Eine Dissertation als Textbrocken-Collage: Ist das Wissenschaft?

16. Januar 2013 | 12 Kommentare »

Ein Bild vervollständigt sich: Nach dem Abgleich mit drei weiteren Büchern von Hermann Korte, Heinz-Günter Vester und Max Weber höchstselbst ergeben sich immer mehr Indizien für ein werkprägendes Muster. TU-Dresden-Professorin und Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Döveling hat ihre Dissertation nicht “vollständig selbstständig” geschrieben, wie es die deutschen Verwaltungsgerichte fordern*, sondern hat methodisch die Werke anderer ab- und umgeschrieben, ohne das Ausmaß der jeweiligen Übernahmen kenntlich zu machen. Für den Leser oder Begutachter der Dissertation ist es damit nicht möglich, zwischen eigenem Text Dövelings und Texten anderer, zwischen eigenen und fremden Ideen deutlich zu unterscheiden. Man muss genau hinsehen, siehe die Liste der bislang gefundenen Übereinstimmungen.

Hier nur ein Beispiel von vielen: Bei Heinz-Günter Vester (“Emotion, Gesellschaft und Kultur”, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1991) steht im Original auf S. 188:

Daraus wird bei Katrin Döveling auf S. 161:

Vester wird im markierten Segment in Fußnote 945 mit “Vgl.” einmal erwähnt, es werden aber auch Tarde und Durkheim analog referenziert. Wird dem Leser dadurch klar, dass das “Wording” in Wahrheit von Vester stammt, wie auch die Hinweise auf Tarde und Durkheim? Und das Wort “tautologisch” im Original dürfte Döveling nicht gefallen haben, sie machte aus „tautologisch und psychologistisch“ bei Vester ein „zu psychologisch”. Für mich ist diese Umschreiberitis keine Wissenschaft.

* Siehe die hochinteressante Zusammenfassung von Urteilen der vergangenen Jahrzehnte in: Daniela Schroeder, “Die Entziehung des Doktorgrades wegen Täuschung in der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung”, in: NWVBl., Heft 5/2010, hier S. 179.

Neue Auswüchse einer “Textkultur ohne Hirn” in Wirtschaft und Politik

15. Januar 2013 | 4 Kommentare »

Wozu noch selbst texten? Die “McDonaldisierung” der Gesellschaft hat längst auch unsere Textkultur erfasst. Kritiker wie ich und einige andere Blogger sehen einen Trend zur zunehmenden Verlogenheit der Gesellschaft, zur zunehmenden Austauschbarkeit, wenn nicht gar Überflüssigkeit des Gesagten. Sprachphilosophisch gesprochen: Es werden eben nicht nur die Satzinhalte (“Kommunikationsbotschaften”), sondern die Aussagesätze selbst recycelt. Welcher Rede können wir noch trauen?

Zwei Enthüllungen aus der Blogosphäre aus den vergangenen Tagen:

1. Eine bundesdeutsche Grün-Politikerin hält eine Rede, die sich zumindest stark paraphrasierend (bei wohlwollender Auslegung), wenn nicht plagiierend an eine andere Rede anlehnt. Das hatten wir übrigens schon vor einiger Zeit bei einem österreichischen Bischof. Mich interessiert die Frage, warum so etwas geschieht. Folgende Gründe wären möglich:

* Die Plagiatoren sind intellektuell nicht imstande, einen eigenen Text zu verfassen.

* Die Plagiatoren haben nicht den Mumm, einen eigenen Text zu verfassen. Sie wollen auf Nummer sicher gehen und sich an Bestehendem orientieren, aus Angst, das Neue könne abgelehnt werden bzw. nicht funktionieren.

* Die Plagiatoren glauben, dass es heutzutage Usus ist, so zu verfahren.

* Die Plagiatoren scheren sich weniger um das Was (den Inhalt) und mehr um das Wie (die Präsentation).

