Archiv für das Jahr 2010

Namhafte deutschsprachige Wissenschaftler unterstützen “Serien-Plagiator”

Montag, 15. November 2010

“He is a serial plagiarizer.” Alan Sokals Worte über den Politologen Frank Fischer sind eindeutig. Ebenso glasklar sind seine dokumentierten Funde. Dennoch solidarisieren sich namhafte Politikwissenschaftler auch von deutschen und österreichischen Universitäten mit dem Plagiator: Herbert Gottweis (ehemals Universität Salzburg und in Führungsfunktion beim FWF – er hat sich ebendort schon einmal schützend vor eine Plagiatorin gestellt), Helga Pülzl (Universität Salzburg), Ulrich Brand (Universität Wien), Hubertus Buchstein (Universität Greifswald), Alex Demirovic (TU Berlin) und Christian Möllmann (Universität Kassel), um nur einige zu nennen. Man darf wohl keinem der Unterzeichner unterstellen, dass sie die Vorwürfe nicht im Detail kennen. Das macht die Sache nur noch schlimmer: Alle geben mit ihrem Namen und der Nennung ihrer Universität eigentlich zu, dass nachgewiesenes intentionales wie methodisches Plagiieren für sie (und für ihre Universität?) nur ein “minderes Delikt” ist. Ein Armutszeugnis und Begräbnis erster Klasse für die Wissenschaftskultur, das wieder einmal zeigt, dass eine der ganz großen Stärken der scientific community in der Solidarität mit jenen liegt, die wissenschaftliches Fehlverhalten begangen haben.

Auch Alan Sokal betreibt Plagiatsdetektion mit Google

Montag, 15. November 2010

Der Physiker und Mathematiker Alan Sokal, weltweit bekannt geworden durch seine brillante Kritik am Missbrauch der Naturwissenschaften durch postmoderne Fasel-Wissenschaft, ist nun auch – wie Ihr werter Plagiatsgutachter – unter die Text-Googler gegangen. Er hat in mehreren Büchern eines renommierten amerikanischen Politikwissenschaftlers mit Hilfe der Suchmaschine viele Plagiatsstellen entdeckt, wobei höchst systematisch Halbsätze und Wortgruppen oft über mehrere Absätze hinweg nacheinander unzitiert übernommen wurden. Der äußerst aufschlussreiche Report findet sich hier, und wenn man die Beispiele genau rekonstruiert, ist diese Form des “Old-School-Print-Plagiarismus” auch immer wieder höchst bizarr.
Der Politikwissenschaftler blieb dabei durchweg erstaunlich nah am Original kleben, maßte sich jedoch durch die Art und Weise, wie er Literaturbelege einstreute, immer eine Eigenautorschaft am abgeschriebenen Text an. Im “Chronicle of Higher Education” findet sich mittlerweile schon ein Schlagabtausch zwischen Alan Sokal und dem Beschuldigten, in dem Sokal seine Arbeit beschreibt, wobei sie mich frappierend an meine eigene erinnert. Ich freue mich also, einen für seine Aufdeckungsarbeit weltweit bekannt gewordenen Wissenschaftler als “Kollegen” begrüßen zu dürfen und hoffe auf eine breite (auch mediale) Diskussion dieser Entdeckungen, die bislang noch aussteht.
In Österreich und Deutschland gab es ja bereits ganz ähnliche Fälle, etwa Hahn und Schwintowski. Bei Letzterem wurde diese besondere ‘Arbeitsweise’ als “Bauernopfer-Referenz” beschrieben: Ein Satz wird zitiert, der Rest aus derselben Quelle wird unzitiert mit abgeschrieben. Die Plagiatoren liefern damit die Quelle ihres Plagiats gleich mit. Wie viele Wissenschaftler gehen wohl so vor?

Schon mehr als 500 Wikinepp-Bücher in Bibliotheken

Montag, 15. November 2010

Der Karlsruher Virtuelle Katalog verrät, dass sich schon mehr als 500 Bücher mit plump aus der Wikipedia kopierten Inhalten in deutschsprachigen Bibliotheken befinden – vorwiegend in Universitätsbibliotheken. 360 davon sind derzeit alleine in Deutschland erfasst. Dieses Ergebnis erhält man, wenn man nach Verlagen wie “Alphascript”, “Betascript”, “Fastbook” und “Books LLC” sucht. Mindestens 15.000 Euro Steuergeld wurden von Bibliothekaren also bereits völlig sinnlos ausgegeben, ja mehr noch: Das Geld wurde in die Qualitätsminderung neuer wissenschaftlicher Arbeiten investiert.

