Archiv für Mai 2012

Schavan-Update: Wie eine Forschungsministerin wiederholt Luhmann recycelte

Sonntag, 13. Mai 2012

Es ist schon unglaublich: Schavan hat nicht nur wiederholt eindeutig plagiiert, sondern auch immer wieder halb- und viertelsatzweise bei Niklas Luhmann abgeschrieben, und zwar im Umfeld von direkten Zitaten Luhmanns. Das heißt: Auch beim vermeintlich interpretierenden Eigentext betrieb Frau Schavan Wortbrocken-Recycling von Niklas Luhmann. Eine Methode, die vielleicht im Mittelalter möglich war, wenn Gelehrte der Antike wiedergegeben wurden, aber sicher nicht in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Fundstellen finden sich auf Schavanplag Wiki, einem nach dem Vorbild von GuttenPlag und VroniPlag neu gegründeten Wiki von Martin Heidingsfelder alias “Goalgetter”. Da sich die weiteren dokumentierten Funde bislang nur auf Luhmann konzentrieren (offenbar auf Grund einer Initialzündung in diesem Blog), besteht der dringende Verdacht, dass Frau Schavan im Umfeld von zitierten Wissenschaftlern öfter, wenn nicht immer so vorgegangen ist.

Ach ja – nicht einmal hier hat Frau Schavan Luhmann korrekt zitiert, aber immerhin ihr eigenes ‘Rollenproblem’ vorausgeahnt:

“[...] wiegen Fehlhandlungen und -reaktionen schwerer, mit denen ‘ganze Rollenbereiche diskreditiert’ werden. [...] Luhmann wählt als Beispiele: ‘… wenn einem Gelehrten Plagiate nachgewiesen werden, ein Offizier Angst zeigt, ein Ehegatte untreu wird’ (ebd. S. 265).” (Annette Schavan: Person und Gewissen, 1980, S. 65)

(Danke für den Hinweis auf das Zitat an Erbloggtes. Das im Umfeld mit Abgeschriebene wurde erst von Schavanplag Wiki entdeckt.)

Quelle: Schavanplag Wiki

Schavan-Update: Vier neue Fundstellen und Quelle Nr. 26

Sonntag, 13. Mai 2012

Die Arbeit geht voran, wenn auch langsam und mühsam: schavanplag meldet vier neue Fundstellen (siehe hier, hier und hier) und eine neue Quelle. Ein interessantes Spiel wäre nun, alle weiteren neuen Fragmente nicht zu veröffentlichen und zu schauen, was die Universität “finden” wird. Dann müsste auf sie Druck gemacht werden, dass sie ihre “Funde” publiziert. Ich gehe jede Wette ein, dass da nichts über das bereits Publizierte hinaus dabei wäre!

Uni Innsbruck: Außerordentliche Professur trotz Eigenplagiats und unethischer Autorschaften

Sonntag, 13. Mai 2012

Der Fall Obwexer/Hummer an der Universität Innsbruck ist nicht nur in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Nun ist er um eine Facette reicher: Zum Vorwurf des Eigenplagiats in der Habilitationsschrift (rund ein Drittel ebendieser stimmten in der Erstfassung wörtlich und ohne jeden Hinweis mit der Dissertation des Habilitanden Obwexer überein) kommt nun auch noch mehrfache unethische Autorschaft dazu, und zwar wieder mit dem Diplomarbeits-, Doktor- und Habil-’Vater’ Hummer. Im Publikationsverzeichnis des umstrittenen Europarechtlers Obwexer macht unter anderem folgendes stutzig:

Quelle: http://www.uibk.ac.at/europarecht/mitarbeiter/downloads/publikationsliste-09_2011.pdf, S. 5

Nun heißt es aber in den “Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis” der Universität Innsbruck unter III. Regeln, Punkt 5, “Autorenschaft”:

“Die Nennung als Autorin/Autor oder Co-Autor/in hat die tatsächliche Beteiligung am Zustandekommen einer Veröffentlichung widerzuspiegeln. Eine Autorenschaft wird dann begründet, wenn jemand wesentlich zum Forschungsplan, zur Durchführung der Forschungsarbeiten, zur Auswertung und/oder Interpretation der Ergebnisse oder zur Ausarbeitung des Manuskriptes beigetragen hat. Die Leitung der Einrichtung, in der das Forschungsvorhaben durchgeführt wurde, ein Vorgesetztenverhältnis, die Finanzierung der Untersuchungen oder das Lesen des Manuskriptes können eine Autorenschaft nicht begründen. Die Universität Innsbruck lehnt zudem jede Art der Ehren-Autorenschaft (honorary authorship) strikt ab.”

Diese Regel hinderte die Universität Innsbruck offenbar nicht daran, genau das in ihren eigenen Reihen, noch dazu unter Habilitierten, zu tolerieren. Oder bedeuten die mehrfachen Hinweise in der Publikationsliste, dass man dem Duo Obwexer/Hummer auch bezüglich dieser Praxis auf die Schliche gekommen ist? Dann mag man sich langsam fragen, was hier noch alles faul ist. So oder so: Nirgendwo spielen Ethik und Redlichkeit in der Wissenschaft eine geringere Rolle als an der Universität Innsbruck.