* Die Plagiatoren wussten gar nichts vom Plagiat, weil sie Ghostwriter beschäftigen.

Angst macht mir immer die Möglichkeit, These 1 könne zutreffen.

2. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch diese Entdeckung: Man google den Satz “Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition”. Dieser wird, im Verein mit ganzen identischen Absätzen, wenn nicht sogar kompletten Darlegungen von Unternehmensphilosophien bzw. -leitbildern, auf deutschsprachigen Webseiten von hunderten Unternehmen, vorwiegend aus der Unternehmensberatungsbranche verwendet. Allerdings tun alle so, als wäre damit ihr Alleinstellungsmerkmal beschrieben worden. Warum haben sich all diese Unternehmensberater für eine derartige Textkultur ohne Hirn entschieden? Teilweise haben Start-Up-Unternehmen, die es erst seit einigen Monaten gibt, die also alles andere als eine Tradition aufweisen können, den Satz im Verein mit einem weiteren Standard-Wording übernommen. Wie beraten diese Unternehmen andere? Inwiefern sind all diese Unternehmensberater kompetent, wenn es etwa um Fragen des Textens für das Web geht? Ist irgend jemandem der Widerspruch zwischen Satzinhalt und kopierender Praxis aufgefallen?

***

Man kann die Sache auch anders sehen: Nur einige verschrobene Blogger wie Ihr werter Plagiatsgutachter bemerken solche Dinge. Plagiate in akademischen Qualifikationsschriften würden dann perfekt auf eine Wirtschafts- und Arbeitswelt vorbereiten, in der Textbrocken zunehmend homogenisiert werden und Abkupfern Norm geworden ist. Nun ja: Dann sollten wir dringend alles überdenken, beginnend mit dem Deutschunterricht an Schulen. Und Lehrveranstaltungen wie “Einführung in die Heuchelei” oder “Seminar: Wie man perfekt Kompetenz vortäuscht” müssten Altbackenes wie “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten” ersetzen. Ich erwarte die erste Stellenausschreibung in Betriebswirtschaft: “W3-Professur für professionelle Simulation von Expertise”. Wenn es zutrifft, dass Wirtschaft und Politik (und womöglich auch Religion, Kunst und andere Sozialsysteme) zunehmend so funktionieren, wozu dann noch das ganze Bemühen um Redlichkeit, Zitiergenauigkeit, Quellenkritik, kreatives Schreiben? Vielleicht hat Ihr werter Plagiatsgutachter die Grundregeln der Wirtschaft bislang nicht verstanden.

Können Unternehmen noch selber texten? Problemfeld “Selbstdarstellungs-Plagiarismus”

25. Dezember 2012 | 4 Kommentare »

Eine Salzburger Forschungsgesellschaft schreibt auf ihrer Webseite:

“Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwächst daraus eine große Verantwortung. Die Research Studios Austria Forschungsgesellschaft nimmt diese Verantwortung wahr, auch und gerade im Dialog mit der Öffentlichkeit.”

Quelle: http://www.researchstudio.at/innovationspipeline

Das steht so auch bei der Max-Planck-Gesellschaft, allerdings im bundesdeutschen Kontext um einen Halbsatz angereichert:

“Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut – in der Bundesrepublik Deutschland ist die Forschungsfreiheit daher im Grundgesetz verankert. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwächst daraus eine große Verantwortung. Die Max-Planck-Gesellschaft nimmt diese Verantwortung wahr, auch und gerade im Dialog mit der Öffentlichkeit.”

Quelle: http://www.mpg.de/4898/standpunkte

Da stellt sich doch die Frage: Wer hat es warum von wem? Hätte man das nicht auch selbst schreiben können? Warum bedarf es offenbar selbst bei so einfachen Sachverhalten schon der “Inspiration”?

