Archiv für das Jahr 2011

Ideal für Copy-Paste: Heiße-Luft-Neusprech

Freitag, 09. September 2011

Ihr werter Plagiatsgutachter hatte unlängst nichts Besseres zu tun, als sich für die Headhunter-Branche zu interessieren. Er fand ein Unternehmen, und er las auf dessen Website den folgenden schönen Satz (ohne Anführungszeichen):

Der Mehrwert aus unserer Beratungsarbeit sind, neben messbaren und gewinnwirksamen Ergebnissen, qualitative Verbesserungen durch effiziente Organisationsstrukturen und Prozesse und ein Controlling über die Projektarbeit hinaus.”

Wie allgemein bekannt, hat Ihr werter Plagiatsgutachter einen in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten höchstens unter “Zwangsstörung” erfassten Tick: Er muss immer alles nachgoogeln. So auch hier. Und siehe da:

Der Mehrwert der umsetzungsorientierten Arbeit der Unternehmensberater sind messbare und gewinnwirksame Einsparungen im Einkauf und in der Beschaffung. Qualitative Verbesserungen entstehen durch effiziente Organisationsstrukturen, gezielte Mitarbeiterschulungen und ein Controlling über die Projektarbeit hinaus.” (Überschneidungen fett)

Der Dresdner verspricht: “Ein attraktives Einsparungspotenzial, das kurzfristig erschlossen werden kann und den Klienten nachhaltige Wettbewerbsvorteile verschafft.” Die international tätige Gruppe verspricht: “Ein attraktives Einsparungspotenzial, das kurzfristig erschlossen werden kann und nachhaltige Wettbewerbsvorteile schafft.”

Und noch schöner: Variante Dresden:
“Managing Partners’ Zielsetzung ist es, die Beschaffungsaufwendungen ihrer Klienten für die speziellen Bedarfe und die Allgemeinkosten – ohne Abstriche in punkto Qualität und Zuverlässigkeit – signifikant zu senken. Der Unternehmensbedarf wird analysiert, Ausschreibungen und Verhandlungen werden in Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern durchgeführt und liefern beachtliche Ergebnisse.”

Variante anderes Unternehmen:
“Zielsetzung ist es, die Beschaffungsaufwendungen für die speziellen Bedarfe und die Allgemeinkosten – ohne Abstriche in punkto Qualität und Zuverlässigkeit – signifikant zu senken. [...] Parallel wird der Unternehmensbedarf analysiert, Ausschreibungen und Verhandlungen werden in Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern durchgeführt und liefern beachtliche Projektergebnisse.”

So werden also die Textbrocken von Headhunter zu Headhunter, von Consulter zu Consulter ein wenig verschoben. Aber was sagen uns eigentlich diese Texte inhaltlich?

Das große Scannen oder: Ehrendoktorat für Guttenberg!

Montag, 08. August 2011

Blicken wir mal zurück: Noch 2010, im Jahre vor Guttenberg, waren Kollegin Debora Weber-Wulff – schon länger präsent mit eigenem Webportal und Blog – und Ihr werter Plagiatsgutachter alleine auf weiter Flur. Dann kam Guttenberg, und neue Spieler wie “PlagDoc” oder “Dr. Martin Klicken” traten auf den Plan und förderten ziemlich Unschönes zutage.
Mittlerweile ist eine Entwicklung zu beobachten, dass der “Plagiatsjäger” (schöner wäre freilich immer: “Plagiatsdetektor” oder “Plagiatsgutachter”) tatsächlich ein neues Berufsfeld werden könnte, und ich freue mich, als einer der ersten dabei gewesen zu sein ;-). (Übrigens predige ich schon länger, dass die Welt etwa genug “Event Manager” hat und wir mal mehr “Content Quality Checker” bräuchten…)
Ein kleiner Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

- Der mittlerweile als Martin Heidingsfelder geoutete, illustre “Goalgetter” bietet in seinem Xing-Profil bereits die “Begutachtung wissenschaftlicher Texte” und die “Plagiatsprüfung” an.

- Uwe Kamenz, Autor des vielbeachteten Buchs “Professor Untat”, will sich nun auch an der Plagiatsjagd beteiligen. Den Medien gegenüber kündigt er Großes an, was zu begrüßen ist. Auf der entsprechenden Webseite “PolDiss” ist es hingegen noch äußerst ruhig, aber vielleicht wissen wir im Herbst dann mehr – etwa, ob nicht doch auch Helmut Kohl zumindest paraphrasiert hat?

- Initiativen wie “Doktorarbeiten-Domino” oder das ebenfalls von Kollegin Weber-Wulff ins Leben gerufene GottiPlag Wiki sind weiter erwähnenswert.

