Archiv für September 2010

Eine Warnung: Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln nun auch in Uni-Bibliotheken

Dienstag, 28. September 2010

Welches Signal geben Bibliotheken Studierenden und Schülern, wenn sich Bücher mit unredigierten kopierten Wikipedia-Inhalten nun auch schon in deren Regalen befinden? VDM Publishing ist (neben Books LLC, der bereits wiederholt Thema in diesem Blog war) so ein Verlag, der unter den Namen Alphascript, Betascript oder Fastbook Publishing ausnahmslos Textkopien aus der Wikipedia als E-Books herstellt. Man staunt nicht schlecht, wenn man diese Verlagsnamen in den österreichischen Bibliothekenverbundkatalog eintippt, denn man findet alleine in Österreich schon fast 60 Titel (auch Books LLC ist schon sieben Mal vertreten). Bücher von Alphascript liegen unter anderem in der Theologischen und in der Naturwissenschaftlichen Fachbibliothek der Universität Salzburg, in den Bibliotheken der TU Wien, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Universität Graz, der FH St. Pölten und vielen anderen. Sie tragen Titel wie etwa “Frontal Lobe: Brain, Mammal, Cerebral hemisphere, Parietal lobe, Temporal lobe, Primary motor cortex, Myelin, Cerebral cortex, Dopamine, Thalamus, Prefrontal cortex, Schizophrenia, Broca’s area” und ihre Anschaffung kostete die Bibliothek, also die öffentliche Hand, pro Stück zwischen 30 und 60 Euro. Bücher von Betascript haben die Bibliotheken der Universität Klagenfurt, der TU Graz und sogar der Medizinischen Universität Wien angekauft. 60 Euro pro Buch für bloß kopierte Wikipedia-Inhalte? Wie heißt es so schön auf den Büchern: “High Quality Content by Wikipedia articles!” Na wenn das kein Aufruf zu Copy & Paste bei Studierenden ist! Die leidige akademische Debatte, ob man aus der Wikipedia zitieren ‘darf’ oder nicht, hat sich nunmehr erledigt: “Ich hab’s ja aus einem Buch zitiert!” – Und wieder mal stellt sich die Frage nach Instanzen der Qualitätssicherung und der Entwicklung hin zu einer Textkultur ohne Hirn.
Und: Kassieren die fast immer gleichen Herausgeber all dieser Titel (angeblich bis zu 22.000 im Sortiment!) auch noch Bibliothekstantiemen bei den Verwertungsgesellschaften? Wenn ja, dann müssten auch diese – neben den Bibliothekaren – auf der Hut sein, denn dann wäre es auch noch Betrug im großen Stil.

Peter Weibel hat Begriff “promoviert” für sich selbst autorisiert

Dienstag, 28. September 2010

Eine weit verbreitete Unsitte in Blogs ist es, aus privaten Mails zu zitieren. Ich werde versuchen, das zur Beweisführung nicht zu tun, wenn es um den Nachweis der Korrektheit von Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens geht. Deshalb an dieser Stelle nur so viel: Es gab in den vergangenen Tagen zahlreiche Medienberichte zur nie eingereichten Dissertation von Peter Weibel, nachdem dieser Sachverhalt in diesem Blog aufgedeckt wurde (siehe etwa hier oder hier oder hier). Bislang war die Frage offen geblieben, ob Peter Weibel nachgewiesen werden kann, dass er auch absichtlich eine Promotion angegeben hat (und nicht ‘bloß’ eine Dissertation). Dass er promoviert ist, hat er unter anderem in einem Interview mit Spiegel Online behauptet. Nun könnte sich der Redakteur hier geirrt haben, er könnte “dissertiert” mit “promoviert” verwechselt haben. Also habe ich mal genau nachgefragt. Die Antwort des Journalisten: Er besitzt eine Mail mit den Änderungswünschen von Peter Weibel – nach einem knapp zweistündigen Interview. Der Begriff “promoviert” wurde dabei von Weibel selbst autorisiert. Peter Weibel hat sich also nicht nur jahrelang mit einer nie fertig gestellten, nie eingereichten und nie approbierten Dissertation geschmückt, sondern auch mit einer Promotion. Darf nun immer noch nicht von Titelbetrug gesprochen werden?

