Mit ‘Aberkennung’ getaggte Artikel

Wegweisendes Schavan-Urteil nun online nachzulesen

Dienstag, 15. April 2014

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf in der Causa Schavan ist nun im Volltext online nachzulesen. Es ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Klar ist: Viele Universitäten hielten und halten sich in keiner Weise an das, was hier geschrieben steht. Da das Verwaltungsgericht der Universität Recht gegeben hat, verstoßen zahlreiche andere Universitäten, die ganz anders agieren, mitunter wiederholt gegen herrschendes Recht. Schade, dass es bei Vertuschungsverdacht an Hochschulen keine wirkliche rechtliche Handhabe gibt.

Nur zwei wichtige Zitate aus dem Urteil (beide referieren im Konjunktiv Ausführungen der beklagten Universität, denen das Verwaltungsgericht durch das Urteil zugestimmt hat):

“Auf die Frage, ob sich die damaligen Gutachter (bzw. Referenten) der Arbeit getäuscht gefühlt hätten, komme es nicht an, da Adressat einer Promotionsleistung die Fakultät sei, die den Doktorgrad verleihe.”

“Ob die eingereichte Dissertation annahmefähig gewesen wäre, wenn sie die fehlenden Nachweise enthalten hätte, sei irrelevant. Eine ‘geltungserhaltende Reduktion’ finde nicht statt. Auf die Quantität der Plagiate im Verhältnis zur Länge der Arbeit komme es jenseits einer hier nicht ernstlich zu erwägenden Bagatellgrenze rechtlich nicht an.”

Die persönliche Erklärung Schavans (offenbar von ihrer Webseite schon wieder verschwunden) macht hingegen sprachlos.

VroniPlag Wiki und Ihr werter Plagiatsgutachter wissen: Frank-Walter Steinmeier hat plagiiert

Freitag, 11. Oktober 2013

Spätestens nach diesem Artikel war es Zeit für öffentliche Wahrheitsfindung. Und die hat – wieder einmal – VroniPlag Wiki übernommen: Seit heute findet sich eine (sicher lange noch nicht abgeschlossene) Analyse von Frank-Walter Steinmeiers Dissertation aus dem Jahr 1991 auf der VroniPlag-Hauptseite. Einmal mehr erledigt also die wichtigste Arbeit im deutschen Wissenschaftssystem eine unbezahlte und weitgehend anonyme Gruppe, während hochbezahlte Professoren wie Claus Leggewie in der FAZ Lügen verbreiten.

Das Magazin “Focus” hat mich am 4. Oktober vertraulich um eine Einschätzung von einigen Fundstellen in Steinmeiers Dissertation gebeten, die ich nun ebenfalls publizieren möchte. Ich mailte damals dem Journalisten:

“Die Diagnose ist, sofern alle skizzierten Wenn-Fälle zutreffen, eindeutig: Intentionales Plagiat. Die Intentionalität ist anhand der Umschreib- und Tilgungsarbeiten bereits am Text nachweisbar.”

Steinmeier hat sich massiv der Methode ‘Bauernopfer-Referenz’ bedient. Er hat dabei eindeutig getäuscht, weil er wiederholt Sätze aus fremder Literatur ungekennzeichnet als eigene ausgegeben hat, wie etwa:

Indessen: So überzeugende Beweise für die Genauigkeit die Demoskopie bei neueren Wahlergebnishochrechnungen auch geliefert haben mag, hier geht es nicht um die Frage ihrer Exaktheit und Praktikabilität, sondern ihrer Tauglichkeit überhaupt.

Oder:

Sowohl “Wohnunfähigkeit” als auch “Bindungslosigkeit” gehören ja schon lange zu den Kriterien entsprechender psychologischer Forschung.

Wer solche Sätze aus der Literatur einfach abschreibt oder maximal zwei Wörter umschreibt, der hat plagiiert. Wer den narrativen Duktus von anderen (“Indessen: …”, “… hier geht es nicht …”, “… gehören ja schon lange …”) mit übernimmt, der hat dies sogar recht plump gemacht. Eine schmerzliche Wahrheit, immer wieder. Schmerzlich für das gesamte universitäre System und entlarvend für jene Mechanismen, mit denen tausende Dissertationen entstanden sind. Und immer wieder irren auch viele “Experten” und Kommentatoren – oder lügen bewusst, mitunter aus parteipolitischen oder förderungstechnischen Gründen. Der Kampf um die Wahrheit geht also weiter.

