Archiv für September 2012

Bildplagiat? Ideenplagiat?

Mittwoch, 26. September 2012

… Oder ok? Wahrscheinlich ok. Ich bin jedenfalls sehr neugierig auf das Buch.

Ein Erweiterungsvorschlag: Der “Plagiatsjäger” muss auch ein “Fake-Zitats-Jäger” sein

Donnerstag, 20. September 2012

Ich verdanke den Hinweis auf dieses Problem Hadmut Danisch, der in seinem immer lesenswerten Blog “Forschungsmafia” gleich eine Kategorisierung vorschlägt. Auch ich stelle in meiner Gutachtertätigkeit vermehrt fest (da eben auch die Methoden immer ausdifferenzierter werden): Wir haben nicht nur das Problem des “echten”, intentionalen Plagiierens (von Guttenberg bis Haferkamp – und wer hier anderes behauptet, kassiert seine fette Beamtengage fürs blanke Lügen), wir haben nicht nur das Problem des schlampig-schludrigen Zitierens (diffuser Einsatz des “Vgl.” wie bei Althusmann, unvollständige Literaturangaben usw.). Diese beiden Dinge habe ich in meiner Gutachtertätigkeit immer zu trennen versucht: Intentionales Plagiieren hier und Umschreib-Unkultur (beim “Vgl.”) bis zur Zitierschludrigkeit dort. Und wir haben nicht nur drittens das Phänomen der mangelnden Quellenseriosität, das oft vergessen wird (das Zitieren von zum Teil nicht-wissenschaftlichen [vorzugsweise Web-]Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten). Auch mit Webquellen-Sampling wurde und wird man Professor.

Nochmal die (bisherige) Systematik:

(1) Intentionales Plagiat: Fälle wie Guttenberg, Haferkamp et al. Hier wird ganz bewusst der Originaltext so umgeschrieben, dass er dem Leser als eigene geistige Leistung des “Autors” erscheint und hier werden die Quellen entweder gar nicht oder aber bewusst verschleiernd angegeben (etwa als “weiterführende Literaturempfehlung” o. Ä.). Die Täuschung ist in der Regel am Text nachweisbar.

(2) Umschreib-Unkultur beim sinngemäßen Zitat und Zitier-Schludrigkeit: Eventuell könnte man auch diese beiden Phänomene noch einmal analytisch trennen; ersteres betrifft ja den Text bzw. die Textbausteine und letzteres die Form, den Inhalt oder die Platzierung der Quellenangabe(n).

(3) Mangelnde (Web-)Quellenseriosität: Siehe den unübertroffenen Klassiker der “SuperIllu” als Referenz für statistische Daten in einer Doktorarbeit.

Ein weiteres, auch für mich analytisch relativ neues Problem sind

(4) Fake-Zitate: Zitate, deren Zweck es nur ist, dem Zitierten zu schmeicheln, deren Zweck es nur ist, Belesenheit zu demonstrieren, Zitate zu Werken, die man selbst gar nicht kennt oder womöglich sogar Zitate mit Quellen, die es gar nicht gibt, weil das Zitat samt Quelle bei jemandem abgeschrieben wurde, der schon senselben Fehler gemacht hat. Ich erinnere an die Studie “Read Before You Cite!“. Wenn ich das Ergebnis richtig verstanden habe, heißt es: Wenn meine Dissertation fünf Mal anderswo später zitiert wird, hat sie statistisch gesehen nur einer/eine auch gelesen (oder in Händen gehalten, durchgeblättert, überflogen – was heißt schon “Lesen”?). Die anderen vier haben die Literaturangabe einfach irgendwo abgeschrieben (vom Online-Katalog bis eben zu der Quelle, die mich korrekt zitiert hat). Vielleicht ließe sich hier mit Google Scholar einmal etwas checken (ein jeder für seine Veröffentlichungen).

Immer deutlicher wird, dass sich die gängigen Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten mit diesen Phänomenen kaum beschäftigt haben und beschäftigen. Meine Lehrbuchprojekt “Wissenschaftliches Arbeiten und Texten” nimmt langsam Gestalt an…

PS: Nach weiteren Journalistenanfragen bezüglich meines “Haferkamp-Abschlussberichts”, der wohl erst zu Jahresende fertig sein wird, hier noch ein weiteres Beispiel zu Haferkamps Arbeitsweise:

HAFERKAMP, Buchfassung Diss, S. 79

3.2.1 Selbstdarstellungstheorien

Als Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und ihrer verwandten Ansätze kann der Symbolische Interaktionismus nach George Herbert Mead (1934) bezeichnet werden. Seine von ihm selbst als „Selbstbehaviorismus“ beschriebene Lehre, auch als Theorie des Symbolischen Interaktionismus tituliert, geht davon aus, dass die erlernte Bedeutung, mit der ein Reiz versehen wird, bestimmend für die Art der Reaktion auf diesen Reiz ist. Diese Bedeutung wird auch als Symbol beschrieben. Symbole können über Sprache, Gesten, das Umgehen mit Gegenständen usw. vermittelt werden – sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn zu tippen, gilt z. B. als Symbol für die Geringschätzung des Interaktionspartners (Mead, 1934).