Paraphrase und Plagiat

Sonntag, 06. Mai 2012

Gerade lese ich einen Kommentar auf der VroniPlag-Diskussionsseite zur Nicht-Publikation des Falls Schavan:

“Fakt ist, dass man entweder wörtlich zitieren sollte – mit Anführungszeichen, mit Quellenbeleg und mit Kennzeichnung jeder noch so kleinen Veränderung. Oder aber man paraphrasiert – dann ebenfalls mit Quellenbeleg und möglichst so frei, dass es keine sprachlichen Übereinstimmungen gibt. Wenn ich wissenschaftliches Arbeiten nicht völlig falsch gelernt habe, sind diese beiden Varianten legitim – alles andere nicht. Und eine Promovendin sollte dies wissen. Zumal, wenn sie es an anderer Stelle richtig macht.”

Quelle: VroniPlag-Forum

Tja, so einfach ist es. Damit ist eigentlich alles gesagt. Im Zuge meiner Gutachtertätigkeit habe ich in den vergangenen Jahren Lehrbücher zum wissenschaftlichen Arbeiten bis zurück in die 1970er-Jahre durchforstet, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und aus unterschiedlichen Disziplinen (nebenbei bemerkt: ich habe mich auch dafür interessiert, ab wann es in der Wissenschaft überhaupt die Regel gibt, dass wörtlich Übernommenes unter Anführungszeichen zu setzen ist).

Ich habe nur zwei Werke gefunden, die das leichte Umschreiben von Originalen (etwa im Sinne von: ‘Ersetze in einem Satz mit zehn Wörtern die ersten beiden’) “erlauben” oder die sogar dazu einladen: einen Lehrbehelf eines Klagenfurter Bibliothekars (mit der Entdeckung seiner Irrlehre begann für mich alles, anno 2002); dessen Lehrauftrag wurde vom Institutsleiter nach meinen Entdeckungen gecancelt (unvergesslicher O-Ton damals: “Die Studenten sind gar ned so blöd, sie lernen es falsch”). Und ein unsinniges österreichisches Buch über das Zitieren von Gesetzen, das zum Paraphrasieren im (eben falsch verstandenen) Sinne des geringfügigen Umschreibens anleitet. In allen anderen Büchern, Aufsätzen und Skripten steht (und ist immer mit Beispielen untermauert): Es soll gerade keine sprachliche Gleichheit zwischen Originaltext und Paraphrase geben. Und das steht auch schon in einem Lehrbuch aus 1976. Wer anderes behauptet, möge – etwa hier – den Gegenbeweis vorlegen!

Da der Begriff “Paraphrase” dennoch immer wieder mit “(geringfügigem) Umschreiben” assoziiert wird und zu Missverständnissen führt (vielleicht ein mittelalterliches Relikt in unserem Hirn?), habe ich wiederholt – auch schon in diesem Blog – dafür plädiert, ihn ganz aus der Wissenschaft zu streichen. Es genügt völlig, im Fall der nicht-wörtlichen Zitierung von sinngemäßen Zitaten zu sprechen, die mit “(vgl. …)” abgeschlossen werden und u. a. eine Idee, einen Gedanken eines anderen Autors wiedergeben, aber nie dessen Wortlaut.

Update: Schavan bediente sich auch bei Luhmann und Kant

Sonntag, 06. Mai 2012

Ich gestehe: Viel Zeit hat mich die Beschäftigung mit der Dissertation von Frau Schavan nicht gekostet, um zwei neue problematische Stellen zu entdecken. Frau Schavan hat in der Tat sauber gearbeitet, aber offenbar nur in einem Punkt: in der fein säuberlichen Trennung von (fast) wörtlich übernommenen Texten, die sie nicht unter Anführungszeichen gesetzt hat und von Texten, die sie unter Anführungszeichen gesetzt hat. Ihre Präzision beschränkt sich vor allem auf den Einsatz der Techniken Abschreiben ohne Anführungszeichen und Zitieren.

Auf Seite 67 leitet Frau Schavan das Kapitel 2.3 (“Das Grundrecht der Gewissensfreiheit”) mit folgenden Worten ein:

Im allgemeinen versteht man unter Gewissensfreiheit die Freiheit, nach seinem Gewissen handeln zu können. [Absatz auch in der Diss]

Luhmann vertritt nun die eher gegenteilige These, wonach die Gewissensfreiheit “…”. [es folgt ein kurzes direktes Luhmann-Zitat]

Damit sagt Frau Schavan doch, dass sie den ersten Satz selbst gesagt hat, oder? Er sagt ja etwas aus über eine Position, die Luhmann, der im Folgenden referiert wird, nicht vertritt. Deshalb ist dieser Satz auch von dem folgenden Luhmann-Zitat abgehoben. Doch der Leser wird getäuscht. Bei Luhmann steht im Original (in jenem Aufsatz, den Schavan dann zitiert):

In schöner Übereinstimmung versteht man unter Gewissensfreiheit allgemein die Freiheit, nach seinem Gewissen handeln zu können. [Aufsatz aus 1965]

Auf Seite 174 setzt sich die Ministerin mit Kant auseinander. Sie wechselt zwischen direkter Zitation und offenkundiger Kant-Interpretation. Sie schreibt etwa:

Er [der Mensch, Anm. S. W.] muß seinen Verstand aufklären über das, was Pflicht ist oder nicht, “…”. [es folgt ein kurzes Kant-Zitat]

Ja, hier steht nicht “müsse”, hier steht “muß”. Damit wird Kant nicht referiert, sondern interpretiert. Allerdings stammt auch das noch nicht unter Anführungszeichen Gesetzte schon von Kant. Der schrieb nämlich im Original:

Es liegt ihm nur ob, seinen Verstand über das, was Pflicht ist oder nicht, aufzuklären; [...].

Isoliert betrachtet, wären die beiden Funde nicht so dramatisch. Hier weisen sie aber auf eine indiskutable Methode hin – und darauf, dass die Fundgrube wohl noch weitere Überraschungen bieten wird.