Universität Düsseldorf nach der Causa Schavan mit mehreren Plagiatsfällen beschäftigt – weiterer Grad entzogen

Mittwoch, 21. August 2013

Daran sollte sich die Exzellenz-Universität Dresden mal ein Beispiel nehmen: Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf geht das Plagiatsproblem offensiv und erfrischend ehrlich an. In einem am 15. 8. 2013 publizierten Dokument bekennt sie durchweg Farbe für eine ordentliche Wissenschaft. Erfreulich, schon auf der ersten Seite des Zwischenberichts Worte wie die folgenden zu lesen: “Ausschlaggebend ist allein das Vorliegen substantiierter Hinweise, nicht die Herkunft dieser Hinweise.”

Auf S. 3 dann der Hinweis auf den Fall Schavan und einen weiteren anonymen Fall:

“Bislang ist in zwei Fällen nach Vorprüfung durch den Promotionsausschuss und Eröffnung des Hauptverfahrens durch die Fakultät die Aberkennung der schriftlichen Promotionsleistung ausgesprochen worden. In einem dieser Fälle wurde seitens der betroffenen Person auf die Einlegung von Rechtsmitteln verzichtet. In einem weiteren Fall wird die Entscheidung der Fakultät angefochten, die erstinstanzliche Entscheidung steht derzeit noch aus.”

Was in diesem Dokument geschrieben steht, gibt einem den Glauben an eine korrekt verfahrende Wissenschaft ein wenig zurück. – Ganz anders gestaltet sich der neue Fall an der TU Dresden. Die Verfasserin der Dissertation, immerhin eine E-Learning-Institutsleiterin einer österreichischen Hochschule, hat in ihrer Arbeit bei weitem nicht lege artis gearbeitet, an zahlreichen Stellen sich selbst plagiiert und zumindest bereits einige Absätze deutlich von anderen Autoren plagiiert. Auch Übersetzungsplagiate sind bereits nachweisbar. Die Qualität der Arbeit ist auf Grund der zusätzlichen vielen Schlampereien und Ungereimtheiten eine Schande erster Ordnung für die TU Dresden. Unabhängig von der Frage des Plagiats wurden nicht einmal elementare Zitierregeln eingehalten. Und der Ombudsmann mailt mal schnell in die Runde: Ich sehe mir da gar nichts an, solange… Der nächste Wissenschaftsskandal an der TU Dresden. Dem Dresdner Elbtal wurde der Weltkulturerbe-Titel aberkannt. Schade, dass Exzellenz-Titel nicht aberkannt werden können.

Lammertplag: Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang bereits erbracht

Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Mühen des “Robert Schmidt” sind es wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Hier also meine Einschätzung: Der Nachweis der Täuschung in wesentlichem Umfang ist mit den 42 beanstandeten Fließtext-Seiten (von insgesamt 116) bereits erbracht worden. Es ergibt sich ein eindeutiges Muster der suggerierten eigenständigen Auseinandersetzung mit Literaturquellen, Studien und Forschungsergebnissen – wobei aber durchweg andere, nicht genannte Literatur dieser Auseinandersetzung zugrunde lag. Zudem fand “Robert Schmidt” sogar isolierte, “rein” plagiierte Sätze wie etwa den folgenden:

Quelle: http://lammertplag.wordpress.com/2013/06/30/seite-100/

Was wird nun geschehen? Wird man die Verjährung von Dissertationsplagiaten nun doch einführen (bevor weitere Spitzenpolitiker fallen werden) und polizeiliche Verfolgungen von anonymen Online-Plagiats”jägern” ermöglichen? – Oder wird man endlich bekennen, dass in der Wissenschaft seit Jahren, seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten etwas systematisch schief läuft? Das Problem ist: Wissenschaftler und Politiker sitzen in einem Boot des Textbetrugs.

Politiker warnten gestern einhellig vor “Vorverurteilungen”. Nun, nach der Lektüre von Lammertplag sind wir längst bei der Nachverurteilung angekommen. Erschreckend, dass selbst gewisse Emeriti der Politologie die Plagiatsstellen nicht gesehen haben, sehen konnten oder wollten, bevor sie gegenüber den Massenmedien Kommentare abgegeben haben. Genau das ist Teil des Problems!