Noch nicht online erfasst sind zahllose kommunale und privat geführte Bibliotheken, viele Bibliotheken von Vereinen und anderen Institutionen sowie Schulbibliotheken. Wie hoch wird wohl die ‘Dunkelziffer’ sein? Das Magazin WISO des ZDF plant für heute, 15. November 2010, ab 19:25 einen Beitrag zum Thema Wikinepp-Bücher. Wird Amazon wohl dann endlich reagieren und die Bücher von ihrem Marktplatz verschwinden lassen?

“Nicht im Bereich von ‘wissenschaftlichem Fehlverhalten’”

Montag, 15. November 2010

Immer wieder ganz amüsant lesen sich die Orakelsprüche der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität. Parallel zu meinen eigenen Recherchen habe ich die ÖAWI mit der Klärung von meines Erachtens spannenden Fragen ‘beauftragt’: Ist es rechtens, wenn ein Wissenschaftler – wie Peter Weibel – seine unvollendete und nie approbierte akademische Qualifikationsschrift – wie etwa eine Dissertation – regelmäßig in Lebensläufen anführt? Und hat PW jemals in Publikationen oder in Vorlesungsverzeichnissen seinen Doktorgrad angeführt? Doch die ÖAWI ging mal wieder nicht hinein in die empirische Realität, sondern stellte “im Rahmen eines Vorverfahrens” folgendes fest: “Die vorgebrachten Vorwürfe sind nach Meinung der Kommission nicht im Bereich von ‘wissenschaftlichem Fehlverhalten’ anzusiedeln, da es nicht um die wissenschaftliche Arbeit an sich geht.” Alles gut also!

Im Zuge meiner Entdeckungen der Weibelschen Paradoxien wurde ich von mehreren Seiten auf einen anderen bösen Verdacht hingewiesen: Ein österreichischer Spitzen- und Exzellenzforscher soll sich auch schon mal einen Doktortitel, angeblich erworben in Kanada, angemaßt haben, den er dort gar nie erhalten hat. Nachdem er darauf hingewiesen wurde, verschwand der Doktorgrad schnell aus Publikationen und Webseiten… Betrifft aber nicht die wissenschaftliche Arbeit an sich, also auch alles gut.

Das Weibelsche Promotions-Doktorats-Paradoxon – Ein Weiterdreh

Sonntag, 17. Oktober 2010

Ich habe in diesem Blog aufgedeckt, dass Peter Weibel jahrelang seine angebliche Dissertation über Modallogik in seinen Lebensläufen angeführt hatte, ohne dass diese jemals eingereicht oder approbiert wurde.  Ich habe geschrieben, dass dem Peter Weibel  in der Folge von vielen ein Doktortitel angedichtet wurde. Doch ich habe mich geirrt – er hat es offenbar auch selbst getan. Ich habe mir mittlerweile einige Bücher von Peter Weibel genauer angesehen. Und wieder einmal bestätigte sich: Eine anfänglich entdeckte “Ungereimtheit” weist häufig auf mehr hin. Je genauer man sucht, desto mehr findet man.

Peter Weibel hat im DuMont-Verlag 1987 den Sammelband “Clip, Klapp, Bum” mit herausgegeben. Bereits auf Seite 1 steht in seiner Bionote: “Promotion über mathematische Logik.” Ein Fehler des Verlags, ein unautorisierter Text von Weibel? Kann vielleicht einmal passieren, aber sicher nicht zweimal hintereinander. Denn drei Jahre später erschien wieder bei DuMont ein Sammelband von Weibel, “Vom Verschwinden der Ferne”. Und in der Buchinnenklappe steht erneut: “Promotion über mathematische Logik.” Weibel ist, wie erwähnt, nicht promoviert – hätte das nicht schon beim ersten DuMont-Band auffallen müssen?