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Eine neue Wiener Medienproduktionsfirma beschreibt sich auf ihrer Webseite:

“POPUP MEDIA greift mit seinen Mitarbeitern auf ein Netzwerk von Profis aus den Bereichen Video, Audio, Print und Internet. Mit dieser Stärke wollen wir unsere Kunden ganzheitlich und für alle Medien betreuen. Damit schätzen Partner und Kunden unsere Flexibiltät. Dieser integrative Zugang und die Freude an der Umsetzung machen uns zu einem zuverlässigen Partner. Eine langfristige und loyale Zusammenarbeit ist unser Ziel.”

Quelle: http://www.popupmedia.at/unternehmen

Und auch das findet sich so auch bei einer anderen Firma:

“Mediahaus Salzburg ist ein Netzwerk von Profis aus den Bereichen Video, Audio, Print und Internet. Somit ist es uns wie kaum einem anderen möglich, Kunden ganzheitlich und in allen Medien zu betreuen. Vor allem internationale TV- und Eventpartner schätzen unsere Flexibiltät. [...] Unsere unkonventionelle Herangehensweise und die permanente Freude an der Arbeit machen uns zu einem zuverlässigen Partner. [...] Eine langfristige und loyale Zusammenarbeit ist unser Ziel.”

Man beachte hier insbesondere die Falschschreibung “Flexibiltät” bei beiden Unternehmen, die schon sehr deutlich auf Copy & Paste hinweist.

Quelle: http://www.mediahaus.tv/index.php/das-unternehmen

Ich habe nur zwei Erklärungsmodelle:

1) Texte werden zunehmend egal, man kopiert und übernimmt sie einfach aus “Wurschtigkeit”. Dann sollten wir darüber diskutieren, was das für unsere intellektuelle Kultur bedeutet und wie ehrlich und glaubwürdig dann Informationen aus dem Web überhaupt noch sind.

2) Diese Texte wurden von Leuten bewusst gecopypastet, die keinen anderen Zugang zum Texten mehr haben als Text zu klauen. Dann sollten wir über das (Aus-)Bildungsniveau diskutieren.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 3, to be continued)

21. November 2012 | 12 Kommentare »

Anbei die Liste mit den neuen Funden (Stand: 21. 11., 17:00). – Wie kam es etwa zu folgender Textübereinstimmung? Frau Döveling schreibt auf S. 57 der Buchfassung ihrer Dissertation:

“Die Frage ist also, in welchem Ausmaß Medien tatsächlich Themen setzen, um welche Themen es sich hierbei handelt und welche Medien in diesem Prozess stärkeren Einfluss haben. Zudem muss geklärt werden, wie lange der Einfluss anhält, welchen Verlauf er nimmt (z.B. über Dritte) und welche gegensteuernden Gewichte es gibt. Durch diese Fragen kommen viele Variablen in Erwägung, die bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes berücksichtigt werden müssen. Diese Faktoren werden nachfolgend dargelegt […].”

Da ist weit und breit keine Fußnote, keine Quellenangabe, keine Hervorhebung und kein Anführungszeichen, im Gegenteil: Der entsprechende Abschnitt widmet sich dem Thema “Kritik und Erweiterungen des Ansatzes”, und entwickelt wird Dövelings eigenes Konzept einer “Emotionalen Agenda“.

Man betrachte zum Vergleich folgenden Text, der sich auf hausarbeiten.de befindet und aus einer Hausarbeit für ein Einführungsproseminar in Publizistikwissenschaft stammt:

“Die Frage ist also, in welchem Maß Medien Themen setzen, welche Themen und welche Medien stärkeren Einfluß haben, wie lange der Einfluß vorhält, welchen Weg der Einfluß gegangen ist (über Dritte über das Thema informiert werden) und welche gegensteuernden Faktoren es gibt […]. Allein durch diese kleine Vorüberlegung kommen zahlreiche Variablen ins Spiel, die alle bei der Beurteilung eines Agenda-Setting-Effektes mitbedacht sein wollen. […] ein Vorgang, der im folgenden nachgezeichnet werden soll.”

