sogar kostenlos, und einiges ist hier derzeit in Entwicklung. Die Voraussetzung ist, dass die Begutachter überhaupt ehrliche Wissenschaft wollen. Erst dann können wir über ein Weiterbildungsprogramm und ein technisches Update nachdenken.

Wegweisendes Schavan-Urteil nun online nachzulesen

Dienstag, 15. April 2014

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf in der Causa Schavan ist nun im Volltext online nachzulesen. Es ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Klar ist: Viele Universitäten hielten und halten sich in keiner Weise an das, was hier geschrieben steht. Da das Verwaltungsgericht der Universität Recht gegeben hat, verstoßen zahlreiche andere Universitäten, die ganz anders agieren, mitunter wiederholt gegen herrschendes Recht. Schade, dass es bei Vertuschungsverdacht an Hochschulen keine wirkliche rechtliche Handhabe gibt.

Nur zwei wichtige Zitate aus dem Urteil (beide referieren im Konjunktiv Ausführungen der beklagten Universität, denen das Verwaltungsgericht durch das Urteil zugestimmt hat):

“Auf die Frage, ob sich die damaligen Gutachter (bzw. Referenten) der Arbeit getäuscht gefühlt hätten, komme es nicht an, da Adressat einer Promotionsleistung die Fakultät sei, die den Doktorgrad verleihe.”

“Ob die eingereichte Dissertation annahmefähig gewesen wäre, wenn sie die fehlenden Nachweise enthalten hätte, sei irrelevant. Eine ‘geltungserhaltende Reduktion’ finde nicht statt. Auf die Quantität der Plagiate im Verhältnis zur Länge der Arbeit komme es jenseits einer hier nicht ernstlich zu erwägenden Bagatellgrenze rechtlich nicht an.”

Die persönliche Erklärung Schavans (offenbar von ihrer Webseite schon wieder verschwunden) macht hingegen sprachlos.

VroniPlag Wiki und Ihr werter Plagiatsgutachter wissen: Frank-Walter Steinmeier hat plagiiert

Freitag, 11. Oktober 2013

Spätestens nach diesem Artikel war es Zeit für öffentliche Wahrheitsfindung. Und die hat – wieder einmal – VroniPlag Wiki übernommen: Seit heute findet sich eine (sicher lange noch nicht abgeschlossene) Analyse von Frank-Walter Steinmeiers Dissertation aus dem Jahr 1991 auf der VroniPlag-Hauptseite. Einmal mehr erledigt also die wichtigste Arbeit im deutschen Wissenschaftssystem eine unbezahlte und weitgehend anonyme Gruppe, während hochbezahlte Professoren wie Claus Leggewie in der FAZ Lügen verbreiten.

Das Magazin “Focus” hat mich am 4. Oktober vertraulich um eine Einschätzung von einigen Fundstellen in Steinmeiers Dissertation gebeten, die ich nun ebenfalls publizieren möchte. Ich mailte damals dem Journalisten:

“Die Diagnose ist, sofern alle skizzierten Wenn-Fälle zutreffen, eindeutig: Intentionales Plagiat. Die Intentionalität ist anhand der Umschreib- und Tilgungsarbeiten bereits am Text nachweisbar.”

Steinmeier hat sich massiv der Methode ‘Bauernopfer-Referenz’ bedient. Er hat dabei eindeutig getäuscht, weil er wiederholt Sätze aus fremder Literatur ungekennzeichnet als eigene ausgegeben hat, wie etwa:

Indessen: So überzeugende Beweise für die Genauigkeit die Demoskopie bei neueren Wahlergebnishochrechnungen auch geliefert haben mag, hier geht es nicht um die Frage ihrer Exaktheit und Praktikabilität, sondern ihrer Tauglichkeit überhaupt.

Oder:

Sowohl “Wohnunfähigkeit” als auch “Bindungslosigkeit” gehören ja schon lange zu den Kriterien entsprechender psychologischer Forschung.

Wer solche Sätze aus der Literatur einfach abschreibt oder maximal zwei Wörter umschreibt, der hat plagiiert. Wer den narrativen Duktus von anderen (“Indessen: …”, “… hier geht es nicht …”, “… gehören ja schon lange …”) mit übernimmt, der hat dies sogar recht plump gemacht. Eine schmerzliche Wahrheit, immer wieder. Schmerzlich für das gesamte universitäre System und entlarvend für jene Mechanismen, mit denen tausende Dissertationen entstanden sind. Und immer wieder irren auch viele “Experten” und Kommentatoren – oder lügen bewusst, mitunter aus parteipolitischen oder förderungstechnischen Gründen. Der Kampf um die Wahrheit geht also weiter.

