Von Münster nach Berlin: Das Mediziner-Doubletten-Syndrom erfasst nun auch die Charité

27. Mai 2014 | 7 Kommentare »

Es war ja fast zu erwarten: Der “Flächenbrand” zu Münster kann auch anderswo entfacht werden. Nun widmet sich VroniPlag Wiki also der Charité. VroniPlag startete die Aufarbeitung mit einer komplett aus einer zwei Jahre älteren Doktorarbeit plagiierten Dissertation. Die absurde Übereinstimmung zeigt sich schon bei den Titeln in der DNB-Datenbank:

“Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie ohne Nerverhalt: Follow up von 700 Patienten, operiert in den Jahren 1999-2005 an der Klinik für Urologie der Charité Mitte” von Anita Lisowski (2010)

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“Onkologische Langzeitergebnisse, Inkontinenz und Spätkomplikationen nach transperitonealer laparoskopischer radikaler Prostatektomie: Follow up von 1000 Patienten, operiert in den Jahren 1999 – 2004 an der Klinik für Urologie der Charité Mitte” von Ramin Mansour (2008)

Das ist natürlich erneut große Wissenschaftssatire – und gleichzeitig ist es ungemein verstörend, dass solche Dinge auch (gerade?) im sensiblen Bereich der medizinischen Forschung und des Umgangs mit Patientenakten erfolgen. Vergleiche zum Innsbrucker Urologie-Skandal drängen sich auf.

Und wieder sieht man anhand der aktuellen Aktivitäten im VroniPlag Wiki, dass dieses schamlose Plagiat auch an der Charité kein Einzelfall sein dürfte.

Wir bräuchten nun eine Software, die zunächst mal nach medizinischen Dissertationstitel-Doubletten, -Tripletten etc. in der Datenbank der DNB sucht. Ich finde etwa 56.503 medizinische Dissertationen zwischen 2000 und 2014, die als Online-Ressourcen verfügbar sind (das Ergebnis scheint mir zu hoch zu sein, aber die DNB-Suche spuckt das aus). Ich denke, wir würden alleine nach einer Analyse von Titel-Konkordanzen staunen – von einem intrinsischen Vergleich aller Volltexte ganz zu schweigen. Auf jeden Fall wäre dies im Moment ein höchst sinnvolles Forschungsprojekt. Wer traut sich, dafür öffentliche Fördermittel zu verlangen?

Update: Die Arbeitsweise in der Medizin gibt Rätsel auf. Dank eines Hinweises von “Matthias_H” links die Zusammenfassung einer Dissertation an der Charité aus dem Jahr 2008, rechts die Zusammenfassung einer Dissertation an der Charité aus dem Jahr 2007. Die jüngere Dissertation zitiert die ältere kein einziges Mal. Dennoch sind die Entlehnungen in der Zusammenfassung offensichtlich. Was soll das?

Textvergleich mit http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Quelle:Textvergleich. Bitte anklicken:

Zusammenfassungsdoublette_2_1

Zusammenfassungsdoublette_2_2

 

Uni Münster: Ehemaliger Informatik-Professor soll Wikipedia plagiiert haben

18. Mai 2014 | 1 Kommentar »

Dies berichtet heute exklusiv die FAZ. Es geht um den Professor in Ruhe Wolfram-M. Lippe. Sein inkriminiertes Sachbuch handelt von der Geschichte der Rechenautomaten und ist 2013 bei Springer Vieweg erschienen – hier ist das Manuskript in einer Erstfassung einzusehen.

Ich begrüße es auf alle Fälle sehr, dass nun – nach jedem neuen Politiker-Plagiatsfall – über jedes neue Sachbuch mit Plagiatsfragmenten in den Massenmedien berichtet wird. In dem gut recherchierten Bericht mit dem launigen Titel “Auch das ist Datenverarbeitung” ist nachzulesen:

“Die Online-Enzyklopädie ‘Wikipedia’ erweist sich als die vorwiegend verwendete, nicht ausgewiesene Quelle. Einfache biographische Schilderungen aus Artikeln zu Konstrukteuren mechanischer Rechenmaschinen, Pioniere der heutigen Informatik wie Jost Bürgi, Wilhelm Schickard oder Giovanni Poleni, finden sich als Versatzstücke wortwörtlich in Lippes Buch wieder.”