1992 erschienen zwei Bücher im Böhlau-Verlag, wieder mit herausgegeben von Peter Weibel, und wieder mit jeweils längeren Texten von ihm selbst. Ich zitiere aus dem Buch “Identität : Differenz”, Personenverzeichnis, Eintrag Weibel, S. 56: “Promotion über Modallogik.” Ich zitiere aus dem Buch ”Kontinuität und Identität”, S. 404: “Promotion über mathematische Logik.” Hier findet sich Weibels nicht existierende Promotion übrigens im Verein mit besonders vielen anderen Wissenschaftlern, die eine (hoffentlich real existierende) Promotion angegeben haben.

Ich zitiere weiter ein Interview in “Texte zur Kunst”, Dezember 1998, S. 61: Vom Interviewenden wird Weibel als “promovierte[r] Mathematiker” bezeichnet.  Auf die Frage, warum er, Weibel, für die Leitung des ZKM besonders qualifiziert sei, verweist Weibel als erstes auf sich als ”gelernter Mathematiker”.

Weibel hat mir geschrieben, er habe nie aktiv auf seinen Doktorgrad verwiesen. Und er hatte offenbar Recht! Das neue, noch schönere Paradoxon lautet nämlich: Er hat ja nur wiederholt auf seine Promotion verwiesen. Doch auch das ist strafrechtlich relevant.

Eine Warnung: Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln nun auch in Uni-Bibliotheken

Dienstag, 28. September 2010

Welches Signal geben Bibliotheken Studierenden und Schülern, wenn sich Bücher mit unredigierten kopierten Wikipedia-Inhalten nun auch schon in deren Regalen befinden? VDM Publishing ist (neben Books LLC, der bereits wiederholt Thema in diesem Blog war) so ein Verlag, der unter den Namen Alphascript, Betascript oder Fastbook Publishing ausnahmslos Textkopien aus der Wikipedia als E-Books herstellt. Man staunt nicht schlecht, wenn man diese Verlagsnamen in den österreichischen Bibliothekenverbundkatalog eintippt, denn man findet alleine in Österreich schon fast 60 Titel (auch Books LLC ist schon sieben Mal vertreten). Bücher von Alphascript liegen unter anderem in der Theologischen und in der Naturwissenschaftlichen Fachbibliothek der Universität Salzburg, in den Bibliotheken der TU Wien, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Universität Graz, der FH St. Pölten und vielen anderen. Sie tragen Titel wie etwa “Frontal Lobe: Brain, Mammal, Cerebral hemisphere, Parietal lobe, Temporal lobe, Primary motor cortex, Myelin, Cerebral cortex, Dopamine, Thalamus, Prefrontal cortex, Schizophrenia, Broca’s area” und ihre Anschaffung kostete die Bibliothek, also die öffentliche Hand, pro Stück zwischen 30 und 60 Euro. Bücher von Betascript haben die Bibliotheken der Universität Klagenfurt, der TU Graz und sogar der Medizinischen Universität Wien angekauft. 60 Euro pro Buch für bloß kopierte Wikipedia-Inhalte? Wie heißt es so schön auf den Büchern: “High Quality Content by Wikipedia articles!” Na wenn das kein Aufruf zu Copy & Paste bei Studierenden ist! Die leidige akademische Debatte, ob man aus der Wikipedia zitieren ‘darf’ oder nicht, hat sich nunmehr erledigt: “Ich hab’s ja aus einem Buch zitiert!” – Und wieder mal stellt sich die Frage nach Instanzen der Qualitätssicherung und der Entwicklung hin zu einer Textkultur ohne Hirn.
Und: Kassieren die fast immer gleichen Herausgeber all dieser Titel (angeblich bis zu 22.000 im Sortiment!) auch noch Bibliothekstantiemen bei den Verwertungsgesellschaften? Wenn ja, dann müssten auch diese – neben den Bibliothekaren – auf der Hut sein, denn dann wäre es auch noch Betrug im großen Stil.