Universität Düsseldorf nach der Causa Schavan mit mehreren Plagiatsfällen beschäftigt – weiterer Grad entzogen

Mittwoch, 21. August 2013

Daran sollte sich die Exzellenz-Universität Dresden mal ein Beispiel nehmen: Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf geht das Plagiatsproblem offensiv und erfrischend ehrlich an. In einem am 15. 8. 2013 publizierten Dokument bekennt sie durchweg Farbe für eine ordentliche Wissenschaft. Erfreulich, schon auf der ersten Seite des Zwischenberichts Worte wie die folgenden zu lesen: “Ausschlaggebend ist allein das Vorliegen substantiierter Hinweise, nicht die Herkunft dieser Hinweise.”

Auf S. 3 dann der Hinweis auf den Fall Schavan und einen weiteren anonymen Fall:

“Bislang ist in zwei Fällen nach Vorprüfung durch den Promotionsausschuss und Eröffnung des Hauptverfahrens durch die Fakultät die Aberkennung der schriftlichen Promotionsleistung ausgesprochen worden. In einem dieser Fälle wurde seitens der betroffenen Person auf die Einlegung von Rechtsmitteln verzichtet. In einem weiteren Fall wird die Entscheidung der Fakultät angefochten, die erstinstanzliche Entscheidung steht derzeit noch aus.”

Was in diesem Dokument geschrieben steht, gibt einem den Glauben an eine korrekt verfahrende Wissenschaft ein wenig zurück. – Ganz anders gestaltet sich der neue Fall an der TU Dresden. Die Verfasserin der Dissertation, immerhin eine E-Learning-Institutsleiterin einer österreichischen Hochschule, hat in ihrer Arbeit bei weitem nicht lege artis gearbeitet, an zahlreichen Stellen sich selbst plagiiert und zumindest bereits einige Absätze deutlich von anderen Autoren plagiiert. Auch Übersetzungsplagiate sind bereits nachweisbar. Die Qualität der Arbeit ist auf Grund der zusätzlichen vielen Schlampereien und Ungereimtheiten eine Schande erster Ordnung für die TU Dresden. Unabhängig von der Frage des Plagiats wurden nicht einmal elementare Zitierregeln eingehalten. Und der Ombudsmann mailt mal schnell in die Runde: Ich sehe mir da gar nichts an, solange… Der nächste Wissenschaftsskandal an der TU Dresden. Dem Dresdner Elbtal wurde der Weltkulturerbe-Titel aberkannt. Schade, dass Exzellenz-Titel nicht aberkannt werden können.

Lammertplag: Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang bereits erbracht

Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Mühen des “Robert Schmidt” sind es wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Hier also meine Einschätzung: Der Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang ist mit den 42 beanstandeten Fließtext-Seiten (von insgesamt 116) bereits erbracht worden. Es ergibt sich ein eindeutiges Muster der suggerierten eigenständigen Auseinandersetzung mit Literaturquellen, Studien und Forschungsergebnissen – wobei aber durchweg andere, nicht genannte Literatur dieser Auseinandersetzung zugrunde lag. Zudem fand “Robert Schmidt” sogar isolierte, “rein” plagiierte Sätze wie etwa den folgenden:

Quelle: http://lammertplag.wordpress.com/2013/06/30/seite-100/

Was wird nun geschehen? Wird man die Verjährung von Dissertationsplagiaten nun doch einführen (bevor weitere Spitzenpolitiker fallen werden) und polizeiliche Verfolgungen von anonymen Online-Plagiats”jägern” ermöglichen? – Oder wird man endlich bekennen, dass in der Wissenschaft seit Jahren, seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten etwas systematisch schief läuft? Das Problem ist: Wissenschaftler und Politiker sitzen in einem Boot des Textbetrugs.

Politiker warnten gestern einhellig vor “Vorverurteilungen”. Nun, nach der Lektüre von Lammertplag sind wir längst bei der Nachverurteilung angekommen. Erschreckend, dass selbst gewisse Emeriti der Politologie die Plagiatsstellen nicht gesehen haben, sehen konnten oder wollten, bevor sie gegenüber den Massenmedien Kommentare abgegeben haben. Genau das ist Teil des Problems!