Aber auch weitere Webseiten wurden geplündert, wie die FAZ berichtet. Nun stellt sich wieder mal die Frage: War das der liebe Professor i. R. höchstselbst, oder hat er die jüngere Generation für sich “schreiben” lassen? Der FAZ-Artikel fußt auf einer Rezension des Buchs, die mir noch nicht vorliegt.

Mit drei Seiten Ko-Autorschaft zum Doktorat: Kürzeste Dissertation der Welt an der Uni Münster aufgetaucht

13. Mai 2014 | 4 Kommentare »

Wie Kollegin Debora Weber-Wulff in einem Leser-Kommentar im “Causa-Schavan”-Blog berichtet, wurden an der Universität Münster offenbar nicht nur medizinische Doktorarbeiten in Serie (teil-)plagiiert. Es ist nun auch die wahrscheinlich kürzeste Doktorarbeit der Welt aufgetaucht. Sie umfasst gerade mal drei Seiten und ist identisch mit einem kurzen Aufsatz, der zwei Jahre zuvor unter Autorschaft des Doktorvaters und der (späteren) Dissertantin publiziert wurde. Nun gibt es meines Wissens keine festgeschriebene Mindestlänge von Dissertationen. Auch ist es in den Naturwissenschaften und in der Medizin häufig Usus, dass bereits publizierte oder in Druck befindliche akzeptierte Arbeiten als Teile einer Dissertation eingereicht werden. Allerdings ist der hier “federführende” Professor auch eine Hauptfigur im aktuellen Münsteraner Dissertationsplagiatsskandal: Gleich fünf (teil-)plagiierte Doktorarbeiten gehen auf das Konto seiner Erst- oder Zweitbegutachtung.

Worum geht es eigentlich in dem kurzen Paper = in der ultrakurzen Doktorarbeit? Um Naturmedizin gegen Impotenz im mittelalterlichen Persien. Seit einiger Zeit forscht der Physiologie-Professor zu Depression und Epilepsie. Viele seiner Dissertanten wurden Zahnmediziner und promovierten mit den entlegensten Themen (wie etwa zu Spezialfragen der Synapsenaktivität im Rattenhirn). Und ich dachte immer, die postmoderne Beliebigkeit gibt es nur in den Geisteswissenschaften.

Update: Dank an Erbloggtes. Die Idee mit der Twitter-Doktorarbeit finde ich großartig. Ab sofort muss jeder Absolvent seine neuen Erkenntnisse in einen Tweet bringen können. Ich würde gerne an der philosophischen Fakultät der Universität Münster für folgenden Tweet promoviert werden: “Erst nach der Sprachentstehung war die Welt schon vor der Sprachentstehung da.” Der Satz hat weniger als 140 Zeichen, ist hochoriginell und hat mehr Gehalt als viele Doktorarbeiten zusammen.

Experten für Weiterentwicklung einer wirklich tauglichen Plagiatssoftware gesucht

10. Mai 2014 | Kommentar hinterlassen »

Wie in diesem Blog schon mehrfach erwähnt, beschäftigt sich Ihr werter Plagiatsgutachter nicht nur mit der Plagiatssuche und -gutachtenerstellung im Rahmen von Fremdaufträgen, sondern auch mit der Weiterentwicklung seiner eigenen Plagiatssoftware PlagCheck. Diese Idee wurde ja aus einer Not heraus geboren, weil bisherige Systeme allesamt ihre zum Teil groben Lücken aufweisen und seit ca. einem Jahr das Management von immer komplexer werdenden Textmengen notwendig wurde.