Das Weibelsche Dissertations-Doktorats-Paradoxon (WDD-Paradoxon)

Freitag, 24. September 2010

Die perfekte Lebenslüge ist jene, die ausnahmslos in den Köpfen der anderen entsteht, bei der der Täuscher vordergründig nicht die Unwahrheit sagt und darauf vertrauen kann, dass diese erst durch eine Konnotation oder durch die Verbindung von Informationen beim Leser/Hörer konstruiert wird. Man betrachte dazu den Screenshot aus einem aktuellen Konzeptpapier für den Antrag eines DFG-Sonderforschungsbereichs (S. 174). Peter Weibel hat, wie hier angegeben ist, eine “Dissertation über mathematische Logik (Modallogik)” verfasst und trägt (folglich?) den Doktorgrad: “Prof. Dr.”.
Nur Peter Weibel, ohne Zweifel einem der genialsten Männer der Welt, kann es gelingen, dass die folgenden Fakten nicht im Widerspruch zu den Angaben in der Biographie stehen:
1. Es gibt keine Dissertation von Peter Weibel an der Universität Wien und auch an keiner anderen Universität der Welt.
2. Peter Weibel hat nie einen Doktorgrad erworben, hat diesen auch nie beansprucht bzw. selbst angegeben.
Zur Auflösung dieser vermeintlichen doppelten Paradoxie:
Peter Weibel hat seine Dissertation zwar (Eigenangaben zufolge) geschrieben, aber nie zur Approbation eingereicht. Folglich gab es auch nie ein Rigorosum und nie die Verleihung eines Doktortitels. Formal betrachtet ist er Studienabbrecher. Der Schachzug ist, dass Weibel in seinem Lebenslauf immer nur auf die ‘Existenz’ einer Dissertation verwiesen hat und auf nichts darüber hinaus. Damit führt er ein neues Wording in die akademische Welt ein: Wer behauptet, es gebe von ihm eine Habilitationsschrift zum Thema X, der behauptet damit gerade nicht, dass er auch habilitiert sei. – Die Promotion oder den Doktortitel (oder im Falle einer Habilschrift die Dozentur), das haben die anderen dazukonstruiert.
Den Rest klärt eine einfache Google-Recherche. Weibel wendet den Trick, nur seine (real bei ihm zu Hause offenbar existierende, aber akademisch bislang unbekannte/unverwertete) Dissertation, aber keine Promotion anzugeben, zumindest seit fast 20 Jahren an, siehe einen “ars electronica”-Katalog aus dem Jahr 1992, der von Weibel selbst mit herausgegeben wurde. Er kann sich zurücklehnen und sagen: Ein kleiner Gag von mir, die Promotion und meinen Doktortitel habt ihr mir alle angedichtet auf Grund einer wahren Angabe von mir.
Doch wie wahr ist selbst die Angabe der Dissertation? Ist eigentlich eine nicht-eingereichte Dissertation schon eine Dissertation? Jeder könnte ja auf ein Konvolut seiner Texte “Dissertation” draufschreiben. Weibel betrachtet seine Dissertation (bis heute) als unfertig, wie er selbst sagt. Dann hätte er aber in allen Bionoten schreiben müssen: “Peter Weibel schreibt derzeit seine Dissertation über Modallogik” anstelle von “schrieb”. Peter Weibel, der ewige Dissertant.