Peter Weibel hat Begriff “promoviert” für sich selbst autorisiert

Dienstag, 28. September 2010

Eine weit verbreitete Unsitte in Blogs ist es, aus privaten Mails zu zitieren. Ich werde versuchen, das zur Beweisführung nicht zu tun, wenn es um den Nachweis der Korrektheit von Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens geht. Deshalb an dieser Stelle nur so viel: Es gab in den vergangenen Tagen zahlreiche Medienberichte zur nie eingereichten Dissertation von Peter Weibel, nachdem dieser Sachverhalt in diesem Blog aufgedeckt wurde (siehe etwa hier oder hier oder hier). Bislang war die Frage offen geblieben, ob Peter Weibel nachgewiesen werden kann, dass er auch absichtlich eine Promotion angegeben hat (und nicht ‘bloß’ eine Dissertation). Dass er promoviert ist, hat er unter anderem in einem Interview mit Spiegel Online behauptet. Nun könnte sich der Redakteur hier geirrt haben, er könnte “dissertiert” mit “promoviert” verwechselt haben. Also habe ich mal genau nachgefragt. Die Antwort des Journalisten: Er besitzt eine Mail mit den Änderungswünschen von Peter Weibel – nach einem knapp zweistündigen Interview. Der Begriff “promoviert” wurde dabei von Weibel selbst autorisiert. Peter Weibel hat sich also nicht nur jahrelang mit einer nie fertig gestellten, nie eingereichten und nie approbierten Dissertation geschmückt, sondern auch mit einer Promotion. Darf nun immer noch nicht von Titelbetrug gesprochen werden?

Das Weibelsche Dissertations-Doktorats-Paradoxon (WDD-Paradoxon)

Freitag, 24. September 2010

Die perfekte Lebenslüge ist jene, die ausnahmslos in den Köpfen der anderen entsteht, bei der der Täuscher vordergründig nicht die Unwahrheit sagt und darauf vertrauen kann, dass diese erst durch eine Konnotation oder durch die Verbindung von Informationen beim Leser/Hörer konstruiert wird. Man betrachte dazu den Screenshot aus einem aktuellen Konzeptpapier für den Antrag eines DFG-Sonderforschungsbereichs (S. 174). Peter Weibel hat, wie hier angegeben ist, eine “Dissertation über mathematische Logik (Modallogik)” verfasst und trägt (folglich?) den Doktorgrad: “Prof. Dr.”.
Nur Peter Weibel, ohne Zweifel einem der genialsten Männer der Welt, kann es gelingen, dass die folgenden Fakten nicht im Widerspruch zu den Angaben in der Biographie stehen:
1. Es gibt keine Dissertation von Peter Weibel an der Universität Wien und auch an keiner anderen Universität der Welt.
2. Peter Weibel hat nie einen Doktorgrad erworben, hat diesen auch nie beansprucht bzw. selbst angegeben.
Zur Auflösung dieser vermeintlichen doppelten Paradoxie:
Peter Weibel hat seine Dissertation zwar (Eigenangaben zufolge) geschrieben, aber nie zur Approbation eingereicht. Folglich gab es auch nie ein Rigorosum und nie die Verleihung eines Doktortitels. Formal betrachtet ist er Studienabbrecher. Der Schachzug ist, dass Weibel in seinem Lebenslauf immer nur auf die ‘Existenz’ einer Dissertation verwiesen hat und auf nichts darüber hinaus. Damit führt er ein neues Wording in die akademische Welt ein: Wer behauptet, es gebe von ihm eine Habilitationsschrift zum Thema X, der behauptet damit gerade nicht, dass er auch habilitiert sei. – Die Promotion oder den Doktortitel (oder im Falle einer Habilschrift die Dozentur), das haben die anderen dazukonstruiert.
Den Rest klärt eine einfache Google-Recherche. Weibel wendet den Trick, nur seine (real bei ihm zu Hause offenbar existierende, aber akademisch bislang unbekannte/unverwertete) Dissertation, aber keine Promotion anzugeben, zumindest seit fast 20 Jahren an, siehe einen “ars electronica”-Katalog aus dem Jahr 1992, der von Weibel selbst mit herausgegeben wurde. Er kann sich zurücklehnen und sagen: Ein kleiner Gag von mir, die Promotion und meinen Doktortitel habt ihr mir alle angedichtet auf Grund einer wahren Angabe von mir.
Doch wie wahr ist selbst die Angabe der Dissertation? Ist eigentlich eine nicht-eingereichte Dissertation schon eine Dissertation? Jeder könnte ja auf ein Konvolut seiner Texte “Dissertation” draufschreiben. Weibel betrachtet seine Dissertation (bis heute) als unfertig, wie er selbst sagt. Dann hätte er aber in allen Bionoten schreiben müssen: “Peter Weibel schreibt derzeit seine Dissertation über Modallogik” anstelle von “schrieb”. Peter Weibel, der ewige Dissertant.