- Und auch in der Bloggerszene tut sich Einiges: “De Plagio” oder “Guttengate” sind 2011 neu entstandene und immer lesenswerte Blogs zum Thema.

Wenn Ihr werter Plagiatsgutachter im Moment die Zeit hätte, würde er sofort ein großes DFG-Projekt zu “Einsatz und Effizienz kollaborativer Web-2.0-Plattformen zur Plagiatsdetektion in den textorientierten Wissenschaften” beantragen (Bewilligung dann bitte ASAP!). Oder ein nächstes Wiki zum Plagiatsfall Putin gründen (man lese und staune über deutliche Parallelen zum Fall Guttenberg). Oder endlich Dissertation und Habilitationsschrift von Papst Kardinal Ratzinger durchackern. Außerdem braucht VroniPlag dringend eine Basisfinanzierung, am besten über eine Stiftung, denn die nächtliche Selbstausbeutung ist mittlerweile eine Absurdität. Und einige fordern bereits einen bundesweiten “Anti-Plagiats-TÜV”. Und und und… Es ist so vieles in Bewegung im Moment. Der Mann, dem wir das alles zu verdanken haben, sollte nicht leer ausgehen: Ich optiere für ein Ehrendoktorat für Guttenberg wegen seiner besonderen Verdienste um die Qualitätssicherung der deutschen Wissenschaft! Und ich hoffe, ich habe nun nicht das Thema seines angekündigten Buches vorweggenommen…
PS: Ihr werter Gutachter und Blogger ist mit Gutachteraufträgen bis Jahresende eingedeckt. Ideenplagiate aus diesem Blogeintrag sind nicht nur deshalb herzlich willkommen!

Die TU Dresden und das (oder ihr?) Plagiatsproblem

Donnerstag, 04. August 2011

“Plagiatsvorwürfe sind bei uns sehr selten”, sagt der ehemalige Rektor und heutige Ombudsmann für die saubere Wissenschaft an der TU Dresden in einem lesenswerten Artikel in der Sachsen-Ausgabe der heutigen “Zeit”. Und der ehemalige Dekan ergänzt, es habe überhaupt nur einen einzigen Fall gegeben, nämlich den “Fall” Wöller.
Ich habe unlängst drei Hauptprobleme bei der wissenschaftlichen Textqualitätssicherung benannt, deren Identifikation wir primär den Dokumentationen auf GuttenPlag und VroniPlag zu verdanken haben:

(1) Print- und Online-Plagiarismus/’Hardcore-’ bzw. ‘echter’ Plagiarismus im Stile Guttenbergs: Hier handelt es sich klar um Vorsatz, Täuschung, Betrug, Erschleichung etc.

(2) Eine Umschreib-Unkultur, meist auf dem falschen Einsatz von “Vgl.” basierend, im Stile Althusmanns: Hier handelt es sich womöglich nicht um bewusste Täuschung, sondern um (grobe) Fahrlässigkeit oder Unkenntnis; aber auch diese Technik führt zu Redundanz, bedeutet keinen wissenschaftlichen Fortschritt und steht im Widerspruch zu Promotionsordnungen.

(3) Das Problem der mangelnden Quellenseriosität durch die zunehmende Zitation nicht-wissenschaftlicher Quellen zur Faktenvermittlung in wissenschaftlichen Arbeiten (“Super Illu” lässt grüßen).

Analytisch und zum Zwecke der empirischen Erforschung kann man die drei ‘Baustellen’ trennen. Praktisch treten sie oft gemeinsam auf. Selbstverständlich finden sich etwa in der Doktorarbeit Guttenbergs alle drei Probleme (Schwerpunkt bei (1)), wie auch bei Chatzimarkakis (Schwerpunkt bei (2)). Bei Althusmann ist es hingegen etwa fraglich, ob (1) zu identifizieren ist, ebenso nach dem derzeitigen Stand der Dinge bei Wöller.
Warum diese kleine Systematik? Nun, weil mir zu allen drei Punkten sofort Vorwürfe gegenüber Wissenschaftlern der TU Dresden einfallen (die allerdings nicht ich erhoben habe). Insofern wundert es mich, dass in der heutigen “Zeit” alle Verantwortlichen so tun, als gäbe es das Problem an der TU Dresden so gut wie nicht bzw. habe es in der jüngeren Vergangenheit nur einen Vorwurf gegeben.

