Archiv für März 2011

VroniPlag Wiki funktioniert – Eine erste kleine Plag-Wiki-Bilanz

Dienstag, 29. März 2011

Respekt! Über Nacht hat die Netzgemeinde auf 47 Seiten der Dissertation “Regulierung im Mobilfunk” von Veronica Saß Plagiatsstellen gefunden. Dies ist ein geeigneter Zeitpunkt, einmal eine erste vorläufige Plag-Wiki-Bilanz zu ziehen.

* Begonnen hat alles mit dem fulminanten Erfolg von GuttenPlag Wiki, das am 17. Februar 2011 gegründet wurde, maßgeblich am raschen Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg beteiligt war und mit heutigem Datum 2.277 Seiten umfasst – Aktivität ungebrochen.

* Auf PlagiPedi Wiki wurden in der Folge mehr als 100 Arbeiten von Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Interesses vermerkt und verlinkt, die auf Plagiate überprüft werden sollen, darunter etwa auch meine eigene Doktorarbeit. (Anm.: Das hat mich sehr gefreut, weil aus ihr ja bereits drei Mal abgeschrieben wurde und zwei Plagiatoren in der Folge ihren akademischen Grad rechtskräftig verloren haben. Ich habe mir freilich nie die Mühe gemacht, sie komplett durchzugoogeln, deshalb wäre es toll, wenn vielleicht ein weiteres Plagiat meiner Dissertation entdeckt werden würde.) PlagiPedi Wiki (der Name resultiert aus einem ursprünglichen Tippfehler, es hätte PlagiPedia heißen sollen) hat derzeit 162 Seiten. Das Projekt hat sich wahrscheinlich zu viel vorgenommen – Zukunft ungewiss.

* Kurz darauf wurde vermutlich von englischen Studierenden das Saif Al-Islam Gaddafi Thesis Wiki gegründet. Das Wiki umfasst derzeit zehn Seiten und dokumentiert bislang 18 Plagiatsstellen von unterschiedlichem Schweregrad in der Dissertation des Gaddafi-Sohnes. Das mediale Echo war außerhalb Großbritanniens eher gering.

* Am 6. März 2011 wurde in Österreich – unter anderem von Ihrem werten Plagiatsgutachter – die “Initiative Transparente Wissenschaft” gegründet (auch “AntiPlag Austria”), die sich zum Ziel gesetzt hat, zu einem “Wikileaks für die Wissenschaft” zu werden, eventuell einmal auch über Österreich hinaus. Das Wiki befasst sich auch, aber nicht exklusiv mit der umstrittenen Dissertation des EU-Kommissars Johannes Hahn, in der auf bislang zwölf Seiten plagiatsverdächtige Stellen gefunden wurden. Das Wiki selbst umfasst derzeit 23 Seiten.

* Am 28. März 2011 wurde schließlich VroniPlag Wiki gegründet. Das Wiki umfasst bislang sechs Seiten, aber schon nach einer Nacht wurden auf 47 Seiten der hier diskutierten Dissertation Plagiatsstellen gefunden.

Wie wird es weitergehen? Viele Einzelinitiativen und -Wikis pro fraglicher akademischer Arbeit, oder eine Art ‘kollektive Task Force Plagiate’?

Und noch ein Hinweis: Wer in Zeiten allgegenwärtiger Plag(i)-Wikis immer noch schwindeln möchte, der findet hier einen Anbieter eines Komplettpakets: akademisches Ghostwriting, Formatierung und sogar Plagiatsprüfung (schon ab 25 Euro) aus einer Hand. Na, wer sagt’s denn: Konkurrenz belebt!

VroniPlag Wiki gegründet – ob es wieder funktionieren wird?

Montag, 28. März 2011

Der Titel des neuen Wikis ist schon mal sehr originell. Wenn ich es richtig einschätze, ist die neue Plagiatsaffäre den Massenmedien, auch der Qualitätspresse, zunächst weitgehend egal. Dann stellt sich die Frage, ob sich genügend Netznutzer über die netzeigenen Kanäle aufraffen werden – schade wäre es, wenn’s nicht ein zweites Mal klappen würde.
Die Süddeutsche Zeitung berichtete schon am 23. März von einem neuen Plagiatsfall an der Universität Konstanz. Ein ganzes Kapitel im Umfang von 40 Seiten sollte weitgehend abgeschrieben worden sein – aus drei im Internet verfügbaren Aufsätzen. Handelt es sich um dieselbe Arbeit? Auch die Universität Konstanz hat am 25. März bereits eine Erklärung abgegeben. Wenn wir von ein und derselben Arbeit sprechen, könnte es schnell eng werden für die Autorin. Interessant ist der Hinweis der Universität Konstanz, dass der Plagiatsvorwurf bereits seit 14. Februar 2011 auf dem Tisch liege. Zur Erinnerung: Das war zwei Tage vor Beginn der öffentlichen Guttenberg-Enthüllung.

