Archiv für April 2011

Fünf-Jahres-Jubiläum: Plagiate statt Ostereier suchen

Donnerstag, 21. April 2011


Noch kein Wiki, aber immerhin Wickie: Akademischer Plagiatsfall anno 2006 im Netz

Es war Ostern 2006, als eine Kollegin und ich erstmals die Idee hatten, das Ausmaß eines akademischen Plagiatsfalls im Netz zu dokumentieren und zu diskutieren. Dieses Faktums gedenken wir heute fast ein wenig nostalgisch ;-). Fünf Jahre sind schon wieder vergangen, und die aktuellen PlagWikis zeigen, wie gut die Idee eigentlich war, die damals noch in den Kinderschuhen steckte und recht unbeholfen über einen Gratisprovider realisiert wurde. Das unbezahlte Plagiatesuchen und -Dokumentieren mit dem Ziel, die etablierten Institutionen von dem neuen Problem zu überzeugen – das machten wir schon damals. Und wir mussten viel Ablehnung aushalten: Ein namhafter Kollege mailte, er möchte mit dieser Form des “Anschwärzungsaktionismus” nichts zu tun haben. Der Rektor der betroffenen Universität sagte in der regionalen Zeitung, er werde “mit aller Härte gegen die Verursacher” (der Plagiatsvorwürfe) vorgehen, sollte sich herausstellen, dass diese nicht stimmten. Drei Monate später war dann auch dem letzten klar: Alles stimmte. Was es wirklich in Bezug auf die Qualitätssicherung wissenschaftlicher Arbeiten in Österreich gebracht hat, sollte mal erforscht werden.

Plagiierende und Plagiate verharmlosende Professoren als Teile des Systemproblems

Sonntag, 17. April 2011

Dass das ungeheuerliche Ausmaß des Plagiierens, das in den Wikis fortwährend akribisch dokumentiert wird, kein alleiniges Problem von (Spitzen-)Politikern ist, ist jedem Szene-Kenner bekannt. Es gibt nicht wenige Professoren, die glasklare Plagiate fortwährend relativieren, bagatellisieren oder gar ganz in Abrede stellen. Diese Leute werden oder wurden dafür gut bezahlt, wiederholt am Bruch der wissenschaftlichen Spielregeln mitzuwirken – oft auch unter Hinweis auf angebliche ‘größere’ Weltprobleme, siehe etwa zuletzt die Statements hier und hier.
Ein bislang wenig beachtetes Problem sind auch plagiierende Professoren. So hat etwa Ihr werter Plagiatsgutachter mit seinem Gutachten die Aberkennung eines Doktorgrades für eine amtierende deutsche Hochschulprofessorin initiiert (Details unterliegen meiner Verschwiegenheitspflicht). Und ein anderer Fall zeigt, wie man noch vor einigen Jahren mit Plagiats(verdachts)fällen umgegangen ist: Beschuldigte Wissenschaftler konnten ihre Karriere völlig unbeschadet fortsetzen. In dieser Rezension findet sich ein Plagiatsvorwurf gegen einen deutschen Philosophiehistoriker, in Fußnote 5 sogar der dezente Hinweis darauf, dass es sich vielleicht um einen Serienplagiator handeln könnte – analog zu anderen großen Fällen in der jüngeren deutschen akademischen Philosophie (etwa Forschner). Eine “weitgehend wortwörtliche Abschrift” von 50 Seiten am Stück durch einen Dresdner Universitätsprofessor? Nicht schlecht. Und Plagiatsfragmente ausgerechnet in einem Buch über das deutsche Promotionswesen? Unglaublich! Konsequenzen: Keine.