Frau Döveling wird ja wohl nicht aus einer Proseminar-Arbeit abgeschrieben haben. Gab es eine gemeinsame dritte Quelle? Es handelt sich bei Weitem nicht mehr nur um ein paar Übereinstimmungen. Interessant auch, dass beide, Döveling und der Hausarbeitenautor, von der “berühmt gewordene[n] These zum Agenda-Setting” sprechen, “die sich auf Cohen bezieht”…

Quelle: http://www.google.de

Kindle-Copy-Paste

16. November 2012 | Kommentar hinterlassen »

Deborah L. Salivar-Keene (vielleicht ist das ein Anagramm? Dann bitte um Hilfe!) ist eine fleißige Autorin. 53 Bücher von ihr über Gott und die Welt und von Piaget bis zur Marketingtheorie gibt es auf amazon.de derzeit für den Kindle. Für rund acht Euro pro “Buch” gibt es abendfüllende zwei bis acht Seiten zu erscrollen. So kurz sollten Dissertationen mal werden! Auf amazon.com gibt es sogar knapp hundert Titel, offenbar mit einem gewissen Faible für konstruktivistische Ansätze. Mein Lieblingstitel: “Are We Really, Self-Directed?” Wie die Rankings zeigen, werden die Bücher tatsächlich gekauft. Nennt man das heutzutage “Microlearning”?

Für das herausragende Humorpotenzial der “Autorin” spricht auch dieser Hinweis:

“The copyright does not include any of my personal opinions. All information obtained is a composite of other authors knowledge and research. I have over 2.000 references and all authors are given complete credit for their work and you should also give these authors the credit for their work. Take my word for it YOUR INSTRUCTOR WILL KNOW!!! All documents are to be used strictly as, ‘reference material’. I have already caught students trying to pass this reference material as their own when buying then returning the paper to Kindle and not putting in a bib.”

Da Ihr werter Plagiatsgutachter derzeit mit Dissertationen, in denen zwischen eigenem und fremdem Text nicht korrekt unterschieden wird, voll ausgelastet ist, wird er bis auf Weiteres auf die Überprüfung dieses Fußnotenapparats verzichten…

Update: Eine kursorische Prüfung (ich kann es doch nicht lassen) hat ergeben, dass offenbar jeweils der gesamte Content absatzweise 1: 1 aus dem Internet zusammenkopiert wurde, mit Quellenangaben an den Absatzenden.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 2, to be continued)

10. November 2012 | 25 Kommentare »

Von “Recherchetiefe”, “Quellen-Check” und “Faktengenauigkeit” schrieb Wolfgang Donsbach vom Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden 2012 in einem Blog-Kommentar. Er sprach damit journalistische Kernkompetenzen an. Aber wie sieht es mit den wissenschaftlichen Kernkompetenzen aus, etwa bei den eigenen berufenen Kolleginnen? Anbei meine neue Liste (Stand: 10. 11., 15:00). Ich werde mich hüten, diese hier wertend zu kommentieren, denn die Anwälte lauern bereits auf jedes Wort, das ich hier schreibe. Ich denke aber, die Konkordanzen sprechen für sich.

Schade, wenn nicht furchtbar, dass die Auseinandersetzung um Qualitätssicherung in einem Fach so geführt werden muss. Alle, die sich an meiner Veröffentlichungsmethode stoßen, bitte ich zu bedenken, dass hier eine Begutachtung einer Dissertation vorgängig war – und eine Beurteilung mit “magna cum laude”. Ich betone weiter, dass die Fundstellen in beiden Kategorien erst der Anfang sind. Damit will ich niemanden unter Druck setzen, sondern nur dem Quantitätsargument etwas entgegenhalten. Die von der Software in Sachen Eigen-Copy-Paste ausgespuckte Liste ist etwa die längste, die ich überhaupt bislang zu bearbeiten hatte.