PS: Im Diskussionsbereich zu Weibels Wikipedia-Eintrag behauptet gar jemand, dass er Weibels Dissertation geschrieben hat. Dieser Jemand ist, wie eine Google-Recherche unschwer ergibt, der Wiener Mathematiker Werner DePauli-Schimanovich. Nun gehört das aber sicher in die Gerüchteküche und kann weder bewiesen noch widerlegt werden.

Update 2: Aus dem Innenleben eines Copy & Paste-Buchs

Montag, 20. September 2010

Zeitgleich mit mir hat auch der österreichische Literaturwissenschaftler Andreas Weigel die indiskutablen Publikationspraktiken des Book-on-Demand-Herstellers entdeckt und Scans ins Netz gestellt. Bei derartigen Vergewaltigungen von Texten hört der Spaß wirklich auf. In der Einführung finden sich Sätze wie “Es ist hyperverbunden und kann aktualisert wird.” oder “Denken Sis, dass Sie das Buch verbessern kann?” Diese Einleitung, hier für ein “Buch über” James Joyce, scheint ein Standardtext zu sein, der offenbar allen Büchern dieser Machart vorangestellt wird – umso schlimmer.
Nochmals zur Erinnerung: Wir sprechen hier von Büchern, die auf amazon.de für Geld angeboten werden, von Büchern mit ISBN-Nummern, auf Trefferlisten gemeinsam mit Qualitätsprodukten. Das kann nicht sein! James Joyce kann sich nicht mehr wehren, wir sollten es tun. Einige Medien – Telepolis, APA, Standard Online – haben heute bereits berichtet. Der Protest von Menschen, denen an Textqualität gelegen ist, müsste folgen (ich denke alleine schon von Berufs wegen z. B. an Deutschlehrer und Buchhändler).

Update 1: Wie ein E-Book-Publisher auf Amazon mit plumpem Copy & Paste verdienen will

Freitag, 17. September 2010

Der gestern in diesem Blog aufgedeckte Skandal reicht offenbar weit über die Reihe “Hochschullehrer” hinaus. Offensichtlich ist es dem Verlag gelungen, Texte zu vielen, wenn nicht gar zu allen Wikipedia-Schlagwortgruppen als “Bücher” auf Amazon anzubieten – und Amazon listet das alles gleichwertig mit professionell lektorierter Literatur. Man kann nun der Meinung sein, auch auf Tonträgermärkten im Internet werden Bootlegs problemlos verkauft; und gedruckte Wikipedia-Artikel seien unter Beachtung der Lizenz-Bedingungen sogar rechtens.
Aber was wird der Textkultur hier angetan? Welchen Sinn haben zu Büchern eingefrorene Wikipedia-Artikel zum Tag und zur Stunde X? Freilich nicht den geringsten. – Und welches Signal geben diese “Bücher” Schülern und Studenten? Wieder einmal jenes, dass die Textmengen aus dem Internet beliebig frei benutzt (und missbraucht) werden dürfen. Dass old-fashioned Printprodukte ohnedies nur aus dem Internet reinkopierte Texte enthalten. Dass ein Sammelband zu Konstruktivismus beim Fachverlag gleichwertig mit einem unredigierten Wikipedia-Sampling ist. (Wie der Screenshot zeigt, nimmt dieser textuelle Missbrauch schnell Formen des Absurden an.)
Der “Verlag” bietet auch jede Menge älterer eingesannter Buchtitel an, bei denen das Urheberrecht bereits erloschen ist. Das Geschäftsmodell ist klar: Wenn bei tausenden Büchern nur jedes Dritte ein paar Mal bestellt wird, ist der Gewinn enorm. Das ist hoffentlich nicht das Web-2.0-Business, und Amazon ist zu raten, hier dringend Stellung zu beziehen. (Ich freue mich, dass einige Journalisten bereits an dem Thema arbeiten, dank meines Hinweises.) Die Forderung ist klar: Amazon muss solche “Verlage” sperren und diese Angebote dringend aus dem Katalog nehmen. In jeder Buchhandlung im Real Life wäre es genauso.