Ad 1: Ein schwerwiegender, da offenbar mehrere Werke betreffender Plagiatsvorwurf gegenüber einem (mittlerweile emeritierten) Dresdner Philosophiehistoriker findet sich in den Fußnoten 5 und 6 dieser 2002 erschienenen Rezension. Ich copypaste:

“Wollgast hat seine 1997 erschienene Reprintausgabe der gesammelten Werke Gabriel Wagners (1660-1717) mit einer Einleitung versehen, bei der es sich um eine ‘weitgehend wortwörtliche Abschrift’ einer über 50 Seiten langen Passage aus einem Buch von 1961 handelt, vgl. die Rezension von Detlev Döring, in: Theologische Literaturzeitung 123 (1998), Sp. 883-885.
[...] Die Passage S. 144 f. zur Absentia-Promotion von Karl Marx in Jena 1841 ist sprachlich abhängig von: Erhard Lange, Ernst-Günther Schmidt, Günter Steiger, Inge Taubert, Die Promotion von Karl Marx – Jena 1841. Eine Quellendedition, Berlin 1983, S. 29 ff. Eine Reihe von trefflichen Formulierungen aus dem Aufsatz von Hanspeter Marti, Der wissenschaftsgeschichtliche Dokumentationswert alter Dissertationen. Erschließung und Auswertung einer vernachlässigten Quellengattung der Philosophiegeschichte – Eine Zwischenbilanz, in: Nouvelles de la Republique des Lettres, 1981-1, S. 117-132, hier S. 126, hat Wollgast zweimal verwertet, ohne den Aufsatz zu zitieren: In seinem Buch S. 108 f. und in seinem Aufsatz, Zur Geschichte des Dissertationswesens in Deutschland im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 32 (1999), S. 5-41, hier S. 34 f., der weitestgehend mit den entsprechenden Teilen des Buches übereinstimmt.”

Ist die TU Dresden diesen Vorwürfen zu “Amtszeiten” des Professors nachgegangen? Hat es ein Verfahren gegeben? Wie war dessen Ausgang?

Ad 2: Der Vorwurf des zumindest sehr unsauberen Zitierens gegenüber einem Dresdner Rechtswissenschaftler wurde von Volker Rieble in seinem – allerdings mittlerweile eingezogenen – Buch “Das Wissenschaftsplagiat”, S. 28 f. erhoben. Rieble spricht hier von einem “übersehen[en]“, “diskret gehandhabt[en]” Fall:

“[...] die teils wortwörtlichen Übernahmen werden aber nicht durch Anführungszeichen als Fremdtext gekennzeichnet und auch bei den Umformulierungen ist die Anlehnung abschnittsweise derart stark, daß die eigene Leistung des Abschreibers insoweit nicht erkennbar wird.” (Rieble 2010, S. 28 f.)

Der hier Beschuldigte ist immerhin Dekan an der TU Dresden. Zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt – das ist hier nicht der Punkt. Entscheidend ist vielmehr, dass es im Falle einer Prüfung eben auch einen “Fall” gegeben haben müsste, was aber in Abrede gestellt wurde.

Ad 3: Mit Sicherheit nicht das einzige Beispiel: Man vergleiche einmal Seite 12 dieser Powerpoint-Präsentation – den Satz “Deutschland gilt als ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt (Bildung ‘made in Germany’)” – mit diesem Spiegel-Online-Artikel – nämlich mit dem Satz “Dabei könnte eigentlich alles gut sein, die Bundesrepublik ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt: Bildung made in Germany hat einen guten Ruf.” Auch das ist ein gutes Beispiel für eine Tendenz zur Textkultur ohne Hirn mit fragwürder Referenz(un)kultur (nichts gegen den “Spiegel”, aber Wissenschaft ist Wissenschaft und Massenmedien sind Massenmedien, nicht nur bei Luhmann).

Das Problem ist also wohl überall, und keine Universität sollte so tun, als sei sie nicht betroffen. Das ist schlichtweg verlogen gegenüber der Öffentlichkeit.

Dissertationsplagiatsverdacht erstmals in österreichischem Wiki gemeldet

Montag, 01. August 2011

Wer hätte damit noch gerechnet: Auch im Land der inner- und außerakademischen Wurschtigkeit gibt es einen ersten im Wiki gemeldeten Verdachtsfall. Ich habe mir freilich vor dieser Meldung erlaubt, die erste (und wohl eindeutigste) Stelle zu überprüfen, und siehe da: Sie stimmt. Nun stellt sich die Frage, ob das in Österreich irgend jemanden interessiert. Freilich würde ich mir eine Dynamik wie in Deutschland – mit GuttenPlag und VroniPlag – auch in Österreich wünschen. Aber bislang war dort alles eine Stefan-Weber-Solonummer. Mal sehen, wer/was über Twitter erreicht werden kann.
Übrigens: Wir reden freilich zunächst nur vom Autor XX.