Ich habe Wolfgang Donsbach einen Tag nach der zweifelhaften Dresdner Podiumsdiskussion zu Plagiaten zur gemeinsamen Aufklärung eingeladen. Er hat Schweigen vorgezogen.

Wissenschaftliche Dokumentation zur Dissertation von Dr. Katrin Döveling, IfK der TU Dresden (Teil 1, to be continued)

06. November 2012 | 7 Kommentare »

Frau Vertretungsprofessor Dr. Katrin Döveling hat 2011 ihre Habilitationsschrift fertiggestellt und ist Promotionsbeauftragte des Instituts für Kommunikationswissenschaft. Rezensenten lobten ihre Dissertation Emotionen – Medien – Gemeinschaft durchweg, eine Fachzeitschrift urteilte im Jahr 2007 gar: “Die Arbeit von Döveling besticht in formaler Hinsicht durch akribisches Referieren und Diskutieren der relevanten Forschungsansätze.” Keine Frage – eine Erfolgsstory.

Oder? Ich habe vergangene Woche begonnen, mir die Dissertation nach Zitiertechnik und Quellenkritik genauer anzusehen. Leider musste ich feststellen, dass Frau Döveling an mehreren Stellen ihren Pflichten zur Kennzeichnung und zur Quellenangabe bei wörtlich oder fast wörtlich übernommenen Texten nicht nachgekommen ist. Die 340 Buchseiten starke Dissertation beherbergt 1.664 Fußnoten. Damit sieht auf den ersten Blick alles sehr wissenschaftlich aus. Auf den zweiten Blick verändert sich das Bild, siehe die Liste der bislang gefundenen Übereinstimmungen (mein Dank an Martin Klicken/VroniPlag für zwei weitere Funde; letzter Stand: 6. 11., 11:15). Und es ist erfahrungsgemäß nicht auszuschließen, dass sich das Bild weiter verändern wird.

Mein bisheriger Lieblingssatz aus der Arbeit findet sich auf S. 191: “Hermann J. Pottmeyer […] unterstützt mit seinen Recherchen das hier aufgestellte Argument der Funktion des Papstes als Oberhaupt der Kirche.” (Als ob wir das nicht schon vorher gewusst hätten, dass der Papst kein Messdiener ist.)

Und in einer Präsentation von Frau Döveling fand ich dieses schöne Ratespiel: Wie viele Zitierfehler befinden sich in diesem Zitat?

Quelle: http://www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Veranstaltungen/Workshops/2007/Doeveling_Praesentation.pdf

Ach (Kommunikations-)Wissenschaft, was ist nur aus Dir geworden…

PS: Von Frau Dövelings Anwälten und ihren sechsstelligen Drohsummen lasse ich mich von nun an nicht mehr einschüchtern. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Dissertation von Frau Döveling könnte wohl nur in einer Diktatur verhindert werden, aber nicht in einer offenen Wissenschaft, zu der seit einiger Zeit auch Kritik in Blogs gehört.

Gleich mehrere plagiierte medizinische Dissertationen

02. November 2012 | Kommentar hinterlassen »

Neuer Paukenschlag auf VroniPlag: Gleich drei zumindest teilplagiierte medizinische Dissertationen wurden heute geoutet. Dazu passt hervorragend das Gutachten, das Ihr werter Plagiatsdetektor vor kurzem für das Laborjournal erstellt hat. Wieviele “Theorieteile” bzw. Fakten referierende Abschnitte von medizinischen Dissertationen sind eigentlich plagiiert? Und was wissen diese Mediziner in der Praxis? Entsteht durch das Ab- und Umschreiben Fachkompetenz? Welchen moralischen Zugang haben diese Ärzte (immerhin wurden in fast allen bisherigen Fällen plagiierter medizinischer Dissertationen die Quellen der Plagiate nirgendwo genannt, es handelte sich also jeweils um ‘echte’ Täuschungen)? Kann von vornherein davon ausgegangen werden, dass die Empirieteile sauber sind (in dem von mir begutachteten Fall einer “Dissertationsdoublette” etwa nicht)? Und: Wenn die Fakten- und Theorieteile für die (spätere) medizinische Praxis irrelevant sind, dann stellt sich die Frage: Wozu die Dissertationen in dieser Form?