Ich suche ab sofort Programmierer bzw. Experten für Text Mining, Information Retrieval und Computerlinguistik, die an der Weiterentwicklung (m)einer neuartigen Plagiatssoftware mit erweitertem Suchradius und neuen Funktionalitäten mitarbeiten möchten. Bitte um Bewerbungen!

Wie diese Weiterentwicklung genau aussehen soll, kann freilich nur im persönlichen Gespräch verraten werden, weshalb ich mich über Kontaktaufnahmen im Umkreis von Salzburg oder Dresden besonders freuen würde.

“Team Wallraff” sollte sich die Münsteraner Plagiatsschmiede ansehen

06. Mai 2014 | 6 Kommentare »

Schon elf partiell bis nahezu komplett plagiierte Dissertationen an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster – und es werden wohl noch mehr werden. Dass unterschiedliche Betreuer in den neuen Plagiatsskandal involviert sind, weist meiner Erfahrung nach nicht auf eine Verschwörung einer Gruppe von Münsteraner Professoren hin, sondern eher auf die Tatsache, dass das Plagiat in der Medizin offenbar noch weiter verbreitet ist als in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ich gehe davon aus, dass das in ganz Deutschland so oder ähnlich der Fall ist. Wenn wir das hochrechnen, kommen wir auf tausende falsche Doktoren, insbesondere Zahnmediziner, in Deutschland. Wenn wir aus plagiatorischem Vorgehen auf Bildungslücken oder sonstige betrügerische Energie schließen können, wird einem angst und bange.

Wäre der Plagiatsskandal undercover zu ermitteln, hätte das “Team Wallraff” seine Freude. Man könnte ja mal einen promotionswilligen angehenden “Arzt”, idealer Weise mit Migrationshintergrund und auf alle Fälle mit gefälschten Studienzeugnissen, zu einem Professor in Münster schicken und schauen, was passiert…

Interessant an der Pressemitteilung der Universität Münster ist vor allem das implizite Eingeständnis, dass erst durch die Causa Guttenberg – ab Mitte 2011 – die Spielregeln für Promotionen verschärft wurden. Es bedurfte also eines großen Falls, damit überhaupt erst gehandelt wurde. Das zeigt, wie sehr die Universitäten heuchlerisch sind und letztlich auch nur symbolische Politik betreiben: Kritiker wiesen schon in den Jahren vor Guttenberg, zum Teil auch in den Massenmedien, auf das grassierende Plagiatsproblem hin, aber da wurden kaum einmal Promotionsregeln verschärft. Und nicht wenige an den Universitäten, vor allem der jüngere kritische Mittelbau, wussten, was hier passiert: Die Blender sind von den redlich arbeitenden Wissenschaftlern nicht unterschieden worden. Mein Doktorvater Peter A. Bruck schrieb 2007 (!) über mich: “Er hat die Rolle des Spürhundes übernommen und Dinge gefunden, die viele in der Öffentlichkeit überraschten, in den Universitäten aber auch vielen bekannt waren.” Von bedauerlichen Einzelfällen wird bald niemand mehr sprechen. Die Frage wird sein, wie die Wissenschaft mit dem systemischen Charakter des Plagiierens umgehen wird.

Plagiatssoftware kann in Anbetracht der zunehmenden Textkomplexität zumindest zum Teil Abhilfe schaffen. Nicht nur, dass mit Systemen wie etwa PlagScan mehr oder weniger effizient ein Abgleich mit Web-Fundstellen ermöglicht wird. Man muss auch jedem Professor, der seine Sache ernst meint, heute dringend empfehlen, alle bei ihm eingereichten Arbeiten digital zu speichern und neu eingereichte Arbeiten mit den alten abzugleichen. Auch dafür gibt es Softwarelösungen, zum Teil sogar kostenlos, und einiges ist hier derzeit in Entwicklung. Die Voraussetzung ist, dass die Begutachter überhaupt ehrliche Wissenschaft wollen. Erst dann können wir über ein Weiterbildungsprogramm und ein technisches Update nachdenken.