FREY/IRLE, „Theorien der Sozialpsychologie“, Band III, S. 214

2          Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und verwandte Ansätze

Meads Symbolischer Interaktionismus. […] durch George Herbert Mead (1934) an. Seine von ihm selbst als „Sozialbehaviorismus“ titulierte Lehre, auch als Theorie des Symbolischen Interaktionismus bekannt, postuliert, dass die erlernte Bedeutung, mit der ein Reiz versehen wird, bestimmend für die Art der Reaktion auf diesen Reiz ist. Diese Bedeutung wird als Symbol bezeichnet. Symbole können über Sprache, Gesten, das Umgehen mit Gegenständen usw. vermittelt werden – sich mit dem Zeigefinger an die Stirn zu tippen, gilt z. B. als Symbol für die Geringschätzung des Gegenübers.

Ich habe Frau Haferkamps Umschreibarbeit diesmal fett hervorgehoben. Zu beachten ist die Änderung von „Sozialbehaviorismus“ in (unsinnigerweise) „Selbstbehaviorismus“. Das Wort gibt es gar nicht. Zu beachten ist weiter, dass sogar die Überschrift aus dem Original in den Beginn von Haferkamps Fließtext Eingang gefunden hat (“Wegbereiter der Selbstdarstellungstheorie und ihrer verwandten Ansätze”, das stammt aus der Überschrift des plagiierten Lehrbuchs). Am Schluss der Passage wird auch noch einmal simuliert, Mead im Original rezipiert zu haben. Das ist somit auch “Umschreib-Unkultur” und “Fake-Zitat”, aber in der Summe eben mehr als bloß diese Teile: nämlich intentionales Plagiat.

Die Bummeljahre des Bundeskanzlers oder: Hat jemand studiert, wenn er nie eine Prüfung abgelegt hat?

Dienstag, 11. September 2012

“Direkt nach seiner Matura begann er an der Universität Wien Rechtswissenschaften zu studieren (nicht abgeschlossen)”, heißt es auf der Webseite seiner Partei. Zwischen Matura und Beginn der Parteikarriere liegen offenbar drei Jahre. In dieser Zeit hat Werner Faymann, amtierender Bundeskanzler meiner schönen Heimat, an der Universität Wien zwar Rechtswissenschaften “studiert”, aber offenbar keine einzige Prüfung abgelegt:

“Dazu, dass in seinen Lebensläufen das Studium der Rechtswissenschaften auftaucht, meinte der Kanzler, dass er inskribiert gewesen sei und einzelne Vorlesungen gemacht habe. Er habe aber nie angegeben, Prüfungen absolviert zu haben. Nach seiner Matura 1978 sei er in der Sozialistischen Jugend engagiert gewesen, meinte er auf die Frage, warum über diese Jahre so wenig bekannt sei.”

Quelle: ORF, Zusammenfassung des Sommergesprächs mit Faymann (Anm.: Wikipedia widmet dem “Studium [...]” gar eine Zwischenüberschrift)

Ihr werter Plagiatsgutachter will nun nicht die möglichen Bummeljahre des Bundeskanzlers kritisieren (zumal er selbst ein solches durchlebt hat). Es stellen sich vielmehr die interessanten Fragen: Hat jemand ein Fach studiert, wenn er in diesem nie eine Prüfung abgelegt hat? Und ist es moralisch vertretbar, das dann im Lebenslauf anzuführen? Was sagt uns das möglicherweise über den übrigen Lebenslauf? Wenn solche Angaben ok sind, dann neigte Ihr Gutachter bisher zu schamloser Untertreibung. Ab sofort muss dann nämlich in meinem Lebenslauf neben den bekannten Angaben stehen: “Studium der Computerwissenschaften, Genetik, Humanbiologie, Psychologie, Philosophie und Mathematik (nicht abgeschlossen).” Das klingt universalgebildet, und so verkaufe ich mich nicht mehr länger unter meinem Wert. Oder?