Archiv für Februar 2011

Professur auch nach plagiierter Diplomarbeit und widerrufenem Grad?

Sonntag, 27. Februar 2011

Was soll diese Überschrift denn? So was gibt es in Deutschland doch nicht, oder? Nein, ist auch auf Spiegel-Online zu lesen, na Gott sei Dank:

“Nach einem Fehlverhalten wie bei Guttenberg käme niemand mehr an ‘verantwortliche Positionen in der Wissenschaft, eine Karriere wäre ausgeschlossen’.”

So beschreibt Ernst-Ludwig Winnacker, ehemaliger Präsident der DFG, die offenbar stets funktionierenden Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft auf Spiegel-Online. Vielleicht ist Winnacker da doch ein bisschen zu idealistisch gewesen, oder betriebsblind. Wir wollen mal an eine etwas unangenehme Wahrheit erinnern. Da gab es vor gar nicht allzu langer Zeit im Ösi-Land einen Fall, der dort auch recht groß in die Schlagzeilen kam, war er doch so ungewöhnlich. Ihr werter Plagiatsgutachter fand 2006 in einer Diplomarbeit mit dem sensationellen Titel “Wickie und die starken Männer – TV-Kult mit Subtext” fast 40 Prozent Gesamttextanteil, der plump und dreist aus dem Web und aus einigen Büchern kopiert worden war, mit kleinen Änderungen hier und dort. Es war – kurz gesagt – eine Plagiatscollage der Marke Guttenberg. Die Autorin, damals Assistentin für Medienwissenschaft, wurde entlassen, ihr Grad wurde aberkannt. (Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass die fristlose Entlassung aus formaljuristischen Gründen später in eine einvernehmliche Kündigung umgewandelt wurde.) Doch dann die angeblich “ausgeschlossene” akademische Karriere: Neue Diplomarbeit, neue Doktorarbeit, und nun sogar FH-Professorin in Fulda – mit Zuständigkeit unter anderem für “Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten”.
Keinesfalls möchte Ihr werter Blogger die frischgebackene FH-Professorin angreifen (sie wird aus ihrer Vergangenheit hoffentlich gelernt haben), es geht ihm ausnahmslos darum, dass Herr Winnacker auch nicht ganz die Wahrheit gesagt hat. Wie so viele derzeit, übrigens.

Plagiarismus-Wikis als neues Tool zur Qualitätssicherung

Freitag, 25. Februar 2011

Wir erleben gerade eine kleine (für mich große!) Revolution im Bereich der Entdeckung und Veröffentlichung wissenschaftlichen Fehlverhaltens – derzeit noch eingeschränkt auf Plagiarismus. Das GuttenPlag-Wiki, Idee eines genialen Anonymus, war offenbar der Startschuss für weitere Initiativen dieser Art, die sich nun im Netz ausbreiten. Hier sind etwa Arbeiten zahlreicher Politikerinnen und Politiker aufgelistet, die auf Plagiatsstellen untersucht werden sollen. Und Telepolis berichtet über ein weiteres bereits aktives “Crowd-Prüfungs-Wiki” (es bedarf noch eines schöneren Begriffs für diese Entwicklung). Wird sich der Erfolg des GuttenPlag-Wikis wiederholen, oder war dieses Zusammentreffen von breiter Medienbericherstattung und kollektivem Spürsinn historisch einmalig? Es sind wieder spannende Zeiten!

Und noch ‘n Guttenberg-Plagiat… Aber wer hat diesmal von wem abgeschrieben?

Mittwoch, 23. Februar 2011


Aus der Webseite von Herrn Guttenberg


Aus der Webseite von Herrn Thering (auch CDU, allerdings Hamburg)

Doktorarbeiten mit Höchstnote entpuppen sich als jenseitig plumpe Internetcollagen mit minimaler “Editierarbeit”, die gegen alle Regeln des wissenschaftlichen Handwerks verstoßen. Und nun auch das noch: Plagiate (auch im nicht-wissenschaftlichen Kontext gibt es Plagiatsbegriffe!) auf Selbstdarstellungs-Webseiten von Politikern. Die beiden Screenshots sprechen eine recht deutliche Sprache: Schon wieder Copy & Paste. Entwickelt sich auch der – da austauschbar gewordene – Politsprech zu einer Textkultur ohne Hirn? Ja, ein Plagiats-Wiki (Stichwort “Plagipedia”) wird wohl kommen. Da werden dann Dinge zutage gefördert werden, die für Erstaunen und auch Entsetzen sorgen könnten. Oder auch Dinge wie dieses Beispiel hier, die eigentlich eher ab in die Comedy gehörten…

Nicht nur Guttenberg sollte abdanken

Donnerstag, 17. Februar 2011

“Nach den Übereinstimmungen, die bisher nachgewiesen wurden, muss man jedenfalls sagen: Der Artikel aus der NZZ zur Invocatio Dei im EU-Parlament, den Guttenberg wohl komplett und ohne Kennzeichnung übernommen hat, ist ein Langzitat ohne Urhebernachweis, also Plagiat im Sinne des Urhebergesetzes. Bei den beiden anderen Autoren sind zwar wörtliche Übernahmen nicht als Zitate gekennzeichnet, aber es wird auf den Autor hingewiesen. Das ist jedenfalls nachlässig, aber eher nicht entziehungsrelevant.”

Sollte Wolfgang Löwer, Sprecher des DFG-Ombudsman(n)s für die Wissenschaft, das gegenüber der “Welt” tatsächlich so gesagt haben, ist auch dessen Rücktritt fällig, und zwar rasch.
Das Zitat zeigt ja überdeutlich, dass die DFG aus dem Krebsforscherskandal trotz Implementierung des Ombudsman-Systems an Universitäten bis heute überhaupt nichts gelernt hat und weiter nur rhetorisch verharmlost wird, wo sich gerade ein riesiger Fälschungsskandal zusammenbraut. Es wird rückblickend die Rolle von jedem neu zu beurteilen sein, der hier von “bloß schlechter Wissenschaft”, “Nachlässigkeit” und Ähnlichem statt von einer einzigartig plumpen Täuschung spricht. Vielleicht sollte Herr Löwer mal GuttenPlag besuchen.

Einmalige Dynamik: Kollaborative Dokumentation der Guttenberg-Plagiate im Netz

Donnerstag, 17. Februar 2011

So etwas hat es noch nicht gegeben: Der Fall Guttenberg wird nun nicht von verschwiegenen Gremien der Universität Bayreuth und der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgeklärt, sondern kollaborativ im Netz. Die Liste der Übereinstimmungen umfasste bereits heute in der Früh 23 Seiten und wird wohl in den nächsten Stunden und Tagen noch deutlich wachsen.
Man muss sich das einmal vorstellen: Offenbar enthält die Arbeit erdrückend viele Plagiate, und dennoch spricht ein Jurist davon, das sei alles “eher nicht entziehungsrelevant“, obwohl Abschreiben schon ein Fehlverhalten sei…