PS: Im Diskussionsbereich zu Weibels Wikipedia-Eintrag behauptet gar jemand, dass er Weibels Dissertation geschrieben hat. Dieser Jemand ist, wie eine Google-Recherche unschwer ergibt, der Wiener Mathematiker Werner DePauli-Schimanovich. Nun gehört das aber sicher in die Gerüchteküche und kann weder bewiesen noch widerlegt werden.

Update 2: Aus dem Innenleben eines Copy & Paste-Buchs

Montag, 20. September 2010

Zeitgleich mit mir hat auch der österreichische Literaturwissenschaftler Andreas Weigel die indiskutablen Publikationspraktiken des Book-on-Demand-Herstellers entdeckt und Scans ins Netz gestellt. Bei derartigen Vergewaltigungen von Texten hört der Spaß wirklich auf. In der Einführung finden sich Sätze wie “Es ist hyperverbunden und kann aktualisert wird.” oder “Denken Sis, dass Sie das Buch verbessern kann?” Diese Einleitung, hier für ein “Buch über” James Joyce, scheint ein Standardtext zu sein, der offenbar allen Büchern dieser Machart vorangestellt wird – umso schlimmer.
Nochmals zur Erinnerung: Wir sprechen hier von Büchern, die auf amazon.de für Geld angeboten werden, von Büchern mit ISBN-Nummern, auf Trefferlisten gemeinsam mit Qualitätsprodukten. Das kann nicht sein! James Joyce kann sich nicht mehr wehren, wir sollten es tun. Einige Medien – Telepolis, APA, Standard Online – haben heute bereits berichtet. Der Protest von Menschen, denen an Textqualität gelegen ist, müsste folgen (ich denke alleine schon von Berufs wegen z. B. an Deutschlehrer und Buchhändler).

Update 1: Wie ein E-Book-Publisher auf Amazon mit plumpem Copy & Paste verdienen will

Freitag, 17. September 2010

Der gestern in diesem Blog aufgedeckte Skandal reicht offenbar weit über die Reihe “Hochschullehrer” hinaus. Offensichtlich ist es dem Verlag gelungen, Texte zu vielen, wenn nicht gar zu allen Wikipedia-Schlagwortgruppen als “Bücher” auf Amazon anzubieten – und Amazon listet das alles gleichwertig mit professionell lektorierter Literatur. Man kann nun der Meinung sein, auch auf Tonträgermärkten im Internet werden Bootlegs problemlos verkauft; und gedruckte Wikipedia-Artikel seien unter Beachtung der Lizenz-Bedingungen sogar rechtens.
Aber was wird der Textkultur hier angetan? Welchen Sinn haben zu Büchern eingefrorene Wikipedia-Artikel zum Tag und zur Stunde X? Freilich nicht den geringsten. – Und welches Signal geben diese “Bücher” Schülern und Studenten? Wieder einmal jenes, dass die Textmengen aus dem Internet beliebig frei benutzt (und missbraucht) werden dürfen. Dass old-fashioned Printprodukte ohnedies nur aus dem Internet reinkopierte Texte enthalten. Dass ein Sammelband zu Konstruktivismus beim Fachverlag gleichwertig mit einem unredigierten Wikipedia-Sampling ist. (Wie der Screenshot zeigt, nimmt dieser textuelle Missbrauch schnell Formen des Absurden an.)
Der “Verlag” bietet auch jede Menge älterer eingesannter Buchtitel an, bei denen das Urheberrecht bereits erloschen ist. Das Geschäftsmodell ist klar: Wenn bei tausenden Büchern nur jedes Dritte ein paar Mal bestellt wird, ist der Gewinn enorm. Das ist hoffentlich nicht das Web-2.0-Business, und Amazon ist zu raten, hier dringend Stellung zu beziehen. (Ich freue mich, dass einige Journalisten bereits an dem Thema arbeiten, dank meines Hinweises.) Die Forderung ist klar: Amazon muss solche “Verlage” sperren und diese Angebote dringend aus dem Katalog nehmen. In jeder Buchhandlung im Real Life wäre es genauso.