Nächste Dissertationsaffäre nach Guttenberg braut sich zusammen

Montag, 28. März 2011


Aus dem Original, Diskussionspapier, Universität der Bundeswehr Hamburg, 2003, S. 1

Aus der Doktorarbeit, Universität Konstanz, 2008

Waren die Causa Guttenberg und das Ausmaß des Plagiats ein Einzelfall? Alle Universitäten aller Länder der Welt haben ein Plagiatsproblem. Aber Deutschlands Universitäten haben langsam ein Imageproblem, falls sich nunmehr tatsächlich das “Muster Guttenberg” wiederholen sollte.
Die Fakten: Eine Autorin (Name, Herkunft und etwaige Parteizugehörigkeit für die Plagiatsdetektion irrelevant – vielleicht aber nicht für die öffentliche Diskussion) promoviert an der Exzellenz-Universität Konstanz in Rechtswissenschaft. Die Arbeit “Regulierung im Mobilfunk” wird 2008 angenommen, Erst- und Zweitbegutachter sind wieder zwei namhafte deutsche Rechtswissenschaftler: Georg Jochum und Kay Hailbronner. Die Arbeit erscheint 2009 im LIT-Verlag, sie ist als Volltext bei Google-Buchsuche abrufbar.
In einem Blog werden am 26. März Vorwürfe publik gemacht, die Autorin hätte unzitiert abgeschrieben. Noch sind es (erst?) einige Stellen. Ich habe mir einen Fund angesehen (siehe Abbildungen), der Vorwurf stimmt. Etwas versteckt im Blog finden sich die Links zu den Originalen (unter der Tabelle mit den Textvergleichen). Was noch nicht im Blog steht: Es wurde beim oben abgebildeten Fund nicht nur der Fließtext, sondern auch die Fußnote 1 des Originaltexts von Jörn Kruse mitkopiert – damit ist das Plagiat intentional, Guttenberg lässt grüßen.
Was ist nur los? Ich wiederhole meine Forschungsfrage: Wie viele Arbeiten dieser Art wurden (ab-)geschrieben, und wann werden Doktorarbeiten endlich kürzer und müssen die Autorinnen und Autoren wieder selbst schreiben?
Ich kann nur hoffen, dass die Netzgemeinde ein zweites Mal aktiv werden wird, denn ansonsten droht wieder die bislang oft übliche Vertuschung.

Fischer-Lescano und die Bauernopfer-Referenz

Montag, 21. März 2011

Plagiieren und Paraphrasieren sind objektive Tatbestände. Plagiate widersprechen den wissenschaftlichen Grundregeln, Paraphrasen sind mehr als unschön, insbesondere dann, wenn vom Original noch kurz vorher korrekt zitiert wurde. Dieses Spiel heißt, wie schon oft hier im Blog erwähnt, die “Bauernopfer-Referenz” (ein Begriff von Benjamin Lahusen): Jemand zitiert aus einer Quelle korrekt mit Anführungszeichen, schreibt dann seinen eigenen Fließtext weiter – so sollte man zumindest denken. Allerdings ist dann auch dieser Fließtext mehr oder weniger stark am Original angelehnt. Das geht nicht in der Wissenschaft.

Funde dieser Art müssen objektiv und vorurteilsfrei diskutiert werden. Dabei ist es völlig egal, ob es Guttenberg-Gegner oder -Befürworter, Guttenberg-Enthüller oder -Abwiegler trifft. Bereits am 6. März hat auf PlagiPedi-Wiki jemand einen meines Erachtens sehr interessanten Hinweis bezüglich der Dissertation von Andreas Fischer-Lescano gepostet, dem offenbar bislang noch niemand nachgegangen ist:

Autopoiese-Verdacht tritt also etwa dann auf, wenn die Selbstbeschreibungen des Rechts eine Rechtsquellenlehre entwickeln und praktizieren (…). Dann werden Rechtsnormen durch Verweis auf Rechtshandlungen definiert, also Systemkomponenten durch Systemkomponenten ‘produziert’.
(Teubner 1987, S. 111 f.)

Von einem autopoietischen Recht kann also erst dann gesprochen werden, wenn die Selbstbeschreibungen des Rechts sekundäre Normen entwickeln, Rechtsnormen auf Rechtshandlungen verweisen und damit Systemkomponenten durch Systemkomponenten produziert werden.
(Fischer-Lescano 2005, S. 119 f.)

Ich habe mir die Passage bei Fischer-Lescano auf Libreka angesehen. Vor dem inkriminierten Text Fischer-Lescanos wird Teubner mit Anführungszeichen zitiert. Dann folgt Fließtext Fischer-Lescanos. Das Original Teubners wird etwa hier auf S. 84 zitiert. Der Vergleich ist eindeutig. Ein Urteil traue ich mir sogar inhaltlich zu, weil ich selbst zur Autopoiesis-Theorie Maturanas und Luhmanns genug publiziert habe – Teubner vertritt hier im Gegensatz zur orthodoxen Systemtheorie einen gradualisierten Autopoiesis-Begriff, den Fischer-Lescano durch das Abschreiben unhinterfragt übernimmt.