Die niedere Kunst des geringfügigen Umschreibens

Freitag, 15. April 2011

Nach Guttenberg, Saß, Pröfrock und Koch-Mehrin nunmehr also Fall Nummer fünf in Deutschland. Dieser wird seit einigen Stunden auf PlagiPedi dokumentiert. Vieles deutet mittlerweile auf ein hochgradig systemisches Problem hin, auf eine Epidemie.
Was zeigt das erste Handvoll Fundstellen in diesem Fall? Ganz wie gehabt: Ab- und umschreiben (meist kürzen, vereinfachen, sehr selten erweitern) statt selbst schreiben. Gekappte Referenzen, Fakten ohne Quellen. Es erinnert mich immer ein wenig daran, wenn ich beim Korrigieren studentischer Seminararbeiten im Word-Korrekturmodus einen Textbaustein markiere und ins Kommentarfeld hineinschreibe: “Beleg?” Die ‘Doktorväter’ haben das nicht, offenbar nie getan. Sie haben ihre Doktoranden einfach so dahin erzählen, das heißt abschreiben lassen. Höchstwahrscheinlich waren ihnen die ganzen Textwüsten selbst viel zu fad. Mit Wissenschaft hat das alles nichts zu tun. Eine Schande. Wir sind in einer Neuauflage der science wars angelangt, wie es aussieht. Diesmal geht es allerdings nicht um Naturwissenschaft versus Postmodernismus (wiewohl “fashionable nonsense” die Sache ganz gut treffen würde: Elegant trägt sich der Doktortitel herum, der Unsinn ist in den Buchrücken gepresst). Es geht um Wissenschaft versus Nicht- oder Pseudo-Wissenschaft. Das heißt: Es geht um viel mehr.
Wie wichtig die Arbeit der Plag-Wiki-Aktivisten ist, zeigt auch das Statement des (wie immer: emeritierten) Doktorvaters von Koch-Mehrin, der allen Ernstes die “Hoffnung” noch “nicht aufgegeben” hat, “dass die Mängel eine gewisse Bagatellschwelle nicht überschreiten”. Sofern er in der Meldung korrekt zitiert wird, offenbart das eine ganz furchtbare Auffassung von Wissenschaft und Redlichkeit, die aber auch gut erklärt, warum so viele Professoren zum Plagiatsproblem über Jahre geschwiegen haben bzw. sich der Spürsinn immer schön in Grenzen gehalten hat. Wohlgemerkt: Der Herr, der so etwas sagt, war Universitätsrektor. Noch einmal: Eine ganz große Schande.

Terrorismus im Web 2.0 oder historisches Verdienst für die Wissenschaft?

Freitag, 15. April 2011

Während die Berliner Medieninformatikerin und “Plagiatsjägerin” Debora Weber-Wulff in einem Interview mit Deutschlandradio die Aktivitäten der Plag-Wiki-Aktivisten lobt (wie dies auch Ihr werter Plagiatsgutachter bislang getan hat), äußert sich nun erstmals ein ebenso engagierter Kämpfer gegen Plagiate sehr kritisch gegenüber der aktuellen Entwicklung. Volker Rieble sagt in einem Interview mit “Focus online” folgendes:

“Aber ich verstehe auch die derzeitige Aufregung der Internetgemeinde nicht. Es herrscht ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung, wenn in unserem Land der geistige Diebstahl derart angeprangert wird, Steuerhinterziehung aber nicht. Viele der Plagiatsjäger sitzen nur zuhause in ihrem Sessel, kopieren Textstellen und geben sie bei Google ein. Auf der anderen Seite verlangen sie offenen Zugang zu allen Daten und Quellen im Internet. Da muss man sich schon fragen, ob Herz und Hirn noch zusammenpassen.”

Rieble ortet weiter politische Motive hinter der Hatz:
“Nur haben im Moment politisch Linksstehende in der Internetgemeinde die Konservativen als Zielgruppe ausgemacht.”

Schließlich relativiert er den Plagiator als (Übel-)’Täter’:
“Aber die meisten Plagiatoren sind keine Übeltäter, sondern arme Würstchen.”

Bald könnte jemand argumentieren, die Plag-Wiki-Aktivisten seien die Terroristen des Web 2.0: Um einen Politiker ‘abzuschießen’ (man verzeihe mir diese Metapher), müsse man nicht mehr, wie noch in den Siebzigern und Achtzigern, grausame irrationale Dinge tun. Es genüge heute die virtuelle Kriegsführung: der Barcode.

Wer das so denkt, darf aber nicht vergessen, dass hier (Spitzen-)Politiker als Plagiatoren enttarnt werden: als jene, die genau das getan haben, wogegen jeder seriöse Wissenschaftler seit Jahren ankämpft. Politiker als Beitragende zu einer Textkultur ohne Hirn sind jedenfalls ein riesiges Problem, und man muss ja auch die Frage nach ihren eigenen kognitiven Kapazitäten stellen dürfen, wenn man solche Arbeiten liest. Ich möchte jedenfalls nicht, dass ein Plagiator über die Zukunft meiner Kinder in diesem Land mit entscheidet und sehe deshalb den Barcode als reinigendes Symbol.

Klar ist auch (mit den Worten von Petkovic und Sokal, in diesem Blog schon öfter zitiert, siehe S. 66 hier), dass Plagiate objektivierbare Tatsachen, ‘intersubjektiv überprüfbare’ Phänomene, neue (mehr oder weniger) konsensuelle Interpretationen bzw. Beschreibungen sind (je nach Wissenschaftstheorie: Realismus, kritischer Realismus, Konstruktivismus, Nondualismus…). Dabei spielt es wohl keine Rolle, ob der Aufdecker politisch aktiv ist, sich an jemandem rächen möchte, nach einem neuen Geschäftsmodell sucht oder nur wegen chronischer Schlafstörungen zum besessenen Nachgoogler geworden ist. Oder?