Schavan-Update: Juristische Mithilfe gesucht

18. Oktober 2012 | 2 Kommentare »

Einmal an dieser Stelle ein Aufruf zur Mithilfe: Hat jemand meiner Blog-Leserinnen und -Leser dieses Urteil aus dem Jahr 1980 im Volltext? Noch interessanter wäre freilich das diesem Urteil im Instanzenweg vorgängige Urteil des VG Stuttgart vom 10. Februar 1978, Az: V 346/76.

Jüngere Urteile, d. h. aus den vergangenen zehn Jahren, finden sich hervorragend zusammengefasst in dem Aufsatz “Die Entziehung des Doktorgrades wegen Täuschung in der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung” von Dr. Daniela Schroeder LL.M., erschienen in: Nordrhein-Westfälische Verwaltungsblätter, Heft 5/2010, S. 176-181. Wendet man die jüngeren Urteile auf die Causa Schavan an (unter der Prämisse, dass die wissenschaftlichen Grundregeln dieselben geblieben sind), hat dies erstaunliche Auswirkungen.

Anmerkung: Mittlerweile habe ich den Volltext erhalten. Vielen Dank an die “ehrenamtlichen Mitarbeiter”!

Schavan-Update: Wie waren die wissenschaftlichen Standards vor 1980?

16. Oktober 2012 | 24 Kommentare »

Die Herausforderung im Fall Schavan ist es, die Dissertation nicht auf Grundlage der heutigen Regeln, sondern auf Basis jener Regeln zu beurteilen, die vor 1980 in der bundesdeutschen Erziehungswissenschaft, insbesondere an der Universität Düsseldorf, geherrscht haben. Das macht den Fall auch für Wissenschaftshistoriker spannend. Freilich ist das immer wie ein Indizienprozess: Egal, wie viele Lehrbücher man aus der Zeit vor 1980 zitieren mag, Frau Schavan könnte immer behaupten, diese gar nicht zu kennen oder die Zitierregeln schlichtweg anders oder womöglich gar nicht gelernt zu haben. In Österreich wäre das mit der Rechtsprechung des VwGH relativ einfach zu klären: Es zählt nicht das mögliche Unwissen des Plagiators, sondern die “objektive Betrachtung”. Und diese ergibt sich nun mal aus dem Querschnitt der Aussagen in Lehrbüchern.

Was sagten also einschlägige Werke vor 1980? Die Bücher “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten” von Helmut Seiffert (in der zweiten Auflage von 1976) und “Technik und Methodik des wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitens” von Albert Scheibler (ebenfalls 1976) liegen in der Universitätsbibliothek Düsseldorf auf und mögen Indizien dafür sein, welche Regeln damals geherrscht haben. Seiffert schreibt, wörtliche Zitate “werden in der Regel in doppelte Anführungszeichen gestellt” (S. 130). Bei Scheibler ist zu lesen: Direkte Zitate “übernimmt man mit Anführungszeichen” (S. 162). Und weiter: Dies gelte “für ganze Sätze ebenso wie für Satzteile (Passagen) oder einzelne individuelle Begriffsworte“. (Ebenda)

Albert Scheibler erwähnt das Problem des Plagiats auf S. 160 und definiert Plagiat als “die Unterlassung, benutzte Quellen anzugeben“. Er rückt den Plagiatsbegriff in die Nähe eines urheberrechtlichen Vergehens und erwähnt, den damaligen Gesetzestext zitierend, gar die Möglichkeit einer Freiheits- oder Geldstrafe.