Zur Verjährungsdebatte: Überlegungen zu “Autonomie” und “Reputation” der Wissenschaft

Dienstag, 28. Mai 2013

“Grundlage aller Überlegungen der Unterzeichner ist die Wahrung und Förderung wissenschaftlicher Autonomie”, heißt es in dem gestern hier im Blog diskutierten brisanten Positionspapier (S. 2). Und weiter: “Wissenschaftsautonomie ist der Gestaltungsmacht staatlicher Akteure entzogen. Selbst der Missbrauch von Freiheit vermag ihre Abschaffung nicht zu rechtfertigen.” (S. 3)

Was heißt das eigentlich? Die meisten Universitäten sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Das heißt, sie verdankten “ihre Rechtssubjektivität nicht der Privatautonomie, sondern einem Hoheitsakt” (ich zitiere hier verpönterweise Wikipedia). Was bedeutet nun aber diese Wissenschaftsautonomie, die außerhalb jeder Diskussion stehe? Viele Professoren, wahrscheinlich auch die meisten Unterzeichner des Positionspapiers, sind Beamte auf Lebenszeit. Damit sind sie aber per definitionem gerade nicht autonom (im Sinne von willensfrei bis willkürlich in ihren Entscheidungen), sondern an die Grundwerte der Demokratie und an die Grundlagen des Rechtsstaates gebunden. Für die Bewahrung und Verteidigung dieser Werte genießen sie (im idealtypischen Modell) Privilegien. Doch offenbar werden diese Werte nicht zu selten alles andere als verteidigt, sondern eher beliebig mit den Füßen getreten.

Immer mehr Wissenschaftler stehen unter dem Einfluss der Ökonomie und sehen sich offenbar dem Diktat quantitativer Kennzahlen ausgesetzt. Bei Besetzungen von Professorenstellen spielen politische Parteien und gesellschaftliche Vernetzungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Lehrpläne werden zunehmend reglementiert und verschult, es gibt immer weniger Freiheitsgrade in der Lehre. Was heißt hier eigentlich noch “Autonomie”? Könnte es nicht sein, dass der Begriff mittlerweile zum Feigenblatt verkommen ist und immer dann verwendet wird, wenn berechtigte Kritik und der Wunsch nach Einmischung von außen an das Wissenschaftssystem herangetragen werden?

Ich denke ernstlich, es ist an der Zeit, mit dem Tabu dieser falsch verstandenen Autonomie der Wissenschaft zu brechen, um nämlich zu sehen, dass die Wissenschaft längst nicht mehr autonom ist und sie es vielleicht nie war.

“Wissenschaftsautonomie” als Freiheit der Forschung und Lehre, im Sinne von: man darf sagen, was man will, wir leben nicht in der Diktatur? Nun, das ist aber eine ganz andere Baustelle, die mit der Debatte um Plagiate wenig zu tun hat. Und das Grundrecht auf Freiheit der Wissenschaft, Forschung und Lehre könnten im Übrigen auch jene für sich reklamieren, die besser qualifiziert sind, aber in Berufungsverfahren hinter Plagiatoren gereiht wurden. Aber daran denkt im System natürlich niemand.

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Gleich dreimal kommt in dem Positionspapier der Begriff der “Reputation” vor. Die Rede ist von “drohenden Reputationsverlusten” (S. 4), aber auch von “unberechtigter Reputationszerstörung” (S. 5). Woher kommt eigentlich diese Sorge um die angeblich besondere “Reputation” der Wissenschaft? Wer sorgt sich nach aufgedeckten Dopingfällen um die besondere “Reputation” des Spitzensports, wer sorgt sich nach aufgedeckten Fällen sexuellen Missbrauchs um die besondere “Reputation” der Kirche? “Reputation/Nicht-Reputation” ist, um es luhmannianisch zu sagen, allenfalls eine Zweitcodierung in sozialen Systemen. In der Wissenschaft wird sie offenbar primär gesetzt. Man sorgt sich nämlich nicht primär um die Qualität der Wissenschaft (d. h. ihrer Outputs), sondern um die öffentliche Reputation der Wissenschaft. Es sollte aber eigentlich nie um die Reputation der Wissenschaft, sondern um die Wissenschaft gehen.

Ich denke, dass “Autonomie” und “Reputation” absichtlich unhinterfragte und vorgeschützte Floskeln sind, mit denen sich das Wissenschaftssystem immer dann inflationär rhetorisch umgibt, wenn positive Veränderungen (wie alle Veränderungen: meist aus der Umwelt angeregt) anstehen würden. Dann heißt es: Unsere Hauptsorge gilt der Wahrung unserer (angeblich besonderen) Reputation und der Verteidigung unserer Autonomie. Damit wird das System veränderungsresistent.

Ich habe nicht die Zeit, mir empirische Studien anzusehen, die sich mit der Autonomie der Universitäten und dem Ruf der Wissenschaftler in der Bevölkerung beschäftigen, würde aber nicht ausschließen, dass sich hier ein ganz anderes Bild ergibt.