Offenbar hat auch Fischer-Lescano eine “Bauernopfer-Referenz” eingesetzt, er hat also stark paraphrasiert oder – wenn wir streng sein wollen – plagiiert. Das ist nicht schön, das sollte er nicht – niemand. So oder so.

Empirisch interessiert mich langsam: Wie viele Wissenschaftler texten eigentlich nach diesem Prinzip, das, wenn massiv eingesetzt, auch schon Titelaberkennungen zur Folge hatte? Wo und wie ziehen wir nun, nach diesem neuerlichen Fund, die Grenze?

Flucht nach vorne an der Uni Wien – Fragen zu einem gutachterlichen Schnellschuss

Sonntag, 13. März 2011

Auf Druck der vor einer Woche neu gegründeten “Initiative Transparente Wissenschaft” und einiger Printmedien hat die Universität Wien nunmehr selbst die Dissertation von Johannes Hahn im Volltext sowie auch das umstrittene Entlastungsgutachten des Züricher Philosophen Peter Schulthess online gestellt. Dies darf einerseits als erster Etappensieg der “Initiative Transparente Wissenschaft” gewertet werden, andererseits sollte nun aber auch ein offener Dialog über die auf den Tisch gelegten Fakten stattfinden.
Ich habe der Universität Wien am 12. Juni 2007 dieses und dieses Dokument übermittelt. Den Plagiatsvorwurf erhob ich erstmals nach dem Fund der halben von Mitscherlich übernommenen Seite, die weder mit Anführungszeichen gekennzeichnet noch mit einer Fußnote belegt ist. Der Gutachter wertet diese Passage auf Seite 4 seiner Stellungnahme so:

“(…) so dass dann zusammen mit der Tatsache, dass sehr oft auch mit Anführungszeichen zitiert wird, aus dieser Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text der Eindruck eines Plagiates entstehen kann (z.B. S. 201f, 203f). Dazu ist entschieden zu bemerken, dass die Nicht-Kennzeichnung des Zitats nicht lege artis ist (…).” (Aus dem Gutachten von Peter Schulthess, S. 4)

In einer sehr wohlwollenden Interpretation, nämlich der von Schulthess, entsteht an den inkriminierten Stellen nur der “Eindruck eines Plagiates”, aber es ist ‘in Wirklichkeit’ keines. In einer etwas strengeren Auslegung (wir sprechen hier, zur Erinnerung, von der Doktorarbeit eines zum Zeitpunkt der Diskussion im Amt befindlichen Wissenschaftsministers) könnte es sich aber auch um Plagiate handeln, wobei der Eindruck entstehen soll, dass sie keine sind, da ja an anderer Stelle wieder korrekt oder auch unzureichend zitiert wird. In der Plagiatsforschung heißt dieses Spiel die “Bauernopfer-Referenz“. Dies wird zu klären sein, und das wird wohl der Knackpunkt der Debatte werden: Findet man weitere solche Passagen, und wie werden diese im Kontext der gesamten Arbeit zu interpretieren sein?
Weitere offene Fragen sind:
- Wie war es möglich, dass ich die neuen Funde am 12. Juni 2007 der Universität Wien übermittelt habe und das Gutachten mit 21. Juni 2007 datiert ist? Herr Schulthess hatte also maximal neun Tage für das Gutachten Zeit, ein erstaunlich kurzer Zeitraum.
- Hat Herr Schulthess das Gutachten ehrenamtlich oder gegen Honorar verfasst? Wenn Letzteres: Wie hoch war das Honorar?
- Hätte die Universität Wien nach dem Hinweis auf die “Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text” und den “Eindruck eines Plagiates” nicht eine Komplettprüfung der Arbeit veranlassen müssen (in einem ähnlichen Fall, Diplomarbeit von Herrn S., wurde nach meiner Anzeige der akademische Grad recht rigoros aberkannt, ich wertete meine Funde damals als weniger umfassend als bei Hahn)? Oder zumindest ein Zweitgutachten einholen?
- Ist es überhaupt üblich und sinnvoll, dass sich ein Gutachter nur mit inkriminierten Passagen beschäftigt, aber nicht die Arbeit insgesamt beurteilt?
Überdies müsste die Universität Wien die damals gültige Promotionsordnung sowie die Zitierregeln, die für Hahn gegolten haben, offenlegen. Und da sind wir wieder beim Anliegen: Wir brauchen ein Wikileaks für die Wissenschaft, sollte die Uni Wien nunmehr nicht auch weiter für Transparenz sorgen.