Dissertation an der TU Berlin: Erneut schmerzliche Enthüllungen auf VroniPlag

Sonntag, 31. Juli 2011


Anything goes: Quellenangabe “Super Illu” auf S. 45 der Dissertation

Eigentlich ist es fast schon egal, ob der Promovierte Bürgermeister ist oder nicht, FDP-ler ist oder nicht, als Fachmann auf seinem Gebiet gilt oder nicht, Webseiten zum einschlägigen Thema betreibt bzw. betrieben hat oder nicht: Die neuen Enthüllungen auf VroniPlag über eine 2009 an der TU Berlin angenommene Dissertation sind auch ohne das den massenmedialen Nachrichtenfaktoren entsprechende Beiwerk wieder schwer zu verdauen: Neben den bekannten Spielarten des Textplagiarismus stellt sich hier die (zwar in den VroniPlag-Fällen auch nicht neue, aber doch selten so klar hervorgetretene) Frage nach der Quellenseriosität – unabhängig von korrekter Zitation oder Plagiat. Wenn die Betreuer die Fließtexte schon nicht auf Originalität überprüfen, so müsste es ihnen doch zumindest auffallen, wenn seitenweise Fußnoten auf Presseaussendungen verweisen (in einem Fall gar auf “Super Illu”, siehe Sreenshot), aus denen offenbar ganz ungeprüft Fakten übernommen werden – wie gesagt, unabhängig von der Frage des zusätzlichen Abschreibens. Spätestens hier muss doch der Riecher anschlagen, das wissenschaftliche Hinterfragen einsetzen, und dann hätte man wohl auch sofort die Plagiate entdeckt. Geschieht das nicht, haben die Begutachter entweder die Arbeit nie gelesen, oder sie sind wissenschaftliche Fehlbesetzungen. Beides ist skandalös. Eigentlich müsste man von nun an eher die Namen der Gutachter und nicht die der Plagiatoren öffentlich hervorheben.
Die Übernahme von “Fakten” aus mehr oder weniger beliebigen Quellen führt dann in dieser Dissertation zu abenteuerlichen Konstruktionen, etwa der Umwandlung von direkter Rede in vermeintlich Fakten referierenden Fließtext. Und genaues Abschreiben ist auch nicht gerade einfach, wie die bislang gesichteten Gegenüberstellungen des VroniPlag-Teams zeigen…
Die Funde erinnern mich frappierend an meine Studie “Der Einsatz und die Seriosität von Internet-Quellen in kommunikationswissenschaftlichen Abschlussarbeiten. Ein Beitrag zur Qualitätssicherung in einem Massenfach” aus dem Jahr 2007, die schnell in der Schublade des ministeriellen Auftraggebers verschwand. Damals fand ich in einer Stichprobe von 125 Diplomarbeiten folgende nichtwissenschaftliche Webquellen “zitiert” (zum Teil natürlich falsch, wenn nicht plagiatorisch), aus denen allesamt Fakten 1:1 übernommen wurden:

“• www.glossar.de/glossar/z_www.htm
• www.ciao.de/Der_traumende_Delphin_Bambaren_Sergio__Test_3071518
• www.uteclement.de/d/produkte-interkulturelll.html [Fehler im Original]
• www.momo-lyrik.de/weisheiten/konfuzius.htm
• www.italientipps.de/spezialitaeten/default.asp
• myblog.de/taoistisch/1
• www.farbenundleben.de/farbwirkung/farbwirkung_allgemein.htm
• www.tv-trainer.de
• www.50plus.at/gesund/lebenser.htm
• www.hagia.de/de/index.php?page=matriarchat
• www.evang.at/kirche/ueber/index.htm
• www.planet-bohnen.de
• www.farbe.com
• www.psychonomics.de
• www.billa.at
• www.spielcasinos.at
• www.amazon.com
• www.bachler-team.at
• www.wikinger.de
• www.reisegeschichte.de
• www.competence-site.com
• kikania.de
• www.a-b.de
• www.all-in-one-spirit.de
• www.trickfilmwelt.de/tomjerry.htm
• www.crisisnavigator.de
• www.milchstrasse.de”
(Aus meiner unveröffentlichten Studie, S. 22 f.)

Neben Textplagiarismus bedroht also mittlerweile auch eine Quellen-Entgrenzung die Wissenschaft. Das ist eigentlich schon wieder eine neue Schublade und eine neue Dimension dessen, was hier von VroniPlag zu Tage gefördert wird. Plagiatsprävention und (Web-)Quellenkritik müssten beide prominent in der wissenschaftlichen Grundlagenausbildung platziert werden. Aber da wiederhole ich fast schon die Studie, und das haben auch schon andere Wissenschaftler gefordert, siehe etwa hier oder hier. Was ist seitdem passiert? Wie man an später eingereichten Dissertationen wie dieser sieht: Wenig bis nichts.