Der älteste Plagiatsstreit, den ich in der Rechtsprechung von österreichischen Höchstgerichten gestern online gefunden habe, datiert aus 1967. Und 1965 kam es an der Universität Bonn zu einer interessanten Plagiatsaffäre, bei der die Fakultät nach Vorliegen von ca. 100 Plagiatsfragmenten in einer Dissertation die Aberkennung des Doktorgrades beschlossen hatte, das Dekanatskollegium allerdings Monate später diesen Beschluss wieder aufgehoben hat. Dies führte zu einem Proteststurm der bundesdeutschen Germanisten (im VroniPlag-Forum wurde dieser historische Fall wieder ausgegraben). Plagiat war also auch vor 1980 ein Thema, allerdings wurde wohl viel unter den Teppich gekehrt, und deshalb würde sich eine ernsthafte Recherche auch schwierig gestalten. (Auffallend ist übrigens, dass es zu diesem ungemein spannenden Thema keine Dissertation gibt.)

Zurück zur Frau Minister: Es muss nach meinem bisherigen Kenntnisstand davon ausgegangen werden, dass Frau Schavan beim Verfassen ihrer Dissertation (a) wusste, was ein korrektes Zitat ist (das hat sie ja auch an anderen Stellen bewiesen) und (b) auch wusste, was ein Plagiat ist. Gerade bei einer Studie über das Gewissen versteht sich zudem eine gewissenhafte Arbeit von selbst. Zur fachlichen Dimension kommt also auch eine moralische.

Frau Schavan hat methodisch getäuscht. Dennoch könnte sie ihren Doktortitel behalten. Warum? In ihrer Dissertation tauchen zwei Plagiatsmuster auf, die ich auch in meinem Gutachten zur Dissertation von EU-Kommissar Johannes Hahn aus dem Jahr 1987 identifiziert habe: Erstens: Es wird eine kurze Passage zitiert, aber dann wird weiter aus demselben Werk unzitiert abgeschrieben. Ich nannte dies das “More-Inclusive-Plagiat”. Heute würde man auch sagen, das sei eine Spielart des Bauernopfers (man kann auch schon vor dem korrekten Zitat mit dem Abschreiben aus der dann vorher ungenannten Quelle beginnen). Zweitens: Die Wiedergabe von Originalliteratur in eigenen Worten wird suggeriert, aber tatsächlich wurde der Originalautor selbst abgeschrieben (wie Schavan mit Niklas Luhmann und anderen, so Hahn mit Leopold Kohr und anderen). Dies könnten Indizien dafür sein, dass diese Unsitten tatsächlich in besagter Zeit sehr verbreitet waren.

Die Universität Düsseldorf steht vor einem Dilemma: Spricht sie Schavan ganz frei, wäre das Signal fatal (eine später nachgewiesene Täuschung hat keine Folgen für den akademischen Grad – und das wäre so schlichtweg widerrechtlich). Und für ein Verjährungsargument gibt es rechtlich keine Grundlage. Rügt sie Schavan bloß, aber belässt ihr den Doktorgrad, wäre auch dies rechtlich auf äußerst wackligen Beinen. Entzieht sie Schavan den Doktorgrad, würde sie womöglich Maßstäbe setzen, mit denen man einem oder gar zwei Drittel der Doktoren von damals den Grad wieder wegnehmen müsste. Universitäten müssten in der Folge wohl ganze Rechtsabteilungen zum Bearbeiten der alten Fälle einrichten.

Eine verzwickte Situation, aber wir dürfen nie vergessen, wer den Universitäten das alles eingebrockt hat: jene Leute, die die Universitäten selbst berufen haben, die zu faul, zu ungenau oder zu unwissend waren und sind, um sich mit Abschlussarbeiten korrekt auseinanderzusetzen und diese einwandfrei zu beurteilen. Sie waren es, die damals die Textsimulanten hervorgebracht haben. Ihnen zahlt der Staat heute eine fette Rente.