Das ist im Moment die Frage. Einer der Hauptaktivisten auf GuttenPlag und VroniPlag, “Dr. Martin Klicken”, schreibt in seinem Benutzerprofil (müsste mittlerweile um Koch-Mehrin ergänzt werden):

“Da wir jetzt 3x Süddeutschland, 3x Schwarz, 3x Rechtswissenschaften hatten, würde ich mich riesig über einen Hinweis auf eine Dissertation z.B. aus der Gegend um Kiel, Informatik, Autor Sozialdemokrat freuen. Das ist kein Witz.
Durch die Bearbeitung eines solchen aussagekräftigen Hinweises könnten wir einigen den Wind aus den Segeln nehmen. “

Dass das öffentliche Aufdecken von Plagiaten in Netz-Kollaborationen so oder so weitergehen wird, zeigt sich auch daran, dass VroniPlag mittlerweile schon auf der Startseite klarmacht, längst über den Tellerrand von Veronica und Co. hinaus schauen zu wollen: “Dieses Wiki dokumentiert Plagiate in Dissertationen.”

Wo bleiben eigentlich die Statements von DFG, Wissenschaftsministerium und anderen zu dieser Entwicklung? Und wacht die Politik erst dann auf, wenn die PlagWikis zu Neuwahlen geführt haben? Themen ohne Ende für neue Bücher, Symposien, Vorträge, Streitschriften hat zumindest die Wissenschaft für die nächste Zeit… Nur: Wer hat vor lauter Nachgoogeln, Presseanfragen beantworten usw. noch Zeit für Tiefgang und Reflexion? Ihr werter Plagiatsgutachter war gestern in der architektonisch fulminanten SLUB und borgte sich 22 Bücher aus. Ein tolles Kontrasterlebnis, das jedem Tag-und-Nacht-Googler einmal verordnet werden sollte… ;-)

Neubewertung von Selbstplagiaten?

Montag, 11. April 2011

Auf eine hochinteressante Nachricht hat mich gerade der Wissenschaftsjournalist Hermann Horstkotte hingewiesen: Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität, die erst heute eine Stellungnahme zum Umgang mit Plagiaten publiziert hat und Österreichs Universitäten vor einer “falsch verstandenen Solidarität” mit Plagiatoren warnt, hat offenbar nun doch eine Verletzung der guten wissenschaftlichen Praxis in einem Fall erkannt, der schon vor einigen Jahren in den Medien aufgegriffen wurde. Der Europarechtler Walter Obwexer hat dutzende Seiten seiner Habilitationsschrift wörtlich aus seiner eigenen Dissertation entnommen, ohne darauf hinzuweisen. Horstkotte schreibt auf “Zeit online”:

“Eine geistige Etage höher, macht gegenwärtig die Uni Innsbruck eine ähnlich riskante Affäre durch. Ein Jurist stützte seine Habilitationsschrift für den Hochschullehrerberuf ohne jeglichen Hinweis zu fast einem Drittel auf seine frühere Doktorarbeit. Im laufenden Prüfverfahren wurde die vorliegende Qualifikationsschrift durch eine Neufassung mit den nötigen Nachweisen ersetzt. Die offizielle ‘Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität’ sieht mit Bescheid vergangener Woche darin ‘die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis verletzt’.”

Das ist eine durchaus erstaunliche Einschätzung. Bislang hat man bei solchen Formen des Selbst- oder ‘Autoplagiats’ immer ein Auge zugedrückt, hier waren offenbar der Umfang der Übernahme und das akademische Level einer Habilitationsschrift entscheidend. Die Universität Innsbruck ließ aus Anlass des Falls Obwexer ein Gutachten im eigenen Haus erstellen (erschienen als Paper 2009), das sich mit der Unhaltbarkeit des Begriffs des Selbstplagiats beschäftigt. Die Rüge der ÖAWI scheint dem zu widersprechen, und streng genommen hätte die Universität Innsbruck, auf der übrigens auch ein emeritierter Geologe gerne mal sehr ordentlich plagiiert (aber nicht von sich selbst, sondern schön von anderen), dann schon ihren nächsten Fall: Auch ORF-Starmoderator Armin Wolf hat in seiner in Innsbruck approbierten Dissertation mindestens 25 Seiten unzitiert und unbelegt aus seiner eigenen Diplomarbeit übernommen (das habe ich selber schon vor Jahren überprüft). Wo und wie ziehen wir die Grenze?